12. April 2017

'Chin up, Nina!' von Elli Minz

Nina und Sally sind zwei Freundinnen aus Köln, die sich bereits seit der Kindergartenzeit kennen. Sie träumen schon ewig davon, den Laufsteg zu erobern, und bekommen nun die einmalige Chance, in einer renommierten Modelagentur zu arbeiten.

Voller Elan stürzen sie sich in das neue Leben in der Nachbarstadt. Es dauert nicht lange, bis Nina ihre beste Freundin kaum wiedererkennt. Die vielfältigen Versuchungen, die das Modelleben mit sich bringt, offenbaren bei Sally Charakterzüge, die Nina nie für möglich gehalten hätte.

Jonas, ein philosophierender Taxifahrer, verliebt sich Hals über Kopf in Nina. Und weil er weiß, dass sie in einer völlig anderen Liga spielt, bringt er nicht den Mut auf, ihr seine Gefühle zu offenbaren. Er fängt an, der Unerreichbaren Liebesgedichte zu schreiben …

Ob der introvertierte Jonas mit seinen Versen bei der verträumten Nina punkten kann?

Gleich lesen: Chin up, Nina!

Leseprobe:
Nina fragte sich beim Betreten des Lifts, ob sie verrückt geworden war. Sei hatte nach dem Aufstehen eine knappe halbe Stunde damit verbracht, den Brief anzustarren. Das Gedicht konnte sie längst auswendig und trotzdem freute sich bei jedem Durchgang aufs Neue. Die Zweifel vom Vortag waren passé, ihre Motivation, den Urheber des Textes ausfindig zu machen, umso größer.
Ihre Laune verbesserte sich sogar noch, als sie Jonas am Wagen stehen sah. Er stand mit dem Rücken zu ihr und schien entweder die Natur auf der gegenüberliegenden Straßenseite zu genießen oder er beobachtete lediglich das streitende Pärchen an der Bushaltestelle. Unwillkürlich drehte sie den Kopf und sah oben am Fenster wieder den alten Mann mit dem Militärhaarschnitt. Er hielt seinen Feldstecher in den knochigen Händen, als hinge sein Leben davon ab. Sie schüttelte den Kopf und grinste, als sie sich Jonas näherte.
»Na, gut geschlafen?«, rief Nina fröhlich.
Jonas drehte sich zögerlich um und als sie sein Gesicht sah, wusste sie, warum.
»Was ist denn mit dir passiert?«, sagte Nina erschrocken. »Lange Nacht?«
Jonas rieb sich die Augen und nickte bloß.
»Deine Augen ... bist du gegen irgendwas allergisch?«
»Äh, nein, nicht wirklich. Wird vom Fahrtwind kommen.«
Nina nickte und als Jonas sich nicht vom Fleck bewegte, stemmte sie die Hände in die Hüften.
»Wir haben außerdem Herbst. Das Grün dahinten wird bald weiß«, fügte Jonas verträumt hinzu.
»Bist du sicher, dass du fahrtauglich bist? Du siehst ein bisschen krank aus, finde ich. Hast du Fieber?«
Sie ging um den wuchtigen Kofferraum herum, und bevor Jonas antworten konnte, befühlte sie seine Stirn.
»Hm. Nichts. Na ja, du hast mir deine Frage noch nicht beantwortet.«
»Ich hab nicht wirklich geschlafen, aber wenn ich dir den Grund erzähle, nickst du vor Langeweile vermutlich sofort wieder ein.«
»Jetzt will ich es doch umso eher wissen!«
»Wollen wir?«, bot Jonas an und hoffte, dass sie sich nicht wieder in sein Gefühlsleben verbiss wie ein tollwütiger Pitbullterrier.
»Mann, du bist heute wirklich lahm. Vielleicht holst du dir noch schnell einen Kaffee.«
»Hast du es eilig?«
