6. Dezember 2017

'Ich war noch niemals in New York' von Heidrun Böhm

Lieben Sie Autobiographien, liebe Leserinnen und Leser? Dann bietet Ihnen dieses Buch etwas ganz Besonderes. Nicht ein B oder C Promi hat es geschrieben oder besser gesagt, schreiben lassen, sondern eine alleinerziehende Mutter, die ihr Leben immer wieder ‚in den Griff‘ bekommen musste.

Sie erzählt in einem einfühlsam geschriebenen Stil ihr Leben auf der schwäbischen Alb von der Kindheit bis heute. Sie erzählt, wie sie immer wieder die falschen Männer getroffen hat, wie sie manchmal verzweifelt war und sich doch immer wieder ‚am eigenen Schopf‘ aus allen Tiefen des Lebens gezogen hat. Sie beschreibt auch die glücklichen Stunden, Tage und Monate ihres Lebens.

Das Buch richtet sich vornehmlich an alle alleinerziehenden Frauen und Männer aber auch an alle Freunde von Biographien, die genug haben von den erfundenen Geschichten, die Ghostwriter unseren mehr oder weniger prominenten Zeitgenossen angedichtet haben. Dieses Buch hat das Leben geschrieben und die Autorin hat es auf wunderbare Weise zu Papier gebracht.

Gleich lesen: Ich war noch niemals in New York: Autobiographie

Leseprobe:
Ich glaube nicht, dass ich wieder gesund werde. Bitte verzeiht mir, dass ich gehen möchte, in eine andere, bessere Welt. Dort werden wir uns wiedersehen. Ohne Schmerzen, ohne Ängste, und vor allen Dingen, ohne dass ich jemandem zur Last fallen muss. Ich habe getan, was ich für euch tun konnte. Gott, an den ich fest glaube, wird mich aufnehmen. Ich umarme euch. Denkt an mich, betet für mich. Eure Mutter und Oma, die euch sehr liebt.

Meine Mutter war eine Frau, die niemals klagte. Aufgewachsen in den Wirren des zweiten Weltkrieges, Flakhelferin war sie gewesen am Ende des Krieges. Danach heimgekommen, um nach einem Fliegerangriff auf ihre Heimatstadt die Trümmer ihres Elternhauses zu beseitigen. Gesehen, wie ihre eigene Mutter an Krebs starb, und erlebt, wie ihr Vater sich danach an sie klammerte, sie nicht loslassen wollte. Einen Mann geheiratet, der wegen einiger Diebstähle ins Gefängnis kam und sie vergewaltigte. Drei Kinder hatte sie ihm geboren, eines davon war geistig behindert.

Nach der Scheidung von meinem Vater hatte sie als Alleinerziehende ihr Leben gemeistert, war immer arbeiten gegangen. Das vierte Kind, das sie gebar, war ein Kuckuckskind. Sein Vater verstarb bei einem Autounfall.
Auch dieses Kind war ihr willkommen.
Später musste sie den frühen Tod ihres Sohnes akzeptieren. Lange Zeit war mir nur sein Leiden in Erinnerung.
Ich weinte, weil mein Bruder seine Begabung vergeudet hatte, weil ein vielversprechender Mann sich selbst zerstört hatte. Ich weinte um den Bruder, den ich einmal geliebt hatte. Mutter war monatelang zutiefst verzweifelt. Sie fand ihr geistiges Gleichgewicht wieder. Verarbeiten konnte sie diesen Verlust nicht. Sie genoss nun ihren Ruhestand und war gewöhnlich sehr aktiv.
Ich wohnte mit meinem Freund Karl-Heinz hundert Kilometer von ihrem Heimatort entfernt, hatte hier meine Arbeitsstelle.
Mutter und ich hatten eine Vereinbarung getroffen: Einmal wöchentlich telefonieren wir. Seit zwei Wochen hatte sie sich nicht gemeldet. „Mir geht es gut, du brauchst nicht zu kommen“, sagte sie, als ich sie erreichte. Ihre Stimme verlor den Halt, sie nuschelte.
Vor einiger Zeit war ich bei ihr gewesen, ich sah, dass es ihr nicht gut ging. Sie war aufgrund ihrer Arthrose in Behandlung und lehnte es ab, sich ein neues Kniegelenk einsetzen zu lassen. Ihr Körper war zusammengeschrumpft. Das Gehen fiel ihr schwer. Ihr, der Frau, für die es nichts Schöneres gab, als lange Wanderungen zu machen.
„Der Arzt hat alles unter Kontrolle, mach dir keine Sorgen“, sagte sie knapp. „Ich komme morgen“, entgegnete ich kurzentschlossen und legte den Hörer auf. Einige Zeit später rief mein Sohn an. Er wohnte im selben Ort wie seine Oma und hatte den Auftrag, ab und zu nach ihr zu sehen. „Die Oma macht mir die Tür nicht auf“, sagte er bestürzt.
Ich versuchte, ihn zu beruhigen, antwortete ihm, ich käme am nächsten Tag. Dann dachte ich an meine Schwester Gabi, das Kuckuckskind, die nur hundert Meter von meiner Mutter entfernt wohnte.
Sie und Mutter waren seit Jahren zerstritten, was meine Schwester auch auf mich bezog, obwohl ich mit diesem Streit nichts zu tun hatte. Ich hatte ihr einen Brief geschrieben, ihr geschildert, dass es Mutter schlecht ging, sie gebeten, nach ihr zu sehen. Eine Antwort bekam ich nicht. In all den Jahren, in denen sie verheiratet war, kam nie eine Antwort von ihr, wenn ich ihr geschrieben hatte. Es ist verdammt einfach, sich nicht zu melden, dachte ich. Die Telefonnummer meiner Schwester hatte ich, sollte ich sie anrufen? Ich entschied mich dafür, es nicht zu tun. Es machte keinen Sinn. Sie würde das Gespräch nicht annehmen, wenn sie bemerkte, dass ihre Stiefschwester am Telefon war. Karl-Heinz kam von der Arbeit nach Hause. Ich erklärte ihm, was passiert war. „Ich würde dich heute Abend noch zu deiner Mutter bringen, aber ich muss morgen wieder zeitig aufstehen“, sagte er. Das wollte ich ihm nicht zumuten. Ein Zug fuhr heute nicht mehr, und ich hatte keinen Führerschein. Sicher würde es reichen, wenn ich am nächsten Tag zu ihr ging.

