30. September 2016

'Die Raumwanderin' von Selena M.

Dies ist die Geschichte von Noál, einem jungen Mann in einer anderen Welt, in der Telepathie und übernatürliche Fähigkeiten zum Leben dazugehören. Und es ist die Geschichte von Vivien, der Raumwanderin, die auf rätselhafte Weise von unserer Welt dorthin gelangt. Doch die Geschichte der Raumwanderer ist auf dem Zwergplaneten Áneth durchaus bekannt. Allein Vivien bereitet ihre Ankunft große Probleme, angefangen von Missverständnissen in der Sprache bis hin zu der etwas geringeren Schwerkraft. Mystik, Magie und Übernatürliches kennt sie lediglich vom Fernsehen oder Romanen.

Noál, der jüngste Sohn des Vorstehers der Lichtgestalter, selbst ein Sonderling unter seinesgleichen, zeigt sich aufgeschlossen und interessiert an der jungen Frau, bis sein Interesse in Liebe umschlägt. Gleichzeitig wird das Land von Eindringlingen bedroht, die über das Meer segeln, um neue Gebiete zu erobern. Die Friedfertigkeit der Bevölkerung in Keshenja scheint ihnen nun zum Verhängnis zu werden.

In all den Wirren trifft Noál eine Entscheidung, die sein Leben grundlegend verändern wird.

Gleich lesen: Die Raumwanderin (Aus den Chroniken von Aneth 1)

Leseprobe:
Aus den Augenwinkeln heraus bemerkte ich Kenath, der mit einem Mal den Kopf hob und die Ohren spitzte. Farred verharrte ebenfalls in seiner Bewegung, als lausche er angestrengt auf etwas.
Und plötzlich fühlte ich es. Etwas oder jemand war hinter meinem Rücken, obwohl noch zu weit entfernt, um eine unmittelbare Bedrohung darzustellen. Ohne mich umzudrehen, suchte meine Hand den Griff meines Schwertes, welches direkt neben mir am Boden lag. Allein Vivien saß seelenruhig mir schräg gegenüber und spielte abwesend mit einer ihrer Haarlocken. So unwissend und unschuldig wie sie auf der Decke hockte, würde sie uns kaum eine Hilfe sein. Noch immer hörte ich nichts. Allerdings fühlte ich es nahen, und in Gedanken rief ich Farred zu, aufzuspringen.
Wir bewegten uns mit einer Geschwindigkeit, dass Vivien nicht einmal wahrnahm, dass wir überhaupt aufgesprungen waren. Dabei lagen bereits unsere Waffen in der Hand und sahen in die Richtung des vermeintlichen Angreifers. Kenath war ebenfalls auf den Beinen und knurrte drohend mit fletschenden Zähnen. Ich trat einen Schritt zurück, obwohl außer einer dichten schwarzen Wand, die langsam auf uns zukam, nichts zu sehen war.
„Sie sind hier,“ hauchte Farred, die Augen erschrocken auf diese undurchdringliche Finsternis gerichtet.
Im Hintergrund hörte ich Vivien leise aufschreien. Vor Schreck oder Furcht konnte ich nicht sagen. Konzentriert starrte ich in die Wand hinein, ohne irgendetwas darin oder dahinter zu erkennen.
Nie zuvor in meinem Leben hatte ich etwas Derartiges gesehen. Das hier war nicht die sanfte Dunkelheit einer sternlosen Nacht. Auch mit dem unheimlichen Dunkel einer Höhle ließ es sich nicht vergleichen. Diese Schwärze war so unglaublich dicht, als hätte man der unmittelbaren Umgebung jeglichen Funken Licht geraubt. Fasziniert betrachtete ich die unerklärliche Erscheinung. Neugierig überlegte ich, ob meine Hand wohl in dieser Wand versinken würde, würde ich sie dort hineinhalten. Allein die Vorsicht ließ mich einen weiteren Schritt nach hinten ausweichen, das Schwert noch immer kampfbereit in der Hand.
„Eure Waffen nützen Euch hier nichts,“ drang eine samtweiche, melodische Stimme aus dem Dunkel, “legt sie ab, denn Euch droht keine Gefahr, solange ihr freiwillig mit uns kommt.“
„Wer seid Ihr?“ richtete ich mein Wort gegen jemand, der sich in oder hinter dieser Wand versteckt hielt.
„Mein Name ist Anneâthea vom Volk der Finsternis. Dies ist unser Wald, und wir sind seine Hüter.“
„Zeige dich, so lege ich mein Schwert nieder.“
„So sei es.“
Achtsam, noch immer meinen Blick auf die Wand gerichtet, ging ich in die Hocke, um meine Waffe auf den Boden zu legen. Aus dem Dunkel schälte sich eine Gestalt, so hellen Teints und schlohweißen Haares, dass ich nahezu vergaß, mich wieder zu erheben. Die Kleidung war von erlesenen Stoffen, in hellem Blau und von einem bodenlangen, silbrig weißen Mantel umhüllt. Selbst Farred und Vivien hielten den Atem an, sobald uns der junge Mann in all seiner Pracht gegenüberstand.
Verwundert neigte ich den Kopf und starrte das Wesen unverhohlen an:
„Ihr seid ein Meister der Finsternis?“
„Was habt Ihr erwartet, Herr Noál, Sohn des Headan der Che~Lenja? Ein zähnefletschendes Ungeheuer? Wir beherrschen das Dunkel, Euer Volk das Licht. Und doch sind wir desselben Ursprungs. – Kommt, Eure Tante erwartet Euch bereits. Euer Kommen wurde heute Morgen angekündigt.“
„Von wem?“
„Dies zu sagen ist nicht meine Aufgabe. Folgt mir! Um Eure Habseligkeiten werden sich meine Begleiter kümmern.“

Im Kindle-Shop: Die Raumwanderin (Aus den Chroniken von Aneth 1)

Mehr über und von Selena M. auf ihrer Website.



29. September 2016

'Niemand trägt die Schuld allein' von Harald Schmidt

Vera und Peter Sobier genießen mit ihrem zwölfjährigen Sohn Patrick ein sorgenfreies Familienglück. Das endet abrupt, als der erfolgreiche Rechtsanwalt einen folgenschweren Verkehrsunfall verursacht. Patrick erleidet ein Schädel-/Hirn-Trauma und fällt in ein Koma. Peter Sobier kommt mit leichten Verletzungen davon und sucht verzweifelt einen Weg, mit seiner schweren Schuld leben zu können. Die Liebe zu Vera wird auf eine harte Probe gestellt.

Die härteste Zerreißprobe ihres Lebens fordert den Eltern alles ab, denn das Schicksal kann grausam sein. Verzweiflung, Glaubenskonflikte und Hoffnungslosigkeit zerfressen den Geist des Vaters. Außergewöhnliche Signale, die der Sohn aus seiner finsteren Welt aussendet, verändern die Sicht aller Beteiligten.

Wird die Liebe der Eltern den vielen Prüfungen standhalten? Hat Patrick eine Chance, jemals wieder aus dem Koma zurück ins Leben zu finden?

Auch in diesem Roman versteht es der Autor, den Leser tief eintauchen zu lassen in einfühlsame, aber auch emotional geführte Dialoge. Wie schon in früheren Titeln nimmt er ihn mit auf eine Gefühlsachterbahn - bis zum überraschenden Ende.

Gleich lesen: Niemand trägt die Schuld allein

Leseprobe:
Erinnerungen
Im Lichtkegel der Laternen verfolgte Vera die tanzenden Schneeflocken, die sich im Vorgarten mit der dort bereits ruhenden, weißen Masse vereinigten. Sie verdeckten allmählich die Spuren, die kurz zuvor eine streunende Katze hinterlassen hatte. Obwohl das Außen-Thermometer Minustemperaturen anzeigte, gab ihr dieses Bild der Winterlandschaft ein wärmendes Gefühl. Sie schob die Lesebrille, die sie leicht angehoben hatte, in das Haar und konzentrierte sich vollends auf das Geschehen. Das Buch, in dem sie las, hatte sie in eine Melancholie versetzt, ihr das Gefühl gegeben, vergessen geglaubten Gedanken nachhängen zu müssen. Das Lesezeichen schob sie gedankenverloren zwischen die Seiten, klappte den Roman zu und legte ihn neben die kleine Vase auf den Tisch. Ohne den Blick vom Fenster abzuwenden, griff sie zum Glas und nippte daran. Sie liebte es früher, an Winterabenden ein gutes Buch zu genießen, dazu ein edler Tropfen. Peter hatte damals stets einen erlesenen Wein im Keller bevorratet. Seine geschäftlichen Kontakte zu einem badischen Winzer nutzte er gerne zu einer Weinprobe. Stolz präsentierte er ihr später seine neuesten Einkäufe, die dann, von einem feinen Abendessen begleitet, genossen wurden. Sie liebte diese Abende, denn sie fanden in den meisten Fällen ein feuriges, romantisches Ende.
Gerne erinnerte sie sich an diese Zeit der Harmonie, der tiefen Zuneigung zu diesem Mann, der ihr Herz im Sturm erobert hatte. Der smarte Jurastudent verstand es, ihr das Gefühl der Einzigartigkeit zu geben. Er respektierte sie und ihre kleinen Marotten - er schien diese sogar zu mögen. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen, während sie die Decke über die Schultern zog. Wie sehr vermisste sie diese Hände, die in der Lage waren, den Augenblick zu verändern. Seine Zauberhände konnten ihr nur durch bloße Berührung die Sinne rauben, sie in eine andere Traumwelt katapultieren. Wohlige Schauer zogen über ihren Körper. Sie spürte diese Finger genau in diesem Augenblick in ihrem Nacken, streckte sich ihnen entgegen. Die Erinnerung vermochte es, ihr diese Trugbilder vorzugaukeln.
Immer häufiger hing sie diesen Gedanken nach. Natürlich hatte es Männer in ihrem Leben gegeben, aber keiner von ihnen reichte auch nur annähernd an Peter heran. Es machte ihr mittlerweile Angst, dass sie sich immer stärker nach den Berührungen zurücksehnte, Berührungen, die nicht nur den Körper erreichten. Nein, sie veränderten die Sinne, schalteten alle Sorgen des Alltags aus. Peter Sobier war ein Magier, ein Mensch, der ihr Tun beeinflussen konnte. Immer, wenn er ging, verschwand diese Magie mit ihm.
Vera starrte zum gefühlt tausendsten Mal auf das Foto, das sie auf der Anrichte zwischen zwei Kerzen gebettet hatte. Es zeigte das pure Glück einer Familie, die den Sommerurlaub am Strand von Barbados genoss. Peter und sie hatten den überglücklichen Patrick in die Mitte genommen, sie tobten gemeinsam durch die türkisfarbenen Wellen. Keiner von ihnen bemerkte damals die dunklen Wolken, die am azurblauen Himmel aufzogen ...

Wie alles begann
Peter Sobier ließ den Wagen einige Meter vor der Garageneinfahrt ausrollen und betrachtete ihr neues Heim. Die Fenster und Türen waren während ihres dreiwöchigen Urlaubs in der Karibik eingebaut worden, das Außengerüst war schon teilweise abgebaut. Sogar die Klinkerarbeiten hatte die Baufirma geschafft. Nur die vielen Sandhügel und herumliegenden Materialien störten noch das Gesamtbild.
»Ist das schön geworden.«
Vera hatte das Fenster heruntergefahren und blickte verträumt auf die Riesenterrasse, auf die sie bei der Planung bestanden hatte.
»Morgen werden wir uns das einmal von innen ansehen. Jetzt geht´s nach Hause zum Auspacken und ausruhen. Ich spüre nun auch die Müdigkeit nach dem langen Flug.«
Peter startete den Motor wieder und setzte zurück. Sein Blick fiel dabei auf Patrick, der ruhig schlafend im Sicherheitsgurt hing. Zuhause angekommen weckte Peter vorsichtig seinen Sohn und drückte ihm eine leichte Reisetasche in die Hand. Vera hielt dem Kleinen, der sein Gepäck mühsam hinter sich herzog, lächelnd die Haustür auf und folgte mit ihrem Trolli. Die schweren Koffer überließ sie dem starken Geschlecht.

