24. November 2017

'Herbstfunkeln (Cornwall Seasons 1)' von Cara Lindon

»Cornwall tut den Augen und der Seele gut«, sagte Grandma, »… und es heilt gebrochene Herzen.«

Mann weg, Job weg, Wohnung weg – kurz vor ihrem 30. Geburtstag hat Alys alles verloren. Zutiefst unglücklich kehrt sie zurück ins romantische Cornwall, ins Haus ihrer Großmutter. Mit Schokolade, Büchern und ihren besten Freundinnen versucht sie sich zu trösten, aber das Leben erscheint ihr leer.

Um nicht mehr so allein zu sein, adoptiert sie Mr. Cat, einen missmutigen Kater aus dem Tierheim. Gerade hat Alys sich ihrem Dasein als einsame Katzenfrau abgefunden, treten zwei Männer in ihr Leben: der sympathische Jory, mit dem Alys lachen kann, und der erfolgreiche Daveth mit den stahlgrauen Augen, der sie verwöhnt.

Das Gefühlschaos ist perfekt. Nun muss Alys sich entscheiden: Kann sie ihrem Herz vertrauen oder steht ihre Vergangenheit ihrem Glück im Weg?

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Leseprobe:
Zum dritten Mal versuchte Alys Brände auf Borneo, den zweiten Roman der Jezebel-Bligh-Serie, aus dem Regal zu ziehen, aber ihre zitternden Finger glitten am Buchrücken ab. Wie konnte das nur geschehen? Was hatte sie verbrochen, dass ihr ganzes Leben wie ein Kartenhaus in sich zusammengestürzt war?
Die anderen Zutaten für ihre heutige private Trauerfeier lagen auf dem Couchtisch bereit:
- Schokolade
- Southern Comfort und Ginger Ale
… und eine Packung Taschentücher, weil sie weinen musste.
Mit verschwommenem Blick sah sie sich um. Alles in dem vertrauten Cottage erinnerte sie an ihre Grandma, vor allem die Fotos an den Wänden und über dem Kamin. Sie ging zu dem Schnappschuss, den sie am meisten liebte: Grandma und sie in London während einer Einkaufstour.
»Hier habe ich gewohnt, als ich noch jung war.« Grandmas Augen hatten geleuchtet, als sie auf ein unscheinbares Haus in der Carnaby Street deutete. »Wilde Zeiten waren das. Bis ich deinen Großvater kennenlernte.«
»Warst du ein Groupie?«, fragte Alys, die sich im Internet über die Swinging Sixties informiert hatte und sich nicht vorstellen konnte, wie ihre stets korrekt gekleidete Großmutter in diese Welt passen sollte. »Wovon hast du gelebt?«
Grandmas Antwort war ein Lachen gewesen. »Ach, Kind, das erzähle ich dir, wenn du groß bist.«
Der Stil ihrer Großmutter war in dem behaglichen Häuschen überall zu spüren. Durch indirekte Beleuchtung und helle Farben war es ihr gelungen, aus dem Cottage ein lichtdurchflutetes, behagliches Heim zu schaffen.
Das einzig Dunkle waren die Dielen, die abgeschliffen und versiegelt waren. Alys mochte das Gefühl des warmen Holzes an ihren Füßen und war Grandma dankbar, dass diese das Holz nicht mit Teppich überdeckt oder gar herausgerissen hatte.
Sie fühlte sich zuhause und hatte alles belassen, wie es war, nachdem sie hier eingezogen war. Jeden Raum verband sie mit einer Erinnerung an ihre Großmutter, mit Leben, Streit und Lachen. Noch immer erwartete sie, Grandma auf dem gemütlichen Sofa vor dem Kamin sitzen zu sehen. Die zusammengewürfelten Bücher im Regal trugen Grandmas Namen auf der dritten Buchseite. Manchmal hatte sie auch Bemerkungen zur Geschichte dazu geschrieben, meist, wenn sie sich über die Romane geärgert hatte.
Vor dem Fenster hingen beigefarbene Stoffgardinen, deren aufgedruckte Rosen von dem gleichen intensiven Rot waren wie das Sofa, auf das sich Alys setzte, nachdem sie das Buch endlich herausgezogen hatte, und die Beine anwinkelte.
Dann zog sie eine Bilanz ihres Lebens, die traurig aussah:
- Grandma: fehlt mir immer noch unendlich
- Chesten: bei ihrem Lover
- Bree: In Mailand oder San Francisco oder New York
- Job: weg und kein neuer in Sicht
- Craig: Flop meines Lebens
… und all das innerhalb kurzer Zeit. Sie konnte kaum fassen, wie schnell ihr Leben zerbrochen war. Noch vor einem Jahr hatte sie als Personalentwicklerin bei einer Londoner Bank gearbeitet und in einer überteuerten, aber schnuckeligen Wohnung in Notting Hill gelebt, gemeinsam mit Craig. Erst überraschte sie die Kündigung, dann die Trennung und schließlich im Oktober der verhängnisvolle Anruf von Grandma.
»Alys, Dearie, ich … ich bin krank. Sehr krank.«
Sofort ließ sie in London alles stehen und liegen, um ihrer geliebten Großmutter in Cornwall beiseite zu stehen. Sechs gemeinsame Wochen waren ihnen vergönnt gewesen. Alys verzog den Mund, hob die Hand vors Gesicht, aber die Tränen ließen sich nicht eindämmen. Sie schnäuzte sich die Nase, goss sich eine großzügig bemessene Portion Southern Comfort ein und füllte das Glas mit Ginger Ale auf. Nachdem sie einen Schluck getrunken hatte, öffnete sie das Taschenbuch der Mission für M.I.S.T.R.-Reihe. So wie Grandma liebte sie die Abenteuer der exotischen Heldin Jezebel Bligh und ihres Teams.
»Jedes Mal, wenn Jezebels geheimnisumwitterte Vergangenheit erwähnt wird, trinke ich einen Schluck Southern«, wiederholte sie die Regeln ihres Spiels. »Bei jeder Erwähnung ihrer außergewöhnlichen Attraktivität gibt es Schokolade.«
Wow, erst auf Seite neun und sie musste das Glas bereits auffüllen. Jezebel Blighs hatte eine sehr geheimnisvolle Vergangenheit, was der Autor nicht oft genug erwähnen konnte. Wie eine Meerjungfrau war sie als Kind eines Tages in Borneo halb ertrunken angespült und von einem Eingeborenenstamm aufgezogen worden.
»Auf dich, Grandma.« Alys hob ihr Glas. »Und auf deinen seltsamen Buchgeschmack. Ich vermisse dich. Entsetzlich.«
Erneut stiegen Tränen in ihren Augen auf, denen sie durch einen großen Schluck des süßen Getränks beikommen wollte.
Wieso war die Schokolade schon alle? Das musste an Jezebel Blighs Sex-Appeal liegen. Alys erhob sich, um sich eine neue Tafel zu holen, und plumpste zurück aufs Sofa.
Ups!
Der Southern Comfort wirkte stärker, als er schmeckte. Möglicherweise lag es daran, dass sie seit dem Frühstück nichts gegessen hatte. Der Gedanke an den morgigen Tag raubte ihr den Appetit. Sicher, es war Grandmas letzter Wunsch gewesen, aber musste Alys deshalb ihr Leben umkrempeln?
»Auf den kommenden Mitbewohner.« Darauf noch einen Schluck des leckeren Getränks. Irgendwie hatte Alys das Gefühl, der Southern Comfort würde immer mehr in ihrem Mund. Vielleicht sollte sie erst einmal einen Schluck Wasser trinken. Oder zwei. Doch irgendwie konnte sie sich nicht dazu aufraffen, aufzustehen und in die Küche zu gehen. Stattdessen schniefte sie und schnäuzte sich in das Taschentuch, das schon ziemlich durchweicht war.
Ich bin ganz allein! Niemand liebt mich. Ich könnte hier und heute tot umfallen und es würde Monate dauern, bis es jemand merkt.
Als sie sich weiter in ihr Selbstmitleid einkuscheln wollte, klingelte ihr Smartphone. Wo war das verfluchte Ding nur? Alys stand auf, schwankte, aber es gelang ihr, auf den Beinen zu bleiben, auch wenn sie sich an der Sofalehne abstützen musste. Auf der Suche nach ihrem Telefon kniff sie ein Auge zu, weil sie auf einmal alles unscharf und doppelt sah.
Ah, da war das blöde Ding. Wie es da nur hingekommen war?
Glücklicherweise hatte ihr Anrufer viel Geduld.
»Hallo!« Alys keuchte ein wenig, weil die Suche und vor allem der Versuch, aufrecht zu bleiben, ganz schön anstrengend war. »Ja?«
»Wie viel hast du getrunken?«
»Hallo Bree, Ich freu mich auch, dich ssu hör’n.«
»Ach, komm, wer außer mir sollte heute deshalb anrufen.«
Stimmt. Ein echter Punkt. Chesten war mit den Gedanken meist woanders und außerdem viel zu freundlich, als dass sie Alys an ihre Fehler erinnern würde. Brees Schmerzgrenze lag deutlich tiefer, wenn es um klare Worte ging. In diesem besonderen Fall jedoch hatte Chesten gestern bereits angerufen, um ihr mitzuteilen, dass sie einen Termin für Alys ausgemacht hatte.
Alys seufzte. »Mussu mich daran erinnern?«
»Du trinkst allein?!« Brees Stimme klang ungläubig. »Die wievielte Flasche Sekt?«
»Kein Sekt. Schoschern Comfort, wegen Grandma.« Wenn sie sich auf den Rücken legte und mit der linken Hand ein Auge zuhielt, drehte sich das Zimmer kaum noch. »Und wegen morgen. Chesten hat sich drum gekümmert.«
Schweigen antwortete ihr. Eine skeptische Stille.
»Das willst du doch nicht wirklich machen?«
»Oh doch.« Alys kämpfte gegen einen Schluckauf an und schloss beide Augen. Trotzdem drehte sich das Zimmer noch. »Versprochen is’ versprochen. Hicks.«
»Ach, Darling.« Brees Stimme klang für ihre Verhältnisse sehr sanft. »Deine Grandma würde es verstehen, wenn du dich anders entscheidest. Nach Craig wird noch jemand kommen.«
»Versprochen is’ versprochen«, wiederholte Alys mit Nachdruck in der Stimme. Erneut drohte die Traurigkeit sie zu überwältigen. »Grandma wirsich schon wasch dabei gedacht habn. Craig – wer is’ Craig. FmL.«
Flop meines Lebens, manchmal auch gFmL – der größte Flop meines Lebens. Nicht dass Bree nicht von Anfang an prophezeit hatte, dass er sich als das herausstellen würde.
»Dearie, pack einfach deine Sachen und besuch mich.« Bree wurde nicht müde, ihr dieses Angebot zu machen, obwohl Alys es bestimmt schon zehnmal abgelehnt hatte. »Ich fänd’s schön, wenn du hier wärst.«
Nein, Brees Modelwelt war keine, in der Alys sich einfügen könnte – da war sie sicher.
»Ich muss einen Job finden.« Alys hasste es, wenn sie sich stur und verbissen und spießig anhörte. Konnte Bree denn nicht verstehen, dass sie nicht auf Kosten ihrer Freundin leben wollte? »Auscherdem hab’ ich morgen den Termin.«
Erneut schwieg Bree. Sie war die Königin des vielsagenden Schweigens. Wenn sie nüchtern gewesen wäre, wäre Alys vielleicht eingeknickt. Dank des wunderbaren Southern Comforts konnte sie Brees Schweigen gut aushalten. Ab und zu öffnete sie ein Auge, um zu überprüfen, ob der Raum sich immer noch drehte.
Jep.
»Na gut, dann renn in dein Unglück.« Bree seufzte. Manchmal hörte sie sich an wie die große Schwester, die Alys nie gehabt hatte. »In zehn Tagen komme ich nach St. Bart. Ich habe einen Auftrag in Rom und mache einen Zwischenstopp bei euch.« »Dann kannscht du ihn oder sie kennenlernen.« Nun war der Schluckauf doch ausgebrochen, obwohl Alys alles versucht hatte, ihn zu unterdrücken. »Ich freu mich, aber ich glaub, ich muss jezz ins Bett.«
»Hoffentlich hast du morgen keinen Kater.« Bree schüttete sich aus vor Lachen. »Du verstehst den Witz.«
»Ja, Bree. Obwohl er nichso lussig ist wie du denkst.« Alys bemühte sich, etwas gekränkte Würde zu verbreiten, aber mit Schluckauf war das nur schwer zu bewerkstelligen. »Gute Nacht.«
»Geh wirklich schlafen und trink nicht noch den Rest aus.« Alys konnte Bree förmlich vor sich sehen, wie sie den Kopf schüttelte. »Tschüs, Love.«
»Ciao.« Alys legte auf und stellte das Glas ab. Einen Moment überlegte sie, sich aus reinem Trotz noch einen Southern Comfort einzuschenken, aber der Schluckauf war ein deutliches Signal, dass sie genug hatte.
Also torkelte sie in die Küche, goss sich dort ein großes Glas Wasser ein, in dem sie eine Magnesium- und eine Kalziumtablette auflöste. Während die Tabletten vor sich hinsprudelten, hielt Alys sich die Nase zu, um den verfluchten Schluckauf endlich zu besiegen.
Sie warf einen letzten verschwommenen Blick durch das Cottage, ob alles für morgen vorbereitet und einsatzbereit war. Ja, sie war gut organisiert. Eine Frau mit miesem Männergeschmack, aber einem eindeutigen Organisationstalent. Ab morgen würde alles anders.
»Proscht!« Mit Todesverachtung trank sie die säuerliche Magnesium-Kalziummischung und hoffte, dass dies dem morgigen Kopfschmerz vorbeugen würde.

