30. Januar 2017

'Als der Tod die Liebe fand' von Mariella Heyd

Muss man gesund sein, um stark zu sein? Muss man zwingend fremde Welten erkunden, um Abenteuer zu erleben? „Als der Tod die Liebe fand“ beweist, dass man die stärkste Kraft aus den schwierigsten Situationen schöpft und sich die Wunder dieser Welt direkt vor den eigenen Augen abspielen.

Die 18-jährige Mila genießt ihr Leben, bis sie von ihrer Krebsdiagnose überrumpelt wird. Innerhalb weniger Sekunden steht alles auf dem Kopf. Alles, was zuvor ihrem Alltag Farbe verliehen hat, verliert plötzlich an Intensität. Mila merkt schnell: Der Krebs ist ein Egoist, der alles an sich reißt. Im Krankenhaus trifft sie auf Mikael, der ihr über die Widrigkeiten der Chemotherapie und die Eintönigkeit des Krankenhausaufenthaltes hinweghilft. Allerdings steckt in Mikael mehr, als Mila ahnt. Er ist kein Mensch. Er ist gekommen, um Mila mit sich zu nehmen.

Eine Mischung aus „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ und „Rendezvous mit Joe Black“.

Gleich lesen:
Für Kindle: Als der Tod die Liebe fand
Für Tolino: Buch bei Thalia

Leseprobe:
Freitag. Heute würde man sie endlich entlassen. Gestern hatte man ihr fest zugesagt, dass die Befunde der Knochenmarkspunktion noch vor dem Wochenende eintreffen würden. Es wurde Zeit, dass endlich wieder Normalität einkehrte. Jede Stunde im Krankenhaus zog sich trotz Internetzugang endlos in die Länge, und daran war nicht zuletzt das schrecklich langsame WLAN schuld. Außerdem hatte Milas Mutter zu guter Letzt ihrem Vater doch erzählen müssen, dass Mila im Krankenhaus lag – und warum. Natürlich hatte er sie daraufhin sofort mit ihrer Mutter und Emma im Schlepptau besucht. Erst eine geduldige Krankenschwester konnte ihn beruhigen und ihm klar machen, dass die Diagnose noch ausstand.
Heute war nur Dana da, um ihre Tochter abzuholen. Seit zwei Stunden warteten sie bereits mit gepackten Taschen auf die Arztvisite.
„Mom?“
„Hm?“
„Ich habe die Schule noch nie so sehr vermisst und ich schwöre, dass ich ab sofort mehr lernen werde und meine Noten wieder besser werden.“
„Na, da bin ich aber gespannt.“ Sie lächelte. „Ehrlich gesagt, hat mir der ganze Trubel hier gezeigt, dass es Wichtigeres gibt, als ein paar Zahlen auf Papier.“ Sie schob ihren Ärmel ein Stück nach oben und blickte auf die Uhr. „Wenn der Arzt gleich kommt, schaffen wir es noch zum Chinesen. Hast du Lust auf Frühlingsrollen und gebratene Nudeln?“, fragte Milas Mom und rieb sich vor Vorfreude über den Bauch.
„Und wie. Das Essen hier ist grauenvoll: Ungesalzen, ungewürzt und so weich gekocht, dass man es selbst ohne Zähne essen könnte.“
„Ich glaube, das ist auch der Sinn der Sache.“
Sie lachten.
Vor der Tür kündigte Gemurmel die Arztvisite an. Es klopfte kurz, dann traten sie ein: Doktor Akif, eine blonde Schwester, und ein kleiner Mann mit Halbglatze, schwarzem Resthaar und einer etwas zu kleinen, runden Brille. Im Gegensatz zu Doktor Akif wirkte er streng und schlecht gelaunt. Könnte glatt der Ehemann von der Schwester des Grauens sein. „Miss Barrow?“ Nein, der Weihnachtsmann. „Ja, das bin ich.“ Sie hob die Hand. Er sah sie ernst an, als wolle er prüfen, ob sie sich über ihn lustig machte. „Mein Name ist Professor Doktor Craig. Ich bin der Oberarzt und das“, er zeigte auf Doktor Akif, „ist Stationsarzt Doktor Akif. Ihn müssten Sie noch von der Punktion kennen.“ Er riss die Akte an sich, die die Krankenschwester in den Händen hielt, und überflog ein paar lose Blätter. Er wirkte nicht so, als hätte er sich auf die Visite und seine Patienten vorbereitet. Im Gegenteil: Er wirkte gestresst, hektisch und vor allem übermüdet. Ständig unterdrückte er ein Gähnen. „Na schön.“ Er schnalzte mit der Zunge. „Ich ordne MRT und eine Lumbalpunktion an zwecks ZNS-Prophylaxe. Haben Sie alles, Schwester?“ Er sah die blonde Krankenschwester skeptisch über seine Schulter hinweg an. Sie nickte und machte sich fleißig Notizen. Professor Doktor Craig würdigte Mila währenddessen keines Blickes. Er war einer dieser Ärzte, die in ihren Patienten nur Objekte sahen.
„Doktor Akif, wenn Sie wollen“, er drückte ihm die Blätter mit dem Befund in die Hand, „können Sie sich das genauer ansehen. Immunphänotypisierung, Zytomorphologie und -chemie haben wir noch nicht besprochen. Es läuft aber alles auf B-Zellen hinaus.“ Er wandte sich zum Gehen.
Zyto-was? B-Zellen? Von was redet er? Was soll das wieder für eine Punktion sein?
„Warten Sie!“ Milas Mutter sprang mit verschränkten Armen von der Fensterbank auf und der Oberarzt drehte sich irritiert nach ihr um.
„Ich habe kein Wort verstanden. Was hat meine Tochter? Kann sie nach Hause? Benötigt sie noch irgendwelche Medikamente?“ Sie wirkte völlig ratlos und auch ein wenig empört über die fehlende Empathie des Arztes.
Sichtlich überrascht schaute der Oberarzt Doktor Akif an. Der junge Stationsarzt wirkte überfordert und nestelte an seinen Kitteltaschen herum. Professor Doktor Craig legte verschwörerisch einen Arm um Doktor Akifs Schultern und drehte Mila und ihrer Mutter den Rücken zu. Die beiden flüsterten so leise miteinander, dass Mila kaum etwas verstand, außer: „Nein? Aber die Blutwerte...eindeutig...hat denn der Hausarzt nicht...unfassbar...“ Langsam wandte er sich wieder Milas Mutter zu, die unruhig mit den Füßen wippte.
„Mrs. Barrow.“ Seine Stimme nahm eine andere, weichere Stimmfarbe an, die einem bei einem Mann wie ihm einen kalten Schauer über den Rücken laufen ließ. „Ihre Tochter hat ALL, eine akute lymphatische Leukämie. Blutkrebs. Bis zu ihrer Entlassung wird noch einige Zeit vergehen. Wir werden zuerst ein paar Untersuchungen durchführen, um zu sehen, wie weit der Befall schon fortgeschritten ist. Anschließend folgt die Chemotherapie. Das genaue Vorgehen wird man in den kommenden Tagen mit Ihnen besprechen.“
Er wandte sich wieder der Schwester zu und zwickte ihr in den Arm. „Schreiben Sie auf, dass sich jemand darum kümmern soll.“
Doktor Akif stand schweigend hinter dem Oberarzt und nickte stumm den Boden an.
Er musste es gewusst haben.
Milas Mutter stand der Schock ins Gesicht geschrieben. Mit offenem Mund starrte sie den Arzt an. Professor Doktor Craig drehte sich um und verließ mit seinem Gefolge das Zimmer, während er der Schwester weitere Anweisungen gab, die sie mit roten Ohren in die Mappe übertrug. Obwohl sich Danas fassungsloser Blick in seinen Rücken bohrte, drehte er sich nicht mehr nach ihr um.
Das wars? Er erwähnt einfach so beiläufig, dass ich Krebs habe?
Mila wusste selbst nicht, was sie erwartet hatte, aber sicherlich nicht, dass man es so nebensächlich und überhaupt nicht einfühlsam erwähnte, als wäre einem nach dem Wocheneinkauf aufgefallen, dass man die Milch vergessen hatte. Mila konnte es nicht fassen. Alles in und an ihrem Körper fühlte sich taub an; unwirklich. Die Welt stand still. Selbst das Riesenrad im Zentrum Londons blieb für einen Moment stehen. Alle möglichen Emotionen rauschten durch ihren Körper und verpufften zu einem großen Nichts. Sie war leer und unfähig etwas zu fühlen.
Ich kann unmöglich Krebs haben.
„Doch hast du und wir werden das Beste daraus machen.“
Es war nicht ihre Mutter, die zu ihr sprach. In dem Moment, in dem der Arzt die Diagnose gestellt hatte, war er zum ersten Mal auf ihrer linken Schulter aufgetaucht: Milas Kampfgeist.
Er war eigentlich eine Sie. Eine weiße Nebelgestalt mit bockigen Hörnern und einem scharfen Dolch am Gürtel. Sie wirkte wie eine robuste Wikingerdame, der selbst die Gicht des rauen Meeres nichts anhaben konnte. Ein Kampfgeist eben.
Noch ignorierte Mila ihn. Es gab nichts zu kämpfen, wenn man nicht krank war.
Ich bin nicht krank.
„Ja, gut so. Lass dich nicht von ihm unterkriegen“, feuerte der Kampfgeist Mila an. Er konnte in Milas Kopf schauen und versuchte ihr Mut zu machen.
„Mom, hat er wirklich gesagt, dass ich Krebs habe?“
Sie nickte, noch immer starr vor Schreck.
„Und dass ich eine Chemotherapie bekomme?“
„Ja.“ Sie presste sich eine Hand vor den Mund und dicke Tränen rollten über ihre Wangen. Gerne hätte Mila ihre Mutter in den Arm genommen und getröstet, aber sie war krank und sie brauchte Trost. Alle anderen waren ab heute nur Zuschauer.

Im Kindle-Shop: Als der Tod die Liebe fand
Für Tolino: Buch bei Thalia

Mehr über und von Mariella Heyd auf ihrer Website.



28. Januar 2017

'Der liebe Gott und sein teuflisches Bodenpersonal' von Brigitte Teufl-Heimhilcher

Die Zustände im Vatikan rufen sogar den lieben Gott auf den Plan. Sonst ein eifriger Verfechter des freien Willens beschließt er, Papst Leo einen kleinen Hinweis zu geben, und bedient sich dabei höchst irdischer Mittel:

1. Buch: die andere Schwester des Papstes
Im Vorfeld eines Wien-Besuchs von Papst Leo XV wird bekannt, dass die geschiedene und wiederverheiratete Allergieexpertin, Dr. Katharina Bender, eine seiner Schwestern ist. Der Papst ist darüber not amused, doch körperliche Beschwerden zwingen ihn in Wien zu bleiben, und sich einer Behandlung durch seine Schwester zu unterziehen. Dabei prallen höchst unterschiedliche Sichtweisen aufeinander. Auch Freunde aus Jugendtagen, allen voran Erika, einst Studienkollegin und Leo sehr zugetan, beginnen sein Weltbild zu verändern.

2. Buch: Als Papst lebt man gefährlich
Seit der Papst in den Vatikan zurückgekehrt ist, hat sich die Zahl seiner Gegner drastisch erhöht. Den Konservativen zu ist er nun zu fortschrittlich, den Reformern zu konservativ, und dass er Erika, als Chefin einer neu gegründeten Reformkommission, in den Vatikan berufen hat, sorgt ebenfalls bei vielen Purpurträgern für Unmut. Wirklich gefährlich wird die Sache aber, als er beschließt, den Machenschaften in der Vatikanbank ein Ende zu setzen.