Das Frühstück stand duftend auf dem Küchentisch und wartete auf hungrige Mäuler.
»Patrick, du bist ja noch gar nicht gewaschen, wach auf mein Schatz.«
Vera berührte den Kleinen an der Schulter. Langsam öffnete er die Augen und blickte um sich.
»Haben wir verschlafen? Wir wollten doch zum Haus.« Er blinzelte und umarmte seine Mutter.
»Guten Morgen Mama. Wie spät ist es?«
»Es ist noch früh genug, du Schlafmütze. Wasch dich schnell, das Frühstück wartet. Papa ist schon vom Joggen zurück. Auf, auf.«

Der Möbelwagen blockierte die Auffahrt, sodass Peter den Mercedes auf der Straße parkte.
»Wer zuerst am Haus ist, dessen Zimmer wird heute noch eingerichtet, also bei Drei. Eins, Zwei ... halt, du Betrüger, erst bei Drei! Da Peter auch noch beim Loslaufen absichtlich wegrutschte, erreichte Patrick vor seinen Eltern die Haustür und blieb laut lachend stehen.
»Ihr Schlappschwänze ... Ich habe gewonnen.« Peter nahm seinen Sohn in die Arme und warf ihn spielerisch hoch. Den kleinen Blutfaden, der aus dem Nasenloch sickerte, übersah er dabei und begrüßte die Möbelpacker, die sich den herumalbernden Hausbesitzern grinsend genähert hatten. Patrick wischte sich mit dem Handrücken über die Lippen und erschrak heftig.
»Mama, ich blute.«
Vera drehte sich ihm zu und kramte ihr Taschentuch aus der Hosentasche.
»Du hast nur Nasenbluten. Habt ihr wohl doch etwas zu heftig getobt. Werde Papa jetzt mal ordentlich die Meinung geigen. Das geht ja gar nicht.«
»Lass Papa in Ruhe. Der kann da nichts zu. Ich habe mich bestimmt gestoßen.«
»Na, dann hat dein Vater ja noch mal Glück gehabt. Wenn du dich so für ihn einsetzt, werde ich ihn ein letztes Mal verschonen.«
Lachend liefen beide zum Möbelwagen und bestaunten die unzähligen Kartons.

»Kommst du runter, Patrick? Das Abendessen ist fertig?«
Den ganzen Tag über hatten sie den Aufbau der Möbel beaufsichtigt. Patrick hatte eifrig beim Tragen der kleinen Päckchen geholfen und lag nun geschafft auf seinem Bett. Vera fand ihn schlafend und tupfte vorsichtig den kleinen Blutfaden weg, der sich wieder unter seiner Nase gebildet hatte. Sie entschloss sich dazu, ihn ruhen zu lassen und das Essen aufzubewahren, falls er doch Hunger verspürte und runter kam.
»Der Kleine ist völlig alle. Der wird bis morgen früh durchschlafen. Ich verstehe nur nicht, warum er plötzlich Nasenbluten bekommt. Das hat er doch noch nie gehabt.«
Sie sah Peter fragend an, während sie die dampfenden Kroketten entgegennahm, die er ihr anreichte.
»Das wird wohl die Klimaumstellung sein, du wirst schon sehen. Musst du nicht übermorgen zu Doktor Klein? Nimm Patrick doch mit, der soll ihn sich mal ansehen.«
»Gute Idee, Schatz. Der kennt ihn ja schon von Geburt an.«
»Morgen will ich mit ihm noch den versprochenen Ausflug zum Sea Life nach Oberhausen machen. Nachmittags bringe ich dann wieder ein paar Kartons rüber. Die empfindlichen Gegenstände vertraue ich nicht gerne den Möbelpackern an. Hast du eigentlich darüber nachgedacht, ob wir ihm den Hund gestatten? So ein Berner Sennenhund wird ja ziemlich groß. Der macht schließlich Arbeit und schränkt uns bestimmt ein.«
Vera runzelte die Stirn und blickte zur Treppe, um sich zu vergewissern, dass Patrick nicht mithörte.
»Ich würde empfehlen, dass wir das Thema im Augenblick zurückstellen, es könnte sein, dass es nur so eine fixe Idee war und er das wieder vergisst.«
»Das glaube ich allerdings nicht. Ist dir aufgefallen, wie er reagiert, wenn er Hunde sieht? Der wird ja täglich aufs Neue daran erinnert, wenn er draußen ist. Was machst du übrigens heute, Liebling?«
Erwartungsvoll sah er Vera an.
»Du bist ein typischer Macho, du hörst mir einfach nicht zu. Ich habe dir noch zuletzt am Gepäckband in Düsseldorf gesagt, dass ich mit Mama zum Frisör nach Essen-Rüttenscheid fahre. Sie schwärmt so vom Salon Conny Giese, dass ich ihn auch mal ausprobieren möchte. Lass mir die Haare komplett kurz schneiden, ist jetzt total in.«
Lange hielt sie Peters entgeistertem Blick nicht Stand, sie prustete los.
»War doch nur ein Scherz ... Was soll das ... was willst du? ... Peter, nein.«
Mit gespieltem Entsetzen riss sie die Arme hoch, um sich vor seinem Angriff zu schützen. Die Gegenwehr erlahmte jedoch, als sie seine Lippen auf ihren spürte und seine Hände ihre Taille umfassten. Peter hob sie vom Stuhl auf den Teppich, der nicht zum ersten Mal als Unterlage für spontane Liebesspiele diente. Seine Hände begannen, ihren Körper zu verzaubern.

»Wie lange soll ich noch auf dich warten? Du musst kein Schwimmzeug einpacken, das ist ein Aquarium ausschließlich für Meeresbewohner.«
Peter trommelte ungeduldig auf den Dielenschrank und kramte nach dem Autoschlüssel.
»Das weiß ich auch, Papa. Aber ich habe die Kamera nicht gefunden, wir können aber jetzt sofort los. Wo ist Mama? Ich hab´ noch nicht Tschüss gesagt.«
Vera schaute aus dem Bad, die Haare hatte sie mit dem Handtuch zum Turm gebunden. Beide Männer wurden begutachtet. Erst das von einem Lächeln begleitete Nicken zeigte ihnen, dass sie outfitmäßig ohne Beanstandungen durch die entscheidende Kontrolle gekommen waren.
»Fahrt ihr danach direkt zum Haus, oder zieht ihr euch erst noch um? Ich komme so gegen fünfzehn Uhr mit Mama dorthin. Sie will unbedingt helfen.« Sie zuckte entschuldigend mit den Schultern und verabschiedete die beiden Männer mit einem Kuss. Mit einem hintergründigen Lächeln kniff sie Peter in den Po und verschwand wieder im Bad.
»Hab´ ich im Spiegel gesehen«, feixte Patrick und lief lachend zur Garage.

Die A42 war relativ frei und Shakira schmetterte ihren WM-Song ›Waka Waka‹ durch den Äther. Laut sangen Peter und Patrick mit.
»Papa, ich glaube, es geht schon wieder los, meine Nase blutet. Hast du ein Tempo für mich?« Peter sah kurz nach hinten und klappte das Handschuhfach auf. In der äußersten Ecke fand er ein angebrochenes Paket und reichte es nach hinten. Eine Bodenwelle ließ das Auto aufschwingen, sodass die Tücher hinter den Beifahrersitz fielen. Spontan griff Peter danach. Den ausscherenden Lastwagen rechts vor ihm bemerkte er noch aus den Augenwinkeln und riss das Steuer nach links. Mit diesem Manöver hatte der überholende Kleintransporter nicht gerechnet, er katapultierte Peters Mercedes wieder zurück auf die mittlere Spur. Sein Schrei ging unter im Lärm des sich verbiegenden Metalls und zersplitternder Scheiben. In sein Unterbewusstsein fraß sich als letzte Wahrnehmung Patricks ungläubiger Blick und der geöffnete Mund. Eine gnädige Ohnmacht entriss ihm dieses Bild.

»Ich schaff das nicht aus meiner Position, könnt ihr das Lenkrad hochstellen? Der Arm ist eingeklemmt und scheint gebrochen zu sein, müssen wir wohl provisorisch schienen. Habt ihr den Jungen schon im Helikopter?«
Wie durch einen wabernden Nebel vernahm Peter Wortfetzen der Unterhaltung. Er versuchte, die Augen zu öffnen und seine Gedanken zu ordnen. Jeder Atemzug schmerzte höllisch. Er spürte, wie Hände an ihm zogen, ihn bewegen wollten. Schemenhaft nahm er die um ihn herumhängenden Säcke der Airbags wahr. Irgendjemand versuchte, sie zur Seite zu drücken.
»Hallo ... können Sie mich verstehen? Wir haben Sie gleich hier raus, bleiben Sie ganz ruhig, alles wird gut.«
»Patrick ... Patrick ... wo?«
Er hauchte die Worte so leise, sodass einer der Helfer sein Ohr dichter an Peters Mund hielt.
»Was haben Sie gesagt? Bitte wiederholen Sie.«
»Wo ist Patrick ... ist er gesund?«
Die gekrächzten Worte hatte der Sanitäter jetzt verstanden und sah hilfesuchend zum Notarzt.
»Mein Name ist Doktor Hoffmann. Der Junge ist bereits auf dem Weg ins Essener Klinikum. Wir hatten für ihn einen Hubschrauber bestellt, damit er schnellstens versorgt wird. Der ist in guten Händen. Jetzt kümmern wir uns erst einmal um Sie. Bleiben Sie bitte ganz entspannt sitzen, damit wir Sie aus dem Sitz befreien können. Sie werden dann ebenfalls in das gleiche Krankenhaus gebracht.«

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28. September 2016

'Amurante: Der Wald' von Rico Forwerk

Der Wald ist undurchdringlich, der Nebel lässt niemanden gehen. Von der Zivilisation abgeschnitten, fragt sich Kayleigh Bringstine, warum jemand sie entführen sollte. Der kranke alte Mann, mit dem sie sich die Hütte teilt und um den sie sich laut Notiz kümmern soll, redet kein Wort.

Von Verzweiflung getrieben, realisiert Kayleigh bald die wahre Natur ihres Gefängnisses. Und weshalb Mächte, weit älter als die Menschheit, beginnen sich für sie zu interessieren...