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'Dark Spirit: Das Vermächtnis' von Silvia Maria de Jong

Er begehrt sie vom ersten Moment an, da er sie gesehen hat. Doch sie ist die Frau seines Bruders!

Der unerwartete Tod seines Bruders Tristan, zwingt Kiran Carmichael nach Schottland, in seine Heimat zurückzukehren. Tristans Tod eröffnet Abgründe, welche die gesamte Existenz der Familie bedrohen. So auch Julias, die Frau, an die Kiran vor vielen Jahren sein Herz verlor. Er muss den dunklen Schatten seiner Vergangenheit begegnen und die tiefverschütteten Geheimnisse offenbaren, wenn er die, die er liebt, retten will ...

Gleich lesen: Dark Spirit: Das Vermächtnis

Leseprobe:
Erschrocken wich sie zurück. Beschämt darüber, sich so kurz nach dem Tod ihres Mannes in den Armen eines Anderen zu finden. Was war nur mit ihr los? Kiran war immer ein Bestandteil ihres Lebens gewesen, nicht zuletzt als ihr Schwager. Doch alles Weitere hatte sie aus ihrem Kopf, ihrer Seele und ihrem Herzen gebannt. An jenem Tag, da sie Tristan das Ja-Wort gab.
Sie streckte die Hand aus und berührte mit zitternden Fingern den goldenen Anhänger, welcher auf seiner Brust ruhte. Halb vom Brusthaar verborgen, spiegelte er das schwache Licht, welches aus dem Nebenzimmer herein fiel.
Andächtig schloss sich ihre Hand um das Schmuckstück, dessen edles Material noch Kirans Körperwärme trug.
„Ich kann nicht glauben, dass du ihn noch immer trägst“, flüsterte sie so ergriffen, dass ihr fast die Stimme versagte. Die Finger seiner linken Hand schlossen sich um ihre, während er mit der Rechten behutsam ihr Kinn anhob, um ihr in die Augen sehen zu können.
„Seit jenem Tag, als du mir die Kette angelegt hast, habe ich sie nicht mehr abgenommen, Juls.“ In seinen Augen lag ein Verheißen, das sie ängstigte und ihr zeitgleich einen Schauer des Begehrens über die Haut jagte. Seine Stimme klang dunkel und rau als er flüsterte: „Wir sind wie Engel mit nur einem Flügel…“
„…müssen einander umarmen, um fliegen zu können“, vollendete sie ehrfürchtig den Satz mit ihm.
„Du erinnerst dich daran?“
Ein trauriges Lächeln zeichnete sich in seine Züge.
„Ich erinnere mich an jede Sekunde dieses Abends. An jedes Wort, das wir gesprochen haben. Jeden Kuss, den wir geteilt haben…“ Blitzschnell legte sie ihm einen Finger auf die Lippen und brachte ihn somit zum Schweigen.
„Psst…Bitte, Kiran. Tu das nicht. Nicht heute Nacht.“ Ihre Stimme bebte, so sehr nahm der Moment sie gefangen. Sekundenlang schien es ihm nicht zu gelingen sich von ihr zu lösen, dann jedoch siegte der Verstand über das Herz. Mit einem leichten Nicken löste er widerstrebend seine Hand von Ihrer.
Julia öffnete die Finger und betrachtete den feingearbeiteten Engelsflügel in ihrer Handfläche. Sicher kein Meisterstück, aber mit Abstand das Wertvollste, was sie je gearbeitet hatte.
Ganz am Anfang ihrer Ausbildung zur Goldschmiedin, hatte sie eben jenen Flügel für Kiran kreiert. Einen für ihn, und das passende Gegenstück für sich. Damals hatte sie geglaubt, die Welt läge ihnen zu Füßen. Das Leben selbst, glänzend, wie dieses Stück Gold in ihrer Handfläche vor ihnen. Nur wenige Monate später war Kiran aufgebrochen in ein Leben, in dem es augenscheinlich keinen Platz für sie zu geben schien. Einmal mehr hatte sie in dem zarten Alter von siebzehn Jahren, so alt wie Damian heute war, erfahren müssen, wie unendlich schmerzhaft Verluste waren.
Mit dem Daumen strich sie behutsam über das feingearbeitete Relief der Federn, spürte einen Hauch der Freude von damals, als sie Stunden damit zugebracht hatte, jede Einzelheit fein hervor zu heben.
„Warum verliert man immer die, die einem am liebsten sind?“ Sie wusste nicht genau, ob sie die Frage Kiran oder sich selbst stellte. Unsicher hob sie den Blick und sah ihn an. „Jaden, der plötzlich und unvermutet aus dem Leben gerissen wurde.“ Eine Träne löste sich aus ihrem Augenwinkel bei dem Gedanken an ihren Bruder, der gerade volljährig war, als er diesem schrecklichen Unfall zum Opfer fiel. Bis heute wusste sie nicht genau, was an jenem Tag geschehen war. Stets hatte man sie damit getröstet, dass sie noch zu jung sei um das Unfassbare zu begreifen. Sie war jung gewesen, zwölf Jahre alt. Doch auch später hatte sie niemand wirklich darüber aufgeklärt, was in jener Nacht geschah. Ihre Mutter, dachte sie voller ungebändigtem Schmerz, war dem Sohn nur wenige Monate später in das kühle Grab gefolgt.
Kiran hob die Hand und wischte die Träne fort. Etwas Apathisches lag in seinem Blick, das sie ängstigte.
„Von all meinen Brüdern war Jaden immer der, der mir am nächsten stand. Ihn zu verlieren war…“ Sie schüttelte den Kopf. Der Worte beraubt, versuchte sie sich zu fangen. „Und dann du.“ Mit dem Finger strich sie behutsam über die tiefe Narbe, welche seine rechte Augenbraue in zwei Teile spliss. Kiran zuckte erschrocken zusammen. Julia hatte plötzlich den Eindruck, dass er tausende Kilometer entfernt schien. Sein Körper, so dich bei ihr, dass seine Wärme sie wie eine Liebkosung umfing. Sein Geist jedoch, schien auf einer anderen Ebene zu verweilen.
„Dich zu verlieren, Kiran, hat mich fast meines Verstandes beraubt. Von einer Sekunde auf die Nächste warst du fort. Über Nacht. Ohne jeglichen Abschiedsgruß…“ Der Schmerz ließ ihre Stimme brechen.
„Julia…“, sagte er heiser, und in diesem einen Wort lag so vieles verborgen, dass es sie ängstigte, diese Dinge zu ergründen. Sie hob die Hand und brachte ihn zum Schweigen, bevor er weiter sprechen konnte.
„Du musst mir nichts erklären, Kiran. Die Zeit für Erklärungen ist lange vorbei…“ Unter dem Schleier ihrer Wimpern hindurch begegnete sie seinem Blick. Schuld und Sühne sprachen zu gleichen Teilen daraus. Berührten sie so tief, dass sie versucht war, sich seinen Erläuterungen hinzugeben. Zu erfahren, was ihn damals dazu veranlasste, alle Brücken hinter sich nieder zu reißen. Was es war, das noch heute diesen gequälten Ausdruck in seinen Augen heraufbeschwor.
Mit einem tiefen Aufstöhnen zog er sie in seine Arme und ließ sich mit ihr auf die Matratze sinken.
„Ich verspreche dir, ich werde dich nicht anrühren. Aber ich könnte es nicht ertragen, dich in einer solchen Nacht allein zu lassen. Zu wissen, das du hier liegst, gequält von Selbstzweifeln, die dir aufgebürdet wurden“, flüsterte er rau. Sie hob das Kinn und sah ihn an. Mit dem Finger strich er zärtlich über ihre Wange, fuhr durch die dichten Strähnen ihres dunkelroten Haares.
„Du hast dir nichts vorzuwerfen, Julia. Du warst Tristan stets eine treue, sorgende Ehefrau. Jeder, der etwas Anderes behauptet, lügt.“
Sie senkte die Lider aus Angst, er könne die erschreckende Wahrheit in ihren Augen lesen. Körperlich war sie Tristan treu gewesen, doch ihre Seele und ihr Herz hatten stets nach etwas verlangt, das er ihr nicht geben konnte, egal wie sehr er sich auch mühte.

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23. November 2017

'Silent Guy: Lautlos in mein Herz' von Lisa Torberg

Worte sind sein Handicap. Tom ist unwahrscheinlich attraktiv – aber er stottert. Seine Mutter erträgt ihn deshalb nicht und wirft ihn bei der erstbesten Gelegenheit raus. Er leidet schweigend. Das ändert sich auch nicht, als er die Laufstege der Welt erobert. Mit den Gagen finanziert er sich sein Studium – und mit Ende zwanzig macht er endlich das, was er liebt. Fernab vom Rampenlicht designt er für AJ-Fashion seine eigene Kollektion, ohne in Erscheinung zu treten. Aber dann stirbt sein Geschäftspartner ...

Was tun, wenn man nach und nach fast alle Menschen verliert, die man liebt? Charly weiß es: sich in der Arbeit vergraben. Jeder berufliche Erfolg befriedigt ohnehin mehr, als ein Mann es jemals tun könnte. Und Gefühle werden grundsätzlich überbewertet. Dass dem doch nicht so ist, merkt sie, als ihr Onkel stirbt. Sie verlässt Kalifornien und fliegt nach London, um AJ-Fashion zu übernehmen ...

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Leseprobe:
»Ich verstehe von Mode so wenig wie ihr von Immobilien.« Mit einem Seufzen lehne ich mich auf dem Sofa zurück und rücke den Laptop auf meinen Knien zurecht.
»Schlechter Vergleich, du Supermaklerin.« Tine, die auf dem rechten Bild des geteilten Bildschirms zu sehen ist, streicht sich eine vorwitzige Haarsträhne aus dem Gesicht. »Weingüter wie dieses hier sind auch Immobilien.« Ihre unbestimmte Handbewegung macht mir wieder einmal klar, wie weit wir voneinander entfernt leben. Zurzeit absolviert sie ein Praktikum in der Toskana. Ich hatte mich so sehr darauf gefreut, dass sie bald wieder in den Staaten sein würde – und jetzt ...
»Jede Frau versteht etwas von Mode«, unterbricht Chris von der Ranch in Montana meine Gedanken. Sie beugt sich vor und einen Moment lang nimmt ihr rechtes zwinkerndes Mandelauge die gesamte linke Bildschirmhälfte ein. »Sogar ich, obwohl ich hier in der Pampa weiß Gott keine High Heels oder elegante Abendkleider brauche.«
Mit verschränkten Armen starre ich auf meine beiden Freundinnen. »Ihr wollt mich nicht verstehen!«
»Doch, das tun wir!« Die Antwort kommt synchron.
»Du willst uns klarmachen, dass du es vorziehst, weiterhin sechzig Wochenstunden für diesen Idioten zu arbeiten.« Tines Locken wippen auf und nieder, da sie ihre Worte mit einem heftigen Nicken unterstreicht. »Es ist ja auch wirklich toll, dass man sieben Tage pro Woche irgendwelchen affektierten Geldsäcken Luxusimmobilien zeigen darf und nur ein Viertel der Kommission erhält, weil der Rest auf dem Konto dieses Donald-Trump-Verschnitts landet.«
Ich muss schmunzeln. Sie weiß, wovon sie spricht. Im Gegensatz zu mir kennt sie die Welt der Reichen und Superreichen seit ihrer Geburt. Und Harold Higgins, der gerissenste Immobilienhai von Los Angeles, für den ich arbeite, sieht tatsächlich aus wie der Klon des Präsidenten.
»Immerhin zahlt er mir ab Januar ein Fixum«, wende ich ein, »und wenn ich jeden Monat auch nur eine Villa verkaufe, verdiene ich richtig gut.«
»Was zuletzt vor einem halben Jahr passiert ist, weil er den Abschluss auf dem Golfplatz tätigte, nachdem du die Verhandlungen geführt hast«, erwidert sie lakonisch.
»Falsch. Letzte Woche habe ich endlich das sündteure Anwesen in Hollywood an einen Berater des arabischen Kronprinzen verkauft. Zwölf Millionen.« Als ich die Summe ausspreche, läuft mir ein prickelnder Schauer über den Rücken. Immerhin macht meine Kommission einhundertachtzigtausend Dollar aus.
»Könnt ihr mir bitte sagen, warum ihr über Dinge sprecht, die nicht mehr aktuell sind?«, fragt Chris mit irritierter Stimme und fixiert mich. »Wolltest du nicht unsere Hilfe, um zu entscheiden, was du anziehen sollst, wenn ...«
»Wann?«, falle ich ihr ins Wort.
»An dem Tag, an dem du dich in London den Mitarbeitern von AJ-Fashion präsentierst. Deinen Mitarbeitern! Obwohl du deinen Onkel seit Jahren nicht mehr gesehen hast, hat er dir sein Lebenswerk hinterlassen. Ein Unternehmen mit einem Jahresumsatz, gegen den selbst der Wert einer Vierzig-Zimmer-Villa verblasst. Du kannst dort nicht einfach in Jeans und Turnschuhen auftauchen, lässig mit der Hand winken wie Angelina Jolie nach einem ihrer Charity-Trips in Afrika und darauf hoffen, dass sie dich ernst nehmen. Diese Typen sind Engländer!«
Tine nickt zustimmend. »Chris hat recht. Briten sind von Natur aus vorsichtig, abweisend und davon überzeugt, dass wir Amerikaner einer Subkultur angehören. Ab dem Moment, in dem du zum ersten Mal die Schwelle der Firmenzentrale von AJ-Fashion übertrittst, musst du ihnen beweisen, dass sie sich irren. Und deshalb wirst du ausschließlich englische Designerklamotten tragen.« Nachdenklich tippt sie mit dem ausgestreckten Zeigefinger an ihre Lippen. In ihren Augen blitzt es auf und sie zwinkert mir zu. »Am besten beginnen wir mit Jimmy Choos für die Füße. Schwarz, klassisch, elegant und der Jahreszeit angepasst ...«