Am nächsten Tag machte ich mich früh auf den Weg zum Bahnhof, fuhr mit der ersten Bahn. Während der Zug über die Schienen ratterte und ich ruhelos in einer Zeitschrift blätterte, dachte ich: Mutter wird mir die Tür aufmachen und fragen: „Warum kommst du?“ Und ich würde antworten: „Du machst mir Sorgen, warum gehst du nicht ans Telefon, wenn dein Enkel anruft? „Mutter würde lachen, mich einen Angsthasen nennen und erklären, sie sei bestimmt außer Haus gewesen, als ich angerufen habe. Sie würde mich umarmen und sagen: „Komm herein, ich mache uns Kaffee.“ Ich würde ins Wohnzimmer gehen, mich in den alten braunen Sessel am Kamin setzen und mit Mutter über Gott und die Welt diskutieren, so wie wir es immer getan hatten.
Am Ziel angekommen, nahm ich mir ein Taxi. Wenig später stand ich vor der Haustür und drückte auf den Klingelknopf. Niemand kam, keiner öffnete mir. Ich starrte durch die gläserne Tür, die zum Schutz vor Einbrechern in einen hölzernen Rahmen eingefasst war. Wieder klingelte ich. Bei meinem letzten Besuch dauerte es länger, bis Mutter öffnete, bis sie sich aufgerafft hatte und zur Tür gekommen war.
Die Minuten dehnten sich zu Stunden. Ich hatte keinen Schlüssel. Die
Nachbarin müsste einen Schlüssel haben. Die Nachbarin, diese kleine, agile Frau mit dem grauen Haarschopf und dem großen Mundwerk, die bei meiner Mutter putzte und ihr im Haushalt zur Hand ging. Mutter kam gut mit ihr zurecht. Infolgedessen machte ich mich auf den Weg zu ihr.
„Ihre Mutter öffnet mir die Tür nicht, sie reagiert auch nicht auf meine Anrufe, deshalb dachte ich, sie ist vielleicht verreist oder gar im Krankenhaus, da es ihr in letzter Zeit nicht gut ging“, sagte sie. Ich bedankte mich und versprach ihr, sie zu benachrichtigen. Meine Hand zitterte, als ich die Haustür aufschloss. Mein Herz klopfte laut. Im Haus war es totenstill. Keine Musik aus dem Radio, kein: „Hallo, wer ist denn da?“ Kein Lebenszeichen. Ich ging ins Wohnzimmer, sah dort unter dem Tisch meine Mutter liegen, bückte mich, ging in die Knie, strich ihr über das Gesicht, redete mit ihr. Sie reagierte mit einem leichten Lächeln, konnte aber nicht mehr sprechen, schien in einer anderen Welt zu sein, in die ich ihr nicht folgen konnte. „Ich hole Hilfe“, sagte ich, stand auf, und rief im Krankenhaus an.

Im Kindle-Shop: Ich war noch niemals in New York: Autobiographie

Mehr über und von Heidrun Böhm auf ihrer Website.



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