»Nein, aber ich mag es nicht, wenn ich auf den letzten Drücker komme. Was gab’s denn gestern zu feiern?«
Jonas startete endlich den Wagen und tippte auf dem Navi die Adresse an, bei der er Nina absetzen sollte.
»Ein Kumpel ist vorbeigekommen. Wir haben uns irgendwie festgequatscht.«
»So so. Ein Kumpel.«
»Ich glaube, du hast ihn vor ein paar Wochen hier am Telefon gehört. Felix? Sagt dir das was?«
»Der geniale DJ?«
»Äh, Felix ist DJ, ja.«
»Ich war ewig nicht mehr Feiern«, sagte Nina leise.
»Am Wochenende legt Felix im Sakurito auf.«
Er biss sich verzweifelt auf die Zunge. Es war ihm ein Rätsel, wie er es immer wieder ganz allein schaffte, sich ins Abseits zu befördern.
»Cool. Am Wochenende hab ich frei.«
»Super«, erwiderte Jonas. Die Vorstellung, dass ihm am Ende nicht Marc Nina wegschnappte, sondern sein bester – und einziger – Freund, war relativ ernüchternd.
»Wieso? Musst du etwa arbeiten?«
»Was? Nein, ausnahmsweise mal nicht. Aber du glaubst doch nicht ernsthaft, dass ich mitkomme.«
»Doch, glaube ich. Du kommst mit. Sally hat garantiert auch Lust. Das wird ein Riesenspaß!«
Jonas vermied es, sie anzuschauen.
»Was ist? Bist du dir für ein bisschen Tanzmusik zu schade? Moment, was legt Felix eigentlich auf?«
»Techno, House und so einen Müll«, sagte Jonas zerknirscht.
»Ach, das wird lustig. Ich war in dem ersten Jahr nach dem Abitur ziemlich viel in Kölner Clubs unterwegs. Auch wenn ich mich nicht an alle Details erinnern kann – es hat sehr viel Spaß gemacht. Mich wundert’s, dass Sally den Laden noch nicht entdeckt hat.«
Jonas brummte bloß. Dann piepste das Navi.
»Wow, das ging flott.«
»Ja, schon. Eigentlich hättest du locker zu Fuß gehen können.«
Und wieder verfluchte Jonas, dass er überhaupt je geboren worden war. Sie boxte ihm auf die Schulter und er wusste, dass er den blauen Fleck verdiente.
»Du spinnst wohl. Aber du hast eine lange Nacht hinter dir, also verzeihe ich dir.«
»Zu gütig. Ich schmeiß dich hier an der Seite raus, okay? Einen Parkplatz findet man hier so gut wie nie.«
»Kein Problem.«
Nina nahm ihre Handtasche und ihren Schal und war schon halb ausgestiegen, als sie sich wieder umdrehte.
»Wie nennt sich Felix als DJ eigentlich?«
»Hä?«
»Sein Künstlername. Womit er auftritt.«
Hinter ihm hupte jemand, und als Jonas in den Rückspiegel sah, entdeckte er knapp fünfzig Meter entfernt seine Lieblingspolitesse, die sich mit energischen Schritten näherte.
»Sorry, ich muss los«, blaffte er und Nina konnte gerade noch ihren Schal retten, als Jonas die Tür von innen zuriss und aufs Gaspedal trat.
»Was zum Teufel?«, flüsterte Nina.
Als sie sich auf sicherem Grund befand, wurde der Straßenlärm hinter ihr zu einem undeutlichen und unwichtigen Rauschen. Vor ihr stand das bis dahin wichtigste Gebäude ihrer Karriere.
Das pompöse Logo des prestigeträchtigen Verlagshauses prangte in leuchtenden Lettern an der Außenwand. Auf Nina wirkte der in pink gehaltene Schriftzug jedoch nicht sonderlich einladend.

Im Kindle-Shop: Chin up, Nina!

Mehr über und von Elli Minz auf ihrer Website.



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