Mit geschlossenen Lidern liege ich auf dem zum Bett umgebauten Sitz der First Class und denke an den Videochat mit Tine und Chris. Der Plan, den wir ausgearbeitet haben, ist perfekt.
Die schwarzen High Heels sind in meinem Handgepäck, ebenso die Dessous, die Strümpfe und das angeblich knitterfreie Kleid mit der passenden Jacke, die ich in aller Ruhe im Hotel anziehen wollte. Wohlgemerkt nachdem ich nach der Ankunft in Heathrow mit dem Taxi dorthin fuhr und eincheckte. Laut meinem Zeitplan bleibt mir eine gute Stunde, um die Erinnerung an den Transatlantikflug unter der Dusche abzuspülen. Danach werde ich frisch wie eine Rose, makellos gekleidet und perfekt geschminkt das Erbe meines Onkels antreten. Das war der Plan. Dass mir die British Airways einen Strich durch die Rechnung machen würde, stand nicht im Programm. Trotz der überstürzten Entscheidung, von heute auf morgen nach Europa zu ziehen, sah es kurz nach dem Start in L. A. nicht so aus, als ob irgendwas schiefgehen könnte. Im Gegenteil. Bis dahin hat alles reibungslos geklappt ...



Am Montag rief mich ein Anwalt aus London an und teilte mir den drei Tage zurückliegenden Tod von Onkel Jim und seine Anordnungen mit. Anders konnte man seine Forderung, nicht an seinem Begräbnis teilzunehmen und die AJ-Fashion innerhalb weniger Tage zu übernehmen, nicht nennen. Ich war auch nicht erstaunt, da wir alles schon vor langer Zeit besprochen hatten – damals, als er sich auf die Insel im Indischen Ozean zurückzog, um in Ruhe und Abgeschiedenheit um Tante Anne zu trauern. Nur hatte ich nicht damit gerechnet, dass dieser Moment, der mein Leben von Grund auf ändern sollte, nicht erst in zwanzig oder dreißig Jahren eintraf.
Deshalb fielen Tine und Chris Dienstag auch aus allen Wolken. Normalerweise schafften wir es nur mit Mühe, jeden zweiten Sonntag zu videochatten. Der Zeitunterschied zwischen Europa und Amerika erschwerte unseren Kontakt, und nun hatte ich sie mit den Worten »Wir müssen uns sofort hören« kontaktiert. Sie konnten nicht glauben, dass ich ihnen nie erzählt hatte, dass ich irgendwann die AJ-Fashion erben würde. Im Jahr vor dem Tod meiner Tante Anne war ich zum letzten Mal in London gewesen und mein Kontakt mit Onkel Jim beschränkte sich seither auf kurze Telefonate zu Weihnachten und zum Geburtstag. Außerdem erhielt ich von ihm alle drei Monate die Quartalsberichte der AJ-Fashion. Im Grunde genommen hörte ich von meinem Onkel Jim Harrington öfter als meinem Vater.
Die einzigen Menschen, die mir wirklich nahestehen, sind Tine und Chris. Seit wir vor zehn Jahren zufällig in der letzten Klasse der Highschool in Washington aufeinandertrafen, sind wir unzertrennlich; sofern man das sein kann, wenn man über den halben Erdball verteilt lebt. Das Schicksal hat Tine und mich mit siebzehn in die Hauptstadt verschlagen, beide aus dem gleichen Grund. Unsere Mütter waren beide innerhalb weniger Wochen gestorben. Tine hielt es nicht mehr daheim aus, und ich hatte kein Zuhause mehr. Chris war bereits mit vierzehn dort gelandet, weil ihre Eltern ihren Horizont erweitern wollten. Sie sollte städtisches Flair atmen und das Benehmen derjenigen lernen, die nicht in einem Sattel geboren und zwischen Rinderherden aufgewachsen waren. Dass die Snobs auf der exklusiven Schule die mandeläugige Tochter eines Rinderzüchters aus Montana wie den letzten Dreck unter ihren Schuhen behandelten – zumindest bis Tine auftauchte und ihre Freundin wurde –, ahnten ihr Vater und ihre Mutter nicht. Genau genommen wissen sie bis heute nichts von alldem, was Chris bis zu dem Moment ertragen musste, in dem wir zufällig in derselben Klasse landeten. Wir drei Außenseiterinnen hatten zueinandergefunden, und es gibt nichts, was wir nicht voneinander wissen.
Und doch hatte ich ihnen nie erzählt, dass ich eines Tages die AJ-Fashion erben sollte. Warum auch? Onkel Jim war acht Jahre jünger als mein Vater, der irgendwo in Afghanistan Truppen befehligt und auf den Fotos, auf deren Rückseite er mir alljährlich seine Weihnachtsgrüße mitteilt, immer noch kohlschwarze Haare hat. Ganz zu schweigen von dem muskulösen, sehnigen Körper, den auch der Tarnanzug nicht verbirgt. Seit Monaten habe ich nichts mehr von ihm gehört und weiß nur, dass er am Leben ist, weil ich keine gegenteilige Nachricht erhalten habe. Dafür ist die aus London eingetroffen, die mir den Tod meines einzigen anderen Verwandten mitgeteilt und die Verantwortung für Hunderte von Menschen in die Hände gelegt hat.
»Ich bin nicht so weit, diese zu übernehmen. Wahrscheinlich wäre ich auch in zwanzig Jahren nicht dazu bereit«, erklärte ich meinen Freundinnen, die auf einem Bildschirm nebeneinander zu sehen waren. Sie widersprachen mir. Ihre Zuversicht, dass ich sehr wohl dazu in der Lage war, fühlte sich an, als ob sie mit mir in einem Raum und nicht Tausende Kilometer weit weg wären. Tine und Chris sagten mir, wie ich vorgehen sollte. Noch in derselben Nacht schrieb ich dem Anwalt, der meinen Flug nach London buchte.

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'Granat hat keine Gräten: Ein Ostfrieslandkrimi' von Harald H. Risius

»Granat hat keine Gräten«
... behauptet Hinni Boomgarden. Trotzdem stirbt der Bremer Bankier Albert Oldenbeck bei einem Benefizessen zugunsten der Seehundstation Norddeich einen qualvollen Erstickungstod – gleich nachdem er eine Portion Nordseekrabben gegessen hat. Was ist los mit den Krabben, die in Ostfriesland Granat genannt werden?

Susi Wildtfang, die Ermittlerin mit Heimvorteil, und der brummige Helmut Brunner sollen den Fall klären, obwohl sie selbst vor persönlichen Veränderungen stehen: Der eine muss schleunigst Ostfriese werden, die andere schmiedet Heiratspläne. Da gibt es allerdings ein Hindernis: Ihr Zukünftiger steht auf der Liste der Verdächtigen beim Krabben-Mord.

Brisant wird die Ermittlung, als sich herausstellt, dass Oldenbecks Bank dubiose Geschäfte tätigt, Investoren um ihr Vermögen prellt und dabei auch die Seehundstation im Visier zu haben scheint.

Der neunte Roman der Reihe "Sail & Crime" mit einem überraschenden Ende und ganz viel Ostfriesland drin.

Gleich lesen: Granat hat keine Gräten: Ein Ostfrieslandkrimi (Sail & Crime 9)

Leseprobe:
Moin, Frau Söhnken.«
Renate begrüßt die Frau des Landrats mit dem üblichen Küsschen auf die Wange. »Ich hoffe, Sie haben auch Ihren Mann mitgebracht.«
»Natürlich, der lässt sich doch so ein Ereignis nicht entgehen. Ich glaube, er wird draußen noch aufgehalten. Aber was hört man von Ihnen? Sie haben eigenhändig einen Seehund gefangen? Das hätte ich mich nicht getraut. Ich hätte Angst, so niedlich die Tiere auch aussehen.«
Renate ist vor Verwunderung fast sprachlos. »Ich? Einen Seehund?«
»Ja, das wird dort draußen vor der Tür erzählt. Sie hätten mit Ihrer Yacht ein Seehundbaby gefangen, obwohl das nicht erlaubt ist. Die sind ja auch niedlich, diese Tierchen. Ich sehe mir die auch so gern an. Und zur Strafe müssen Sie nun diese Veranstaltung machen.«
Am Ende des Satzes ist ein angedeutetes Fragezeichen aus ihrem Tonfall herauszuhören. Gerne hätte Frau Söhnken alle Einzelheiten erfahren.
Renate fängt sich wieder. »Nein, Frau Söhnken, da haben Sie etwas Falsches gehört. Wir haben vor einigen Wochen einen Heuler gerettet. Der wurde von seiner Mutter getrennt und konnte deshalb nicht mehr gesäugt werden. Bei der Gelegenheit haben wir uns an die Seehundaufzuchtstation in Norddeich erinnert. Und nun möchten wir dort helfen.«
»Ach, so war das«, ruft Frau Söhnken, während sie sich bereits gelangweilt abwendet und sich auf eine Bekannte stürzt, die sie im Foyer entdeckt hat. »Hallo Lina, hest du dat all hört ...«
Renate Reichle und Hinni Boomgarden, die Inhaber des Hoteldorf am Großen Meer, begrüßen ihre Gäste. Sie haben eine Benefiz-Veranstaltung zugunsten der Seehundaufzuchtstation in Norddeich ausgerichtet. Nun treffen die Teilnehmer ein.
Renate ist eine schöne, große Frau, eine gebürtige Fränkin. Das elegante Abendkleid unterstreicht ihr selbstbewusstes Auftreten. Es fällt ihr leicht, sich den Umständen anzupassen und Kontakte zu knüpfen. Beide Eigenschaften haben ihr sehr geholfen, sich innerhalb kurzer Zeit einen Platz in der Gesellschaft Ostfrieslands zu erobern. Inzwischen ist sie bekannt und bei den meisten auch beliebt. Aber wie überall gibt es einige Neider.
Natürlich spielt auch Hinni Boomgarden, ihr Lebenspartner, eine gewisse Rolle. Er hat sie in die ostfriesische Lebensweise eingeführt, die doch etwas mehr beinhaltet, als fünfmal am Tag Tee aufzubrühen und das Ritual mit den Kluntjes und der Sahne, dat Wulkje, verinnerlicht zu haben.
Hinni ist der Ur-Typ eines Ostfriesen oder Wikingers. Er kennt in Ostfriesland Gott und die Welt; seine zielstrebige, aber freundliche und manchmal auch großzügige Art öffnet ihm viele Türen, die anderen oft verschlossen bleiben.
Sie bilden ein gutes Team, bei dem sich Liebe und Zuneigung mit einer gewissen Zielstrebigkeit paaren. Vor einigen Jahren ist Renate nach einem Segeltörn bei Hinni eingezogen, in den ehemaligen Bauernhof, den er von seinen Eltern geerbt hat. Gemeinsam haben sie auf Hinnis Wiesen am Großen Meer mitten in Ostfriesland ein Hotel der gehobenen Klasse gebaut. Hier findet nun das Benefizessen statt.
Hinni legt im Allgemeinen keinen Wert auf sogenannte Gesellschaftskleidung. Was er trägt, muss sauber, praktisch und ordentlich sein. Heute allerdings hat Renate ihn in ihrer unnachahmlich direkten Art davon überzeugt, seinen neuen, maßgeschneiderten Anzug zu tragen, um dem Anlass des Abends gerecht zu werden. Elegant sieht er darin aus, der Anzug mit dem weißen Hemd und der modernen, schmalen Krawatte steht ihm. Das blonde Haar und sein braun gebranntes Gesicht kommen gut zur Geltung. Der Gesichtsausdruck und seine Gestik lassen allerdings deutlich erkennen, dass dies nicht seine Alltagskleidung ist. Obwohl der Anzug perfekt sitzt, kommt er sich beengt vor.