Gleich lesen:
Für Kindle: Amurante: Der Wald
Für Tolino: Buch bei Thalia




Leseprobe:
„Ms Bringstine, wachen Sie endlich auf!“ Der dickleibige Mann mit dem struppigen Schnurrbart donnerte seine fette Faust mit Schmackes auf den Spanplatten-Arbeitstisch. Der darauffolgende Knall fiel weitaus ohrenbetäubender aus, als die umstehenden Zuschauer es erwarteten, doch verfehlte er seine Wirkung nicht: Kayleigh Bringstine wachte mit einem Schrecken und pochendem Herzen auf.
„W-wie, was, jawohl Mr Bowles“, stotterte die zierliche, blondhaarige Frau ihrem Gegenüber entgegen. Noch während sie ihre Arbeitsutensilien zusammensuchte und hastig ihren Computer aktivierte, der zwischenzeitlich im Ruhemodus auf neuerlichen Betrieb wartete, verriet ihr ein flüchtiger Blick auf den immer noch glühenden Mr Bowles, dass der Ärger noch nicht ausgestanden war.
„Sie sind jetzt zum wiederholten Male bei der Arbeit eingeschlafen! Soll ich Jennings darum bitten, Ihnen ein Kissen zu holen, damit Sie es sich gemütlich machen können?“
„Nein, Mr Bowles. Es tut mir sehr leid, es wird nicht wieder vorkommen.“
Der beleibte Chef der mittelgroßen IT-Firma bebte immer noch vor Wut, das feiste Doppelkinn wabbelte dabei im rhythmischen Takt. Die zu kurz geratenen Ärmel des cremefarbenen Anzugs betonten auf kümmerliche Weise seine kleine Statur und die Ähnlichkeit mit einem brunftigen Schwein ließ sich nicht ohne Schwierigkeiten ignorieren. „Ich erwarte von allen meinen Angestellten hundert Prozent zu geben. Das schließt Sie ebenfalls mit ein, Ms Bringstine, haben wir uns verstanden?“
Kayleigh nickte und ließ ein wisperndes „Ja, Sir“ verlauten. Dann stapfte Mr Bowles davon in sein Büro und ließ die Tür theatralisch zuknallen.
Sie ärgerte sich. Bereits zum dritten Male war Kayleigh während der Arbeit in einen tiefen und traumlosen Schlaf gefallen. Noch nie hatte sie sich so entkräftet und jeglicher mentaler Schaffenskraft beraubt gefühlt. Auch die dritte Tasse schwarzen Kaffee schaffte es jetzt nur bedingt, ein Gefühl in die leblosen Glieder einzuflößen. Aber sie musste sich zusammenreißen. Der Auftrag, für den sie zusammen mit zwei anderen Arbeitskollegen die Verantwortung trug, durfte nicht an einem Paar schwer wiegender Augenlider scheitern. Kayleigh wollte sich sogleich auf die liegengebliebene Ausarbeitung einer besonders hartnäckigen Kalkulation konzentrieren, als eine ihr wohlbekannte Stimme etwas über die Schulter wisperte.
„Der alte Bowles, was? Eigentlich müsste man dem fetten Penner mal den Stock aus den Speckschwarten ziehen. Meinst du nicht auch, Kay?“
Die Quelle dieser hämischen Anteilnahme kannte die junge Frau nur zu gut, denn sie teilte sich den Arbeitswürfel mit dem ihrer Ansicht nach schleimigsten Schwerenöter der Welt. Henry Jennings jedoch sah sich ohne Zweifel als einen geborenen Ladiesman, weswegen er auch gleich nachsetzte, sehr zu Kayleighs Unbehagen.
„Wie wäre es, wenn du und ich mal schön einen draufmachen, hm? Nur wir zwei Hübschen. Ich bin natürlich nur schmückendes Beiwerk im Angesicht der Schönheit neben mir.“
In ihrem Magen rumorte es heftig. Jennings Sprüche waren nie einfach zu verkraften, doch heute wirkten sie einfach nur ekelerregend. „Nein danke, Henry. Wie du siehst, bin ich momentan nur schwerlich in der Lage die Augen offenzuhalten.“
„Das habe ich bemerkt.“
„Ich hätte es übrigens begrüßt, wenn du mich geweckt hättest, als der alte Stinkstiefel um die Ecke kam.“
Jennings Mundwinkel verzogen sich zu einem süffisanten Grinsen. „Verzeih mir, aber ich konnte deinem lieblichen Antlitz, wie es seelenruhig auf dem Tisch lag und schwärmerisch träumte, einfach nicht widerstehen.“
Der Würgereiz in Kayleighs Kehle nahm jetzt nur noch weiter zu. Die Vorstellung, dass dieser Ritter von der schmierigen Gestalt sie im Schlaf beobachtete, versetzte ihrem Rücken einen kalten Schauer. „Also, meinst du nicht, ich könnte dich ... die Nacht durch wachhalten?“
„Ich glaube nicht. Miranda sagte mir, deine Ausdauer hält nur für ein paar Minuten. Ich will ja nicht, dass du vor mir einschläfst.“ Das saß. Den vormals selbstbewussten Jennings zierte nun ein köstlich beschämter Gesichtsausdruck, den er auch noch weiterhin beibehielt, als er sich mit hochrotem Kopf seinem eigenen Tisch zuwandte. Wenigstens ein Problem für das Erste beiseite geschafft, dachte Kayleigh, nicht ohne einen leicht amüsierten Unterton. Die Müdigkeit machte sich jedoch bald erneut bemerkbar und die junge Frau hoffte inständig, dass die Stunden etwas weniger träge dahinschleichen mögen.
Nachdem ihr Wunsch kein Gehör fand und die bleierne Schwere bisweilen dramatische Züge angenommen hatte, sah Kayleigh keine andere Möglichkeit, als etwas früher zu gehen. Sie gab ihrem Chef Mr Bowles Bescheid, nicht ohne ein weiteres Donnerwetter über sich ergehen zu lassen, und informierte die Personalverwaltung, dass sie sich nicht wohl fühle und voraussichtlich morgen krank im Bett liege. Dann schleppte sie sich mit ihrem Rucksack in den Fahrstuhl und trat den anstrengenden Weg nach Hause an.
Der Abend besaß bereits die Eigenschaften einer typischen Nacht zum Herbstanfang. Noch bevor kühle Winde durch die geschäftigen Alleen und Straßen Londons wehten und die Laubblätter ein fescher Rand von bronzener Farbe zierte, umspülten weiterhin angenehme 22 Grad die gehetzten Gesichter aller Bewohner. Von alldem bemerkte Kayleigh nur wenig, doch der Lärm der Autos und ihrer Besitzer schaffte es, etwas Leben zurück in ihre matten Augen zu bringen. Trotzdem fiel es Kayleigh ungemein schwer, im Zug nach Soho zu ihrer Wohnung in der Shaftesbury Avenue wach zu bleiben. Erst als ein Passagier sie darauf aufmerksam machte nicht den Halt zu verlieren – sie saß bereits vornübergebeugt auf dem Sitz –, verdoppelte sie ihre Anstrengungen.
Kurzerhand entstieg sie dem Zug, um ihr Gesicht in der Bahnhofstoilette mit Wasser abzukühlen, was einigermaßen Wirkung zeigte.

Im Kindle-Shop: Amurante: Der Wald
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27. September 2016

'Schatten über Nicaragua' von Eddy Zack

Abenteuer in der Karibik - mit autobiografischen Farbtupfern.

Die kubanische Revolution hat Lateinamerika verändert. Fidel Castro und Che Guevara sind zu Volkshelden geworden. In ganz Mittel- und Südamerika kommt es zu kleineren und größeren Auseinandersetzungen, die Kuba zum Vorbild haben.

1961. Das Frachtschiff M/S Santa Cruz ist auf dem Weg nach Mittelamerika. Eric, Matrose, will in Nicaragua bleiben. Seit drei Jahren fährt er auf der Santa Cruz und ist regelmäßig in Corinto, einem Hafen an der Pazifikküste. In Corinto hat er Marta kennengelernt, eine Prostituierte aus dem Bordell Paraíso. Alle 2 – 3 Monate ist er für einige Tage bei Marta und beim letzten Treffen haben sie beschlossen, dass Eric in Nicaragua bleiben wird.

Als die Santa Cruz den Hafen von Corinto erreicht, ist gerade eine Revolution ausgebrochen. Eric und Marta geraten zwischen die Fronten.

Gleich lesen:
Für Kindle: Schatten über Nicaragua
Für Tolino: Buch bei Thalia

Leseprobe:
Die M/S Santa Cruz dümpelte im schwachen Wellengang. Der Wind stand günstig, hielt das Schiff vier bis fünf Meter von der Pier entfernt. Zusätzlich hatte die Decksmannschaft Fender ausgebracht, sollte der Wind unerwartet drehen. Normalerweise liegen Schiffe höchstens einen Meter von der Pier entfernt.
Es war gegen vier Uhr morgens, beinahe Vollmond. Die Nacht war heller, als ein verregneter Oktobertag in Deutschland.
»Scheiße! Gestern um diese Zeit war es bedeckt. Ausgerechnet heute muss es so hell sein. Ist auf unserem Pott was zu sehen?«
»Totenstille. Die liegen bestimmt hinter der Bordwand in Deckung.«
Eric sah zu Marta. Trotz der gefährlichen Situation musste er grinsen. Sie sah komisch aus in ihrem blauen Overall. Er war ihr viel zu groß und um die Hüften hatte sie einen dicken Strick gebunden. Ihre langen Haare hatte sie unter einer Baseball Mütze versteckt.
»Auf der Brücke kann ich dunkle Schatten erkennen«, murmelte Charly.
»Der Alte geht auf Nummer sicher. Sie haben nicht alle Leinen draußen.«
»Logisch«, sagte Jan. Logisch war sein Lieblingswort. Damit beschrieb er alles, auch unlogische Situationen. Eric hatte mal zu ihm gesagt – wenn du irgendwann in die feuchte Grube fährst, sagst du auch nur – logisch.
»Okay, wir müssen los. Ist beim Schuppen am Ende der Pier was zu sehen?«
»Nein, nichts.«
Das Schiff hatte ganz am Ende der Pier nur mit den Vorleinen festgemacht. Der Käpt’n rechnete offenbar damit, unter Beschuss zu geraten. Sie würden dann die Leinen über Bord werfen müssen. Der Wellblechschuppen am Ende der Pier war so groß wie eine Garage. Im normalen Hafenbetrieb verwahrten die Schauerleute darin Werkzeuge und ihren Schnaps. Seit Revoluzzer das Kommando übernommen hatten, war nichts mehr normal. Revolution war ein großes Wort für das, was sich gerade im westlichen Teil Nicaraguas, der Provinz Chinandega abspielte. Etwa 100 Revolutionäre mit mehr Schnaps als Munition im Gepäck, hatten die rund 500 Regierungssoldaten aus der Provinz vertrieben und eine neue Republik ausgerufen. Revolutionen dieser Art gab es in Nicaragua alle paar Monate. Nicht nur in Nicaragua, in so ziemlich allen Ländern Mittel- und Südamerikas. Oft war es nur eine unter dem Deckmäntelchen Revolution verborgene Plünderung der Zivilbevölkerung. Die kubanische Revolution war ansteckend. Fidel Castro und Che Guevara waren zu den Leitbildern Mittelamerikas aufgestiegen, gleichzeitig zum Albtraum der USA.
Eric legte schützend einen Arm um Martas Schultern. Sie sah ängstlich zu ihm auf und drängte sich an ihn. Sie hatte auch allen Grund zur Angst. Sie verließ das Land illegal und die Maskerade mit dem Overall war notwendig, damit sie wenigstens die ersten Stunden an Bord überstanden, bevor jemand dahinterkam, dass sie kein Mann, kein Besatzungsmitglied war, sondern eine Frau. Waren sie auf hoher See – nun ja, kommt Zeit kommt Rat, wie man so sagt. Was sollte der Alte groß machen. Etwa wieder zurück in das von Krisen geschüttelte Land in einen Hafen, wo geschossen wurde? Bestimmt nicht. Dazu kam der Zeitverlust. Das war eine einfache Rechnung. Angenommen drei Stunden nach dem Ablegen auf hoher See findet man einen blinden Passagier. Dann drei Stunden zurück, Theater mit den örtlichen Behörden, die es in Corinto nicht mehr gab, und dann drei Stunden wieder zurück bis zur alten Position. Den Zeitverlust konnte man in Mark und Pfennig ausdrücken und das machte kein Kapitän freiwillig. Natürlich würde er toben wie ein wild gewordener Stier. Man verhielt sich dann, wie bei Schlechtwetter – suchte sich ein trockenes Plätzchen und wartete ab.
»Los jetzt«, sagte Roberto, den alle nur Robbi nannten. »Schlagen wir hier keine Wurzeln. Der Alte wartet nicht ewig. Sie haben die Gangway auf halber Höhe hängen. Sie erwarten uns. Gib Lichtzeichen, Charly.«
Charly drückte auf seine Taschenlampe. Kurz – lang, kurz – lang. Das internationale Anrufzeichen. Eine Weile passierte nichts, dann blinkte es von der Brücke der Santa Cruz einmal kurz zurück.
»Let’s go.«
Langsam setzten sie sich in Bewegung, Eric und Marta nebeneinander. Charly vorne weg, Robbi und Jan bildeten die Nachhut. Jan schwieg wie üblich. Der große Schweiger, so nannten sie ihn. Robbi redete auch wenig. In gefährlichen Situationen, wenn es darauf ankam, sprachen sie Englisch mit ihm. Sein Deutsch war lückenhaft, er war Brasilianer. Charly war ein großes Quatschmaul. Wenn von irgendwelchen verlausten Puffs zwischen Rio de Janeiro und Schanghai die Rede war, geriet er schnell ins Schwärmen und bestritt die Unterhaltung alleine. Erzählte von seinen erotischen Abenteuern, beschrieb ausführlich Titten und Ärsche der Mädchen und ihre sexuellen Fertigkeiten.
Marta sagte nichts und das war gut. Sie sprach nur Spanisch und jeder hätte sie sofort als Einheimische erkannt. Die vier Männer waren so gekleidet, wie sie vor Wochen an Land gegangen waren. Kaki-Hosen, bunte Hemden. Inzwischen sahen sie ziemlich abgerissen und verdreckt aus. Jeder trug ein in Packpapier gewickeltes Päckchen unter dem Arm.
Sie traten aus dem Schatten der Uferböschung und gingen im hellen Licht der Sterne über die schmale Pier auf die M/S Santa Cruz zu.
»Verdammte Scheiße«, sagte Charly. »Ausgerechnet heute muss Vollmond sein. Man könnte Zeitung lesen.«
»Du kannst überhaupt nicht lesen«, sagte Robbi.
»Du hast es gut, Nigger«, sagte Charly. »Dich kann man nicht so gut sehen.«
Robbi war kohlschwarz. Die Bezeichnung Nigger war in ihrem bordinternen Sprachgebrauch kein Schimpfwort. Er revanchierte sich meistens mit: »Rotärschiger Gringo.«
Sie hatten sich oft genug gegenseitig den Hintern gerettet und jeder wusste, wie es gemeint war.

Im Kindle-Shop: Schatten über Nicaragua
Für Tolino: Buch bei Thalia

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26. September 2016

'Politen, der Weltenwanderer' von Anna Musewald

Politen, ein junger Hermiten, wurde mit einem heiligen Zeichen in seiner Handfläche geboren. Er ist nicht wie alle anderen. Seine Bestimmung ist es, die Hermin zu bewachen. Als er von der Welt der Menschen hört, zieht sie ihn in ihren Bann. In ihm wächst der Wunsch, die Menschen zu sehen. Dieser Wunsch wird geheimnisvolle Abenteuer und unerwartete Gefahren mit sich bringen. Wird Politen seine Bestimmung erfüllen können?