Gleich lesen: Der liebe Gott und sein teuflisches Bodenpersonal: Sammelband

Leseprobe:
Prolog aus dem Himmel
Da soll doch gleich einmal der Blitz dreinschlagen!
Irgendetwas scheine ich in meiner göttlichen Allmacht falsch gemacht zu haben. Diese Menschen haben immer noch nicht kapiert, worum es in ihrem Erdenleben geht. Vielleicht war die Sache mit dem freien Willen doch etwas übertrieben.
Dabei habe ich es doch an nichts fehlen lassen. Erst habe ich ihnen die zehn Gebote gegeben, die waren ja wohl klar und deutlich. Aber es hat nichts genützt! Also habe ich vor kurzem auch noch meinen Sohn geschickt. Mit allem Brimborium. Sogar Eltern habe ich ausgesucht, war alles gar nicht einfach. Dreiunddreißig Jahre hat er unter ihnen gelebt, ihnen alles gesagt und erklärt, dabei Kranke geheilt und den Sündern verziehen. Hat es genützt? Mitnichten.
Ja gut, ein paar Mal hat er getrickst. Übers Wasser zu gehen und aus Wasser Wein zu machen, das hätte vielleicht nicht sein müssen, das könnte den ein- oder anderen nachhaltig verwirrt haben. Manche versuchen das immer noch. Wasser zu Wein zu machen ist ihnen noch nicht vollständig gelungen, dafür machen sie aus Schimmelpilzen Erdbeeraroma – aber so war das doch nicht gemeint! Na gut, das sind Kleinigkeiten: Peanuts sagen sie neuerdings. Jedenfalls haben wir nichts ausgelassen, das volle Programm durchgezogen, inklusive Tod und Auferstehung. Damit haben wir sie allerdings auch etwas überfordert, an der Sache mit der Auferstehung kiefeln sie heute noch.
Das Unerträglichste aber ist, dass die Herrschaften aus der Kommandozentrale in Rom, besser gesagt im Vatikan - sie mussten ja gleich einen eigenen Staat haben - um nichts besser sind. Was sage ich – schlechter noch! Eine teuflische Mischung aus Ängstlichkeit und Überheblichkeit ist dort am Werk. Veränderungen fürchten sie wie der Teufel das Weihwasser, dabei sind sie von einer Überheblichkeit, die ich nur schwer ertrage. Ja gut, nicht alle, natürlich nicht, das wäre ja auch noch schöner!
Vielleicht hätte ich mich beim letzten Konklave doch deutlicher zu Wort melden sollen – manche haben mich darum gebeten –, aber ich wollte ihnen ja wieder einmal ihren freien Willen lassen.
Jetzt überlege ich, doch wieder einmal ordnend einzugreifen. Nein, keine Sintflut diesmal, nur ein ganz kleiner Fingerzeig, eine Andeutung, dass etwas falsch läuft. Aber an wen soll ich mich wenden? Es müsste schon jemand sein, der klug genug ist, es zu verstehen. Unter denen, die sie großspurig „Laien“ nennen, gäbe es etliche, aber würden sie denen glauben? Vermutlich nicht. Dann also jemand, der in ihrer Hierarchie – die im Übrigen auch nicht meine Idee war - ziemlich weit oben steht.
Vielleicht sollte ich es gleich mit dem Papst versuchen. Dieser Leo ist zwar auch ziemlich überheblich, aber immerhin scheint er guten Willens zu sein, und hat nicht eine seiner Schwestern ohnehin noch ein Hühnchen mit ihm zu rupfen? Da war doch was …

1. Buch: Die andere Schwester des Papstes
Das Interview
Katharina blickte auf die Uhr, massierte kurz die Schläfen und drückte den Knopf der Sprechanlage: „Der Nächste, bitte!“ Es war ein langer Tag gewesen, sie war müde und freute sich auf einen gemütlichen Abend.
„Fertig für heute“, antwortete ihre Sprechstundenhilfe. „Nur ein junger Mann vom Kurier wartet noch auf Sie.“
„Ist er angemeldet?“
„Das nicht“, flüsterte die Sprechstundenhilfe, „aber ich denke, er kommt wegen Ihres Buches. Jedenfalls hat er eine Kamera dabei.“
„Dann soll er hereinkommen.“
Katharina zog rasch die Lippen nach, noch während sie den Stift wieder in ihre Handtasche gleiten ließ, rief sie: „Herein!“
Der junge Mann, er mochte etwa dreißig sein, erwiderte ihren kräftigen Händedruck, das gefiel ihr, sie konnte es nicht leiden, wenn die Hand des anderen schlaff in der ihren lag. „Mein Name ist Felix Winter. Ich komme im Auftrag des Kuriers und würde Ihnen gerne ein paar Fragen stellen.“
„Das freut mich“, antwortete sie. „Ich habe eigentlich gedacht, mein Buch sei schon in der Rundablage gelandet. Bitte, nehmen Sie Platz.“
„Sie haben ein Buch geschrieben?“, fragte er, während er sich setzte.
Diese schlichte Frage ließ Katharinas Müdigkeit schlagartig zurückkommen.
„Über Allergiebehandlung, ich dachte, deswegen seien Sie gekommen“, antwortete sie dementsprechend gereizt.
„Leider nein“, erwiderte Felix Winter und schickte dieser Nachricht ein gewinnendes Lächeln nach. „Ich komme sozusagen in heikler Mission.“
Er machte eine Pause, sie bedeutete ihm weiterzusprechen.
„Wie Sie sicherlich wissen, findet heuer im September der Welt-Jugend-Tag in Wien statt.“
Während Katharina zustimmend nickte, spürte sie, wie ihr Puls schneller wurde. Er sah sie fragend an, doch sie hatte nicht vor, ihm entgegenzukommen.
„Aus diesem Anlass wird Papst Leo seiner Heimat einen Besuch abstatten. Ich nehme an, auch das ist Ihnen bekannt.“
Sie nickte abermals. „Es stand so etwas in der Zeitung.“
„Ich nehme weiter an, Sie sind diesbezüglich nicht auf die Informationen der Medien angewiesen.“
Da irren Sie, junger Mann.“
„Aber Sie sind doch eine Schwester des Papstes?“

Im Kindle-Shop: Der liebe Gott und sein teuflisches Bodenpersonal: Sammelband

Mehr über und von Brigitte Teufl-Heimhilcher auf ihrer Website.



27. Januar 2017

'Tränen waren gestern' von Christl Friedl

Die Autorin Christl Friedl hatte bereits seit 17 Jahren keinen Kontakt mehr zu ihrem Vater, als er verstarb. Erst nach seinem Tod konnten sich zwei Halbschwestern, nach 57 Jahren, endlich kennenlernen. Der Vater hatte es zeitlebens verstanden, den Kontakt erfolgreich zu unterbinden. Durch Einsicht alter Unterlagen, zu denen sie vorher nie Zugriff hatte, musste die Autorin erfahren, was für ein Mensch ihr Vater wirklich war.

Einen genialen Lügner und Betrüger, so nannte ihn der Anwalt, der die Schwestern in der Nachlassangelegenheit vertrat. Aufgrund der gewonnenen Erkenntnisse konnten sie dem, zu ihrem Bedauern, nicht widersprechen. Gezwungen durch diese Ereignisse, blickt die Autorin nun auf ihr Leben zurück, erinnert sich an die schmerzlichen, traurigen, aber zum großen Teil auch lustigen Momente ihres Lebens. Der Leser darf sie durch ein Jahr mit vielen Höhen und Tiefen begleiten. Ein Jahr, in dem sich die Schwestern immer besser kennenlernen und zusammen den Kampf um späte Gerechtigkeit aufnehmen.

Ein spannender und ehrlicher Rückblick auf eine ungewöhnliche Lebensgeschichte, mit der sie Menschen, die sich in ähnlichen Situationen befinden, Mut machen möchte, niemals aufzugeben. Es gibt immer einen Weg aus dem Dunkel zurück ins Licht ...

Gleich lesen:
Für Kindle: Tränen waren gestern: Was dich nicht umbringt, macht dich stark
Für Tolino: Buch bei Thalia

Leseprobe:
Vor elf Jahren sind wir von der bayerischen Metropole München nach Markt Schwaben gezogen, wurden von allen Nachbarn sehr herzlich aufgenommen und haben uns vom ersten Tag an heimisch gefühlt. Wir haben ein kleines Häuschen mit ebenso kleinem Garten gemietet, für das wir wesentlich weniger bezahlen als in München für unsere beiden Mietwohnungen zusammen. Natürlich ist auch genug Platz für das Wichtigste überhaupt vorhanden, eine „Werkstatt“ für meinen Mann. Aufgrund der großen Beliebtheit ist das Leben in der bayerischen Metropole in den letzten Jahrzehnten immer teurer und für „Otto Normalverbraucher“ fast nicht mehr bezahlbar geworden. Wir können jetzt hier, zumindest in unseren Augen, eine wesentlich höhere Lebensqualität genießen. Wir, das sind …