Renate sucht Hinni, der eigentlich neben ihr stehen und mit ihr die Gäste begrüßen sollte. Es sind fast ausschließlich einflussreiche Persönlichkeiten, die ihnen heute die Ehre geben und etwas persönliche Aufmerksamkeit von den Eigentümern des Hoteldorf am Großen Meer erwarten dürfen.
Sie entdeckt ihn etwas abseits mit einem seiner Freunde im Gespräch und winkt ihn diskret heran. »Hinni, Frau Söhnken erzählte mir gerade, dass da draußen einige Leute unsere Gäste belästigen. Schick doch bitte Karl, damit er die vertreibt. Oder ruf gleich die Polizei, ich will heute Abend keine Störenfriede.«
»Nee, das mach ich lieber selber. Joke hat mir gerade auch davon erzählt.«
Er zeigt auf seinen Freund, mit dem er gerade gesprochen hat. »Er meint, dass Harm Burmeester mit seinen Freunden Stunk macht. Denen gefällt mal wieder nicht, was wir hier machen.«
»Die ›Freunde Gottes‹? So ähnlich nennen die sich doch.«
»Nee, Die Natur gehört Gott, behaupten sie. Aber das kommt aufs Gleiche raus. Ich kümmere mich darum.«

Im Kindle-Shop: Granat hat keine Gräten: Ein Ostfrieslandkrimi (Sail & Crime 9)

Mehr über und von Harald H. Risius auf ihrer Website zur Buchreihe "Sail & Crime".



22. November 2017

'Der Racheengel - Ein Aachen Krimi' von Frank Esser

Er ist auf der Jagd. Er ist gnadenlos. Und er wird nicht aufhören, bis er sein Ziel erreicht hat!

Ein Mörder hält Aachen in Atem. Der Racheengel, wie ihn die Presse nennt, weil er am Tatort religiöse Botschaften hinterlässt, hat bereits zwei Menschen erschossen. Als der Krankenpfleger Mathias Bender tot aufgefunden wird, gibt es für Hauptkommissar Karl Hansen und sein Team keine Zweifel mehr. Sie haben es mit einem Serienmörder zu tun. Doch was ist sein Motiv? Zwischen den Opfern gibt es scheinbar keine Verbindung. Handelt es sich bei dem Mörder um einen religiösen Fanatiker oder steckt etwas ganz anderes hinter den Taten?

Erst eine zufällige Entdeckung bringt die Ermittlungen in Schwung. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, denn Hansen ist davon überzeugt, dass der Mörder wieder zuschlagen wird. Und das möchte er um jeden Preis verhindern ...

Gleich lesen:
Für Kindle: Der Racheengel - Ein Aachen Krimi
Für Tolino: Buch bei Thalia

Leseprobe:
»Schöne Scheiße«, sagte Mertens gerade in dem Moment als Hansen die Absperrung passiert hatte und auf den Kollegen zusteuerte.
»Ich freue mich auch sehr, dich zu sehen!«
Mertens ging wie immer nicht darauf ein.
»Der Platzregen hat alle Spuren weggespült. Dieser Hurensohn hat so ein Glück!«, echauffierte sich Mertens.
»Hm«, erwiderte Hansen, dessen Vorahnung sich ganz offensichtlich als richtig herausgestellt hatte.
»Mehr hast du dazu nicht zu sagen?«
»Das mit dem Regen ist ärgerlich, aber nicht zu ändern Paul. Ihr habt eine Visitenkarte bei dem Opfer gefunden?«
»Gut kombiniert Sherlock. Ist schon im Beweismittelbeutel verstaut. Auf der Rückseite hat er den dritten Teil des Bibelzitates verwendet. Hand um Hand. Das Opfer heißt übrigens Mathias Bender. Er hatte den Ausweis im Portemonnaie«, erwiderte Mertens. »Ich tippe bei der Tatwaffe auf eine neun Millimeter wie bei den letzten beiden Morden auch. Wir haben bisher allerdings keine Patronenhülse gefunden. Wir können davon ausgehen, dass unser Täter sie mitgenommen hat. Also können wir erst nach der Obduktion mehr über die Tatwaffe sagen.«
»Gleiche Vorgehensweise wie bei Kämper und Körlings?«, wollte Hansen wissen.
»Genau so ist es. Ein sauberer Schuss in die Stirn und einer direkt ins Herz. Der Mörder tötet wie ein Profi, aber das wissen wir ja bereits. Auch ansonsten handelt es sich um die gleiche Handschrift. Abgelegener Ort, Tatzeit um Mitternacht herum, brutale Hinrichtung und nicht zuletzt die Visitenkarte.«
»Wer hat den Toten gefunden?«
»Ein Rentner ist mit seinem Hund spazieren gegangen und hat ihn entdeckt. Hubert Jansen heißt der Zeuge übrigens. Der arme Mann konnte keine Nachtruhe finden, drehte eine Runde mit seinem Hund, und dann fand er den Toten. Er ist völlig fertig mit den Nerven. Die Kollegen haben seine Personalien aufgenommen und ihn dann nach Hause geschickt. Ich hoffe, das ist kein Problem für dich?«
»Schon in Ordnung«, seufzte Hansen nachdenklich. »Ich würde mir den Tatort gerne ansehen.«
»Ja, natürlich. Er liegt gleich dort drüben in der Böschung an der Autobahn«, zeigte Mertens in Richtung der Stelle. »Wo ist eigentlich der Rest der Truppe?«
»Wahrscheinlich da, wo ich jetzt auch lieber wäre – im Bett. Ich hatte heute das alleinige Glück Bereitschaftsdienst zu haben, da Riedmann bis gestern Abend noch auf einer Fortbildung war«, erwiderte Hansen. »Marquardt und Beck werde ich gleich informieren. Ich wollte erst einmal abwarten, was ich hier vorfinde«.
Gemeinsam steuerten sie auf den Fundort der Leiche zu, wo Mertens´ Kollegen noch eifrig hin- und herliefen.
»Der Abstand, in dem unser Mörder zuschlägt, wird immer kürzer. Das bereitet mir Sorgen«, meinte Hansen schließlich, nachdem er sich den Leichnam angesehen hatte.«
»Das stimmt. Und wenn wir ihn nicht bald schnappen, fürchte ich, dass wir schon bald an einem neuen Tatort stehen werden, um die Leiche eines vierten Opfers zu untersuchen.« Mertens holte tief Luft, bevor er weitersprach. »Mensch Karl, wo soll das alles noch hinführen? Manchmal frage ich mich ernsthaft, warum ich diesen scheiß Job überhaupt noch mache? In den letzten Jahren ist alles immer schlimmer geworden. Ich frage mich, ob wir mit unserer Arbeit überhaupt irgendetwas erreichen?«
Hansen sparte es sich, auf Mertens Worte einzugehen. Auch wenn er seinen Kollegen wirklich gut verstehen konnte. Aber jetzt war weder der richtige Zeitpunkt noch der richtige Ort, um eine Grundsatzdiskussion über den Sinn und Zweck der Polizeiarbeit zu führen. Sie mussten einen Serienmörder schnappen.
»Wissen wir außer dem Namen des Opfers noch mehr über den Mann?«
»Nicht viel. Er war siebenunddreißig Jahre alt und wohnte in Monschau. Von Beruf Krankenpfleger im Luisenhospital. Wir haben einen entsprechenden Dienstausweis in seiner Brieftasche gefunden.«
Nach seinem Gefühlsausbruch von eben, hatte sich Mertens ganz offensichtlich wieder gefangen stellte Hansen erleichtert fest. »Wurde das Auto des Opfers wieder in der Nähe abgestellt?«, wollte Hansen als Nächstes von Mertens wissen. Schon bei den ersten beiden Morden hatte man die Autos der jeweiligen Opfer ganz in der Nähe der Leichenfundorte gefunden. Offensichtlich wurden die Opfer von ihrem Mörder gezwungen, in ihrem eigenen Wagen zu ihrer Hinrichtung zu fahren.
»Die Kollegen suchen bereits danach. Wir haben gerade erst von der Leitstelle erfahren, wonach wir suchen sollen. Apropos, ich muss mal da mal…«, murmelte Mertens und sprang eilig die Böschung hinab, kaum dass Hansen sich verabschiedet hatte.

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Für Tolino: Buch bei Thalia

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21. November 2017

'Rowan - Verteidigung der Felsenburg' von Aileen O'Grian

Rowan ist älter geworden, und noch immer wird er von seinem Großvater, dem Magiermeister Bunduar, in die Magie eingeführt. Nach einem Anschlag auf sein Leben auf Burg Wanroe, wird er an die Königshöfe von Cajan und später Llylia geschickt, um auch bei anderen Magiermeistern zu lernen. Dort trifft er seine Freunde Ottgar und Mardok wieder. Doch auch in den Nordreichen ist sein Leben in Gefahr, sodass er großen Mut und sein gesamtes Können benötigt, um sich und seine Freunde zu retten ...

Band 2 der Romanreihe um den Magier Rowan. Für kurze Zeit anlässlich der Neuerscheinung zum günstigen Aktionspreis zu haben.

Gleich lesen:
Für Kindle: Rowan - Verteidigung der Felsenburg
Für Tolino: Buch bei Thalia