Gleich lesen: Politen, der Weltenwanderer








Leseprobe:
«Die Welt ist groß, mein Junge, und bietet für alle Wesen ein Zuhause», sagte der Professor Mardoken und sah den jungen Politen an, der ihm gegenübersaß.
«Haben Sie jemals einen Menschen gesehen, Professor? », fragte der Junge.
Sie befanden sich in der Arena. Der Unterricht war für diesen Tag zu Ende und es war Zeit für das gewöhnliche Gespräch. Politen blieb immer etwas länger, um ein Weilchen mit seinem Professor zu reden. Sein ruheloser Geist war nicht leicht zu befriedigen. Der Professor war immer bereit, mit ihm zu reden. Ohne sich zu beschweren widmete er ihm eine oder sogar zwei Stunden seiner Nachmittage.
«Ich möchte die Welt der Menschen besuchen. Ich möchte sie persönlich kennenlernen. »
Diese Aussage des Jungen überraschte Mardoken.
«Warum? », fragte der Lehrer und atmete gleichzeitig tief ein.
„Der Professor scheint heute nicht besonders gesprächig zu sein, dachte Politen, als er bemerkte, dass er den Professor mit seiner Aussage überrascht hatte.
In letzter Zeit war es seinen Schülern aufgefallen, dass man ihm sein Alter langsam ansah. Die Flügel an seinem Kopf und seinen Füßen bewegten sich nicht mehr so schnell wie einst und sein Vestris war während des Unterrichts manchmal inaktiv. Er sah sehr müde aus, sein vollkommen rundes Gesicht war voller Falten und schwarzer Mitesser.
Einstmals war er der Größte von allen. Doch in den letzten Jahren wurde er immer kleiner, sodass der lange Bart fast seinen gesamten Körper bedeckte. Er war der liebe und zuvorkommende alte Mann geworden; allwissend, eine „lebende Bibliothek, wie ihn seine Schüler hinter seinem Rücken nannten. Erst neulich hatte ihn Politen, als er am Markt vorbeilief, in einem Gespräch mit dem Stammesanführer -wahrscheinlich scherzend- sagen hören: „Wenn ich weiterhin im gleichen Tempo zusammenschrumpfe, dann sehe ich bald aus wie ein Menken.
Er mag vielleicht an Größe verloren haben, doch seinen Humor behielt er. Im Gegenteil wurde er im Laufe der Jahre immer pfiffiger, was auch sein Anführer bemerkte.
Politen flog weiterhin langsam um seinen Lehrer herum. Die Diskussion gelangte an ihrem schwierigsten Punkt. Er wusste, dass er darauf bestehen musste. Er musste ihn überreden, über das Thema zu sprechen, das ihn am meisten interessierte: die Menschen.
«Um ehrlich zu sein, Herr Professor, wurde ich von dieser Idee besessen, seit dem Tag, als ich erfuhr, dass wir von ihnen abstammen und unsere Vorfahren, wenn auch nur für kurze Zeit, einst mit ihnen zusammenlebten. Was ist eigentlich damals passiert, Professor? Warum leben wir jetzt getrennt? Warum wurden die Menschen zu unseren Feinden? »
Dem Professor Mardoken wurde sofort klar, dass der Junge einer der wenigen Hermiten war, die eines Tages versuchen würden, die Welt der Menschen zu betreten und dadurch die heiligen Gesetze verletzen würde.
«Du weißt, dass es verboten ist, über sie zu reden, Politen. Du weißt, dass die Menschen unsere Feinde sind. Normalerweise sollten wir zwei nicht darüber diskutieren. Vor allem du. Vergiss nicht, dass du einer der Auserwählten unseres Volkes bist. Vergiss nicht, dass du bald Hermin bewachen musst. Du bist ein WÄCHTER, Politen, und du solltest deine heilige Pflicht nicht aufgeben. Du wurdest mit dem heiligen Zeichen auf deiner Handfläche geboren, was bedeutet, dass du von den Göttern ausgewählt worden bist, um eines Tages Wächter zu werden. Du kannst es dir nicht aussuchen, ob du diesem heiligen Gebot gehorchen möchtest oder nicht.»
Der Professor könnte endlose Stunden über seine heilige Pflicht reden und Politen würde zuhören. Doch er war sich sicher, dass es nichts änderte. Der Junge würde erscheinen, um seine heilige Pflicht zu erfüllen, an dem Tag, den die Priester seines Stammes festgelegt hatten, jedoch nicht bevor er die Menschen persönlich kennengelernt hatte.
Die Zeit war vergangen und Politen wusste, dass er nach Hause musste. Seine Mutter würde sich heute Abend mehr Sorgen denn je machen. Doch sicherlich war die Diskussion mit seinem Professor noch nicht zu Ende. Und als er sich von ihm verabschiedete, kam er nicht umhin, es ihm zu sagen: «Professor Mardoken, wir müssen uns bald wieder über die Menschen unterhalten. Es sind so viele Dinge, über die ich mehr erfahren möchte. Aber jetzt muss ich gehen. Sie wissen ja, was heute Abend bei mir zuhause passieren wird?»
«Ich weiß, Politen, und ich wünsche dir viel Kraft. Ich werde von Anfang bis Ende an deiner Seite sein, aber leider bin ich nicht in der Lage, dir zu helfen. Ich bin mir aber sicher, dass du es schaffen wirst. Ich denke, du bist jetzt bereit.»
Der Junge sammelte hastig seine Sachen ein und flog nach Hause. Er lebte nicht weit vom Markt entfernt. „Es sind nur zwei Flatter entfernt, hatte ihm seine Mutter früher gesagt, wenn sie ihn auf den Markt zum Einkaufen schicken wollte.
Als er über den Markt flog, bemerkte er, dass er leer und verlassen war. Die Zeit war so schnell vergangen, ohne dass er es mitbekommen hatte. Die Geschäfte, die tagsüber in der Regel von Hermiten gefüllt waren, hatten bereits geschlossen. Der Markt war beleuchtet, da der für die Laternen des Platzes Zuständige sie alle erleuchtet hatte, obwohl es noch nicht dunkel war. Die Menken-Wächter hatten bereits ihre Plätze vor den hölzernen Türen der Geschäfte eingenommen. Sie würden die ganze Nacht dortbleiben, um die Geschäfte zu bewachen, bis zum nächsten Morgen, an dem ihre Besitzer kommen würden. Und sie würden nicht zögern, ihren Stachel zu benutzen, wenn es die Umstände erfordern würden. Kürzlich war über ihr Dorf eine Welle von Diebstählen gerollt. Daraufhin war der Stammesanführer gezwungen gewesen, Sofortmaßnahmen zu ergreifen und die Menken die ganze Nacht auf dem Markt patrouillieren zu lassen.
Sein zweistöckiges Haus erschien am Horizont und Politen landete vor seiner Tür. Er war dabei, sein Vestris zu aktivieren, um sie zu öffnen. Doch sie öffnete sich von allein. Das heißt, nicht ganz von allein. Sein Menken erwartete ihn.

Im Kindle-Shop: Politen, der Weltenwanderer

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23. September 2016

'Katzensitter' von Sandra Hausser

Als Hannah Bindhoffer und ihr Kollege Jens Hartmann zu einem Tatort mit weiblicher Leiche gerufen werden, deutet zunächst alles auf einen Selbstmord hin. Ein Abschiedsbrief, zeremonielle Beleuchtung und die passende Musik untermauern den Verdacht. Doch schon bald müssen die Kommissare feststellen, dass nichts ist, wie es der erste Eindruck vermittelt. Eine perfide Mordmethode und ein Täter, der keinem Muster zu folgen scheint und das Team Rhein-Main in Atem hält.

Gleich lesen: Katzensitter: Team Rhein-Main






Leseprobe:
23. August
Im Hochhaus am Stadteingang, in das Hannah Bindhoffer gerufen wurde, blieb sie zunächst orientierungslos vor den langen Reihen der Klingelknöpfe stehen. Sie versuchte, auf den Namen zu kommen, den der Kollege ihr mitgeteilt hatte. Nach kurzem Grübeln fiel es ihr ein, Reinheimer. Vermutlich ein Suizid, der wie alle Selbstmorde polizeilich bestätigt werden musste, hatte Schneider ihr gemeldet und gelangweilt geklungen. Sie verabscheute es, wenn jemand aus der Dienststelle sich anmaßte, Untersuchungen zu einem Freitod wie lästige Fliegen auf der Marmelade zu betrachten. Hannahs Empathieempfinden war so ausgeprägt, dass sie damit beruflich wie privat oft an Grenzen stieß. So mancher Scherz, gepaart mit Spott der Kollegen, zielte auf diesen Umstand. Doch sie weigerte sich, auch nur einen Schritt von ihrer Einstellung abzuweichen. Die Gefühle anderer Menschen außer Acht zu lassen, fand in ihrer Sichtweise zum Leben keinen Platz.
Die Herkunft einiger Familiennamen erahnte sie mühelos. Hannah stellte erneut fest, dass das alte HL-Hochhaus, wie es noch immer von etlichen Einwohnern der Nachbarstadt Raunheim genannt wurde, ein gutes Beispiel dafür war, wie viele unterschiedliche Nationen im Ort ein Zuhause fanden. Nachdem ihre Augen ein drittes Mal die immense Anzahl von Namen erfolglos überflogen hatten, drückte sie gegen die Eingangstür. Sie schnappte mit einem Klick auf und Hannah trat in den Flur. Auf dem Fußboden vor den Briefkästen lagen Stapel von Reklameblättchen, die ihren Weg in die Kästen nie gefunden hatten. Das ausgeblichene Farbbild und die Daten zu den Erscheinungswochen zeigten ihr, dass hier eine geraume Zeit nicht mehr aufgeräumt worden war.
Einige Postkästen quollen über und erweckten den Anschein, als seien die Besitzer seit Wochen verreist.
„Oder sie liegen tot in ihrer Wohnung und es bleibt einfach unbemerkt“, dachte sie niedergeschlagen. Keine Seltenheit, dass die Polizei von Nachbarn gerufen wurde, die einen unangenehmen Geruch meldeten. Wann sie ihren Mitbewohner das letzte Mal gesehen beziehungsweise gesprochen hatten, konnten sie häufig nicht beantworten.
„Verdammte Anonymisierung“, wisperte sie mit Blick auf die Briefkästen. Endlich fand sie den gesuchten Postkasten und las an den Gruppierungen ab, in welches der elf Stockwerke sie sich begeben musste. „Neunte Etage. Treppensteigen fällt aus, ich nehme den Lift!“
Als sie aus dem Fahrstuhl trat, schepperten laut die Bässe eines Heavy-Metal-Songs. Sie bog nach links in den schummrigen Hausflur und blieb an der letzten Tür der Reihe stehen.
Die Haustür der Familie Reinheimer war nur angelehnt. Die Kommissarin ging nach einem kurzen Klopfen, und ohne eine Antwort abzuwarten, hinein. Jens Hartmann stand mit einem Kollegen am Esstisch und diskutierte.
„He, Hannah, da bist du ja. Die Frau liegt im Badezimmer. Ist da vorne rechts“, erklärte er und drehte sich wieder weg.
„Moin, Hardy. Gibt es Erkenntnisse?“
„Schau sie dir erst einmal an, ich möchte wissen, was du denkst, bevor ich mich äußere.“
Er grinste. Jens Hartmann arbeitete bereits einige Monate mit Kommissarin Bindhoffer zusammen und zu Beginn von Ermittlungen vertraten sie oft unterschiedliche Meinungen. Der Kommissar liebte es, ihre Diskussionen lautstark vor den Kollegen auszutragen. Was in keinerlei Hinsicht etwas daran änderte, dass die Zusammenarbeit ausgezeichnet funktionierte. Dieser Umstand brachte Hartmann den Spitznamen Hardy ein, weil er beharrlich und hart seine Meinung vertrat. Hannahs andere Art, auf Dinge zu schauen und zu argumentieren, überzeugten ihn jedoch meist recht bald. Mit ihm als Partner zu ermitteln, empfand die Kommissarin als reine Wohltat, und es entsprach zudem ihrer Vorstellung von echtem Teamwork. Von Stefan Wagner, dem ihr früher zugeteilten Arbeitskollegen, konnte sie das nie behaupten. Er war unnahbar und arrogant in seiner Art und es gab keinen Zusammenhalt, sondern nur Intrigen und persönliche Ringkämpfe, die sie zermürbten. Hannah spielte zu jener Zeit monatelang mit, wartete auf eine Besserung und hoffte drauf, eines Tages als gleichwertig angesehen zu werden. Bis sie schließlich aufgab und die Versetzung nach Rüsselsheim beantragte.