… die absolute Nummer 1
Mein Mann Werner, der mit 67 Jahren seinen wohlverdienten Ruhestand, bei bester Gesundheit, absolut genießt. Der, wie seine geliebten Motorräder, topfit und gut in Schuss ist. Der sich aufgrund seines fröhlichen und ausgeglichenen Wesens seine Jugendlichkeit erhalten hat und dem sein Rentenalter tatsächlich niemand abnimmt. Der aufgrund seiner diversen Späßchen nicht nur bei Kindern und Hunden sehr hoch im Kurs steht. Der mich nicht zuletzt, entgegen meinem ursprünglichen Vorhaben, niemals zu heiraten, dann im Laufe unserer gemeinsamen Jahre (wohl eher unfreiwillig) davon überzeugt hat, diesen Schritt doch noch zu tun. Bereits seit einigen Jahrzehnten hieß es bei uns: tausendmal berührt, tausendmal ist nichts passiert. Bis ich eines Tages in seiner Gegenwart ein gewisses Kribbeln, das ich jedoch erfolgreich zu unterdrücken wusste, nicht mehr verleugnen konnte. Liebe auf den tausendsten Blick? Während der Feier zu meinem 40. Geburtstag am Unterschleißheimer See kamen wir uns dann schließlich unaufhaltsam näher. Der Genuss von etlichen Gläsern Jack Daniels mit Cola war daran nicht ganz unschuldig und ließ die Hemmschwelle gewaltig sinken. Der Gedanke, dass wir Jahre später heiraten würden, ist jedoch unter Garantie bei keinem von uns beiden aufgekommen. Unser Motto war wohl eher: „Ein bisschen Spaß muss sein.“ Aber oft kommt es im Leben anders, als man denkt, und das ist, aus heutiger Sicht, nun wahrlich nicht das Schlechteste. Hoch lebe Jacky Cola.
Nie werde ich den entsetzten Blick meiner Freundin und ihren Satz „Das kann ja wohl jetzt nicht dein Ernst sein“ vergessen, als ich ihr davon erzählte. In der Zwischenzeit hat sie ihre Meinung allerdings zu hundert Prozent revidiert. Stimmt doch, Isy, oder? Weder wir noch einer unserer gemeinsamen Freunde hätte uns damals mehr als zwei, höchstens drei Monate gegeben. Ja, in der Tat bedienen wir wohl beide perfekt das Klischee: Gegensätze ziehen sich an. Ersetzt man jedoch das Wort „Gegensätze“ durch das Wort „Ergänzungen“, wird man schnell feststellen, dass gerade diese das Salz in der Suppe sein können. Er, der langhaarige „harte“ Biker. Ich, die mehr oder weniger solide Perfektionistin mit den langen lackierten Fingernägeln. Er, der eingefleischte Hardrock-Fan. Ich, mit meinem Faible für Howard Carpendale. Country Music allerdings lieben wir beide. Ich muss gestehen, dass sich mein Musikgeschmack seinem inzwischen stark angepasst hat. So freuen wir uns jetzt schon sehr auf die Konzerte von Rammstein im Juli und Boss Hoss im November dieses Jahres.
Er, der eingefleischte Frühaufsteher, frei nach dem Motto „Der frühe Vogel fängt den Wurm“. Ich, der Nachtmensch und absolute Morgenmuffel. Den Satz „Der frühe Vogel kann mich mal“ könnte ich da schon eher unterschreiben. Er, der unverbesserliche Optimist. Ich mit meiner oft doch eher pessimistischen Einstellung. Er, der absolute Chaot und unverbesserliche Schlamper, der, auch wenn er die Augen noch so weit aufmacht, keinen Dreck sehen kann. Ich, die ordnungsliebende „Sauberfrau“, der „gute“ Freunde des Öfteren heimlich die Dekoration in der Wohnung umgestellt haben, nur um zu testen, wie lange es dauert, bis ich es bemerken würde. Das erklärt auch, warum wir uns einige Jahre nicht dazu durchringen konnten, unsere beiden Wohnungen aufzugeben, um zusammenzuziehen. Innerlich hatte ich mich nach unserem Umzug auf eine extrem konfliktreiche Zeit eingestellt. Aber auch das kam, wie so vieles bei uns, anders, als ich dachte. Kompromisse heißt das Zauberwort, mit dem alles machbar ist. Eines unserer diversen „Erlebnisse“ ist mir dabei besonders im Gedächtnis haften geblieben und hat, nicht nur in unserem Freundeskreis, für spontane Lachanfälle gesorgt. Samstags ist bei mir schon seit jeher Hausputz angesagt. An diesem speziellen Samstag hatte ich meinen Mann gebeten, in unserem Haus für Sauberkeit zu sorgen, da ich den ganzen Tag unterwegs sein würde. Wie ich ja bereits wusste, kann er Dreck nicht unbedingt als solchen erkennen. Daher hatte ich ihn vorsichtshalber darauf hingewiesen, nicht zu vergessen, das Sieb im Abfluss des Waschbeckens im Badezimmer zu säubern. Als ich das Bad am Abend betrete, strahlt mir das Sieb in fast überirdischem Glanz entgegen. Ganz im Gegensatz zum Rest des Waschbeckens, das noch so schmutzig war wie am Morgen. Seine Erklärung „Du hast nur vom Sieb, nicht vom ganzen Waschbecken gesprochen“ muss man sich langsam auf der Zunge zergehen lassen. Leute, Leute, da versteht man die Welt nicht mehr. Spätestens seit diesem Zeitpunkt hatte ich gelernt, dass Männer in der Tat sehr genaue und detaillierte Anweisungen brauchen.
Missverständnisse dieser Art gibt es bei uns im Hause seit diesem Tag nicht mehr. Ja, er ist schon sehr speziell, mein Angetrauter. Als er während eines Besuchs auf dem Flohmarkt ein sehr schönes altes Keramikschild mit der Aufschrift „Bitte im Sitzen pinkeln und Klodeckel schließen“ findet, freut er sich wie ein Schneekönig. Umgehend bringt er es an der Wand hinter unserer Toilette an und ist dann ungelogen der absolut Einzige, der sich nicht an diese Aufforderung hält. Die Funktionalität der sich automatisch schließenden Toilettendeckel, auf die er ausdrücklich besteht, hat er anscheinend bis heute nicht richtig verstanden. Denn diese schließen in der Tat nur automatisch, wenn man ihnen wenigstens einen winzigen Stups mit dem Finger gibt. So manche Logik hinter seinen „Taten“ kann verstehen, wer will, ich auf jeden Fall nicht. Natürlich darf ich nicht versäumen, hier meine absolut liebste „Ergänzung“ ganz besonders hervorzuheben. Im Gegensatz zu mir, die kochen immer mehr oder weniger als notwendiges Übel betrachtet hat, ist er ein begnadeter Koch. Er liebt es, neue Sachen auszuprobieren, und ich darf seine leckeren Werke fast jeden Tag genießen. Ich koche nur noch, wenn ich wirklich Lust darauf verspüre. So ungefähr ein- bis zweimal im Jahr. Somit gibt es in unserem Haus eine unausgesprochene Aufteilung der Zuständigkeiten. „Mann“ ist für das zuständig, das ihm auch Spaß macht. Einkaufen und kochen. „Frau“ ist für den Schmutz zuständig. Nein, Entschuldigung, falsch ausgedrückt. Also, was ich damit meine, ist, „Frau“ macht den Schmutz natürlich weg. Zuständig für das Vorhandensein sind natürlich (fast) ausschließlich „Mann“ und Hund. Unter anderem liebt es mein Mann, mit einem seiner vier Bikes auf eines der, besonders im Sommer, zahlreich stattfindenden Motorradtreffen zu fahren. Mein Ding ist das noch nie wirklich gewesen. Da wir aber beide der Meinung sind, dass gewisse Freiräume einer Beziehung nur zuträglich sein können, hatten wir damit eigentlich nie ein Problem. Eigentlich. Es war noch ziemlich zu Beginn unserer Beziehung, als ich ihn eines Samstags gegen Mittag vor der Fleischtheke eines Supermarktes fragte, was wir denn dieses Wochenende essen wollen. Nicht nur ich, auch der Metzger blickte ihn erwartungsvoll an. „Was du essen willst, weiß ich nicht. Ich fahre in zwei Stunden ins Allgäu auf ein Motorradtreffen.“ Was soll ich sagen. Die absolut perfekte Antwort auf meine Frage. Noch nicht so abgeklärt wie heute, bin ich daraufhin vor der Theke ganz spontan ein wenig ausgeflippt. Die erschrockenen Blicke des Metzgers wanderten zwischen uns hin und her. Wahrscheinlich auch für ihn ein nicht unbedingt alltägliches Erlebnis. Mit den Worten: „Dankeschön, jetzt bin ich bereits vollkommen bedient. Der Einkauf hat sich gerade im Moment erledigt“, ließ ich den armen Mann stehen und verließ den Supermarkt mit wehenden Fahnen. Schweigend, etwas verdattert und ohne meinen Gefühlsausbruch auch nur ansatzweise verstehen zu können, folgte mir mein Mann zum Ausgang. Die Diskussion im Anschluss muss ich wohl nicht weiter ausführen. Mit etwas Fantasie kann sich das zumindest jede Frau sehr gut vorstellen. Müßig zu erwähnen ist es wahrscheinlich auch, dass das nicht die letzte Diskussion dieser Art geblieben ist. Aber steter Tropfen höhlt ja bekanntlich den Stein.
Heute erfahre ich von seinen geplanten Exkursionen mindestens ein bis zwei Wochen vorher. Er hat seinen Spaß und ich genieße das „freie“ Wochenende. Machbar ist das natürlich nur durch gegenseitiges Verständnis und Vertrauen. Das ist bei uns beiden, Gott sei Dank, auch heute noch in höchstem Maß vorhanden.

Im Kindle-Shop: Tränen waren gestern: Was dich nicht umbringt, macht dich stark
Für Tolino: Buch bei Thalia

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26. Januar 2017

'Der Klang des Schweigens' von Heike Adami

Kennen Sie das Gefühl, Sie stehen kurz vor einem Ziel und erreichen es nicht? Sie beginnen, an sich zu zweifeln. Ein schwerwiegender Unfall folgt. Ihre Welt bricht zusammen. Sie fühlen sich zu jung, um zum alten Eisen zu gehören.

Heike Adami entschied sich für das Kloster. Harte Arbeit an sich selbst. Am Innersten. Gedankenmuster lösen. Glaubenssätze beleuchten. In diesem Journal berichtet Heike Adami über Entwicklungen, Sichten und Einsichten während fünf Tage im Kloster des Schweigens. Im Kloster Triefenstein bei Würzburg.

„Der Klang des Schweigens – Eine Reise zu Dir selbst“, ein Journal mit Übungen an sich selbst, für Sie.

Gleich lesen: Der Klang des Schweigens - Eine Reise zu Dir selbst

Leseprobe:
Zugfahrt
Regenwolken trüben den Tag ein. Dunkelgraue Wolken Unterbrechen eine helle Wolkenfigur. Es könnte ein Geist sein, der langsam dahinzieht. Dahinschwebt. Ein Geist. Eine Wolke, die sich von den anderen abhebt. Beleuchtet. Bestrahlt. Als verstecke sich dahinter ein sanfter Sonnenstrahl. Als befände sich dahinter das glänzende Leben. Freude. Lachen.
Der Geist verschiebt sich mit den dunklen Wolken. Regen. Grau. Nebel am Horizont, hinter den Feldern. Den braunen Feldern, auf denen der letzte Getreidehalm abgebrannt ist. Der Nebel hinter den sattgrünen Feldern, auf denen die Zuckerrüben ihre letzten Tage verbringen und das düste, todwirkende Sein des Feldes mit ihren dunkelgrünen Blättern belebt.
Das Bild verändert sich. Doch grau bleibt der Himmel.
Orangerot verfärbte Blätter der Bäume zwischen kahlen Ästen. Efeu und Brennnesseln zwischen dem Grün der Tanne und Fichte. Ein Herbstwald säumt den Weg. Schenkt die Vielfalt.
Das Farbige unter dem grauen Himmelszelt. Kein Ton der noch nicht weggezogenen Vögel. Kein Quaken der Frösche am Teich ist zu hören. Nur die Katze auf dem Feld schaut, ob sie sich vor dem umhertreibenden Fuchs in Sicherheit befindet.
Der Zug fährt seinen Weg, zielsicher an den gewünschten Ort. Während am Horizont, im Tal der Berge, ein blauer Himmelsfleck das Grau zur Seite schiebt. Als sage er, ihr wart lange genug hier.
Mein Herz saugt die Sonne auf, bevor der Nebel alles unsichtbar erscheinen lässt. Alles überdeckt. Nichts zum Vorschein bringt.
Regentropfen fallen auf das Dach. Ein heimisches Geräusch, das beruhigend wirkt. Zum Kuscheln einlädt.
Im Zug.
Regentropfen treffen am Fenster auf. Runde Tropfen bleiben an der Fläche des Fensters stehen, wie Augen, die beobachten. Sie, die Oberflächenspannung der Regentropfen, bewegt sich durch den Ruck des Zuges. Ihre innere Kraft löst sich auf. Der Zusammenhalt bricht auf, und der Tropfen läuft und fließt hinunter. Von links. Von rechts. Sie fließen sich entgegen. Vereinigen sich zu einem größeren Regentropfen. Zu einer Träne. Am Fenster des Zuges. Der Weg, der Druck löst sie auf. Das Fensterglas ist nicht mehr benetzt. Es scheint, als wäre nichts gewesen. Klar und frei wirkt das Glas. Der Blick hinaus ist untrügerisch. Weinrote Blätter säumen den Wegesrand. Kräftig leuchtend schenkt die Farbe Kraft dem Betrachter, im Moment des Seins.
Die Zugfahrt von Augsburg nach Wertheim ist lang und vergeht schnell. Einsteigen. Aussteigen. Umsteigen.
Zwischenstation.
Aufenthalt. Unfreiwillig.
Sie gehört dazu. Wo würde der Zug enden ohne Zwischenstation?
Wie würde ich das Ziel erreichen? Kleinere Strecken mit dem Bus fahren, wäre die Option. Aber dann wäre die Fahrtzeit länger. Mehr Umsteigestationen inbegriffen. Später wäre ich am Ziel. Zwischenstation – unfreiwillig!
Den Moment genießen. Die Zwischenstation als Geschenk annehmen. Darin verweilen und danken, im Hier und Jetzt sein zu dürfen. Der scheinbar kürzere Weg ist nicht immer der, der mir das gibt, was ich im Leben brauche. Entwicklung auf dem Weg, heißt auch über Umwege zum Ziel gelangen.
Ausgewachsene rote Geranien zwischen kräftig lilablühendem Heidekraut und weißen Weihnachtsglöckchen deuten den Wandel der Zeit an. Der Himmel auf vorzeitige Abendstimmung eingestellt. Dunkel, erhellt durch künstliches Licht. Der Weg wird kürzer und das Ziel kommt näher. Wie wird es aussehen, das evangelische Kloster in Franken?

Im Kindle-Shop: Der Klang des Schweigens - Eine Reise zu Dir selbst

Mehr über und von Heike Adami auf ihrer Website.



25. Januar 2017

'Der Schwan ist tot: Ein Rosenheim-Krimi' von Peter Brand

Landkreis Rosenheim: In einer Klinik wird ein Patient brutal ermordet – ein lange verschollener Klassenkamerad des Privatdetektivs Michael Warthens. Für Michael unfassbar: erst wenige Tage zuvor erhielt er den Auftrag, den Mann aufzuspüren! Wieso verschwand der Abiturient des Jahres 1979 vor Jahren spurlos und endet gerade jetzt als Mordopfer?