Leseprobe:
Rowan blätterte die mit Miniaturmalerei verzierte Buchseite der Chronik um. Die Geschichte der alten Könige las sich so spannend, dass er alles um sich herum vergaß. Selbst an die Mahlzeit dachte er nicht, dabei hatte er am Morgen nur einen Kanten Brot gegessen. Obwohl er ganz vertieft war, spürte er plötzlich eine Gefahr. Rasch drehte er sich um und schlug im letzten Augenblick die Hand mit dem Messer zur Seite.
Eine in einen Umhang gehüllte Gestalt versuchte erneut, mit einem Messer auf ihn einzudringen. Rowan musste seine ganze Kraft und Geschicklichkeit aufwenden, um sich zu wehren. Für sein Alter war er noch immer recht klein, dafür durchtrainiert und drahtig. Doch der Angreifer war einen Kopf größer und besaß unheimliche Kräfte. Rowan bemühte sich, die Hand zu fassen und festzuhalten, aber immer wieder entwand sich der Feind seinem Griff und attackierte ihn erneut. Rowan musste ein paar schmerzhafte Stöße einstecken, wenn sein Gegner sich freikämpfte – zum Glück gingen die meisten ins Leere, weil er schnell genug zur Seite sprang. Bedächtig achtete er darauf, dem Messer auszuweichen. Schließlich sah Rowan nur noch einen Ausweg: zu fliehen, doch der Täter verstellte ihm den Weg.
Verzweifelt überlegte Rowan, wie er sich retten könnte. Rufen wäre sinnlos. Er war allein im Studierzimmer, das sich im Turm von Burg Wanroe befand. Nicht einmal sein Großvater, der Obermagier Bunduar, wusste, dass er sich gleich nach dem Frühstück hierherbegeben hatte, um weiterzulesen.
„Lasst mich, was habt Ihr davon, wenn Ihr einen Jungen tötet?“, rief er. Er ärgerte sich über seine belegte Stimme, die seine Angst verriet. Ein heiseres, fast irres Lachen war die Antwort. Rowan lief ein Schauer über den Rücken.
Erneut machte der Angreifer einen Ausfallschritt in seine Richtung und versuchte, mit dem Messer zuzustechen. Rowan stand nun mit dem Rücken zur Wand und konnte nur zur Seite ausweichen. Er kämpfte um sein Leben, nur ein kluger Gegenangriff konnte ihn aus dieser Lage befreien. Deshalb stieß er sich von der Wand ab und schlug beide Fäuste gleichzeitig dorthin, wo er die empfindliche Magengrube seines Gegners vermutete. Tatsächlich sackte die Person zusammen und ließ den Dolch sinken. Diesen Augenblick nutzte Rowan, stürzte sich auf die Waffenhand und entwand ihr das Messer. Gleichzeitig kniete er sich auf den Arm seines Gegners und setzte die Klinge an dessen Kehle. Mit klopfendem Herzen zog er mit der freien Hand dem Unbekannten das Tuch vom Gesicht.
Er erstarrte, als er seinen Angreifer erkannte.
„Königin Narfin, Ihr?“, rief er erstaunt aus und ließ das Messer sinken.
Kaum spürte Narfin den Druck des Messers nicht mehr, wand sie sich wie eine Schlange unter seinen Knien. Sofort setzte er das Messer wieder an ihre Kehle.
„Warum?“, fragte er, obwohl er wusste, wie sinnlos die Frage war. Die Königin war seit Jahren geistig umnachtet. König Wilhar ließ sie seit seinem Thronjubiläum von ihren Hofdamen und einigen Soldaten bewachen. Doch immer wieder entwischte sie ihren Bewachern und stiftete Unruhe und Unheil. „Das weißt du ganz genau! Du machst meinem Sohn den Thron streitig!“, stieß sie voller Hass hervor.
Rowan schüttelte seinen Kopf. Ottgar war sein bester Freund, sie waren wie Brüder aufgewachsen und vertrauten sich. Auch wenn jetzt viele Tagesreisen zwischen ihnen lagen, weil Ottgar in Cajan am Königshof weilte, bestand das enge Band weiter.
„Ich werde Magier. Seit jeher haben die Könige des Reichs Magier an ihrer Seite gehabt, die ihnen in schwierigen Situationen geholfen haben. Ich hoffe, ich kann eines Tages den Erwartungen des Thronerbens Ottgars entsprechen“, erwiderte er. Doch er erkannte an Narfins Gesichtsausdruck, dass seine Worte sie nicht erreichten, sie war wieder einmal in ihrem dunklen Reich gefangen.
Plötzlich ertönten Stimmen auf der Treppe zum Studierzimmer. „Narfin? Seid Ihr hier?“
„Ja, sie ist hier“, rief er noch immer aufgewühlt.
Die Tür wurde aufgerissen. Atemlos traten die alte Hofdame Narian und ein Page ein. Schweigend schob Rowan das Messer über den Fußboden in ihre Richtung und stand dann auf.
„Ist dir etwas passiert?“, fragte Narian entsetzt. „Ich war nur kurz in der Küche. Die anderen Hofdamen hat sie fortgeschickt, um die Instrumente zu holen. Sie wollte Musik hören.“
Rowan lächelte gequält. „Nein, mir ist nichts passiert. Aber sie wird einige blaue Flecken haben, da ich mich gewehrt habe.“
Narian nickte. Sie beugte sich über Narfin, die stöhnend auf dem Fußboden lag und ihren Arm hielt.
„Majestät, es wird alles wieder gut. Die Hofdamen warten schon auf Euch, um mit Euch gemeinsam zu musizieren.“ Sie streichelte über den Kopf ihrer Herrin und summte ein Kinderlied. Die Königin schloss die Augen, ein sanfter Ausdruck erschien auf ihrem Gesicht.
Nach einer Weile öffnete sie ihre Augen wieder, verwundert schaute sie sich im Raum um. Der Page reichte ihr seine Hand und zog sie hoch. Als wenn nichts gewesen wäre, nickte Narfin Rowan freundlich zu. „Bist du schön fleißig? Ottgar braucht einen tüchtigen Magier an seiner Seite.“
„Ich gebe mir alle Mühe, möglichst viel zu lernen.“ Rowan zwang sich, freundlich zu sein und sie anzulächeln.
„Du bist begabt. Wilhar ist voll des Lobes. Schon zweimal hast du Ottgars Leben gerettet.“ Sie nickte hoheitsvoll und rauschte dann die Treppe hinab, gefolgt von Narian und dem Pagen.

Im Kindle-Shop: Rowan - Verteidigung der Felsenburg
Für Tolino: Buch bei Thalia

Mehr über und von Aileen O'Grian auf ihrem Blog.



20. November 2017

'Rift: Der Übergang' von Pascal Wokan und Joshua Tree

Durch den Rift
auf die andere Seite
wo Schatten und Tod herrschen


Der Abschlussball ihrer High School endet für Megan und Freddy in einer verhängnisvollen Begegnung. Statt den Abend wie geplant zu feiern, betritt ein Dämon ihre scheinbar heile Welt und sie werden in einen Strudel aus Enthüllungen und Katastrophen gezogen, der sie unaufhaltsam in die Tiefe reißt.

Währenddessen versuchen Vidmond und Aldora, zwei Dämonenjäger einer uralten Kaste, einen Krieg der Dimensionen zu verhindern. Doch als die beiden Welten sich kreuzen entbrennt ein Kampf zwischen den Realitäten, der sich nicht mehr aufhalten lässt. Höhere Mächte haben ihre Hände im Spiel – einem Spiel, das gerade erst begonnen hat ...

Zwei Welten – zwei Autoren. Urban Fantasy trifft Steampunk.

Gleich lesen: Rift: Der Übergang

Leseprobe:
Aldora stürmte auf einen halb geschmolzenen Stahlträger zu und duckte sich dahinter. Kurz ließ sie ihr geschultes Auge umherschweifen. Mit einem kaum merklichen Kopfnicken gab sie Vidmond zu verstehen, dass die Luft rein war. Natürlich hinterfragte er ihr Zeichen nicht, zu eingespielt waren sie als Team.
Vidmond zog sich seinen Goggle vom Zylinder und stülpte ihn über die Augen. Die Schutzbrille war mit einem metallischen Rahmen und verschiedenen kleinen Zahnrädchen am äußeren Rand versehen. Eigentlich war es momentan nicht notwendig, seine Sehkraft zu verstärken. Der Hüne liebte es aber, den Moment der Aufmerksamkeit auszukosten. Er nickte, pirschte um die Ecke und ließ sich mit einem Schnaufen direkt neben ihr nieder.
»Warum hast du deinen Goggle noch nicht aufgezogen?«, fragte er, und sah sich um.
Aldora ließ ebenfalls ihren Blick noch einmal umherschweifen. Wo man auch hinsah, erkannte man unförmige Trümmer und geschmolzene Stahlkonstruktionen. Das was vom ehemaligen Empire State Building übrig war, dem Ort, an dem eine der größten Katastrophen in der Geschichte New Yorks stattgefunden hatte. Alles, was von dem einst höchsten Gebäude der Welt noch zu sehen war, konnte man bloß als Friedhof bezeichnen – einen Friedhof für vergangenen Stolz und geplatzte Träume. Das war aber längst nicht alles, was Aldora an diesem Ort wahrnehmen konnte. Da war noch etwas anderes, etwas wesentlich tieferes. Nur wenn man in den Rang eines Klerikers erhoben worden war, konnte man es so eindeutig spüren: Der Ort war von einem dunklen Widerhall durchdrungen, der aus menschlichen Emotionen entstanden war, die über Jahre hinweg dort angestaut worden waren. Sie konnte Schmerz fühlen, Leid und unendlichen Hass. Keine gute Mischung, wenn man beabsichtigte, hier für längere Zeit zu verweilen. Es lockte die Anderen an und mehrte ihre Macht.
Das war nicht gut, denn es würde sie für die bevorstehende Situation schwächen. Also zwang sie sich zur Ruhe, atmete tief durch und versuchte, sich von allen äußeren Einflüssen abzunabeln.
Sie spürte Vidmonds Blick auf sich ruhen. Aus welchem Grund er über eine derartige innere Stärke verfügte und sich durch nichts aus der Ruhe bringen ließ, stellte sie noch immer vor ein Rätsel. So waren Menschen aber nun einmal: jeder verfügte über andere Talente.
»Geht's wieder?«, fragte er nach einer Weile.
Aldora öffnete die Augen und nickte knapp. Sie hatte sich beruhigt und gegen die äußerlichen Einflüsse unempfindlich gemacht. Schmerz, Leid und Hass waren nur Gefühle, die man ausblenden konnte, wenn man über die nötige innere Stärke verfügte.
»Also, was ist jetzt?«, fragte er. »Ziehst du die Schutzbrille zur Sicherheit noch auf?«
»Nein, blendet mich manchmal.«
»Blendet? Wir haben die Dinger eigentlich, um unsere Sehkraft zu verstärken!«
Aldora runzelte die Stirn. »Was ist los mit dir? Bist du nervös?«
Er brummte etwas Unverständliches. Seitdem sie ihn kannte, war er noch nie wirklich nervös gewesen. Noch nicht einmal aufgeregt. Ja, im Grunde genommen war er genau das, was einen perfekten Kleriker ausmachte.
»Wenn's dich glücklich macht, dann ziehe ich das Ding eben auf«, schnaubte sie und stülpte sich den Goggle über die Augen. Obwohl sie bereits im normalen Zustand laut Vidmond über eine außergewöhnliche Sehkraft verfügte, wurde diese mit der anbarischen Maschine nochmal um ein Vielfaches verstärkt. Nun konnte sie jede noch so kleine Unebenheit in dem Stahlträger vor sich sehen. Die Maserung, die leicht korrodierten Stellen und sogar ein ganz feines Muster, das Hinweis darauf gab, wie heftig damals das Feuer gewütet hatte. Mehr als dreißig Jahre war die Zerstörung des Empire State Building durch einen Mondbrocken nun her und doch konnte man die verheerenden Auswirkungen noch immer erkennen.
Aldora zog ihre Taschenuhr aus der Jacke und warf einen kurzen Blick darauf. Kurz vor Mitternacht. Höchste Zeit, sich einmal richtig umzusehen.
Entschlossen sprang sie hinter dem Stahlträger vor, umrundete einen großen Trümmerhaufen und stürmte über eine weitläufige Fläche davon. Feiner Staub lag in der Luft und es roch nach Schwefel und etwas anderem, das sie nicht richtig zuordnen konnte. Während ihr Atem rasselte, trommelten die schwarzen Stiefel auf dem zerbrochenen Asphalt. Die dumpfen Laute wurden durch Vidmonds schwere Schritte übertönt, als er ihr in geringem Abstand folgte.
Nachdem sie den Platz überquert hatte, kniete sie hinter einem riesigen Metallbrocken nieder. Einst war es wohl eine Statue gewesen – heute erinnerte nichts mehr an ihre einstige Pracht. Die Statue war halb zerstört und verwittert – wie so vieles auf dieser Welt.

Im Kindle-Shop: Rift: Der Übergang

Mehr über und von Pascal Wokan und Joshua Tree auf ihren Webseiten Autorenhomepage Pascal Wokan und Aktuelles von Joshua Tree - weltenblume.de.



17. November 2017

'Die Königin der Kelten (Eifel-Saga 3)' von Sabine Altenburg

Was nimmt hier gerade seinen Anfang?
Wohin wird es uns führen?
Und wie soll es enden?


Sommer des Jahres 52 vor Christus. Die junge Germanin Sucella wird dem zukünftigen König der keltischen Treverer zur Frau versprochen, um das Bündnis der beiden Stämme gegen die feindlichen Sueben zu besiegeln. Doch ihr Herz gehört einem anderen Mann, Acco. Während eine gewaltige suebische Streitmacht Sucellas neue Heimat bedroht, kämpft sie an seiner Seite um ihr Leben, ihre Liebe und ihr Glück.

Mehr als zweitausend Jahre später lernt die Fotografin Sarah den charmanten Franzosen Armand kennen, der sie auf Anhieb fasziniert. Doch kaum kommen sich die beiden näher, geraten sie in einen Strudel unheimlicher Ereignisse, die auf geheimnisvolle Weise mit Sucellas und Accos Schicksal verknüpft zu sein scheinen. Und bald spitzt sich die Bedrohung so dramatisch zu, dass Sarah um Armands Leben fürchtet ...

Die Eifel-Saga umfasst bislang drei historische Romane, die in der Eifel angesiedelt sind. Sie sind in sich abgeschlossen und können unabhängig voneinander gelesen werden.