Im Kindle-Shop: Katzensitter: Team Rhein-Main

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22. September 2016

'Die kleine Inselfinca' von Jana Fried

Chance ihres Lebens oder hastige Flucht? Diese Frage stellt sich Maike, als sie Deutschland von jetzt auf gleich verlässt.

Ihr Freund hat sie betrogen. Und das ausgerechnet mit ihrer besten Freundin. Deshalb nimmt sie kurzerhand die Erzieherstelle im Juniorclub eines mallorquinischen Hotels an und bucht einen Flug. Doch obwohl auf ihrer Trauminsel ständig die Sonne scheint, kommen trübe Gedanken auf. Glücklicherweise lernt sie Senora Gonzales kennen, eine alte Frau, die alleine und zufrieden auf ihrer Finca wohnt und dort den besten Ziegenkäse der Insel herstellt. Die herzliche, alte Dame zeigt ihr das wildromantische Lebensgefühl Mallorcas, abseits von Hotels und Tourismus. Bei ihr fühlt Maike sich wohl, und die Ratschläge der lebenserfahrenen Frau kann sie gut gebrauchen. Da gibt es den schönen Hoteldirektor, der Maike mit seinem spanischen Charme verführen will. Der reumütige Ex- Freund kämpft um ihre Liebe. Und da ist Jonas, ein verwitweter Schriftsteller, der mit seiner vierjährigen Tochter die Ferien im Hotel verbringt.

Schon bald bemerkt Maike, dass die Insel ihre neue Heimat werden könnte. Aber für ein dauerhaftes Glück braucht sie einen Plan, der über die Anstellung im Hotel hinausgeht.

Kurze Zeit für 2,99 erhältlich - später 3,99 Euro.

Gleich lesen:
Für Kindle: Die kleine Inselfinca: Liebesroman
Für Tolino: Buch bei Thalia

Leseprobe:
Heute pfiff ein strenger Wind über die Dünenbrücke und das Meer wirkte dunkler als sonst. Überall blitzten die weißen Schaumkronen brechender Wellen und am Himmel trieben Quellwolken vorüber.
»Das sieht nach Unwetter aus«, sagte Maike, die das Gefühl hatte, als läge der Geruch von Regen bereits im Wind.
»Kann auch ganz schnell vorbeiziehen«, sagte Jonas.
Lisa ging vorneweg, Jonas und Maike bildeten den Schluss der Gruppe. Es waren heute bloß neun Kinder, und da der Strand beinahe menschenleer war, würde es einigermaßen leicht sein, sie alle im Blick zu behalten. An einem Sommertag mit Gedränge hätte Maike es sich trotzdem nicht zugetraut, mit neun fremden Kindern an den Strand zu gehen. Wie schnell ein Kind auf die Idee kommen kann, die Umgebung auf eigene Faust zu erkunden, hatte sie in ihrem Job schon oft genug erlebt, und auch wenn es meist bloß ein paar Augenblicke waren, bis man das verlorene Schäfchen wieder gefunden hatte, hier am Wasser wollte sie diese Augenblicke nicht erleben. Aber Lisa hatte schon reichlich Erfahrung in dieser Umgebung. Mit einem Stock zeichnete sie ein großes Rechteck in den Sand, es war vielleicht zwanzig Meter breit und zehn Meter hoch, schätzte Maike. »Keiner verlässt diesen Raum«, sagte sie zu den Kindern. »Wenn einer von euch zur Toilette muss, oder wenn jemand Hunger hat, immer erst zu mir oder Maike gehen und Bescheid sagen. Niemand verlässt das Viereck, verstanden?« Einige Kinder nickten, bei anderen musste Lisa nochmal nachfragen, aber schließlich schien allen die Regel klar zu sein. Nach und nach bildeten sich Grüppchen. Ein paar Jungs fingen an ein Loch zu graben, während einige Mädchen Muscheln und Steine in ihren Eimern sammelten. Bloß Nora blieb, gemeinsam mit Professor Kunda, dicht bei Maike und ihrem Vater sitzen und sah nachdenklich aufs stürmische Meer hinaus.
»Du kannst ruhig mit den anderen spielen, Nora, ich gehe nicht weg, ohne mich zu verabschieden.«
Nora reagierte zuerst nicht, bloß die Nachdenkfalte zwischen ihren Augenbrauen wurde tiefer. Dann sah sie Maike direkt an und sagte: »Du sollst weg!«
»Ich soll weg?«
»Ja.«
»Aber wo soll ich denn hin, ich muss doch hier meine Arbeit machen und auf die Kinder aufpassen.«
»Du sollst nicht so mit meinem Papa hier sitzen.«
»Aber wir können doch hier sitzen und reden«, sagte Jonas und sah seine Tochter fragend an.
»Aber wenn die Mama das sieht, wird sie bestimmt ganz traurig«, sagte das Mädchen und ihre Mundwinkel bogen sich nach unten.
»Ach, mein Schatz. Nein, nein, nein, warum sollte die Mama was dagegen haben?«
»Weil sie bestimmt lieber neben dir sitzen will.«
Maike sah, wie Jonas versuchte, die Fassung zu wahren, aber sie konnte sich gut vorstellen, wie schwierig das sein musste, denn sie selbst spürte bei Noras Worten den Druck der Tränen hinter ihren Augen.
»Aber die Mama sitzt doch sowieso die ganze Zeit hier bei uns, das weißt du doch.«
Nora nickte, die Mundwinkel immer noch nach unten gebogen, kämpfte sie gegen die Tränen.
Maike spürte ihr Herz klopfen. Sie wollte nichts Falsches sagen, aber sie hatte den Drang, die Worte auszusprechen, die ihr auf der Zunge lagen. »Deine Mama wird immer deine Mama sein, ganz egal, mit wem dein Papa irgendwo sitzt, das ändert daran nichts, verstehst du?«
Nora sah sie bloß an.
»Und ich fand es wirklich toll, dass du einfach gesagt hast, was dir auf dem Herzen liegt. Das ist nämlich manchmal gar nicht so einfach, stimmt’s?«
Nora nickte.
»Aber es ist unheimlich wichtig, dass man sagt, was man fühlt. Sonst frisst man alles in sich hinein, bis man einen ganz dicken Klumpen im Bauch hat wie wenn man drei Packungen Kaugummi runterschluckt.«
Jetzt nickte Nora zaghaft und ein mildes Lächeln legte sich ihr Gesicht. »Und wenn man den Kaugummi ausspuckt, ist das besser«, sagte sie.
»Ganz genau«, sagte Maike, woraufhin Nora aufstand und zu den Muschelsammlerinnen watschelte.
Jonas sah Maike mit einem warmen Blick an.
»Das hast du schön gesagt.«
»Das mit dem Kaugummiklumpen?«
Er nickte. »Ziemlich literarisch.«

Im Kindle-Shop: Die kleine Inselfinca: Liebesroman
Für Tolino: Buch bei Thalia

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21. September 2016

'Momente des Glücks' von Jane Ross

Das Glück wartet überall, man muss es nur erkennen. Ob ein freundliches Wort, ein Sonnenstrahl an einem trüben Tag oder das lachen eines Kindes- dies sind kurze Augenblicke, die uns Magie verschenken.

Die Autorin Jane Ross läd ein, mit ihr die Momente des Glücks zu erspüren, um Anregungen für sich zu bekommen.

Gleich lesen: Momente des Glücks








Leseprobe:
Spiegel

Angefangen hat alles, als ich wieder von vorne anfing. Ein neuer Lebensabschnitt, neue Freunde, alles neu.

„Ich kenne mich. Die anderen kennen mich auch.“ Es ist gut so, wie es ist. Trotzdem weiß ich immer noch nicht, was Glück ist.

A Die Zeit ist jetzt gekommen. Ich setze mich für ein paar Minuten hin, nehme meinen Notizblock und schreibe. Alles, was mich beschäftigt, wie ich mich fühle. Irgendwie komme ich nicht dazu zu schreiben, warum ich mich so fühle. Irgendwas in mir möchte ein Spiel mit mir spielen. Ob es ein Versteckspiel ist, oder etwas anderes, ist noch nicht klar. Es ist wie in einer Badewanne zu sitzen. Zwischen Schaum und Nebel, zwischen den Düften und Farben. Zwischen heute und morgen. Das Leben bewegt sich. Es ist wichtig dies zu verinnerlichen und zu wissen, wo man steht. Ob in einer Badewanne von Mitleid und Verstecken, oder draußen, angezogen und bereit sein Leben in die Hände zu nehmen.

Als was sehe ich mich im Spiegel, als ein Kätzchen oder einen Elefant?

Eine Person, müde vom Leben, oder eine glückliche Person?

Im Kindle-Shop: Momente des Glücks

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20. September 2016

'Mederia: Aufziehende Dunkelheit' von Sabine Schulter

Die Person, die das eigene Leben am meisten verändern wird, nennen die Dämonen von Mederia Schicksal. Jeder von ihnen besitzt eines und doch wird gerade Gray, dem Kronprinzen der Dämonen, prophezeit, dass sich um sein Schicksal herum sogar die ganze Welt verändern wird.

Die Gedanken an sie werden jedoch aus Grays Gedanken gelöscht, als der Hass zwischen dem Norden und Süden Mederias in einem allesverzehrenden Krieg gipfelt, der sein Volk fast vollständig vernichtet.

Voller Wut und dem Willen, diesen Krieg zu beenden, stürzt sich Gray in den Kampf und rettet eher aus Zufall der jungen Bardin Lana das Leben. Jener Frau, in deren Händen das Schicksal Mederias liegt.