Bei seinen Recherchen nach einem Mordmotiv ahnt Michael einen möglichen Zusammenhang ihrer gemeinsamen schulischen Vergangenheit an einem Rosenheimer Gymnasium. Der spektakuläre Tod eines weiteren einstigen Schulfreunds, ein prominenter Stadtrat, erhärtet seinen Verdacht. Bis auf denselben Abitur-Jahrgang haben die Opfer nichts gemein. Oder doch? Was sonst treibt den Täter an, nach so langer Zeit, grausam zu töten?

Mysteriös: Als Michael wegen der Toten aus seiner Klasse einen Blick auf das Foto der Abschlussklasse von 1979 werfen will, scheint keines davon mehr zu existieren – und das Morden geht weiter …

Gleich lesen:
Für Kindle: Der Schwan ist tot: Ein Rosenheimkrimi
Für Tolino: Buch bei Thalia

Leseprobe:
Er wachte auf. Der Geruch von frischer Bettwäsche irritierte ihn. Aus durchsichtigen Schläuchen tropften Flüssigkeiten in seine Adern. Augenscheinlich war er in einem Krankenhaus. Er drehte sich auf die Seite. Die Infusionsnadeln pieksten unter der Haut.
Wenn das hier seine Endstation bedeutete, fragte er sich, liefen die Jahre dann wirklich wie ein Film vor einem ab? Das Auf und Ab in seinem Leben hatte ihm noch nie Angst gemacht. Doch nur die Bilder seines letzten Schuljahrs besetzten sein Gehirn. Unerlaubt, aber lebendig und aufdringlich, als wollten ihm sogar die Erinnerungen Qualen zufügen. Er wusste warum. Ergeben murmelte er vor sich hin: Der Herr ist mein Hirte – mir wird nichts mangeln – er weidet mich auf grüner Au …
Mit schläfrigen Augen beobachtete er, wie die Tür zum Zimmer behutsam aufging. Zwei schwarz verschleierte Gestalten betraten den Raum. In welchem verfluchten Land war er? Jemand beugte sich über ihn. Ein Augenpaar sah ihn für Momente an. Liebevoll? Nur, es ergab keinen Sinn. Wieder stachen ihn die Nadeln. Tief unter die Haut. Der Schmerz kam heftig – die grausame Erkenntnis brannte schlimmer als der Schmerz: keine dünnen Nadeln bohrten sich in sein Fleisch – Dolche!
Nacht.

1. Kapitel
Dienstag, 9. Oktober. Nördlicher Landkreis. Herbstruhe.
Die Nebelsuppe auf der Fahrt von Rosenheim nach Griesstätt zerrte an Michaels Geduldsfaden. Wenn er schon seine Tante aus der Klinik abholen musste, hätte wenigstens das Wetter mitspielen können. Welch ausgedehnte Autoschlange seinem Smart im Nacken saß, konnte er sichtbedingt nur ahnen. Erst auf der Anhöhe kurz vor Griesstätt stach die Sonne durch. Sofort zogen ein paar ganz Eilige an ihm vorbei.
„Das hätten die jetzt auch noch abwarten können“, grantelte er und bog rechts ab zur Klinik.
Tante Berti erwartete Michael in der Vorhalle. Sie hatte eine Ellbogen-OP hinter sich. Die Schwester seiner verstorbenen Mutter wirkte durch ihre gebückte Haltung erstaunlich klein. Ihre ähnlichen Gene aber waren nicht zu übersehen: Michaels einzig verbliebene Verwandte besaß die gleichen warmen, braunen Augen wie ihr Neffe.
„Grüß dich, Tante Berti, bist schon ferti’?“, reimte er.
„Schon ist gut!“, tadelte sie ihn, „ausgemacht war eine Stund’ früher.“
Michael verkniff sich eine Ausrede. Nach dem Nebel hatte er mit der Parkplatzsuche gekämpft, weil Krankenwagen und beachtlich viele Polizeiautos die Zufahrten verstellt hatten.
Tante Berti war nicht wirklich eingeschnappt.
„Ist aber nicht schlimm, weil: da hast jetzt ein bisserl was versäumt wegen deiner Verspätung.“
Vor kurzem hatte sie erfahren, was der Michi Warthens neuerdings beruflich so trieb. Ganz glaubte sie noch nicht daran, er würde seine Selbstständigkeit wirklich durchziehen. „Privatdetektiv – so ein Schmarren. Die gibt’s doch bloß im Fernsehen“, war ihr einziger Kommentar dazu gewesen. Aber jetzt …
„Michi, also echt, da war grad ein Trubel wegen einem Patienten.“ Sie senkte ihre Stimme und zischelte ihm dezent zu: „Ich glaub’, wegen einem ermordeten Patienten!“
Grundsätzlich glaubte Michael, seine Tante sei in ihrem Alter schon noch bei Verstand. Jetzt fragte er sich, ob sie nur eine blühende Fantasie oder erste Anzeichen von Demenz zeigte.
„Ist schon recht“, wiegelte er ab, „hast eigentlich schon ausgecheckt?“
„Was denkst denn du? Wegen dem Aufruhr haben die doch keine Zeit gehabt. Aber ich kriege alles nachgeschickt.“
„Ins Heim?“
Tante Berti wohnte seit ein paar Jahren in einem kleinen Apartment im Margaretenhof. Michael hatte oft mit ihr über das doch teure „Betreute Wohnen“ gesprochen. Er hätte sich freilich um sie gekümmert, wenn sie ihn gebraucht hätte – und das ohne Hintergedanken. Zu erben gab’s bei Berti sowieso nichts. Ein Zuschuss für Michi, wenn sein Konto mal wieder leer war wie der Stadtbach bei der Auskehr, war aber durchaus drin.
„Stell dir vor, noch dazu schicken sie es mit der Post!“, frotzelte sie. „Durch’s Telefon geht’s nämlich nicht.“
Michael trat von einem Bein aufs andere.
„Also, was ist jetzt?“
„Jetzt wart halt mal!“ Berti schielte zu den drei Herren, die soeben über die Treppe vom ersten Stock in die Vorhalle herabstiegen. Alle drei kamen Michael bekannt vor, und einer von ihnen ganz besonders:
„Gerald?“
Der smarte Typ in weißem Arztkittel schaute überrascht, bis ihm klar wurde, wer ihn da mit Vornamen angesprochen hatte.
„Mike?“
Michael verzog sein Gesicht zu einer Grimasse. Mike hatten ihn seine Schul- und Fußballfreunde genannt. Er nickte.
„Sag bloß, du bist Arzt geworden?“
Gerald wimmelte ihn sanft ab.
„Du, könnten wir später… Wir haben ein Problem hier.“
Das sah Michael selbst. Geralds Begleitung bestand aus Kriminalhauptkommissar Obermeier, einem rotgesichtigen, schwammigen und pensionsreifen Beamten, und Piet Maurer. Piet hatte einige Jahre die Schulbank mit Michael gedrückt und war demnach im selben Alter – um die Fünfzig.

Im Kindle-Shop: Der Schwan ist tot: Ein Rosenheimkrimi
Für Tolino: Buch bei Thalia

Mehr über und von Peter Brand auf seiner Website.



24. Januar 2017

Maria Resco

Maria Resco, im Zeichen der Zwillinge geboren, von Merkur mit Neugier, Humor und einem Faible für Sprache ausgestattet, hat nach vielen Umwegen ihre Liebe zum Schreiben entdeckt.

In einem Drehbuchstudium und verschiedenen Schreibseminaren vertiefte sie ihre Kenntnisse in der Dramaturgie und entwickelte ihre Vorliebe für Dialoge. Zahlreiche Aufenthalte in Frankreich inspirierten sie zu ihrem Debütroman "Jeder liebt auf seine Weise".

Anfang Juli 2015 veröffentlichte sie mit einer heiteren Urlaubsgeschichte ihren zweiten Roman, von dem bereits ein Fortsetzungsband erschienen ist.

Weblink: www.mariaresco.de


Bücher im eBook-Sonar:




'Millionärin wider Willen: Elenas Geheimnis' von Brigitte Teufl-Heimhilcher

Nach einem erfüllten Berufsleben muss sich die Ärztin Elena Prinz, aus gesundheitlichen Gründen, in den wenig geliebten Ruhestand zurückziehen. Aus Langeweile kauft sie einen Lottoschein – und gewinnt den Jackpot.

Der unerwartete Geldsegen wirbelt ihr Leben ganz schön durcheinander. Wie damit umgehen? Ihren Kindern schenken? Aber was würde das Geld mit den beiden machen?

Elena beschließt, vorerst nur ihren Anwalt einzuweihen. Der ist neuerdings Witwer und seine souveräne Art gefällt ihr von Mal zu Mal besser, aber er ist so unglaublich zurückhaltend. Während Elena überlegt, woran das liegen könnte, überstürzen sich die Ereignisse …

Gleich lesen: Millionärin wider Willen: Elenas Geheimnis

Leseprobe:
Vorwort
Liebe Leserinnen und Leser, liebe Freundinnen und Freunde des heiteren Gesellschaftsromans, mit dem vorliegenden Roman möchte ich euch in ein unbekanntes Land entführen. Es liegt irgendwo zwischen Bayern und Österreich, dennoch werdet ihr es auf keiner Landkarte finden - auch Google Earth wird keine Hilfe sein - obwohl euch Charaktere wie Situationen durchaus bekannt vorkommen könnten.
Ich hoffe, ihr mögt Land und Leute, und wünsche viel Freude beim Lesen!

Elena – Immer diese Radfahrer
Seit wenigen Tagen war Elena im sogenannten Ruhestand. Was für ein dummes Wort, sie hatte sich selten unruhiger gefühlt.
Wehmütig schlenderte sie durch ihre ehemaligen Praxisräume. Achtundzwanzig Jahre hatte sie hier als Allgemeinmedizinerin gearbeitet, es war ihr zweites Zuhause gewesen. Bald würde ein anderer Arzt hier praktizieren, während sie ihre Pension genießen sollte. Was für ein seltsames Gefühl. Es war wie damals, in ihrer Kindheit, wenn sich zu Beginn der großen Ferien alle wie verrückt über die schulfreie Zeit gefreut hatten – nur sie hatte nicht recht gewusst, was sie damit anfangen sollte.
Sie war gern zur Schule gegangen, hatte voller Eifer studiert und später viel und gern gearbeitet. Zu viel, wie ihre Kinder nun sagten.
Ihr Sohn Axel meinte, sie hätte es versäumt, zu leben. Blödsinn. Die Medizin, ihre Patienten, die Praxis, das war ihr Leben.
Wie hatte sie sich nur dazu überreden lassen können, ihre Praxis dicht zu machen? Gut, sie hatte gesundheitliche Probleme gehabt, aber jetzt war sie doch wieder fit.
Kerstin, ihre Tochter, hatte vorgeschlagen, sie solle verreisen. Mitkommen wollte sie allerdings nicht. Das wäre im Augenblick ganz unmöglich, wo sie doch so knapp davorstand, endlich als Partnerin in die Anwaltskanzlei einsteigen zu können, für die sie seit Jahren tätig war. Darauf wartete sie ungeduldig, dafür arbeitete sie Tag und Nacht.
Im Grunde waren sie einander ziemlich ähnlich – deshalb hatte es zwischen ihnen auch nie so besonders gut geklappt. Verreisen?
Blöde Idee. Sie war noch nie gern gereist, schon gar nicht allein. Bestenfalls würde sie ein paar Tage in ein Thermenhotel fahren. Ein wenig Wellness und etwas Bewegung in frischer Luft konnten schließlich nicht schaden – das hatte sie ihren Patienten auch immer gesagt. Aber selbst dafür hätte sie lieber Begleitung gehabt. Mal sehen, was sich so ergab. Es hatte ja keine Eile.
Sie kontrollierte noch einmal ihre Schreibtischladen und sämtliche Schränke. Alles leer. Ihre Praxishilfe und ihre Schwiegertochter Maren hatten ganze Arbeit geleistet, während sie sich im Kurheim wie verrückt abgestrampelt hatte, um ihr Herz wieder in Schwung zu bringen.
Als sie endlich zurück war, hatte sie gerade noch verhindern können, dass die beiden ihrem Nachfolger auch noch die Küche leer geräumt hatten. Also wirklich.