Gleich lesen: Die Königin der Kelten. Historischer Liebesroman (Eifel-Saga 3)

Leseprobe:
»Komm ins Wasser! Es ist herrlich erfrischend.«
Sucella schaute zu Aruna hinüber, die lachend und planschend in den Fluss vorausgelaufen war. Das rehbraune, knielange Kleid der Freundin, der Gürtel mit ihrem Dolch und die Schuhe aus durchbrochenem Leder türmten sich in einem unordentlichen Haufen auf dem Ufer des Renos. Die beiden jungen Frauen liebten diesen friedlichen Ort, eine sanfte Bucht mit seichtem Wasser in der Farbe von Eisvogelfedern und einem sandigen, von den Schalen unzähliger Muscheln übersäten Strand.
Sucella winkte Aruna zu, ehe sie die Zügel ihrer Stute um den Ast einer Bruchweide schlang, der tief über das Flussufer hinabhing und nur hie und da Sunnas Strahlen und Splitter des Himmelsblaus hindurchblitzen ließ. Der edle Schimmel, ein Geschenk ihres Vaters, stupste mit dem weichen Maul gegen ihre Schulter und schnaubte leise.
Sie strich ihm zärtlich über die Stirn. »Ich bleibe nicht lange fort, Mondlicht«, flüsterte sie, »versprochen.« Dann entledigte sie sich ebenfalls ihrer Kleidung, entbot dem Gott des Flusses mit einer Abfolge von Gesten ihren Gruß und lief Aruna hinterher, die bereits einige Manneslängen in die Bucht hinausgeschwommen war.
Ihre Freundin hatte recht. Das klare blaugrüne Wasser war wunderbar kühl und prickelte auf ihrer heißen, verschwitzten Haut. Zwei Wochen nach der Sommersonnenwende war das Wetter beinah unerträglich schwül. Daher hatten sich die sechzehnjährige Sucella und die ein Jahr jüngere Aruna nach dem Mittagsmahl davongestohlen und waren aus der Siedlung auf dem Gipfel der Anhöhe hinabgeritten in das Tal des Renos, dessen Fluten Abkühlung und einen unbeschwerten Nachmittag versprachen.
Sucella wusste sehr wohl, dass ihr Vater Maelo, der Fürst der Ubier, es missbilligte, wenn sie sich ohne seine Erlaubnis und eine Eskorte von Kriegern aus Burunda entfernte. Doch was sollte ihr in dieser friedlichen Bucht schon zustoßen, in der Bachstelzen über den Strand trippelten und Sonnenflecken auf dem heißen Sand tanzten?
Mit den Sugambrern, deren Gebiet im Norden an das der Ubier grenzte, herrschte Frieden. Und die Sueben, jener rastlose, gierige Stammesverband, waren zwar in den vergangenen Jahren in immer neuen Wellen aus den in Richtung des Sonnenaufgangs gelegenen Landstrichen an den Renos gedrängt und hatten ihn sogar mehrmals überschritten. Nun jedoch deutete alles darauf hin, dass sie sich in die unendlichen Weiten des fernen, Bacenis genannten Waldgebiets zurückgezogen hatten.
»Worüber zerbrichst du dir den Kopf?« Aruna spritzte ihrer Freundin mit der flachen Hand Wasser ins Gesicht. »Genieß lieber den herrlichen Tag.«
»Na warte!« Sucella tauchte, schwamm unter ihr hindurch, und als sie wieder an die Oberfläche kam, sah sie ihn.
Der Mann saß auf einem Rappen von gewaltiger Größe. Dies war kein einheimisches Tier, erkannte sie. Dies war eines der edlen, hochbeinigen Pferde, wie die Römer sie züchteten, indem sie Rassen aus den Ländern südlich und östlich des Mare internum einkreuzten.
Sein Reiter war jedoch kein Angehöriger der Legionen. Er mochte Ende dreißig oder Anfang vierzig sein, war hochgewachsen und von kräftiger Gestalt. Trotz der drückenden Hitze trug er einen schwarzen Umhang über seiner gleichfarbigen Tunika und der Hose aus derbem Rindsleder. Die Seiten seines Schädels hatte er geschabt, sodass sich lediglich ein Kamm dunkler Haare von der Stirn bis in den Nacken zog. Diesen hatte er mit Kalkwasser gestärkt, um ihm ein stacheliges, verwegenes Aussehen zu verleihen und seine ohnehin beeindruckende Statur noch größer erscheinen zu lassen. Auf den Wangen des Mannes prangten Symbole in tiefblauer Farbe, die sich bedrohlich von seiner auffallend bleichen Haut abhoben. Ein dunkler Bart umrahmte Kinn und Mund des Reiters, dessen Oberlippe durch eine Hasenscharte entstellt wurde, eine helle, kahle Schneise, die Sucellas Blick anzog. Seine Augen, in den Schatten unter dem Blätterdach der Weide schwarz wie Kohlestücke, ruhten unverwandt auf den beiden jungen Frauen.
Sucellas Kopfhaut zog sich warnend zusammen, und ein eisiger Schauer rieselte ihren Rücken hinab, der nicht dem kühlen Wasser des Renos geschuldet war.
Dieser Mann war ein Fremder. Und nicht nur das: Er war auch kein Ubier, kein Angehöriger des Stammes, über den ihr Vater herrschte. Die genaue Bedeutung der Zeichen auf seinen Wangen kannte Sucella nicht, doch sie verrieten, dass er sich auf einem Kriegszug befand.
Aruna hatte den Reiter ebenfalls entdeckt. »Bei Aufania«, flüsterte sie heiser. »Wer ist dieser Mann?«
Sucella strich sich die nassen blonden Locken aus dem Gesicht und ließ den Fremden nicht aus den Augen. »Ich weiß es nicht«, gab sie ebenso leise zurück.
Mit wachsendem Unbehagen beobachtete sie, wie sein Blick von ihrer wertvollen Schimmelstute zu den beiden jungen Frauen wanderte, kurz zwischen ihnen hin und her zuckte, um schließlich auf Sucella zu verharren. Er nahm die zierlichen goldenen Armreife an ihren Handgelenken wahr und hielt für die Dauer eines Atemzugs ihren bangen Blick fest. Dann neigte er den Kopf in einer Geste, die höflich und zugleich bedrohlich wirkte, wendete mit einer sparsamen Bewegung seinen gewaltigen Rappen und lenkte ihn auf den Weg, der aus der Bucht hinausführte.
Einen Herzschlag später hatte ihn der Vorhang der Weidenzweige verschluckt. Ein sanfter Wind säuselte in den silbrig grünen Blätterbüscheln. Und schon wagten sich auch die Bachstelzen wieder hervor, als hätte es den bleichen, schwarz gekleideten Fremden gar nicht gegeben, als wäre er bloß eine Erscheinung, geradewegs Hel entsprungen.

Im Kindle-Shop: Die Königin der Kelten. Historischer Liebesroman (Eifel-Saga 3)

Mehr über und von Sabine Altenburg auf ihrer Website.



16. November 2017

'Winterglitzern (Cornwall Seasons 2)' von Cara Lindon

Was wäre, wenn eine einzige Begegnung dein Leben verändert?

Die unabhängige Bree arbeitet als Curvy Model und genießt ihr Single-Leben mit Reisen, spannenden Jobs und unverbindlichen Affären. Ein Anruf ihres Vaters ändert alles: Sie muss zurück ins beschauliche Cornwall, um sich dort um das B&B ihrer Eltern zu kümmern. Den einzigen Gast kennt sie bereits – aus einer unerfreulichen Begegnung in London. Ben, Mitte 30, enttäuscht von der Liebe und gelangweilt vom Job. Er ist sofort von Bree fasziniert, aber sie zeigt ihm die kalte Schulter.

Bald entdeckt Bree Anzeichen, dass Ben ihr seine wahren Absichten verheimlicht. Aber warum kann sie seine braunen Augen nicht vergessen? Als sie Bens Geheimnis auf die Spur kommt, droht alles zu zerbrechen. Wird Bree um ihre Liebe kämpfen oder kehrt sie zurück in ihr altes Leben?

Ein Liebesroman mit selbstbewusster Heldin, unerzogenem Hund, höflichem Kater, anstrengender Familie, wunderbaren Freundinnen, zahlreichen Verwicklungen und Weihnachten sowie Herz und Humor.

Gleich lesen: Winterglitzern (Cornwall Seasons 2)

Leseprobe:
»Willkommen im Hyde Park«, murmelte sie, nachdem sie die Brücke des Sees überquert hatte, der die beiden großen Parks voneinander trennte. Obwohl The Serpentine voller Ruderboote und Wasservögel war und etliche Menschen, Londoner und Touristen, die Oktobersonne nutzten, genoss Bree den Frieden, den sie beim Anblick des Wassers empfand.
Ich sollte jeden Moment der Ruhe mitnehmen, bevor ich mit Mum zusammenstoße.
Der Gedanke ließ sie schneller laufen, als könnte sie so dem anstehenden Konflikt entgehen, der in St. Bart auf sie wartete, sollte ihre Mutter sich nicht durch ein Wunder oder die Krankheit verändert haben. War sie eine schlechte Tochter, weil ihr solche Gedanken durch den Kopf gingen?
In dem Moment galoppierte ein braunweiß gefleckter Hund laut bellend auf sie zu. Dabei hatte sie sich bewusst für eine Strecke entschieden, auf der Hunde an der Leine zu führen waren. Aufgrund ihrer Hundeerfahrung entschied sie sich dafür, nicht weiter zu joggen, solange der Beagle frei war.
Na, das ist mal wieder typisch, dachte Bree und trabte entnervt auf der Stelle. Ein Hundebesitzer, der sich nicht an das Leinengebot hält, weil
a) sein Dexter / Russel / Monty oder Oscar so gut erzogen ist, dass er frei herumrennen darf,
b) der Leinenzwang den natürlichen Bewegungsdrang des Hundes einschränkt und damit Tierquälerei ist,
c) normalerweise hier NIEMAND um diese Uhrzeit joggt oder
d) Winston / Alfie / Bonnie oder Jack nur spielen will.
Ignorante Hundehalter. Wie sie die hasste!
Und – überraschenderweise – waren es immer die Menschen, deren Hunde am schlechtesten erzogen waren, die sich nicht an die Regeln hielten. So wie dieses Prachtexemplar: Ein Mann, etwa so groß wie sie, der hinter seinem Beagle herjagte und brüllte: »Charlie Brown. Komm sofort her, Charlie Brown!«
So wie der Hund reagierte, hätte der Mann auch »Lauf so schnell du kannst, und versuch die Frau zu fangen, Charlie Brown!« rufen können.
Bree trabte immer noch auf der Stelle und beobachtete das Schauspiel. Eins musste sie dem Beagle lassen. Für einen Hund hatte er wirklich Humor. Er ließ seinen Besitzer bis auf ein paar Schritte an sich herankommen und rannte dann, wie von Wölfen gehetzt, davon, nur um sich ein paar Meter weiter auf seinen Hintern zu setzen, den Kopf schief zu legen und auffordernd zu kläffen.
Immerhin – und das hielt sie ihm zugute – hatte der Besitzer nicht versucht, mit ihr zu darüber zu diskutieren, ob der Beagle ein braver Hund wäre, an dem sie unbesorgt vorbeijoggen könnte. Nein, er war sofort losgestürzt, um Charlie Brown einzufangen …
… und das war jetzt das Ergebnis: ein Rennen zwischen Herrchen und Hund, das eindeutig der Beagle für sich entscheiden würde. Ein Blick auf die Uhr bestätigte ihre Befürchtungen. Wenn er Charlie Brown (immerhin ein pfiffiger Name) nicht bald einfing, käme sie zu spät zu ihrem Treffen mit Sarah, die Unpünktlichkeit verabscheute.
»Na ja, ein bisschen Sport hat dein Mensch auf jeden Fall nötig«, murmelte Bree in sich hinein und beschloss, dass sie, da der Beagle abgelenkt war, gefahrlos weiterlaufen konnte.
»NEIN! NEIN! Auf keinen Fall! CHARLIE Brown, aus!« Als sie die ansteigenden Schreie hörte, erkannte Bree, dass das Weiterjoggen nicht eine ihrer besten Ideen gewesen war.
Der Beagle hatte wohl entschieden, dass Herrchen fopppen deutlich langweiliger war als Beute jagen, und raste bellend auf sie zu. Sie hielt an.
»Mist, damit ist das Training heute für die Katz«, zischte sie dem Beagle entgegen, der immer noch auf sie zukam, jetzt aber mit geöffnetem Maul und schwanzwedelnd. Mit deutlichem Abstand folgte sein Herrchen.
Bree stand ruhig, aber in ihrem Innern kochte es. Sie liebte es, wenn sie in Kensington Gardens und im Hyde-Park joggen konnte. Jedes Mal, wenn sie in London war, nutzte sie die Chance. Hier hatte Laufen etwas Meditatives, bei dem sie allen Ärger und alle Sorgen vergessen konnte. Und jetzt das! Ausgerechnet heute, wo sie knapp in der Zeit lag.
Während der Beagle kläffend um sie herum hüpfte, sah Bree dem Mann entgegen, der sich wacker abmühte, seinen Hund zur Räson zu bringen. Das Repertoire reichte von »Charlie, lass das!« über »Sitz, Charlie!« bis hin zu »Komm sofort her, Charlie Brown. SOFORT!«, alles mit einem Keuchen in der angenehm dunklen Stimme und keinerlei Effekt auf den Hund.
Endlich war er angekommen und griff nach dem Halsband des Beagles. Der blieb stehen und wedelte mit dem Schwanz. Bree hätte schwören können, dass der Hund sie angrinste.
Neugierig musterte Bree den Mann, der angestrengt atmete. Irgendwie passte alles an ihm nicht so recht zusammen: sein dunkler Zauselbart und die ausgewachsene Frisur bildeten einen seltsamen Kontrast zu den teuren Schuhen und dem eleganten Regenmantel von Hackett, den Bree auf den ersten Blick erkannte. Er sah aus, als hätte er sich gehen lassen, aber erst seit Kurzem. In einem Anflug von Neugier fragte sie sich, was wohl für eine Geschichte dahintersteckte.
»Tschuldigung«, murmelte Zauselbart, während er die Leine am Halsband befestigte. »Das macht er sonst nie.«
Dieser Spruch brachte Bree dazu, die Augen zu verdrehen. Wenn sie jedes Mal fünf Pfund bekäme, wenn ein Hundebesitzer etwas in der Art sagte, könnte sie sich auf einer Südsee-Insel zur Ruhe setzen. Sie holte tief Luft und donnerte los: »Können Sie Ihren Hund nicht an der Leine behalten?!«
Beinahe tat er Bree leid, wie er den Boden anstarrte und hilflos den Beagle streichelte, aber nur beinahe. Obwohl er von Nahem attraktiv aussah mit seinen hellbraunen Haaren und dunkelbraunen Augen. So dunkel, dass sie beinahe schwarz wirkten, unter kräftigen Augenbrauen, die gezupft aussahen. Auch das passte nicht zu Haaren und Bart. Am auffallendsten jedoch waren seine Lippen: geschwungen und voll, sodass sie weiblich wirkten.
»Das hier ist ein Weg mit Leinenpflicht. Menschen wie Ihnen sollte man verbieten, Hunde zu halten.«
»Sorry«, sagte Zauselbart und lächelte zu ihrer Überraschung. »Charlie Brown hat sich losgerissen. Das macht er normalerweise wirklich nicht. Ehrlich. Ich weiß, das sagen alle.«
Ein tolles Lächeln. Nein, im Moment habe ich keine Zeit für eine Affäre.
»Halten Sie den Hund jetzt fest! Bitte.« Bree drehte sich um und joggte langsam weiter. Mist, damit ist das Training heute für die Katz, nein für den Beagle. Hinter sich hörte sie den Beagle bellen und den Mann etwas murmeln, dass sie nicht verstehen konnte und auch nicht verstehen wollte. Aber es hörte sich beinahe an, als hätte er sie zu einem Kaffee einladen wollen.
»Warten Sie!«, rief er ihr hinterher, so laut, dass Charlie Brown hektisch kläffte. »Hallo, bitte warten Sie!«

