8. Februar 2018

'Die sieben Helden' von Pascal Wokan

Sieben Helden. Zwei Zeitalter. Ein Geheimnis

Tausend Jahre regierte einst ein unsterblicher Herrscher über das Land Endur. Doch einem letzten Bündnis mutiger Helden gelang es unter vielen Opfern, ihn in einer gewaltigen Schlacht zu bezwingen. Zwanzig Jahre danach herrscht Frieden und die Erinnerungen an den Ewigkrieg beginnen zu verblassen. Ein letztes Mal wollen die glorreichen Helden zusammenkommen, um über das Schicksal des Landes zu entscheiden. Während die Vergangenheit immer mehr ans Tageslicht tritt, müssen sie schon bald erkennen, dass die Zeit tiefe Narben hinterlassen hat und der Frieden zu einem sehr hohen Preis erkauft wurde …

»Gut oder böse, schwarz oder weiß, richtig oder falsch. Das sind alles nur Sichtweisen.« - Slade Seelenlos, Legende des Ewigkriegs

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Leseprobe:
Als der Fremde durch die Tür trat, wusste ich sofort, dass sich in diesem Augenblick mein ganzes Leben für immer verändern würde. Es war einer dieser Momente, in denen die Welt still und die Zukunft hell und klar vor Augen stand: Nichts würde mehr so sein, wie es einst war.
Der Fremde war ein großer Mann, mit langen blonden Haaren, einer blutroten, eng anliegenden Lederrüstung und einem verschmitzten Lächeln auf den Lippen. Seine ganze Erscheinung vermittelte den Eindruck von Unbefangenheit, als könnte ihm nichts auf dieser Welt etwas anhaben. Das war natürlich eine Lüge und nur stolzes Gehabe, Niemand war in diesem Land vor den alltäglichen Bedrohungen gefeit. Das war aber nicht alles, denn der Mann verstand es wahrhaft, einen beeindruckenden Auftritt hinzulegen.
Die Tür fiel wieder ins Schloss und gleichzeitig verstummten alle Gespräche im Raum. In einem Gasthof unterhielt man sich nicht laut, es war eher ein stetes Gemurmel – darauf bedacht, kein größeres Aufsehen zu erregen. Dennoch kehrte schlagartig eine Stille ein, die so manchen unerschütterlichen Mann das Fürchten gelehrt hätte. Der Moment hielt an, während der Fremde seinen Blick in dem dichten Gedränge des Gasthofs umherschweifen ließ. Ehe ich mich versah, geschah das Unausweichliche: Unsere Blicke kreuzten sich und auf einen Schlag veränderte sich alles.
Das Lächeln des fremden Mannes wurde noch breiter und er stapfte mit weiten Schritten durch den gefüllten Raum. Unzählige, furchtsame Augen folgten ihm, denn jeder wusste, dass dieser Mann all das verkörperte, was ihnen allen den Kopf kosten könnte. Es war unübersehbar, der Fremde war ein Gabengeborener. Ein Mensch mit mächtigen Fähigkeiten und somit gleichzeitig Ziel und Opfer des dunklen Herrschers.
Als der Fremde am Tresen ankam, machte ich das, was ich bereits einige Sekunden früher hätte tun sollen: Ich ließ das Glas, das ich zuvor noch geputzt hatte, achtlos fallen, nahm meine Füße in die Hände und stürzte auf den Hinterausgang zu. Leider war ich zu langsam – oder vielmehr unterschätzte ich die Reflexe des Mannes – denn er griff mir von hinten an die Schürze, zog mich in seine Richtung und legte fast zärtlich einen Arm um meinen Hals. In jedem anderen Moment hätte ich mich darüber gefreut, eine freundschaftliche Umarmung zu bekommen, in diesem Moment hingegen verspürte ich nur nackte, kalte Furcht.
Der Fremde drückte einmal kräftig zu und ehe ich mich versah, hing ich in seinem Schwitzkasten. »Ah, wo wollen wir denn so eilig hin, Kumpel?«, wollte er wissen und kicherte dabei leise. »Ich habe mich doch noch gar nicht vorgestellt.«