Im Kindle-Shop: Millionärin wider Willen: Elenas Geheimnis

Mehr über und von Brigitte Teufl-Heimhilcher auf ihrer Website.



23. Januar 2017

'Jo Hess'

Jo Hess wurde in Deutschland geboren und liebt es zu reisen. Einigen Ländern wie den USA und Neuseeland noch immer sehr verbunden, befindet sich der Hauptwohnsitz jedoch in München. Nach einer Ausbildung im Polizeidienst, hat Jo Hess zusammen mit Ehefrau Lilly bereits eine Bekleidungsboutique, ein Immobilienbüro und ein Tattoo-Studio betrieben, sowie auf dem Oktoberfest gearbeitet. Auch kleinere Auftritte in Fernsehserien und einem Kinofilm gehören zum Lebenslauf.

Jo Hess ist Autor der Horror-Serie {ML}, mit dem Studenten Michael Lindqvist als Helden, der sich nach einem tragischen Schicksalsschlag dazu entschließt, Monster zu jagen. Die Buchserie ist in einzelne, jeweils in sich abgeschlossene Geschichten unterteilt, die durch einen fortlaufenden Handlungsstrang miteinander verbunden sind.

Weblink: www.michael-lindqvist.net


Bücher im eBook-Sonar:




'Löwenflügel' von Thalea Storm

Wie normal kannst du sein, wenn du eigentlich total unnormal bist? Leo hält sich für unnormal, denn er ist anders. Schüchtern, zurückhaltend und vielleicht ein bisschen komisch. Er lebt in seiner eigenen Welt, die keinen Platz für die Leichtigkeit des Lebens lässt.

Den Blicken und Vorurteilen der Gesellschaft ausgesetzt, versucht er, sich durchs Leben zu schlängeln und eckt dabei überall an, wo er nur anecken kann. Kaum jemand ahnt, was hinter seinem merkwürdigen Verhalten steckt, denn Leo ist krank. Psychisch krank. Er leidet unter einer Sozialen Phobie, die ihm die Teilhabe am Leben nahezu unmöglich macht. Sein Alltag ist erfüllt vom eigenen Kampf gegen sich selbst und der steten Hoffnung, irgendwie in eine Gesellschaft zu passen, die ihn nicht akzeptieren will. Erst die quirlige, lebenslustige Maya, die hinter seine geheimnisvolle Fassade blickt, haucht ihm mit ihrer Neugierde, Aufgeschlossenheit und vor allem Toleranz, endlich wieder Leben ein. Sie nimmt ihn an die Hand und er lässt sich von ihr führen, unter dem trügerischen Gefühl von Sicherheit. Leo gibt sich Maya und ihrer Zuneigung vollends hin und ahnt dabei nicht, welche dramatischen Folgen ihre Freundschaft für ihn haben wird. Wie schnell muss man rennen, um dem eigenen Selbst zu entkommen?

Leo und Maya. Eine herzerwärmende, emotionale Geschichte von aufregender Freundschaft, zaghafter Liebe, unsterblicher Hoffnung und dem steten Versuch, etwas passend zu machen, das einfach nicht passt.

Lesermeinung: „Diese Geschichte hat einfach alles: Sie bringt Humor und Ernsthaftigkeit so eng zusammen und trägt so viele verschiedene Gefühle in sich, die zum Nachdenken darüber anregen, was im Leben wirklich wichtig ist.“

Gleich lesen: Löwenflügel

Leseprobe:
“City-Ticket oder lieber Zone 1,2,3 oder 4?”
Die Busfahrerin starrte mich auffordernd an. Hinter mir drängelten mehrere Fahrgäste und schoben mich immer weiter und weiter in den Bus hinein. Reflexartig griff ich an eine Haltestange und hielt mich fest. Die Luft im Innenraum war stickig. So stickig, dass ich glaubte, jeden Moment nicht mehr atmen zu können. Meine Brust zog sich zu.
“Junger Mann, wohin wollen Sie?”, hakte sie noch einmal nach. Die Schulkinder hinter mir kicherten. Nein, sie kicherten nicht, sie lachten. Ein verächtliches, lautes Lachen. Ich spürte ihre Blicke in meinem Rücken, dafür musste ich mich gar nicht zu ihnen umdrehen. Sie brannten ein Loch durch meine Jacke bis auf die Haut hinunter.
“Ich…”, versuchte ich zu antworten. Mein Herz begann unter ihrem eindringlichen Blick zu rasen.
“Ich…ich möchte…” Der Schweiß brach mir aus. Meine Stirn wurde nass und es kitzelte, als ein Schweißtropfen meine Wange hinab rollte. Verlegen wischte ich ihn weg und die Hand an der Hose ab. Hatten sie das alle gesehen? Ganz bestimmt hatten sie das. Was sollten sie nur über mich denken? Das ich dreckig bin? Oder eklig? Sicher ekelten sie sich vor mir. Ich ließ die Hand in der Hosentasche verschwinden.
“Was ist das denn für ein Idiot?”, hetzten sie sogleich hinter mir los. Ein kleiner Junge wurde gegen mich geschubst und meine Hand an der Haltestange verkrampfte so sehr, dass die Knöchel weiß hervortraten.
“Machen Sie schon, ich habe nicht den ganzen Tag Zeit.”
Noch einmal versuchte ich, tief Luft zu holen und meinen Fahrkartenwunsch auszusprechen. City-Ticket. Das waren doch nun wirklich keine schweren Worte. Gefühlt hunderte Male hatte ich sie bereits in meinem Leben ausgesprochen. Doch sie wollten mir in diesem Moment nicht über die Lippen kommen.
Das Herz in meiner Brust schlug so heftig, dass ich Sorge bekam, es würde jeden Moment zerspringen. Das Klopfen dröhnte in meinen Ohren.
“Was wird das denn hier? Ich habe heute noch einen Termin.”, schimpfte ein kleiner, rundlicher Mann, der einen Jungen hinter sich herzog. Er drückte mich zur Seite und bezahlte seine Fahrkarte bei der Busfahrerin. Die Jungs hinter mir drängelten sich sofort nach ihm durch. Ich quetschte mich zurück nach draußen und vermied es, den Menschen ins Gesicht zu sehen. Ihre Blicke bohrten sich dennoch heiß und schmerzhaft in mein Gesicht, übergossen mich mit Unzufriedenheit und Beschuldigungen. Ich wagte es nicht, auch nur eine Sekunde nach oben zu sehen. Als die frische Luft mir endlich entgegen stieß, atmete ich mehrmals kräftig durch. Wenn ich doch nur hätte laufen können. Es regnete nicht und war sogar noch hell. Doch dann würde ich niemals ankommen, dachte ich und stellte mich mehr unfreiwillig als freiwillig ganz ans Ende der Schlange. Rasch lichtete sich die Reihe und ein Fahrgast nach dem anderen verschwand im Inneren des Busses. Schneller als erwartet stand ich wieder vor der Busfahrerin. Per Knopfdruck und mit einem zischenden Geräusch schloss sie die Türen hinter mir.
Was sollte das? Durfte ich jetzt nicht mehr raus?
Die Schulkinder hatten sich direkt die Plätze hinter der Fahrerin ausgesucht und fixierten mich mit neugierigen Blicken. Sie konnten ihr Lachen kaum unterdrücken. Ich wünschte, ich hätte einfach verschwinden können.
“Kopfnicken oder -schütteln werden Sie ja wohl hinkriegen. City-Ticket?”
Ich nickte.
“Na geht doch. Macht 1,20 €.”
Zitternd zog ich das Portemonnaie aus der Hosentasche. Es rutschte mir aus den schweißig-feuchten Händen und fiel zu Boden. Die Kinder kreischten vor Lachen und zeigten auf mich. Wenn es nicht noch alberner gewirkt hätte, hätte ich mich einfach auf den Boden gesetzt, die Knie zur Brust gezogen, den Kopf in den verschränkten Armen versteckt und darauf gewartet, dass es alles irgendwie ein Ende hatte.
“1,20 € bitte.” erinnerte sie mich noch einmal. Der Reißverschluss hakte beim Öffnen. Zudem drohte ein Schweißtropfen von der Stirn in mein rechts Auge zu laufen. Hektisch wischte ich ihn weg, wobei das geöffnete Portemonnaie erneut zu Boden fiel und das Kleingeld kreuz und quer durch den Einstiegsbereich rollte.
“Man, man, man. Sowas hab ich in 20 Jahren Berufstätigkeit noch nicht erlebt.” schimpfte die Fahrerin, trat aus ihrer Kabine und half mir beim Einsammeln der Münzen.
“Hier, die behalte ich gleich. 1,20€.” Sie zeigte mir ihre geöffnete Handfläche, auf der die Münzen lagen. Kaum sichtbar nickte ich. Aus ihrer Kabine reichte sie mir den Fahrschein und fuhr los, während ich mich auf den Weg durch den Bus machte. Die Blicke der restlichen Fahrgäste stachen wie tausende kleine Nadelstiche auf meiner Haut. Vor mir, hinter mir und neben mir hörte ich sie kichern und tuscheln. Unendlich lang erschien mir der Gang bis zum orangenen Stempelautomaten in der Mitte des Busses. Mit größter Mühe schob ich die kleine Karte in die vorhergesehene Öffnung. Es klickte so laut, dass ich mich am liebsten auf den Automaten geworfen hätte, damit sich nicht auch noch die letzten Fahrgäste umdrehten, die bisher kein Interesse an mir gezeigt hatten. Beim Herausziehen sah ich, dass der Stempel auf der falschen Seite war. Egal. Ganz sicher würde ich die Karte nicht ein zweites Mal stempeln. Sie wussten sowieso schon alle, dass ich der totale Trottel war. Ich steckte die Fahrkarte in die Hosentasche und ließ meinen Blick durch die Reihen schweifen. Ganz hinten im Bus saßen ein paar Jugendliche, die mich amüsiert ansahen und mir irgendetwas zuriefen. Ich bemühte mich, nicht hinzuhören. Mir gegenüber saß eine kleine, ältere Frau, die ihre Hände auf einen Gehstock stützte und mich mitleidig ansah. Vorne im Bus tummelten sich die kleineren Schulkinder, sowie Vater und Sohn. Wo war das geringste Risiko für mich? Die Jugendlichen konnten mich angreifen oder beleidigen. Sie waren zu viert, ich alleine. Auf keinen Fall wollte ich mich zu ihnen setzen oder auch nur in ihre Nähe kommen. Das Gelächter der kleinen Schulkinder drang mir bereits durch Mark und Bein. Ihr Gekicher und Getuschel würde nur für noch mehr Schweißperlen und Schnappatmung sorgen. Auch keine gute Idee. Vater und Sohn hatten mich bereits einmal vor allen blamiert. Zu ihnen wollte ich um keinen Preis der Welt. Blieb nur die ältere Frau. Was konnte sie mir schon tun? Außerdem saß sie mittig im Bus. Von allen Gefahrenquellen weit genug entfernt und so nah an einem Ausgang, dass ich an jeder Haltestelle in Sekundenschnelle hinausspringen könnte. Ich überlegte keine Minute länger und entschied mich für einen Platz vor der freundlich blickenden Omi. Sobald ich saß, rutschte ich tief nach unten und lehnte den Kopf an die kühle Scheibe. Meine Beine zitterten so sehr, dass die Schnallen meiner Schuhe ein lautes, klapperndes Geräusch erzeugten. Ich wünschte, ich hätte es abstellen können. Je mehr ich das wünschte, umso lauter wurde es. In meinem Rucksack suchte ich die Kopfhörer, doch ich fand sie nicht. Die Fahrt zu Tobis Haus dauerte ein paar Minuten, die ich ohne Musik nur schwer überstehen konnte. Es machte mich nervös, die Menschen um mich herum reden zu hören, ohne ihren genauen Wortlaut zu verstehen. Sicher sprachen sie über mich. Ich hatte mich wieder einmal wie der totale Vollidiot angestellt. Jedes Kleinkind konnte seine Fahrkarte besser kaufen als ich. Noch immer liefen mir vereinzelte Schweißtropfen von der Stirn. Auch unter meinen Armen triefte es. Wahrscheinlich konnten sie mich alle schon riechen. Verkrampft presste ich die Arme an meinen Körper und traute mich kaum zu atmen. Zu meiner Erleichterung stiegen die Jugendlichen der hinteren Reihe bereits eine Station weiter aus. Allerdings nicht, ohne vorher noch einmal in meine Richtung zu grinsen.
“Ein schöner Abend ist das heute, finden Sie nicht auch?”
Vorsichtig drehte ich mich nach hinten um. Die alte Frau nickte aufmunternd in meine Richtung. Ich nickte zaghaft zurück und drehte mich rasch wieder nach vorn.
“Sie reden wohl nicht so gerne?”
Warum hatte ich daran nicht gedacht? Alte Leute suchten doch immer jemanden zum Reden, jemanden, den sie einfach anquatschen konnten, dem sie auf die Nerven gehen konnten. Was sollte ich denn jetzt machen? Die letzte Sitzreihe war nun leer. Wenn ich schnell genug sein würde, könnte ich dorthin wechseln. Aber was würde sie dann von mir denken?
“Man muss ja auch nicht mit jedem reden. Das machen sie schon ganz richtig.” Ich drehte mich noch einmal halb zu ihr um und hoffte, dass sie an meinen verzogenen Mundwinkeln erkennen konnte, dass ich mich bemühte, sie anzulächeln.
‘Nächster Halt: Trabensen Markt’
Eigentlich war das eine Haltestelle zu früh. Vom Bahnhof aus lief ich etwa 5 Minuten zu Tobis Haus. Vom Markt allerdings mindestens eine Viertelstunde. Der Bus wurde langsamer.
“Sie haben sicher etwas Schönes vor. Als ich in ihrem Alter war bin ich jeden Samstag …”
Ich sprang aus dem Sitz als hätte mich etwas in den Hintern gestochen. Ohne die alte Frau anzusehen, kroch ich aus den Reihen und eilte den Gang entlang. Vor der hinteren Tür drückte ich mehrmals den ‘Halt!’-Knopf. Wenige Sekunden später hielt der Bus am Markt und ließ mich endlich frei. Die Last, die von meinen Schultern fiel, ließ mich gleich etwas aufrechter stehen. Endlich. Freiheit. Luft. Atmen. Was waren schon 15 Minuten Fußweg? Als der Bus wieder anfuhr, glitt mein Blick über die Fenster und blieb an der alten Frau hängen. Sie schüttelte verwundert den Kopf.
Der einzige Mensch in diesem Bus, der mich nicht von Anfang an für den größten Trottel gehalten hatte, bekam durch meine Flucht genug Potential, um es schnellstmöglich nachzuholen.
Erschöpft lief ich los.
Eigentlich hätte ich auch sofort wieder umdrehen können.