Im Kindle-Shop: Winterglitzern (Cornwall Seasons 2)

Mehr über und von Cara Lindon auf ihrer Website.



15. November 2017

'Mombel der Mutmacher: Der verflixte Kasten' von Beate Geng

Paule hasst den Sportunterricht. Nie schafft er es, über die blöden braunen Kästen zu springen. Jedes Mal blamiert er sich vor der ganzen Klasse. Alle lachen - immer! Das macht unseren Paule natürlich traurig. Eines Tages passiert etwas Unglaubliches. Ihm erscheint, schwuppdiwupp, ein kleines Gespenst. Das ist Mombel und der spricht in Reimen!

Zuerst ist Paule nicht begeistert. Aber dann bemerkt er etwas. Mombel taucht immer dann auf, wenn Paule sich nicht traut oder Angst hat. Das kleine Gespenst lacht nicht, sondern redet Paule gut zu. Und siehe da …

Ein Mutmachbuch zum Vorlesen für Kinder ab 4 Jahren. Zum selbständigen Lesen für Kinder ab 8 Jahren. Und: Für Jugendliche und Erwachsene, die im Sportunterricht mit den Kästen nicht klarkamen!

Gleich lesen: Mombel der Mutmacher: Der verflixte Kasten

Leseprobe:
Der verflixte Kasten

Der kleine Paule wohnte mit seinen Eltern und seinem großen Bruder in einem kleinen Dorf namens Trötenheim. Das ist in der Nähe von Dingenshausen.
Er besuchte die zweite Klasse der Grundschule Büffeltal.
Eigentlich war Paule ein sehr aufgewecktes, frohes Kind und er ging gerne zur Schule – wäre da nur nicht der blöde Sportunterricht gewesen. Paule hasste Sport. Und deshalb war er natürlich auch nicht besonders gut. Da lief immer alles schief.
Und das war noch nicht alles! Nee, da gab es noch seine gemeinen Klassenkameraden. Die machten sich immer lustig über Paule und zogen ihn ständig auf.
Martin sagte zum Beispiel: „Paule, Paule stolpere nicht, sonst hast du wieder Schrammen im Gesicht.“ Schon brach die ganze Klasse in Gelächter aus.
Deshalb wünschte sich Paule nichts sehnlicher, als es ihnen allen einmal so richtig zu zeigen. Martin und den anderen sollte die Spucke im Hals steckenbleiben.

An einem Montag aß Paule mit seiner Familie zu Abend. Eigentlich hätte er superglücklich sein müssen, denn seine Mama hatte extra Pfannkuchen für ihn gebacken. Die liebte er normalerweise über alles. Aber Paule saß mit einem mürrischen Gesicht am Tisch und stocherte im Essen herum.
„Was ist denn los mit dir, mein Schatz?“, fragte seine Mama.
„Nix“, brummelte Paule.
Aber seine Mama ließ nicht locker.
„Na gut“, stöhnte Paule, „morgen ist mal wieder dieser voll bescheuerte Sportunterricht. Wir sollen über diese dämlichen, blöden braunen Kisten – oder wie die Dinger heißen – springen. Aber meistens knalle ich gegen die Teile und haue mir die Haxen auf.“



Seine Mama schaute ihn mitfühlend an und sagte: „Diese dämlichen Dinger sind Kästen. Wenn du immer sagst, dass du es nicht kannst, wird es auch nie klappen. Man kann alles schaffen, wenn man nur will.“
Da brüllte sein großer Bruder Micha: „Morgen können wir den kleinen Dummkopf dann vom Holzkasten kratzen. Haha.“
Da stiegen Paule die Tränen in die Augen. Erstens aus Traurigkeit, weil Micha ihn auslachte, und zweitens vor Wut. Die Tränen bemerkte Micha natürlich und rief ganz fröhlich: „Pauli ist `ne Heulsuse, Pauli ist ein Mädchen!“
Die Mama ermahnte Micha, er solle aufhören, nun auch noch zu stänkern. Dann ging sie in die Küche.
Micha rannte, dumm grinsend, in den Garten und spielte mit Charly, dem Familienhund.
Nun saß Paule alleine und traurig am Tisch. Auf einmal spürte er einen leichten Luftzug neben sich und in der Luft, nanu, da schwirrte etwas.
Mit offenem Mund, ganz starr vor Schreck saß Paule auf seinem Stuhl. Er traute seinen Augen kaum. Neben seinem Kopf schwebte so ein kleines Gespenst.

Im Kindle-Shop: Mombel der Mutmacher: Der verflixte Kasten

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'Bittersweet Experience – kein Rendezvous' von May Newton

Verlangen, Macht und ein Spiel ohne Grenzen mit ungewissem Ausgang – das ist Bittersweet Experience – kein Rendezvous!
Das Leben ist ein aufregendes Spiel. Es ist unberechenbar und sein Verlauf offen. Ein Dark-Romance-Roman mit hellen Nuancen!


Der charismatische Julian Greenwood genießt sein Leben als wohlhabender Privatier. Er sucht den Kick der Macht und nimmt sich das, was er will – er ist ein Spieler ohne Limit. Er trifft auf die zurückhaltende Cathleen, die ihn reizt. Sie ist jedoch eine Frau mit festen Glaubenssätzen. Durch die hohen Spielschulden ihres Freundes Arthur, sieht er eine Gelegenheit, sie zu brechen. Wird sie sich auf die hochexplosive Partie einlassen? Oder bleibt sie ihren Grundsätzen treu und riskiert Arthurs Existenz?

Hinter May Newton verbergen sich Tabea S. Mainberg und die dunklen Seiten der Erotik. Deutliche Worte, keine Tabus, verboten gut!

Gleich lesen: Bittersweet Experience – kein Rendezvous

Leseprobe:
Cathleen Rosenburg – die Träume sind mein Leben
Ich saß mit geschlossenen Augen auf dem Stuhl und durchlebte jede Szene. Es erregte mich zutiefst und ein Glücksgefühl durchströmte meinen Körper. Was jedoch ein innerliches Beben hervorrief, war der Gedanke an die Hochzeitsnacht. Ein romantisches Zimmer, Kerzenschein und ein großes Himmelbett, übersät mit Rosenblättern, sah ich als den vollkommenen Rahmen an, der mein erstes Mal zu einem unvergesslichen Erlebnis werden ließ.
Das Klingeln des Telefons riss mich aus den Tagträumen. Mit einem Lächeln nahm ich das Gespräch an. »Arthur, Liebling, schön, dass du dich meldest«, flötete ich.
Wie immer rief er pünktlich um die Mittagszeit an. Ein lieb gewonnenes Ritual, das ich nicht missen wollte. »Hallo, Süße, ich muss einfach deine Stimme hören. Du fehlst mir.«
»Du mir auch.« Obwohl wir uns erst gestern gesehen hatten, empfand ich eine wundervolle Sehnsucht nach ihm. Diese Form des Vermissens genoss ich, denn es fühlte sich süß wie Schokolade an.
»Was machst du gerade?«, fragte er.
»Ich schaue mir Brautkleider an und träume von unserem großen Tag«, hauchte ich in den Hörer und meine Wangen glühten.
»Ich kann es ebenfalls kaum erwarten. Noch exakt zweiundsechzig Tage.«

Julian Greenwood – Ich bleibe ein Spieler
Wir Pokerspieler sind Nachtmenschen. Die Turniere begannen am Abend und in der Regel spielten wir bis zu zwölf Stunden. Die Kontrolle über die eigenen Bewegungen und Gesten zu behalten, erwies sich als die größte körperliche Herausforderung. Wie zum Beispiel bei einem American-Football-Spiel erkennen erfahrene Spieler, in welche Richtung der Gegenspieler laufen wird. Es sind minimale Signale, die über Sieg oder Niederlage entscheiden.
Einen erfolgreichen Akteur betrachtete man in Pokerkreisen als Hai, der die kleinen Fische strategisch und gnadenlos jagte. Allerdings blieb es nicht aus, dass ein Fisch uns entkam. Das war jedoch reines Glück. Fortuna ist die einzige Komponente, die auch ein Profi nicht beeinflussen kann.
Ich war mittlerweile vierzig und finanziell zufrieden, was mir eine sorgenfreie Existenz garantierte. Vor zwei Jahren verlor ich die Lust an den Turnierspielen und an dem rastlosen Leben. Der Erfolg und das prall gefüllte Bankkonto führten dazu, dass ich den Reiz und somit den nötigen Ehrgeiz einbüßte. Möglicherweise ist der ausgeprägte Narzissmus der Grund, warum ich mich von dem offiziellen Turnierpoker verabschiedete. Ich verlor nicht gern.