Gleich lesen: Mederia: Band 1: Aufziehende Dunkelheit

Leseprobe:
Die gläserne Brücke erbebte unter einer gewaltigen Explosion und bis auf Gray und die Wächterin wurde alle Anwesenden von den Füßen gerissen.
„Was war das?“, fragte eine der Priesterinnen angstvoll, aber niemand konnte ihr antworten. Gray aber ahnte böses.
„Lana!“, flüsterte er und wirbelte herum.
Er ignorierte den Schmerz in der Brust sowie die Rufe der anderen und sprang aus dem Fenster. Er breitete seine Schwingen aus und fing so einen Aufwind ein, der ihn nach oben trug, ohne dass er groß seine angegriffenen Kräfte in Anspruch nehmen musste. Er ließ sich immer höher in den sturmgepeitschten Himmel tragen, selbst wenn noch weitere Blitze über den Himmel zuckten.
Die Winde nutzend stieg Gray über die Türme des Schlosses und schwebte auf die nahe Stadt zu. Schon von hier konnte er die klaffende Wunde im Antlitz der stolzen Mauer sehen. Brocken waren aus ihr herausgerissen und wie weißer Zucker in die Häuser der Stadt verstreut worden.
Gray stöhnte auf. Nicht wegen der Schmerzen, sondern weil ihm eine Erinnerung kam. Er kannte dieses Bild aus seinen Visionen. Doch selbst wenn er sich gewünscht hätte, dass sie nicht eingetreten wäre, nutzte er sie, um Lana zu finden, die er ohne sie wohl in all dem Chaos und der Zerstörung ewig hätte suchen müssen.
Schreiende Elben stürzten davon, in heller Panik über den Verlust ihrer unzerstörbaren Mauer und Soldaten drängten Befehle brüllend nach vorn, um den Riss und damit den Zugang zur Stadt zu verteidigen. Sein Schicksal saß für ihn viel zu nah am Ort des Geschehens auf dem nassen Pflaster, so wie viele andere ebenfalls, die von der Explosion paralysiert oder verletzt wurden.
Gray zog die Augenbrauen zusammen, als er die Verletzten und Toten sah. Auch wenn der Regen das viele Blut bereits wegschwemmte, war es ein kein schöner Anblick.
Lana kam ihm hingegen nur leicht verletzt vor, als er vor ihr landete. Sie war wohl von der Druckwelle erfasst und zurückgeschleudert worden, denn er erkannte Schürfwunden und kleinere als auch größere Kratzer von herumfliegenden Trümmern, aber keine größere Menge an Blut. Sie bemerkte ihn gar nicht, saß einfach auf dem Pflaster und verbarg das Gesicht in den Händen. Gray wusste bereits, dass sie weinte, noch bevor er vor ihr in die Knie ging und ein Schluchzen zwischen ihren Händen hervordrang. Umsichtig entfaltete er seine Schwingen und bot ihnen beiden Schutz vor dem Regen.
„Lana“, sagte er behutsam.
„Ich konnte es nicht verhindern“, schluchzte sie und nahm die Hände herunter. „Schon wieder nicht.“
Ihre Tränen verbanden sich mit dem Wasser, das aus ihren Haaren und über ihr Gesicht rann. Ihre Augen wirkten rot und sowohl die Haare als auch ihre Kleidung klebten an ihrer Haut. Sie sah aus wie ein einziges Häufchen Elend. Gray verstand sie nur zu gut.
„Vielleicht war es einfach nicht unsere Aufgabe, dies hier zu verhindern. Mehr konnten wir nicht tun“, versuchte er sie zu trösten.
„Aber wenn ich es rechtzeitig zu Gareth geschafft hätte“, begann sie, doch Gray unterbrach sie.
„Dann wäre vielleicht das Gleiche geschehen. Gib nicht dir die Schuld. Ich bezweifle, dass Gareth etwas gegen ein Wesen aus den versiegelten Hallen hätte unternehmen können.“
„Aber…“
„Lana, du hast getan, was du konntest.“
Unsicher ließ sie den Blick über den furchtbaren Anblick schweifen, um dann niedergeschlagen die Schultern hängen zu lassen. „Wozu sind wir dann hierhergekommen?“
Gray legte ihr eine Hand an die Wange, wodurch sie den Kopf hob. Ihre Augen blickten weit aufgerissen zu ihm und er entdeckte darin nicht nur Trauer, sondern auch Angst. „Wir haben Tesha gerettet und verhindert, dass ein Monster den Thron der Elben weiter zum Wanken bringt. Außerdem konnten wir eine Wächterin wecken, die nun auf unserer Seite steht und die Stadt der Elben ist noch nicht gefallen. In Tagen wie diesen ist das eine dankenswerte Anzahl an guten Dingen.“
Lana nickte, wenn auch immer noch betrübt. „Wahrscheinlich hast du recht“, flüsterte sie, so dass der Regen sie fast übertönte. Sie schloss die Augen und neigte sich ihm entgegen, damit sie die Stirn an seine Schulter legen konnte. „Danke, dass du da bist.“
Ihre leisen Worte freuten ihn trotz der furchtbaren Situation und statt ihr zu antworten, legte er ihr beruhigend eine Hand an den Hinterkopf. Eine ganze Weile saßen sie so da und ließen alles für kurze Zeit um sich herum vom Regen wegwaschen.
Lana hatte recht. Irgendwie hatten sie nicht das geschafft, was sie eigentlich erreichen wollten. Auch Gray war unzufrieden, vor allem wenn er den Blick über den Platz schweifen ließ.
Da versteifte sich Lana plötzlich und im selben Moment strichen ihre Finger vorsichtig über seine Brust. Wie Feuer brannte der Schmerz durch seine Adern und er zuckte vor ihren Fingern weg.
„Du bist verletzt!“, rief Lana vorwurfsvoll. „Wieso sagst du das nicht gleich? Stattdessen jammere ich dir die Ohren voll. Komm, wir müssen jemanden finden, der dir hilft.“
„Das kann warten“, meinte Gray, aber sie sprang bereits auf und hielt ihm eine Hand hin. Er ignorierte sie und stand ebenfalls auf. „Lana, hier gibt es andere Leute, die eher Hilfe brauchen als ich.“
„Aber“, begann sie und zupfte leicht an den Resten seines Hemdes, das bereits von Blut getränkt war. Sie sah deutlich die verbrannte und blutige Haut darunter.
Gray fing ihre Finger auf und drückte sie hinab, wohl weil es ihm Schmerzen bereitete, wenn sie ihn berührte. Trotzdem lächelte er sie beruhigend an. „Komm, lass uns Gareth suchen.“
Sie wollte ihn lieber schnell zu einem Heiler bringen, aber Gray blieb stur. „Wir haben schließlich noch eine Stadt zu retten.“
Er fasste ihre Hand und eilte mit ihr im Schlepptau an den Verletzten, den Helfern und Soldaten vorbei weiter auf die zerstörte Mauer zu. Immer mehr Glocken läuteten und zeigten damit, dass ein Angriff kurz bevorstand.
„Die Schatten!“, rief ein Soldat.
Das Wort wurde aufgenommen und immer weitergetragen. Jeder der noch eine Waffe halten konnte, griff sich eine und eilte zur Verteidigung der Stadt. Dadurch füllten sich die Straßen schnell und Lana hatte Mühe mit Gray mitzuhalten, obwohl er der Verletzte von ihnen beiden war.
Als die Verteidiger den weiteren Weg zu versperren begannen, packte Gray sie und sprang kurzerhand auf die Dächer, um dort weiter zu hetzen. Lana erkannte nur an dem kurzen Verengen seiner Augen, welche Schmerzen er leiden musste. Trotzdem rannten sie weiter.
Gigantisch türmte sich die Mauer vor ihnen auf, der Riss in dem weißen Stein wirkte wie eine Wunde und die Elben, die darauf zu eilten, schienen wie Blut, das bereit war, hinauszufließen. Lana wünschte, diesen Vergleich nie gemacht zu haben.
„Sieh!“, rief Gray über den Tumult und das Rauschen des Regens hinweg.
Lana folgte mit dem Blick seinem ausgestreckten Arm, darauf achtend, nicht über eine Unebenheit zu stolpern. Hinter der niedergerissenen Mauer brodelte das Land von lebender Dunkelheit, die mit geifernden Mäulern und rotglühenden Augen auf die Stadt zu schwappte.
„Es sind inzwischen viel zu viele. Die Elben werden sie nicht aufhalten können“, rief Lana. „Sie brauchen göttliche Magie.“
„Kannst du sie ihnen geben?“
„Ich weiß es nicht.“
Gray hielt abrupt an. „Wollen wir es ausprobieren?“
„Und wenn es nicht klappt?“, fragte sie angstvoll.
„Dann hole ich dich dort wieder heraus.“
Lana sah in dem roten Glühen seiner Augen den Willen, andere zu retten, wo er bei seinem eigenen Volk versagt hatte und auch Lana wusste, dass sie es zumindest versuchen wollte. Kurz blickte sie ihn noch an, dann griff sie sein Hand fester. „Versuchen wir es.“
Ohne Verzögerung hob Gray sie von den Füßen und sprang von dem Haus hinaus in den stürmischen Tag. Eine Böe ergriff sie, riss sie davon und brachte sie in Sekundenschnelle direkt an den Durchbruch. Die Elben, die bang aber fest auf die erste Welle der Angreifer warteten, zuckten überrascht zurück, als sie direkt zwischen ihnen landeten.
„Los, Lana“, rief Gray.
„Ja, einen kleinen Moment.“ Verzweifelt suchte sie die Quelle ihrer Macht, aber sie war so aufgeregt und ihr Herz schlug so schnell, dass sie es einfach nicht schaffte. Die Soldaten wollten sie schon zur Seite schieben, aber Gray schirmte sie ab, bot ihr so viel Ruhe, wie es die Situation zuließ. Und doch klappte es nicht. Die Schatten waren fast heran und Lana glaubte bereits, das Tappen der dunklen Pfoten hören zu können.
„Du schaffst das“, beschwor Gray sie.
Mit einem tiefen Atemzug schloss sie die Augen und tauchte tief in sich ein. Im letzten Moment erreichte sie ihr Ziel und ließ unkontrolliert das heraus, was in ihr verborgen lag. Ein Schrei drang aus ihrer Kehle und sie riss die Augen in dem Moment auf, als der erste Schatten die Klauen nach ihr ausstreckte.
Mit einer Handbewegung stieß sie ihn zurück und die Magie brach aus ihr heraus wie ein golden glühendes Schild, das sich auf ganzer Breite und Höhe der Mauer stabilisierte. Wie eine dunkle Flut brachen die Schatten daran und drängten sie allein durch ihre Masse zurück.
Grays starke Gestalt gab ihr Halt, beschützte mit ihr zusammen dieses Bollwerk gegen die Dunkelheit. Aber ihr Kraft schwand so schnell.
Die Schatten verloschen wie Rauch im Wind, aber jeder, der starb, entriss ihr ein wenig Magie und sie wusste nicht, ob sie genug davon haben würde. Sie keuchte und ihre Finger begannen zu zittern.
Da legte sich eine weitere Hand auf ihre Schulter und sogleich ließ der Druck auf sie nach. Neue Energie floss in sie hinein und überrascht wandte sie den Kopf. Neben Gray, der sie stützte, waren alle Elben zurückgetreten und bestaunten das goldene Schild. Doch nun war Gareth zusätzlich an ihrer Seite und nickte ihr unerschütterlich zu. Hinter ihm drängten sich Priester der verschiedenen Gottheiten durch die Verteidiger und durch jeden, der sich ihrem Verbund anschloss, wurde Lana kräftiger. Ihr Schild schwoll an und begann so intensiv zu leuchten, dass bald der Blick nach außen verwehrt blieb.
„Jetzt fehlt nur noch eine Kleinigkeit“, meinte Gareth, legte seine Hand auf Lanas ausgestreckte und machte… irgendwas.
Lana spürte einen Ruck an ihrer Magie und dann wie sie abbrach, weil sie nicht mehr benötigt wurde. Wie ein Stück Phantommauer fügte sich das goldene Schild in die Wunde und verschloss den Weg hinaus oder hinein in die Stadt.
„Meinen Glückwunsch, Lady Eleana, ihr habt mit unserer bescheidenen Hilfe gerade einen äußerst effektiven Segen auf diese Stadt gewirkt“, grinste Gareth und klopfte ihr auf die Schulter.
„Heißt das, sie können uns nichts mehr anhaben?“, fragte sie ein wenig mit der Situation überfordert.
„Vorerst nicht, nein. Die Mauer schützt uns und die Elben wissen ihre Stadt nun zu verteidigen“
Fast gingen seine Worte in dem Jubel der Elben unter, die verstanden hatten, dass sie der Dunkelheit entkommen waren. Wenn vielleicht auch nur für kurze Zeit.
Erschöpft blickt Lana zu Gray. „Wir haben es wirklich geschafft.“
Ihre Stimme erklang rau und so leise, dass sie sich selbst kaum verstand. Trotzdem hatte er sie verstanden und lächelte genauso erschöpft wie sie, aber mit einem stolzen Funkeln in den Augen. „Ja, das haben wir. Und nun beschwere ich mich nicht mehr, wenn du zu einem Arzt möchtest. Sollen andere sich um den Rest kümmern.“
Völlig entkräftet, aber erleichtert lehnte sie sich kurz an ihn, um sich dann einen Weg durch die Verteidiger zu bahnen.

Im Kindle-Shop: Mederia: Band 1: Aufziehende Dunkelheit

Mehr über und von Sabine Schulter auf ihrer Website.



19. September 2016

'Immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel' von Frank Didden

Tobias Renneisen, 35 Jahre alt und ein diplomierter Musterabsolvent des deutschen Bildungssystems, ist kürzlich nach Bremen gezogen, um dort nach längerer Arbeitslosigkeit endlich wieder einem nützlichen Erwerb für seinen Lebensunterhalt nachzugehen. Was als hoffnungsvoller Start in ein sinnvolleres und vor allen Dingen „geregelteres“ Leben beginnen soll, entpuppt sich sehr schnell zu einem Weg in die sinnlose Regelung des besonderen Chaos.

Klabautermann GmbH ist der Name seines neuen Arbeitgebers und unter dem selbstgefälligen und herrschsüchtigen Geschäftsführer F.S. Mester ist dies nicht nur Name, sondern auch Programm mit Weisungsbefugnis. Streng nach dem Motto: „Wenn´s nicht so traurig wär, könnt´ man drüber lachen“ schildert dieser Roman mit einem weinenden, aber bitte schön auch mit einem großen lachenden Auge, was so alles passieren kann, wenn der Klabautermann umgeht. Was so alles passieren kann, wenn innerbetriebliche, prozess-übergreifende Umstrukturierungsvorhaben und Gewinn-maximierungsmaßnahmen ihren allzu realistischen Schabernack treiben. Was so alles passieren kann, wenn irgendwann, und steht die Flut noch so hoch, keine Handbreit Wasser unterm Kiel zu finden ist.