Im Kindle-Shop: Löwenflügel

Mehr über und von Thalea Storm auf ihrer Website.



22. Januar 2017

Lisa Torberg alias Monica Bellini

Lisa Torberg ist das typische Resultat der Beziehung zweier Menschen verschiedener Kulturen: polyglott und nirgends wirklich daheim. Oder eben überall. Schon als junges Mädchen ließ sie ihrer Fantasie in Schulheften freien Lauf – sehr zum Leidwesen ihrer Lehrer. Was lag da näher, als die Leidenschaft für das Schreiben weiterzuentwickeln?

Heute ringt sie dem Berufsleben immer mehr Zeit für die Autorentätigkeit ab, zieht die Ruhe dem Trubel vor und lebt teils in Italien, teils in ihrer englischen Heimatstadt London.

Sie vertritt die These der ungeschminkten Wahrheit, mag das Leben an der frischen Luft und das Meer. Allerdings nur im Winter oder wenn sie an Bord eines Segelschiffs ist, und nicht, wenn sie wie eine Sardine am Strand liegen muss.

Sie lebt und schreibt nach der Devise: „Die Liebe ist das einzige Spiel, bei dem es zwei Verlierer geben kann. Oder zwei Gewinner.”

Unter dem Pseudonym Monica Bellini schreibt Lisa Torberg prickelnde, sinnliche Liebesromane.

Weblinks: www.lisatorberg.com und www.monicabellini.com


Bücher von Lisa Torberg im eBook-Sonar:



Bücher von Monica Bellini im eBook-Sonar:




21. Januar 2017

'Das Licht von Ios' von Frank Morsbach

Andreas Harnach, Immobilienmakler und Bauunternehmer mit äußerst umstrittenen Geschäftsgebaren und festem Glauben an die eigene Integrität, wird in immer stärkerem Maße terrorisiert. Was relativ harmlos mit Sachbeschädigung beginnt, empfindet er schließlich als unmittelbare Bedrohung seines Lebens. Wer steckt dahinter? Ein geschäftlicher Konkurrent, der zu Mafia-Methoden greift?

Und welches Spiel spielt die geheimnisvolle, attraktive, kluge und letztlich spröde Journalistin Vera, der er völlig verfällt und dabei vom oberflächlichen Macho zum beinahe sympathischen und empfindsamen Menschen wird? Und was hat das alles mit einem fünf Jahre zurückliegenden Mordfall zu tun?

Der zunächst selbstbewusste Harnach jedenfalls verfällt durch den sich ständig steigernden Druck zu einem psychischen Wrack, bis er zuletzt doch noch zum entscheidenden Schlag ausholt, der alles auflöst und klärt.

Gleich lesen:
Für Kindle: Das Licht von Ios: Kriminalroman
Für Tolino: Buch bei Thalia

Leseprobe:
Wolf betrachtete das Bild. Er war seit mehr als zehn Jahren glücklich verheiratet und in seine Frau noch immer so verliebt wie am ersten Tag. Was empfand er beim Anblick einer 45-jährigen Frau mit Sonnenhut? Sie sah vollendet normal aus - weder hässlich noch besonders schön. Ihre Augen und ihre etwas spitze Nase waren eher klein, ihre Lippen recht schmal und ihre Augenfarbe lag irgendwo zwischen blau und grau. Sie war schlank und feingliedrig, und der Sonnenhut verlieh ihr eine poetische Note: ein Mensch, der nicht aufgehört hatte, mit kindlichem Ernst die Erfüllung seiner Träume einzufordern.
War es das alte Lied? Waren es die 6 Millionen und die Siebentausend, die er nicht hatte retten können? Nur so viel wusste er: Es ging um mehr als nur um das Häkchen, das man hinter einen Namen auf einer Liste setzte.
Wie sich alles zugetragen hatte, stand ihm klar vor Augen. Es war wie so oft Gier gewesen. Der Skrupellose hatte die Idee, und der Ängstliche wollte cool sein. An der Schwelle von Phantasie zu Realität muss er sich gefragt haben: Was mache ich hier? Aber alles war besprochen und geplant, und da musste er es durchziehen. Als sie sich abwandte, hat er zugeschlagen. Sie ist zusammengebrochen, hat dann - verwirrt und in panischer Angst - versucht davonzukriechen, aber er hat immer wieder zugeschlagen. Angeekelt von dem Blut und überrascht darüber, dass es so lange dauerte. Wahrscheinlich war er verärgert darüber, dass sie so langsam starb.
Es war feige, hinterhältig und erbärmlich, ein Verbrechen eben. Verbrechen und Verbrecher waren immer feige, hinterhältig und erbärmlich, nie groß und interessant. Das wusste Wolf. Er war schließlich schon lange genug dabei.
Wer der eine war, stand ohne jeden Zweifel fest. Aber nicht die kleinste Spur hatte zu dem anderen geführt. Fast fünf Jahre lang tappte Wolf im Dunkeln, aber er schloss den Fall nicht ab, in keinerlei Hinsicht. Manchmal, wenn er mit ihr spazieren ging, hatte er plötzlich das Bild vor Augen, das er jetzt in den Händen hielt. Gelegentlich musste er sogar lesen, wie einer der Mörder die Früchte seiner Tat unbehelligt genoss. Das schmerzte ihn geradezu körperlich.
Dann aber las er das Interview, in dem eindeutig etwas falsch war. Hier sagte jemand die Unwahrheit, und dafür gab es nun unendlich viele mögliche Gründe und nicht nur den einen, auf den es Wolf ankam. Trotzdem hatte er, seiner Intuition folgend, zu recherchieren begonnen und tatsächlich Anhaltspunkte gefunden, die in die erhoffte Richtung wiesen, auch wenn sie noch Lichtjahre von einem wirklichen Beweis entfernt waren. Er ordnete die Beschattung an, die aber noch keinerlei Ergebnisse gebracht hatte. Der Mann gab sich keine Blöße. Wenn er es wirklich war, dann musste er alles vollkommen verdrängt haben. War das überhaupt möglich, hatte sich Wolf gefragt, dann aber an SS-Verbrecher gedacht, die später ein ganz normales Leben geführt hatten. Sie hatten als geachtete Mitglieder der Gesellschaft gelebt, die freundlich waren, wenn man ihnen begegnete, freundlich, gesund und ausgeschlafen.
Wolf stand jetzt vor der Entscheidung. Entweder er ließ es sein, was ohne Zweifel für alle am einfachsten und bequemsten war, oder er ging aufs Ganze.

[…]

Er zog sich um, packte seine Tasche und öffnete die Tür zu ihrem Arbeitszimmer, wo sie saß und schrieb.
„Ich gehe laufen“, sagte er, „und danach in die Sauna.“
„Ich muss auch noch einmal weg“, entgegnete sie.
Er trat neben sie und küsste sie auf die Wange.
„Ich werde so gegen zehn wieder zu Hause sein.“
„Dann bin ich auch wieder da.“ Sie blickte nicht von ihrem Manuskript auf. Obwohl sie mit ihm sprach, blieb sie auf ihre Arbeit konzentriert. Sie war in diesem Moment nicht bei ihm.
„Also, bis heute Abend“, sagte er, aber als er schon in der Tür stand, rief sie plötzlich: „Arno, komm doch bitte noch einmal her."
Sie hatte sich umgedreht, lächelte ihn an, und er ging zurück an ihren Tisch, bekam einen zärtlichen Kuss auf den Mund, ein freundliches Ciao und machte sich nun endgültig auf den Weg.

[…]

Auf alle Fälle traf es sich gut, dass Manni und er die Einzigen waren, die noch in die Sauna gingen.
„Und?“ fragte Wolf, als sie einmal alleine vor sich hin schwitzten.
Grabert verzog das Gesicht.
„Was du da von mir willst... - An der Grenze der Legalität ist zurückhaltend ausgedrückt. Und das Geld. Woher soll ich das nehmen?“
Wolf schwieg.
„Und du bist sicher?“
„Er hat selbst nie einen Hehl daraus gemacht. Seine Arroganz war einzigartig. Alles an ihm hat mir gesagt: ‘Was willst du denn? Ich war’s, aber du kriegst mich nicht.’“
„Das macht dir immer noch schwer zu schaffen.“ Manni grinste.
„Kann sein“, sagte Wolf und stand auf.
„Ich geh jetzt raus.“
„Ich auch“, sagte Grabert und schloss sich ihm an.
Als sie sich im Außengelände abtrockneten und der Himmel über Cronenberg ein tiefes, dunkles Blau angenommen hatte, nahm Wolf den Faden wieder auf:
„Ich glaube nicht an Profis“, begann er. „Es ist nicht gerade einfach für einen Normalbürger, an einen Profi zu kommen.“
„Du würdest es anders machen?“ fragte Grabert.
„Natürlich. Ein Bekannter, zu dem der Kontakt mittlerweile praktisch abgerissen ist und dem das Wasser bis zum Halse steht.“
„Sie sind zusammen in die Schule gegangen?“
„Drei Jahre lang: Sexta, Quinta, Quarta.“
„Und wenn es doch ganz anders war?“
„Du meinst: der ominöse Einbrecher? Dann liege ich eben falsch.“
Grabert zögerte, er fixierte einen Punkt vor sich auf dem Steinboden und schien nachzudenken.
„Wer A sagt, muss auch B sagen“, drängte Wolf.
„Das ist ja fast schon Erpressung“, konstatierte sein Vorgesetzter.
Wolf grinste, und Grabert klopfte ihm auf die Schulter.
„Was würdest du eigentlich machen, wenn wir nicht alte Freunde wären?“
„Dann wäre alles viel schwerer, Manni.“
„Ich werde sehen, was ich tun kann“, sagte Grabert, „aber jetzt wird’s mir kalt.“
Nachdem Grabert gegangen war, blieb Wolf allein zurück.
Er blickte nach oben. Der Himmel war sternenklar. Ihn überkam ein kurzer, aber heftiger Anflug romantischer Gefühle, die er in dieser Nacht noch einmal würde ausleben können. Wie es auch kam: Er würde nie aufgeben. Nie!