»Das brauchst du auch nicht!«, presste ich mühsam zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Mir ging langsam die Luft aus, er drückte immer fester zu. Hilfesuchend sah ich mich im Gasthof um, alle Anwesenden aber wichen meinem Blick aus. So war das nun einmal in Endur, es ging immer nur darum, die eigene Haut zu retten. Wer ein Andersdenkender war, der wurde totgeprügelt oder öffentlich hingerichtet. Als Mahnmal, dass in diesem Land das Gesetz des dunklen Herrschers regierte.
»Oh, ich denke doch.« Der Druck ließ etwas nach, sodass ich erleichtert aufatmen konnte. »Ich möchte dir nichts tun. Es geht nur darum, dir eine einfache Frage zu stellen.«
Wenn er seinen Arm ein wenig mehr lockern würde, wäre es vielleicht möglich, herauszuschlüpfen und zu entkommen. Mir wurde aber im gleichen Augenblick bewusst, dass ich mich in den Fängen eines Gabengeborenen befand – keine gute Aussicht, um aus dieser misslichen Lage zu entkommen. Alleine die Tatsache, dass er sich in meinem Gasthof aufhielt, könnte schon die Schergen des dunklen Herrschers auf mich lenken.
Der Fremde beugte sich langsam zu meinem Ohr und senkte seine Stimme zu einem rauen Flüstern. »Ich werde dich jetzt loslassen. An deiner Stelle würde ich mir zweimal überlegen, ob du wirklich abhauen willst, Kumpel.«
»Wieso?«, keuchte ich.
»Weil mir eine ganze Meute Schergen des dunklen Herrschers auf den Fersen ist. Das heißt, bevor ich den Gasthof betreten habe.«
Mir wurde siedend heiß. »Was sagt Ihr da?«
»Bist du taub? Ich ziehe es vor, mich nicht zu wiederholen.«
»Was wollt Ihr von mir?«
»Das sagte ich doch bereits, ich möchte dir ein paar Fragen stellen.«
»Was für Fragen?« Ich sah mich hastig um, einige der anwesenden Gäste bewegten sich zaghaft auf den Ausgang zu. Wenn ich jetzt nicht schnell das Ruder rumriss, dann würden sie reden – und das könnte meinen sicheren Tod bedeuten.
»Ach, dies und das. Vertraust du mir?«
Ich drehte den Kopf ein wenig herum, sodass ich sein Kinn von unten betrachten konnte. »Euch vertrauen?«, fragte ich entgeistert. »Wollt Ihr mich auf den Arm nehmen?«
»Wohl eher in den Arm«, kicherte er und wurde wieder schlagartig ernst. »Nein, ich meine das, was ich sage. Ich weiß, was du über mich denkst, Kumpel. Und es stimmt: Ich bin ein Gabengeborener. Noch dazu ein ziemlich Bekannter.« Er grinste breit. »Du darfst dich nun geehrt fühlen.«
Der Fremde löste langsam den Druck und befreite mich aus dem Schwitzkasten. Ich hustete ein paar Mal kräftig und rieb mir den schmerzenden Nacken. Als ich mich soweit beruhigt hatte, verschränkte ich die Arme vor der Brust und funkelte ihn böse an. »Was hat das mit mir zu tun?«
»Sehr viel sogar«, entgegnete er.
Ich kniff die Augen zusammen. Irgendwoher kannte ich den Fremden. Zwar hatte ich ihn noch nie in meinem Leben gesehen, allerdings redeten die Leute viel – besonders in einem Gasthof. Als ich ihn schließlich erkannte, lief es mir eiskalt den Rücken hinunter.
»Slade … Slade Seelenlos?«, fragte ich fassungslos.
Er warf seine langen Haare nach hinten und ließ stolz die Brust schwellen. »So wahr ich hier stehe!«
»Heilige Scheiße, ich bin am Arsch!« Ja, das war ich wirklich. Wenn sich Slade Seelenlos, der am meisten gesuchte Mann im Land in meinem Gasthof aufhielt, dann würde es nicht mehr lange dauern, bis ich ebenfalls auf der Abschussliste des dunklen Herrschers stand.

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Mehr über und von Pascal Wokan auf seiner Website.



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