Gleich lesen:
Für Kindle: Immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel: Die Klabautermann Ge-ähm-be-Ha
Für Tolino: Buch bei Thalia

Leseprobe:
Bremen sollte also nun das Ziel meiner weiteren Bemühungen sein, die bekanntlich im Falle eines Umzugs auf einen zukommen. Die relativ kurz gestaltete Wohnungssuche im Rahmen eines Kurzaufenthaltes in meiner neuen Heimat, brachte eine schnuckelige, kleine Wohnung hervor, direkt in einem angesagten Bremer Stadtteil nahe dem Stadion des genannten Fussballvereins. Teilweise eingerichtet, bot sie für mich die ideale Option auf möglichst schnellem Wege mit verhältnismäßig geringen Kosten den erforderlichen Stadtwechsel vorzunehmen.
Die Planung für den Umzug nahm daher auch sehr schnell Gestalt an. Meine nicht übermäßige Habe sollte auf, einem kleinen handelsüblichen Transporter geladen, von meinem Bruder in die Hansestadt gefahren werden, während ich selbst mit meinem eigenen Auto vorneweg fahren würde. Soweit war die Planung hieb- und stichfest. Pflichtbewusst kam mein Bruder dann auch am Vorabend des Umzugs, also am Freitag den 31. August, mit besagtem Transporter zu mir und wir luden meine Habseligkeiten ein. Mit gazellengleicher Agilität war dies auch in strammen drei Stunden erledigt. Der Transporter war beladen. Alles war gepackt. Alles, bis auf mein Fahrrad. Natürlich. Ein Teil hat man bekanntlich ja immer. Das letzte Teil wollte einfach nicht passen. Sowie das letzte Bier am darauffolgenden Tag grundsätzlich das Bier war, was schlecht war, stellte sich das Fahrrad als das Teil heraus, was allem Anschein nach nicht mit nach Bremen wollte. Überflüssig zu erwähnen, dass mein Bruder und ich die Angelegenheit wie echte Männer angingen. Bier auf, halben Transporter entladen, Fahrrad rein und den Rest wieder beladen. Drei Stunden später, war der Transporter voll und fertig für die Abreise.
Da es zu diesem Zeitpunkt bereits gegen 22 Uhr abends geschlagen hatte, sollten wir uns standesgemäß mit einem weiteren Bier zum Feierabend belohnen. Wahrscheinlich hätte das auch gut funktioniert, wenn nicht meine liebe Schwester noch angerufen hätte. Am Telefon gestaltete sich dieses Gespräch vergleichsweise kurz und verlief in etwa so:
„Hallo!“
„Und, alles für den Umzug gepackt?“
„Ja, gerade fertig geworden.“
„Okay. Sag mal, du weißt ja, dass morgen Werder spielt?“
„Öhm, nein. Wieso?“
„Naja, also wenn Werder spielt, dann ...“
Der weitere Verlauf des Gesprächs hatte dann ziemlich viel mit Verblüffung und Fassungslosigkeit, aber auch mit schierer Panik zu tun. Die knapp gehaltene Information meiner Schwester, dass die in Bremen zuständigen, örtlichen Behörden bei Heimspielen des Fußballvereins den Bereich um das Stadion sowie das Viertel meines zukünftigen Wohnortes für jeglichen Autoverkehr abriegeln, kam unerwartet. Ja, kam spät. Woher sollte ich das wissen! Selbst wenn ich gewusst hätte, dass der Verein an diesem Wochenende spielt, hätte ich im schlimmsten Fall mit erhöhtem Verkehrsaufkommen gerechnet. Dass der Verkehr seitens der Polizei an solchen Tagen aber gänzlich beseitigt wird, war eine Tragweite, auf die ich nicht vorbereitet war. Zwar gab mir meine Schwester auch zu verstehen, dass die besagte Sperrung ja auch wieder aufgehoben würde, aber bei einer genaueren zeitlichen Erfassung konnte sie mir leider nicht helfen. Da musste dann schon die zuständige Polizei selbst zu Informationszwecken herhalten.
Nachdem ich über Umwege eine Telefonnummer herausbekommen hatte, schließlich genossen alle meine internetfähigen Geräte mittlerweile ihren wohlverdienten Feierabend auf der Ladefläche eines Transporters, war es mir möglich, eine aussagekräftige Bremer Dienststelle anzurufen. Es wäre unnötig jegliche Details des Gesprächs zu wiederholen. Der Kern des Telefonats war dieser:
„Die Sperrung wird noch vor Ende des Spiels aufgehoben.“
„Und wieviel Uhr ist das?“
„Na, vor dem Ende halt.“
„So gegen vier?“
„Später.“
„So gegen fünf?“
„Später.“
„Aber, die spielen doch nur bis Viertel nach fünf!“
„Dann doch früher!“
Damit war der zeitliche Rahmen schon ziemlich genau eingegrenzt, weswegen ich im Anschluss versuchte, mir noch exaktere Informationen zu besorgen.
„Okay. Gibts noch eine andere Möglichkeit in das Viertel zu kommen?“
„Es gibt Bescheinigungen für Anwohner.“
„So eine habe ich noch nicht.“
„Dann gibts keine andere Möglichkeit.“
„Aber ich bin doch Anwohner!“
„Sie können auch Ihren Personalausweis zeigen. Da steht ja auch Ihre Adresse. Mit etwas Glück lassen die Kollegen Sie dann ausnahmsweise doch durch.“
„Aber ich ziehe morgen doch erst um. Ich kann mich erst am Montag ummelden, wenn ich in Bremen bin.“
„Ach so. Na, dann gibts keine andere Möglichkeit.“
„Aber der Umzug ist seit längerem geplant.“
„Die Bundesliga hat früher geplant.“
Die Polizei, dein Freund und Helfer, hatte gesprochen. Alle Probleme waren weiterhin ungelöst. Natürlich konnte ich auch nicht wirklich erwarten, dass die Bundesliga Rücksicht auf meine Umzugspläne nahm. Andererseits war die Planung der Bundesliga meinem zukünftigen Chef gleichfalls vollkommen egal. Was sollte es ihn scheren, dass meine Umzugsorganisation ins Wanken geraten war? Es konnte ihm schließlich gleich sein und das zurecht. Es konnte sein, wie es wollte, am kommenden Tag musste umgezogen werden.

Im Kindle-Shop: Immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel: Die Klabautermann Ge-ähm-be-Ha
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18. September 2016

'Sushi & Weißbier' von Veronika Lackerbauer

Wieder geht es auf kulinarische Reise in die bayerische Provinz. In drei Gängen serviert "Sushi & Weißbier" erneut Spannung, Überraschung, Witz und eine Prise deftige Heimatliebe.

Im zweiten Teil der Reihe "Kriminalgeschichten aus der bayerischen Provinz" gibt es ein Wiedersehen mit alten Bekannten aus "Hugo & Leberkäs", aber auch viel Neues zu entdecken. Die Mischung macht's: exotisch wie Sushi & traditionsbewusst wie Weißbier!

Gleich lesen:
Für Kindle: Sushi & Weißbier: Kriminalgeschichten aus der bayerischen Provinz - Band 2
Für Tolino: Buch bei Thalia




Leseprobe:
„Magst du noch ebs von der Guacamole?“, fragte Veitls Frau, statt auf seine Ausführungen einzugehen, und hielt ihm das Schälchen mit der bräunlich-grünen Paste hin.
Veitl verzog das Gesicht, fuhr dann aber doch mit der Messerspitze in die Glasschale und strich sich die Guacamole auf sein Vollkornbrot.
„Was is'n des eigentlich, a Gurkenmole?“, fragte er, obwohl er nicht sicher war, ob er die Antwort hören wollte. Die kulinarischen Experimente seiner Frau waren ihm ebenso suspekt wie Kollege Sonnbichler.
„Eine Gu-a-ca-mole ist eine spanische Spezialität. Des Rezept hat ma d'Berndorfer Resi gegebn, des hat die direkt aus Spanien! Der ihra Tochter is doch in Barcelona verheirat“, erklärte Margarete nicht ohne Stolz.
„Aus Spanien. Aha. Also so a spanischer Schinken oder sowas, des wär mir halt lieber ...“
Veitl traf ein strafender Blick.
Schnell beeilte er sich, von seinem Brot abzubeißen. Unter heftigem Kauen erklärte er: „Naa, aber schmeckt ja a gut. Doch ehrlich, Gretel. I hab's ja immer ned so mit deinen Öko-Sachen da. Aber des Gurkenzeug is ganz okay.“
„Da is aber keine Gurke drin, sondern Avocado“, konterte Margarete.
Das Telefon unterbrach die eheliche Kabbelei.
„Wer is'n jetzt des wieder? I hob heid frei!“, knurrte Veitl mit vollem Mund. „Glaubst, des hab i vielleicht dick, wenn ma ned amoi am Wochenende sei Ruha hod!? Und dann a no beim Essen, glaubst'as.“
Margarete erhob sich, um den Anruf entgegenzunehmen. „Des kann der ja nicht wissen, dass wir grad essen. Außerdem, wenn's nach dem gehn würdt, dann kannt bei uns nie jemand anrufn, weil du bist ja allerweil am Essen!“
„Veitl?“, meldete sie sich am Apparat. „Ja, an Moment bitte, wir essen grad. Ich hol ihn.“
Veitl beeilte sich runterzuschlucken und sah seine Frau triumphierend an, die ihm das schnurlose Telefon hinhielt und ihm scherzhaft die Zunge rausstreckte.
„Polizeiinspektion eins, Schöninger“, meldete sich Veitl, immer noch feixend.
„Sei du froh, dass'd bei uns heraußen bist und ned in München drin. I weiß scho, i stör scho wieder beim Essen, gell, Flori? Tut mir leid, aber ich brauch dich ganz dringend.“
Es war Veitls Vorgesetzter Hierl.
„Was is'n scho wieder? Passt was mit dem Protokoll ned?“, fragte Veitl hörbar genervt.
„Nein, nein, des passt scho. Es is wegen der Sache vom Sonnbichler ...“
Veitls Faust knallte auf die Tischplatte, sodass sein Teller einen klappernden Sprung machte. Margarete zuckte erschrocken zusammen.
„Kreizkruzefix noch amal. Kann der Depp ned einmal was allein machen? Was is denn jetz scho wieder mit dem?“
„Des musst du dir bitte selber anschauen. Und beruhig dich, wenn du des siehst, wirst versteh, wieso i den da ned allein damit lassen will. Bitte, Flori ...“
Veitl knurrte etwas Unverständliches, dann ließ er sich die Daten durchgeben.
Im Aufstehen sagte er zu seiner Frau: „I muss noch mal weg. I kann dir gar ned sagen, wie mir des stinkt. Jetzt hab i scho wieder de Arbeit vom Sonnbichler am Hals. Als ob i sonst nix zum tun hätt. Aber des eine sag i dir, wenn de nächste Beurteilung ansteht, dann werden de Herrschaften mi endlich berücksichtigen, sonst können's mich amal kennenlernen!“
Margarete stand ebenfalls vom Tisch auf und beeilte sich, ihrem Mann seine Brotzeit einzupacken. Man wusste ja bei diesen Einsätzen nie, wie lang sie gehen würden. Und weil er sich gar so aufregte und ärgerte, packte sie ihm noch eine Scheibe von dem Geräucherten ein, das er so mochte.

Veitl traf am Seeufer ein, wo bereits ein Schlauchboot der Wasserwacht startklar gemacht wurde. Zwei Berufstaucher in Neopren standen im seichten Wasser.
Am Ufer warteten ein Kollege der Spurensicherung, der Gerichtsmediziner Mohsani und der unvermeidbare Sonnbichler. Veitl gesellte sich zu den Kollegen.
„Und? Was hamma jetzt da?“, fragte er, ohne jemanden direkt anzusprechen.
„Wie's ausschaut hamma a Leich“, erklärte Mohsani sachlich.

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Mehr über und von Veronika Lackerbauer auf ihrer Website.



16. September 2016

'Wald der Wunder' von J. Vellguth

Schwarzwald, die Quelle von zauberhaften Sagen und uralten Märchen. Für Lea ist er nur ein mückenverseuchtes Dickicht, das es zu durchdringen gilt, als sie für ihren Chef dessen Blockhütte auf Vordermann bringen soll.

Nie hätte sie für möglich gehalten, was inmitten von moosigem Unterholz, geheimnisvollen Nebeln und gigantischen Baumriesen auf sie wartet. Zwischen dichten Wäldern und malerischen Dörfern treffen zwei Welten aufeinander und Lea muss sich entscheiden.

Ein romantisch-moderner Fantasy Liebesroman über mystische Zauberwesen und die Wunder der Natur.