Im Kindle-Shop: Das Licht von Ios: Kriminalroman
Für Tolino: Buch bei Thalia

Mehr über und von Frank Morsbach auf seiner Website.



20. Januar 2017

'Ruf des Südens' von Emilia Doyle

Nach einem Streit mit ihrem Freund Benjamin irrt Nathalie während eines Gewitters durch ein Neubaugebiet und stürzt in eine Baugrube. Als sie wieder zu sich kommt, sieht sie sich kurz darauf einem Reiter gegenüber, der sich als Hank Craven vorstellt. Verwirrt lässt sie sich von ihm auf seine Plantage bringen. Langsam begreift Nathalie, dass sie durch ein Zeitloch gefallen und im Süden der USA gelandet ist. Der Sklavenhandel blüht und das Land steht kurz vor dem Bürgerkrieg.

Trotz ihrer Furcht und der Sehnsucht nach ihrer Familie arrangiert sie sich mit der neuen Lebenssituation, stößt aber durch ihre unkonventionelle Art den Sklaven gegenüber auf Unverständnis. Sie zieht sich den Hass von Mathew, Hanks Stiefbruder und Besitzer der Plantage, zu, der sie beschuldigt, eine Hure zu sein oder gar der Abolitionistenbewegung anzugehören, die den Sklaven zur Flucht verhilft.

Nathalie, die ihre Herkunft nicht nachweisen kann, verliebt sich in Hank und steht hilflos Mathews Forderung gegenüber, seine Mätresse zu werden. Ansonsten würde er sie von der Plantage jagen.

Gleich lesen: Ruf des Südens: Zeitreiseroman

Leseprobe:
Ein monotones Rumpeln schallte vom Weg zu ihr herüber. Die Sicht war durch das Buschwerk am Wegrand verdeckt. Womöglich waren Forstarbeiter dort am Werke. Sie rief um Hilfe. Ihre Stimme wollte ihr anfangs nicht gehorchen, war wie belegt, doch nach mehrmaligem hartem Räuspern, hatte sie sie im Griff. Sie rief, so laut sie konnte, und winkte mit den Armen. Verwundert stockte sie, als sie einen alten Pferdewagen aus der Biegung kommen sah. Befand sie sich in der Nähe eines Reiterhofes? Ein Mann hockte in gebückter Haltung auf dem klapprigen Wagen und hielt die Zügel. Sie schluckte schockiert. Für einen Moment war sie gewillt, sich zu verstecken. Ihre Vernunft siegte über ihre Angst. Vermutlich könnte es Stunden dauern, bis sie der nächsten Person begegnete. Sie überwand sich und rief erneut um Hilfe. Das Gefährt stoppte. Der Mann schaute in ihre Richtung, machte aber keine Anstalten, zu ihr zu eilen. Stattdessen blickte er irritiert nach vorn und hinter sich, als müsse er sich vergewissern, dass tatsächlich er gemeint war.
„Bitte helfen Sie mir. Ich brauche Hilfe“, rief sie erneut.
Endlich sprang er von seinem Wagen und kam unsicher und ohne Eile auf sie zu.
„Was ist mit Ihnen passiert, Ma’am?“
„Ich … ich weiß es nicht. Ich denke, ich bin überfallen worden.“
Der Schwarze musterte sie zurückhaltend und schien nicht zu wissen, was er tun sollte. Nathalie schätzte ihn auf annähernd vierzig Jahre. Er war ärmlich gekleidet. Sein schmuddeliges, ehemals weißes Hemd stand bis zur Brust offen, die Ärmel waren hochgekrempelt. Dazu trug er eine grobe, dunkle Hose, die auch schon bessere Tage gesehen hatte.
Nathalie ignorierte seine schäbige Aufmachung. „Wo bin ich hier?“
„Nicht weit von Oakland, Ma’am.“
„Oakland?“ Sie hatte keine Ahnung, wo das sein sollte.
„Hat Ihr Pferd Sie abgeworfen, Ma’am?“
Pferd? Verständnislos starrte sie ihn an. Was stimmte mit dem Kerl nicht? Es wurde ihr unheimlich. Und warum gaffte er so, als sei sie ein Alien? Sie wollte so schnell wie möglich dort verschwinden.
„Bringen Sie mich einfach nur hier weg“, fauchte sie gereizt.
„Jawohl, Ma’am.“
Sie wollte aufstehen, Schwindel erfasste sie, stöhnend sank sie zurück. Der Schwarze kniete an ihrer Seite. „Sie sollten sich nicht bewegen. Haben Sie Schmerzen, Ma’am?“
Wenigstens war er freundlich, das hielt ihre Angst in Grenzen. Sie bemühte sich, um eine gleichmäßige Atmung, um den Schwindel und das flaue Gefühl im Magen zu unterdrücken.
„Sie haben Glück, da kommt Mr. Craven.“ Er erhob sich und winkte jemandem zu.
Nathalie hatte niemanden kommen gehört. Verwundert blickte sie zum Weg.
Ein Reiter stoppte hinter dem Pferdewagen. Der Mann saß ab und kam die Böschung heruntergeeilt. „Was ist hier passiert?“, wollte er wissen.
Der Schwarze verdeckte ihr mit seinem breiten Kreuz die Sicht. Mit wenigen Worten gab er dem Neuankömmling Auskunft.
Ein attraktiver Mann, ein Weißer, erschien in ihrem Blickfeld. Ein amüsiertes Grinsen huschte über seine Züge, als sich ihre Blicke trafen. Er musterte sie mit hochgezogenen Augenbrauen. „Wen haben wir denn hier?“
Nathalie konnte ihn nur verdutzt anstarren. Warum war er so merkwürdig angezogen? Drehten sie in der Nähe einen Film? Sie konnte sich schwach an einen Artikel in der Zeitung erinnern, in dem für einen historischen Film Statisten gesucht worden waren. Aber sollten die Dreharbeiten nicht erst im Herbst beginnen?
„Nun?“, hakte er nach.
„Mein Name ist Nathalie Brennan“, sie senkte den Blick, „und um Ihre Frage vorwegzunehmen, ich kann mich nicht erinnern, was geschehen ist.“
„Verstehe!“ Seine Belustigung war verschwunden. Er kniete sich neben sie und begutachtete ihren Kopf. „Sie bluten an der Schläfe.“
Erschrocken befühlte sie die Kopfseite. Das Blut war bereits angetrocknet. „Mein Kopf tut weh“, hauchte sie den Tränen nah.
„Das kann ich mir vorstellen. Sie müssen unverzüglich zu einem Arzt. Woher kommen Sie, Miss Brennan?“
„Aus Carlisle.“
Er sah sie mit gefurchter Stirn nachdenklich an. Der Mann hatte wunderschöne, klare Augen. Sie konnte nicht sagen, warum ihr gerade das auffiel. Verlegen wich sie seinem Blick aus.
„Bedaure, ich kenne diesen Ort nicht.“
„Er liegt zwischen den Städten Middletown und Dayton.“
Er schüttelte den Kopf. „Es sagt mir leider nichts, aber ich denke, das können wir auch später klären. Ich bin Hank Craven. Etwa zwei Meilen entfernt befindet sich die Plantage meiner Familie, dort wird man sich hinreichend um Sie kümmern.“
„Sie haben nicht zufällig ein Handy dabei?“
Er sah sie an, als hätte sie etwas vollkommen Irrsinniges gesagt. Qualvolle Sekunden ruhte sein eigenartiger Blick auf ihrem Gesicht, bevor er ihn abwandte und den Hang hinter ihr absuchte. „Waren Sie etwa ganz allein unterwegs?“
Sie wusste nicht, was sie ihm darauf antworten sollte und nickte lediglich.
Missbilligend schüttelte er den Kopf. „Das war sehr töricht.“
Hank Craven erhob sich und wandte sich dem Schwarzen zu, der einige Schritte zurückgetreten war. „Samuel, hast du eine Decke auf dem Karren?“
„Da müsste eine sein, Sir.“
„Gut, dann hol sie.“
„Mir ist nicht kalt“, erklärte Nathalie.
„Das glaube ich Ihnen. Aber in Ihrem sonderbaren Aufzug würden Sie zu großes Aufsehen erregen.“
„Was soll das heißen?“, empörte sie sich und sah an sich hinunter. Ihre Jeans wies seitlich am Oberschenkel ein paar Grasflecke auf und war teilweise etwas sandig. Kein Grund, sie deshalb zu beleidigen.
Sein Gesicht zeigte ein breites Grinsen und sein Blick maß unverhohlen ihren Körper.
„Mit Verlaub, Miss Brennan, Sie tragen Beinkleider.“
„Bein … was?“ Perplex starrte sie ihn mit offenem Mund an. In seinen Augen stand ein amüsiertes Funkeln. Allmählich wurde ihr die Sache zu dumm. Was bildete dieser arrogante Kerl sich eigentlich ein? Nur weil er offenbar zur Filmcrew gehörte und im Stil des neunzehnten Jahrhunderts gekleidet war, bedeutete es längst nicht, dass er sich auch so zu verhalten hatte. Sie gehörte nicht zum Team und ihr Auftritt stand nicht im Drehbuch. Ihr war weiß Gott was widerfahren, und der Kerl wagte es, sich lustig zu machen. Zorn stieg in ihr auf.
„Entschuldigen Sie, dass ich momentan nicht über Ihre primitiven Witze lachen kann, Mr. Craven“, zischte sie erbost. „Mein Schädel droht zu explodieren, und ich fühle mich gerade ziemlich miserabel. Also heben Sie sich derartige Scherze für einen anderen Zeitpunkt auf.“ Verärgert sprang sie auf die Beine. Sogleich begann sich alles um sie herum zu drehen.
„Miss Brennan!“
Sie spürte seine Hände an ihrem Körper; sie registrierte es wie in Trance. Augenblicke später hob er sie in seine Arme und marschierte mit ihr, anscheinend mühelos, die Böschung hinauf.

Im Kindle-Shop: Ruf des Südens: Zeitreiseroman

Mehr über und von Emilia Doyle auf ihrer Facebook-Seite.



19. Januar 2017

'Jungfrau, männlich, Single, mit Teddy' von Harald Schmidt

Alfred Reimann … dreiunddreißig, Single, gut aussehend … Jungfrau.

Bis heute lief das Leben des liebenswerten Finanzbeamten und seiner Teddydame Bienchen in geordneten Bahnen. Noch weiß er nicht, dass sich dieser Zustand mit dem Einzug der süßen Nachbarin Verena ändern wird. Seine Mutter ist davon alles andere als begeistert, denn in ihren Augen wollen junge Frauen wie Verena nur das Eine. Und dieses Chaos wird sie zu verhindern wissen!

Mithilfe von Verena und dem kauzigen Pfarrer Hollerberg stolpert Alfred in das eine oder andere Abenteuer. Ob er auf den Reisen sein Glück findet, bleibt abzuwarten ...

Ein rasanter Liebesroman mit dem gewissen Schmunzelfaktor.