Arthur Clark – Mein dunkles Geheimnis
Abwesend starrte ich auf den Bildschirm. Eine unendlich lange Liste mit Kundennamen, die ich anrufen musste, verschwamm vor den Augen. Ich hatte keine Kraft, mich einem Verkaufsgespräch zu stellen und Höflichkeit zu heucheln. Wie konnte das gesamte Leben dermaßen in Schieflage geraten? Noch vor einem halben Jahr lief alles reibungslos. Cathleen kennengelernt zu haben, empfand ich als persönlichen Jackpot. Eine hübsche und kluge Frau, die viele Eigenschaften besaß, die ich schätzte. War es ein Fehler, sich auf ihre Bedingung einzulassen? Kein Sex vor der Ehe, was für ein absurder Standpunkt in unseren modernen Zeiten. Ich erinnerte mich noch genau, wie mir das Essen im Hals stecken blieb, als sie mir ihre Einstellung offenbarte. Zunächst hatte ich angenommen, es sei ein Scherz und sie wollte mich testen, ob es mir nur auf die körperlichen Reize ankam. Frauen kamen manchmal auf seltsame Ideen, um herauszufinden, wie ein Mann zu ihnen stand.
Dass es mir derart schwerfiel, sie nicht zu berühren, überraschte mich. Ihren Körper, den sie mir vorenthielt, begehrte ich in einer aufreibenden Intensität. Natürlich hätte ich jederzeit die Notbremse ziehen können. Es zwang mich niemand, bei ihr zu bleiben. Doch wir verstanden uns prächtig, da uns viele gemeinsame Interessen verbanden. Weiterhin ging ich zu Beginn davon aus, dass sie ihren Entschluss nicht durchzog. Ich täuschte mich gewaltig. Händchen halten, küssen und ein bisschen kuscheln, mehr gestand sie mir nicht zu.
Der erste Disput entstand, kurz nachdem ich ihr einen Heiratsantrag machte. Für mich bedeutete die Frage und ihre Zustimmung ein Ende ihres Keuschheitswahnsinns. Mir ging es mittlerweile auf die Nerven, es mir ständig selbst zu besorgen. Ich betrachtete meine Sexualität als normal, insbesondere wenn ich eine Frau begehrte.

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14. November 2017

'Einen Kopf kürzer: Dunkle Geschichten' von Stefan Barth

"Einen Kopf kürzer" sammelt zwölf dunkle Kurzgeschichten, nach denen das Löschen der Nachttischlampe womöglich etwas schwerer fällt.

Ob bei einem nächtlichen Freibadbesuch, beim Joggen im Stadtwald, in einem Erdloch in Syrien oder in uns selbst. Das Böse lauert überall und in den unterschiedlichsten Formen.

Gleich lesen: Einen Kopf kürzer: Dunkle Geschichten

Leseprobe:
Carsten hört, wie Roy um sein Leben bettelt.
Er hört, wie sich das Betteln in panische Schreie verwandelt und die Schreie in Grunzen. Aber dieses Grunzen wird nicht von Roy ausgestoßen, sondern von den Männern, die ihm bei lebendigem Leib den Kopf absägen. Jemanden zu enthaupten muss eine anstrengende Arbeit sein.
Roy ist nicht der Erste, den Carsten sterben hört. In seiner beinahe dreimonatigen Gefangenschaft wurden seine Ohren Zeugen der Enthauptung von sechs weiteren Männern. Ein russischer Journalist, zwei japanische Mitarbeiter einer internationalen Hilfsorganisation, ein syrischer Offizier, ein englisch sprechender Mann mit türkischem Akzent, der über seine Herkunft nicht sprechen wollte und ein Texaner, dessen letzte Worte „Das dürft ihr nicht. Ich bin Amerikaner“ waren.
Carsten hat viel Gewalt und Tod und Leiden gesehen.
Das gehört zu seinem Beruf.
Das ist sein Beruf.
Er hat nach einem Jahrhundert-Taifun in Indonesien Hunderte von Leichen gesehen, die wie ungepflücktes Obst in den kahlen Bäumen hingen. Er ist mit der Nord-Allianz in Kabul einmarschiert, Blumen in den Gewehrläufen der triumphierenden Männer, vorbei an den zerfetzten Körpern der von amerikanischen Bombern in Stücke gerissenen Taliban. Er war dabei, als Massengräber in Libyen ausgehoben und Hunderte von menschlichen Überresten fein säuberlich auf weißen Tüchern platziert wurden. Er hat in Ruanda in Kirchen gestanden und meterhohe, knallbunte Kleiderberge gefilmt, die sich als mit Macheten niedergemetzelte Frauen und Kinder entpuppten. Er hat geholfen, aufgedunsene Wasserleichen, afrikanische Flüchtige, die glaubten, in Europa ein besseres Leben zu finden, aus dem Meer vor Lampedusa an Bord der Küstenwache zu ziehen. Er hat zwei Jahre lang in Moskau die alltägliche Grausamkeit der Großstadt dokumentiert, die Opfer der Mafia und banaler häuslicher Gewalt, zu Tode geprügelte junge Prostituierte, Babys, die von Müttern im Drogenrausch in Mikrowellen gebraten wurden. Dinge, die den Gräueltaten der Kriegsgebiete in nichts nachstanden.
Er hört, wie die Tür zum Nebenraum aufgeschlossen wird. Dann schiebt Said die vor der Tür hängende Decke beiseite. Er trägt ein silbernes Tablett. Darauf ein Teller mit Reis und klein gehacktem Fleisch, ein Glas mit dampfendem Schwarztee. Said stellt das Tablett auf dem Boden vor Carsten ab und macht einen Schritt zurück. Bleibt mit verschränkten Armen stehen und sieht auf Carsten hinab. Er spricht britisches Englisch mit arabischem Akzent. Carsten vermutet, dass Said die Hälfte seiner geschätzten vierzig Lebensjahre in England verbracht hat.
„Er hat gewinselt wie ein Hund“, sagt Said und meint damit Roy, Carstens Kameramann, eine dauergrinsende Frohnatur aus Leicestershire, verheiratet und Vater von drei Kindern, den sie heute früh ermordet haben.
Carsten erwidert nichts.
„Wirst du auch winseln wie ein Hund?“
Carsten bleibt still.
Said schlägt ihm mit der flachen Hand auf den Kopf. Nicht besonders schmerzhaft, aber unglaublich erniedrigend. „Gib mir Antwort, wenn ich dich etwas frage.“
Carsten hebt den Kopf und sieht Said in die Augen. „Ich weiß es nicht.“
Said lächelt verächtlich. „Natürlich wirst du winseln. Ihr seid keine Männer. Ihr seid Hunde. Ihr habt keine Ehre und keine Eier. Deswegen wird Allah euch vom Angesicht der Erde fegen.“
Statt einer Erwiderung greift Carsten zum Tee und trinkt vorsichtig einen Schluck von der heißen Flüssigkeit.
Said zieht Rotze hoch und spuckt auf Carstens Teller. „Guten Appetit, du Hund.“
Die ersten Männer, die Carsten und seine inzwischen toten Leidensgefährten bewachten, waren erstaunlich freundlich zu ihnen. Said, der seit zwei Wochen kommt, ist ein ausgemachtes Arschloch. Ein Sadist. Er provoziert in Hoffnung auf eine Reaktion. In der Hoffnung, zuschlagen zu dürfen. Nicht, dass er dazu von irgend jemandem eine Erlaubnis bräuchte. Carsten vermutet, dass Said eine Art Kommandeur ist.
„Danke, Said“, sagt Carsten, ohne ihn anzusehen. Dann nimmt er den Teller. Er sieht Saids Spucke auf dem Fleisch. Greift mit den Fingern zu und schiebt es sich trotzdem in den Mund. Widersteht dem kurz aufsteigenden Brechreiz, kaut und schluckt das fade gewürzte Fleisch hinunter.
Said schüttelt angewidert den Kopf. „Ehrenlos.“ Er wendet sich ab, verlässt den Raum und schließt die Tür hinter sich ab.
Carsten hört die Schritte auf der Treppe, die sie ihn vor genau zwei Monaten, drei Wochen und einem Tag mit verbundenen Augen hinabgeführt haben, leiser werden und schließlich ganz verstummen.
Mit dem Tod von Roy ist er zum ersten Mal seit Beginn seiner Gefangenschaft allein. Ganz allein.
Werden neue Gefangene kommen? Oder werden sie ihn vorher töten?
Er sieht Roys Gesicht vor sich, als sie ihn heute früh aus dem Raum geholt haben. Den flehenden Blick, den Roy ihm zuwarf, so als könnte Carsten irgendetwas tun.
Er checkt seine G-Shock, die sie ihm erstaunlicherweise nicht weggenommen haben. Es ist acht Uhr abends. Er macht Liegestütze. Zwanzig Stück. Wie jeden Tag. Morgens, mittags und abends. Ein paar Yoga-Übungen. Dann hört er seinen Magen rumoren und schafft es gerade noch auf den gelben Plastikeimer, der in der hinteren rechten Ecke des Raumes steht. Dünnflüssige Kacke spritzt in den Eimer und sein Anus brennt. Hoffentlich kein Virus, sondern nur eine verspätete psychische Reaktion auf Saids Rotze in seinem Essen.
Er löscht das Licht der batteriebetriebenen Campinglampe, die sie ihnen zusammen mit einem makellosen, mit Gold verzierten Koran gegeben haben, um darin zu lesen und zu dem wahren, dem einzigen Gott zu finden. Dann rollt er sich auf dem handgewebten Teppich zusammen, der den Boden bedeckt. Er sucht das große schwarze Loch in seinem Kopf, dieses Universum von Nichts, und lässt sich treiben.
Er wacht auf, als er Stimmen hört.
„Pass doch auf, du Idiot.“
„Pass doch selber auf.“
Er drückt auf den Knopf für die Beleuchtung der G-Shock. Acht Uhr morgens. Er hat genau zwölf Stunden geschlafen. Den ganzen Tag mehr oder weniger bewegungslos eingepfercht, in einem vier mal vier Meter großen, fensterlosen Raum, und doch schläft er fast jede Nacht so lang und tief wie ein Kleinkind.
Die Erkenntnis schießt ihm durch den Kopf: Sie sprechen Deutsch.

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13. November 2017

'Wintergefühle' von Sylvia Filz und Sigrid Konopatzki

Die erfolgreiche Antiquitätenhändlerin Marie lernt an einem schneereichen Abend, schon in Gedanken beim jährlichen Weihnachtsurlaub mit ihrem Lebensgefährten in der Schweiz, den neunjährigen Finn und seine Großmutter kennen. Die beiden wirbeln ihr Leben mächtig durcheinander. Für Verwirrung sorgt zudem Streifenpolizist Marvin.

Marie besinnt sich wieder auf die traditionellen Werte des Weihnachtsfestes, und so trifft sie eine folgenreiche Entscheidung ...

Ein Winterroman mit viel Herz.

Gleich lesen: Wintergefühle

Leseprobe:
Kurz danach klingelte es und die Pizzen wurden gebracht. Marie deckte schnell Teller und Besteck.
„Essen wir die nicht mit der Hand?“ Finn sah unglücklich auf das Besteck. „Wenn wir mal Pizza haben, teilt Oma die immer in so Stücke.“ Er deutete Dreiecke an.
Marie stutzte. Aber warum eigentlich nicht.
„Dann machen wir das jetzt auch so.“
Und so futterten sie die Pizza aus der Hand. Marie relaxte immer mehr, während die Mini-Katzen mittlerweile neugierig jede Ecke ihres Wohnzimmers inspizierten. Leider hing eine der beiden dann in ihren Vorhängen. Vor Schreck ließ Marie ihr Pizzastück fallen und hechtete hinzu. Aber der Schaden war schon da. Kleine Löcher waren in dem zarten Stoff entstanden. Wie nun schnell dieses Tier da weg bekommen?
„Finn! Helf doch mal!“ Leicht panisch und unsicher, wie man so eine Katze anfasste, stand sie davor.
Finn lachte, kam völlig unaufgeregt hinzu, packte das Baby im Nacken, und das Miezchen ließ bereitwillig los.
„Kleiner Tipp“, meinte Finn neunmalklug, „immer im Nacken greifen! Das kennen sie normalerweise von ihrer Mama und dann sind sie ganz sanft. Weißt du, so trägt sie nämlich die Katzenmami durch die Gegend.“
„Aha.“
Marie hatte sich noch nie wirklich mit Katzen beschäftigt. Haustiere waren kein Thema für sie gewesen. Gut, beruhigte sie sich. Wenn man die Falten des Vorhanges geschickt drapierte, würde man die winzigen Löcher nicht sehen, und morgen war das Ganze vorbei.
Finn nahm die kleine Katze mit, die interessiert an der Pizza schnüffelte, sich aber dann doch dafür entschied, ihre Schwester anzugreifen, indem sie auf sie draufsprang. Und schon kullerten die beiden über den Boden. Huch!
„Was tun die denn jetzt? Oh nein!“ Marie starrte entsetzt auf das lebendige fauchende Knäuel.
„Guck nicht so“, Finn biss herzhaft in seine Pizza, „das machen Katzen immer. Die spielen.“
„Ah ja ...“ Mit Argusaugen betrachtete Marie die kleinen quirligen Katzenkinder, die – so schnell wie sie sich zofften – wieder ein Herz und eine Seele waren und sich nun intensiv gegenseitig die Köpfchen schleckten.
„Siehste, nichts passiert.“
Immer noch schockiert, nickte Marie.
„Du hast alles alte Sachen hier“, stellte Finn mit einem Rundumblick fest.
„Ich bin Antiquitätenhändlerin.“
„Ah, das kenne ich aus dem Fernsehen. Da gucke ich auch manchmal den Trödeltrupp.“

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