Gleich lesen: Jungfrau, männlich, Single, mit Teddy

Leseprobe:
Dieser Tag und ich ... keine gute Basis für eine bleibende Freundschaft. Nichts deutete darauf hin, dass sich mein ruhiges Leben von Grund auf ändern sollte. Mama hatte mir schon seit frühester Jugend eingebläut, dass unnötige Hektik direkt nach dem Erwachen den gesamten Tagesablauf vorherbestimmen würde, und ich mit einer entsprechenden Ruhe und Zurückhaltung sogar einem Infarkt wirksam vorbeugen könnte.
Vorsichtig öffnete ich ein Auge, um befriedigt festzustellen, dass mein Biorhythmus exakt wie ein voreingestelltes Uhrwerk funktionierte. Perfekt, es war sechs Minuten vor Sieben. Mit dem Zweiten registrierte ich, dass sonnenangereichertes Tageslicht durch die Schlitze der Jalousie drang. Der erwachende Morgen begrüßte mich, den unermüdlich werkelnden Angestellten der örtlichen Finanzbehörde, auch heute mit all seiner Pracht. Genüsslich gähnend reckte ich die steifen Glieder. Meine Fingerspitzen berührten das samtweiche Fell der besten, allerdings auch einzigen Freundin. Bienchen, die Plüschbärin, saß wie immer am Kopfende, denn sie hatte sich zur Aufgabe gemacht, in der Nacht den Schlaf ihres Herrn und Gebieters zu bewachen.
Nach dem obligatorischen dicken Kuss auf ihr Schnäuzchen hockte ich mich abwartend auf die Bettkante. Mama hatte davor gewarnt, mich allzu schnell zu erheben. Sie meinte, dass mein Blut schließlich Zeit benötigt, um sich gleichmäßig im Körper zu verteilen ... zumindest so ähnlich. Den geübten Slalom um das Bügelbrett am Bettende und die Schuhberge im Dielenbereich schaffte ich unfallfrei, das war reine Routine. Mit noch halb geschlossenen Augen tastete ich vorsichtig nach dem Toilettendeckel. Die Blase wurde, begleitet von einem erlösenden Aaah, vom übermächtigen Druck befreit. Als ausgebildeter Sitzpinkler konnte ich Urinspritzer in der Toilettenumgebung vermeiden, die so manche Ehefrau sicher zur Weißglut trieben. Mama hatte mich einmal stehend erwischt, was dazu führte, dass sie mich das Bad wischen ließ ... eine ganze Woche lang.
Geschickt bückte ich mich unter dem vorstehenden Kleiderhaken der Garderobe durch und erreichte ohne Blessuren die Küche. Der Geruch abgestandener Essensreste, die in Töpfen und auf Tellern dem möglichen Reinigungsprozedere entgegensahen, schlug mir entgegen. Jahrelanges Training der Nasenschleimhäute erstickte den aufkommenden Würgereiz im Keim.
Während ich mein Müsli löffelte, das am heutigen Tag einen hohen Nussanteil enthielt, ließ ich den neuen Tag im Geiste ablaufen. Für den Vormittag hatte ich mir Freistunden genommen, um dringende, private Angelegenheiten zu erledigen. Dienstbeginn war also erst um dreizehn Uhr. Heute Morgen war Stufe eins der Körperpflege angesagt, zu der unter anderem das Zurückschneiden der Fußnägel und der Augenbrauen anstand. Danach Geld von der Bank holen, Blumen kaufen und nach der Arbeit das Traum-Finale: Abendessen mit Verena. Ich musste nicht lange nachdenken ... nein, es war mein erstes Date.
Als sie sich gestern einen kleinen Prüf-Schraubendreher auslieh, überraschte sie mich mit der Einladung. Sie ließ sich nicht dazu überreden, die Serienschaltung der Dielenbeleuchtung einem ausgebildeten Elektriker zu überlassen. Ich konnte mich nicht anbieten, da für mich das Arbeiten am Stromnetz mit Todessehnsucht gleichzusetzen war. Aber solche Kleinigkeiten erledigte Frau selbst, war ihre Devise ... Hochachtung. Die Zaubermaus Verena wohnte seit zwei Wochen eine Etage unter mir. Seitdem saß ich des Öfteren in der Küche und starrte auf den Fußboden, so als könnte ich durch die Decke sehen. Im Geiste sah ich sie genau unter mir sitzen, das Gemüsemesser geschickt über die festkochende Grata-Kartoffel führend, und vergnügt Wolle Petrys Erfolgshit Der Himmel brennt summend.
Bisher hatte ich nie den Mut gefunden, sie anzusprechen, obwohl sie mich stets freundlich grüßte. Solange ich denken konnte, hatte sich Mama alle Mühe gegeben, mich vor diesen berechnenden, jungen Biestern zu warnen. Sie hätten es immer nur auf das Eine abgesehen. Weitere Erklärungen blieb sie mir nach dieser Feststellung schuldig. Ihren Rat hatte ich in den letzten dreiunddreißig Jahren konsequent beherzigt. Grundsätzlich war ich damit bisher gut gefahren. Die Enttäuschungen, von denen meine Arbeitskollegen häufig am Mittagstisch berichteten, waren mir bis heute erspart geblieben. Meinen Tagesablauf wollte ich nicht fremdbestimmen lassen. Mein Leben lief perfekt. Ja, wenn da nicht ...

Verena fiel einfach vom Himmel. Engelgleich war sie neben dem Möbelwagen aufgetaucht und hatte mich allein durch ihr Lächeln in eine andere Galaxie geschleudert. Nach dem Zusammenprall wurde meine gestotterte Entschuldigung von einer noch nie vorgekommenen Körperstarre begleitet. Ich hätte mich dafür ohrfeigen können, weil ich sie den Inhalt der heruntergefallenen Einkaufstüte selbst aufheben ließ. War es das, wovon Kollegen in den Pausen immer wieder berichteten? Waren das alles Hormone, die sich plötzlich im Körper verteilten, wie eine ansteckende Krankheit ... ein gefährlicher Virus? Wenn ja, war es zumindest nicht unangenehm. Mama könnte sich ja auch dieses eine Mal getäuscht haben. Sie hatte schließlich auch immer behauptet, dass Frauen viel sparsamer seien als Männer. Die Behauptung stand nur solange, bis ich abends, nach einer feucht-fröhlichen Geselligkeit, die Tür zum Bad mit ihrem Schuhschrank verwechselte. Sie versuchte, die immense Anzahl an Pumps damit zu erklären, dass sie lediglich die Grundausstattung einer verheirateten Frau ihr Eigen nannte. Ich hatte nie gefragt, wie Papa das mit seinem Gehalt hat finanzieren können.
Beim Einzug half ich Verena, die schwere Bodenvase in die Wohnung zu tragen. Da geschah es zum ersten Mal. Als sie sich mit diesem besonderen Lächeln und dem flüchtigen Wangenkuss bei mir bedankte, rebellierte mein Bauch. Da war etwas durcheinander geraten, es flatterte eine Armee von ... ja, es mussten Schmetterlinge sein, da war ich mir sicher. Fortan tauchte Verena wieder und wieder vor meinem geistigen Auge auf. Sie schob sich immer öfter vor Mamas strenges Gesicht, was ich als absolut positiv einstufte. Ich hätte dieses Wesen aus dem Gedächtnis zeichnen können.
Mein absoluter Hit ab diesem so bedeutenden Tag wurde Living next Door to Alice. Smokie vergötterte ich schon immer, jetzt bekam Chris Norman die Seligsprechung. Allein die Existenz dieser Frau stellte mein gewohntes Leben komplett auf den Kopf. Das Fell der Teddydame Bienchen hatte den Geruch meines neuen Rasierwassers nun ebenfalls ange-nommen, was sie jedoch mit stoischer Ruhe tolerierte. Schließlich ging es ja um das Wohl und das Glück ihres Papas. Das Chaos in der Zweieinhalb-Raum-Wohnung war überschaubarer geworden, sogar die Bettwäsche wurde jetzt schon rein prophylaktisch alle drei Wochen gewechselt. Es tauchten plötzlich Tätigkeiten auf der To Do-Liste der Hausarbeiten auf, die zuvor von mir sträflich vernachlässigt wurden. Die Umräumarbeiten bedeuteten allerdings für mich als Gewohnheitstier eine komplette Neuorientierung in der Wohnung. Vieles befand sich nicht mehr an dem angestammten Platz. Das Unterbewusstsein, sogar die motorischen Bewegungsabläufe, erfuhren ein komplettes Reset.
Für mich wäre mein folgendes Leben wohl anders verlaufen, wenn ich, wie gewohnt, die Gummimatte beim Duschen in die Wanne gelegt hätte. Als ich das Versäumnis bemerkte, war es bereits zu spät. Unheilig lieferte den aktuellen Ohrwurm Geboren um zu leben, der mich zu Bewegungen verleitete, die ausschließlich für trockenen, stumpfen Untergrund geeignet waren. Meine angeborene Motorik war mit diesen Tanzeinlagen völlig überfordert, die Wanne außerdem zu glatt. Das dumpfe Geräusch der aufschlagenden Stirn auf dem Wannenrand bildete den Abschluss einer ungewollten Pirouette, die mindestens die Traumnote neun auf der Wertungsskala erlangt hätte. Da es unter der Stadt Essen häufiger zu Stolleneinbrüchen kam, störte sich auch jetzt niemand im Haus an den Erschütterungen, die nach kurzer Zeit wieder verebbten. Als ich nach wenigen Sekunden das Bewusstsein wiedererlangte, orientierte ich mich in dem beigegekachelten Badezimmer neu. Da ich den Ellenbogen während meiner kurzzeitigen, geistigen Abwesenheit auf den Auslauf gedrückt hielt, hatte sich das Wasser schon einige Zentimeter aufgestaut. Mit einem zufriedenen Gluckern nahm es nun den gewohnten Weg und ich wälzte mich über die Wannenkante auf die Badematte, die meinen Aufprall wohlwollend abfederte. Die starke Blutung versuchte ich, mit einem Handtuch zu stoppen. Allein die Vorstellung, bereits hektoliterweise dieses wichtigen Lebenssaftes verloren zu haben, brachte mich an den Rand einer erneuten Ohnmacht. Der verspätete Schrei zerriss zwar die Stille des Bades, befreite mich aber auch von der eingetretenen Angststarre.
Vor dem Spiegel betrachtete ich den ange-richteten Schaden genauer. Gut, ich konnte mein lockiges Deckhaar in die Stirn ziehen, damit die Wunde verstecken ... aber das war auf Dauer auch keine Lösung. Meine braunen Augen wirkten heute nicht so klar und selbstsicher, wie ich es gewohnt war. Ich gewann sogar den Eindruck, dass ich durch die abnormale Schonhaltung geschrumpft wirkte. Mama war immer so stolz darauf, wenn sie meine einhundertneunzig Zentimeter Größe vor Bekannten als Wertemaßstab anführte. Sie meinte, dass große Männer viel erfolgreicher durchs Leben gingen, mehr Türen für sie offenstanden. Nun denn, sie mochte damit recht gehabt haben, denn das hiesige Finanz-amt, in dem ich tätig war, hatte wirklich ein imposantes Portal.
»Fuck, wie sieht das denn aus? So kann ich mich doch nirgendwo sehen lassen. Verdammt, verdammt.«
Ich mochte mich ja täuschen. Aber dieses Grinsen in Bienchens Gesicht war vorher weniger intensiv und nicht derart spöttisch. Zur Strafe drehte ich das Plüschtier mit dem Gesicht zur Wand und marschierte gespielt beleidigt zum Erste-Hilfe-Kasten. Nachdem ich die Varianten Nähen und Tackern ausgeklammert hatte, richtete sich mein Blick auf den Zwei-Komponenten-Kleber. Jedoch der beißende Geruch des Lösungsmittels ließ mich auch diese Methode als ungeeignet einstufen. Schlichtes Pflaster musste in diesem Fall genügen. Solange es sich bei Krankheiten nicht um die gefürchtete und todbringende Männergrippe handelte, vermied ich konsequent den Besuch einer Arztpraxis. Das sollte sich in diesem speziellen Fall rächen.

Im Kindle-Shop: Jungfrau, männlich, Single, mit Teddy

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