Gleich lesen: Wald der Wunder: Fantasy Romance



Leseprobe:
Ihre Turnschuhe sanken immer wieder in den feuchten Waldboden ein und es war nur eine Frage der Zeit, bis sie nasse Socken bekommen würde.
Aber Lea stapfte trotzdem zwischen Tannen, Laubbäumen, Farnen und Gestrüpp den Berg hinauf und konzentrierte sich auf ihr Ziel. Eine fast freie Woche, mit ein bisschen Putzen für den Chef und hoffentlich genug Zeit, um ihre Selbständigkeit weiter auszubauen.
Wenn die erst einmal lief, war sie ihr eigener Chef. Dann könnte sie sich ihre Zeit selber einteilen und wäre endlich auf niemanden mehr angewiesen.
Wie lange sie sich schon wünschte, ihr Grafik-Design-Studio in Vollzeit betreiben zu können.
Studio, sie lachte in sich hinein. Aber hey, immerhin brauchte sie nicht mehr als ihren Laptop und das Internet, um zu arbeiten. Da durfte sie ihren Küchentisch wohl mit Fug und Recht auch als ihr Studio bezeichnen, oder?
Noch war es allerdings ein weiter Weg, nicht nur bis zur Vollzeit-Selbständigkeit, sondern auch zur Hütte.
Ein Blick auf das ausgetrocknete Flussbett sagte ihr, dass sie wenigstens noch in die richtige Richtung ging. Herr Walter hatte gesagt, sie könne die Hütte so überhaupt nicht verfehlen.
Allerdings war Flussbett schon eine ziemliche Übertreibung. Mit viel gutem Willen war die halb zugewachsene Mulde irgendwann mal ein Bächlein gewesen.
Hart schlug sie sich auf ihren bloßen Oberarm. Das Klatschen hallte zwischen den Bäumen hindurch, irgendwo schrie ein Vogel. Leas Haut brannte, aber sie hatte die blöde Mücke natürlich nicht erwischt.
Sie seufzte. Es gab schon einen Grund, weshalb sie mit Natur nicht viel anzufangen wusste. Sie hätte süßes Blut, pflegte ihre Großmutter zu sagen. Etliche Campingurlaube mit ihrem Vater hatten das immer wieder aufs Neue bestätigt.
Natur? Nein, das war einfach nichts für sie.
Überall grün, grün und nochmal grün. Wieder sank ihr Fuß tief in den moosigen Boden ein.
Ihr Chef hatte sie vorgewarnt, dass sie das letzte Stück zu Fuß gehen musste. Aber wie hätte sie ahnen sollen, dass er damit meinte, sie müsse sich mitten durchs Unterholz schlagen?
Sie hatte mit einem schmalen Weg gerechnet, im schlimmsten Fall aus Schotter. Aber das hier?
Schwarzwald.
Wer bitte schön machte freiwillig Urlaub im Schwarzwald?
Oh, ich hab eine nette kleine Hütte in der Nähe von Todtnau. Meine Frau will unbedingt unseren nächsten Urlaub dort verbringen. Wenn Sie das Häuschen für mich auf Vordermann bringen, rechne ich Ihnen das hoch an.
Ihre Mutter sagte immer, Lea wäre zu nett, sie müsste auch mal lernen nein zu sagen. Lea fiel es genauso schwer Hilfe auszuschlagen, wie sie anzunehmen.
Aber in diesem Fall war das ganz bestimmt anders. Natürlich wollte sie ihrem Chef auch helfen, aber die Aussicht auf bezahlte Überstunden und vor allem auf eine ruhige Zeit ohne Ablenkung hatten den Ausschlag gegeben.
Sie marschierte weiter und hoffte, dass sich der ganze Aufwand am Ende lohnen würde. Denn so, wie es im Augenblick aussah, hätte sie vielleicht doch besser einfach die Klappe gehalten.
Sie blieb kurz stehen, zog ihr Handy aus der Hose und prüfte das Telefonnetz. Ein einziger Balken schimmerte auf dem Display. Das versprach nicht gerade eine vernünftige Internetverbindung. Was ihre Arbeit so gut wie unmöglich machen würde.
Da trudelte auch schon eine SMS von ihrem neuesten Kunden ein, um ihr mitzuteilen, dass er seine Entwürfe am liebsten gestern schon gehabt hätte. Lea seufzte. Vielleicht hatte das schlechte Netz ja auch seine Vorteile, denn bisher hatte sie nicht die geringste Idee für diesen Auftrag gehabt.
Wie auch immer, sie würde das Beste daraus machen.
Der eine Balken verschwand von ihrem Display. Lea hielt das Handy in die Luft, da tauchte er wieder auf.
Sie teilte dem Kunden schnell mit, dass sie sich melden würde, sobald sie eine bessere Verbindung habe und tippte dann noch schnell eine Nachricht für Bibi.
Bin fast da. Reinste Pampa. Kaum Netz. Melde mich, wenn es geht. Küsschen. Dein Schnuffel.
Lea grinste vor sich hin. Schnuffel war das Codewort. Wenn es ihr gut ging, unterschrieb sie mit Schnuffel. Sollte sie aber mit Lea unterschreiben, dann würde ihre Schwester umgehend auf der Türschwelle auftauchen. So war zumindest der Plan.
Ihre Schwester hatte manchmal die verrücktesten Einfälle. Im Moment war sie zum Beispiel felsenfest davon überzeugt, dass Lea im Wald von Bruno dem Axtmörder entführt werden würde. So ein völlig bescheuerter Gedanke. Der Wald war gähnend leer und still.
Eigentlich hatte Lea mit der Nachricht bis zu ihrer Ankunft warten wollen, befürchtete aber einen totalen Netzausfall. Also blickte sie sich Bibi zuliebe noch einmal gründlich um. Baumstamm neben Baumstamm und hüfthohes Unkraut neben Unkraut. Ein richtiger Urwald. Später würde sie sich nach Zecken absuchen müssen.
Aber eins nach dem anderen. Mit einem Seufzen drückte sie auf Senden. Der Balken war schon wieder verschwunden. Sie hielt das Handy hoch über ihren Kopf und setzte sich mit ausgestrecktem Arm wieder in Bewegung.
Da, endlich, die Bestätigung blinkte auf, die SMS war versandt. Lea schob sich eine braune Strähne aus der Stirn, steckte das Handy in die Hosentasche und stieg über eine Wurzel. Dabei kam sie zu dicht an den Nachbarbaum, ihr Rucksack verfing sich an einem Ast und machte ein unschönes, reißendes Geräusch. Sie setzte ihn ab und erkannte, dass der Träger unten halb ausgerissen war.
Es wurde einfach immer besser.
Irgendwo im Unterholz knackte ein Ast und Lea sprang fast das Herz aus der Brust. Sie lauschte angestrengt und wünschte sich für einen panischen Augenblick, dass sie die SMS an Bibi doch erst in der Hütte abgeschickt hätte.
Dafür war es jetzt allerdings zu spät. Sie fingerte das Telefon wieder heraus, während sie versuchte, so leise wie möglich weiterzugehen. Das war natürlich nur ein Tier. Ganz bestimmt. Ein verdammt großes Tier.
Das war alles.
Noch ein Knacken.
»Hallo?«, rief sie und bereute es sofort wieder. Aber wenn es ein Axtmörder war, dann würde er sie bei ihrem Geräuschpegel sowieso finden. Und ein Tier würde von dem Schrei hoffentlich verscheucht werden, oder?
Ob es hier Wölfe gab? Oder Bären?
Ein Knacken, ein reißendes Krachen und dann ein dumpfer Fall. Ein Ast! Die Erleichterung rauschte durch ihre Adern wie frisches Eiswasser. Gott sei Dank, kein Axtmörder und auch kein Bär. Aber trotzdem ließen sie die Gedanken an wilde Tiere nicht mehr los.
Sie hatte irgendwo gelesen, dass man viel Krach machen sollte, um Raubtiere auf Abstand zu halten.
Also suchte sie in ihrem Handy nach Musik und steckte es halb in ihren Rucksack. Schandmaul schepperte in voller Lautstärke durch die Bäume.
Fresst das, ihr finsteren Bären – falls es euch überhaupt gibt.
Schwer atmend ging sie weiter den Berg hinauf. Ihre Kondition hatte sich komplett verabschiedet, seit sie in dem Architekturbüro arbeitete. Wenn sie wieder zu Hause war, musste sie unbedingt ihre Joggingschuhe wieder rauskramen.
Während sie über einen moosigen Baumstamm stieg, der Ähnlichkeit mit einem kleinen Elefanten hatte, freute sie sich schon wieder auf den Abstieg. Wenn’s vorher noch wie angekündigt ordentlich regnete, legte sie auf dem Rückweg eine wunderschöne Rutschpartie hin.
Sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, was die Frau vom Chef hier wollte, mit ihren Stöckelschuhen und ihren weißen Designerkostümen. Lea kam sich mit Jeans und Turnschuhen schon falsch angezogen vor, aber die Frau vom Chef …
Egal, das ging sie nichts an.
Sie konzentrierte sich wieder auf die bezahlten Überstunden, auf die Zeit für ihre Selbstständigkeit. Und wenn sie erst mal ihre kreative Flaute überstanden hatte, würde es auch da wieder aufwärtsgehen, das konnte sie spüren.
Aufwärts. Hah! Scherzkeks.
Auf jeden Fall würde sie Bibi für den Kundenkontakt einstellen, sobald sie es sich leisten konnte, dann wären sie ein echtes Familienunternehmen und sie konnte sich ganz auf den kreativen Teil konzentrieren. Zu schön, um wahr zu sein.
Trotzdem hielt sie sich an diesem Gedanken fest, während sie weiter zu den Tönen von Schandmaul den Hang hinaufstieg.

Im Kindle-Shop: Wald der Wunder: Fantasy Romance

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2. September 2016

'DIE SCHWARZE LEGION - Der Löwe des Atlas' von Jan Nehr

Algerien 1919. Alle Versuche der französischen Kolonialmacht, Waffenlieferungen für den Aufstand der Rifkabylen durch die Sahara zu unterbinden, scheitern an den Fähigkeiten der Waffenschmuggler. Den Tuareg.

Der junge (deutsche) Bergarbeiter Franz folgt seinem Bruder in die französische Fremdenlegion, in die dieser nach einer politischen Dummheit geflüchtet war. Obwohl die Familie lange kein Lebenszeichen erhalten hat, hofft er immer noch, ihn lebend zu finden. Nach einiger Zeit trifft er auf Rainer, einen Ex-Soldaten mit Geheimdienstausbildung. Die beiden Männer schließen Freundschaft und nach ersten Abenteuern bilden sie eine verschworene Gemeinschaft, um ihre Überlebenschancen zu erhöhen. Als der Chef des französischen Geheimdienstes, General Caneval, auf sie aufmerksam wird, wirbt er sie an, um herauszufinden, wer die Rifkabylen mit Waffen versorgt.

Der sorgfältig recherchierte Hintergrund der wenig bekannten Ereignisse im Nordafrika Anfang des 20. Jahrhunderts, in denen Hunderttausende ihr Leben einbüßten, ist die Vorgeschichte von Ereignissen, die bis heute in den Konflikten zwischen Islam geprägten Kulturen und westlichen Ländern ihre Auswirkungen haben.

Gleich lesen: DIE SCHWARZE LEGION - Der Löwe des Atlas

Leseprobe:
„Warum bin ich nur wieder auf dich herein gefallen!“ Franz war gereizt und Arisha ließ schuldbewusst den Kopf hängen. Deshalb sah er ihr breites Grinsen nicht.
Seit zwei Tagen waren sie beide als Vorhut vorausgeritten und hatten in der flachen Sandwüste bisher nicht den kleinsten Hinweis auf den Gegner gesehen. In der größten Mittagshitze, während sie im spärlichen Schatten einer mit Stöcken aufgespannten Plane dösten, hatte sich Arisha an ihn geschmiegt und liebkost. Danach hatten sie sich geliebt, wobei sie auf ihm saß und hin und wieder einen Blick in die Runde warf. Franz hatte den Verdacht, dass sie ihm die näher kommende Staubwolke erst meldete, als sie ihren Höhepunkt erreicht hatte. Als er sich aufrichtete, waren bereits dunkle Silhouetten am Horizont zu erkennen und es war zu spät, um sich aus der sicheren Deckung zu erheben und davonzumachen, um ihren Haupttrupp zu warnen.
„Was befiehlt mein Gebieter?“, flötete sie zufrieden.
„Eingraben!“, befahl er finster.
„So Gott will.“, sagte sie ergeben.
In der Sandwüste war das Eingraben immer unangenehm, wegen der Sandflöhe, weniger wegen der Schlangen. Es war beinahe so selten wie der Hauptgewinn in einer Lotterie, wenn man im Sand eine Schlange fand. Aber die Flöhe reichten, sie konnten unerträglich werden, und sie fanden sicher ihre Opfer. Hastig warfen sie Zeltplanen über die liegenden, gut dressierten Hedschins und schoben Sand und Steine darüber. Dann gruben sie sich daneben ein, in der Hoffnung, der Trupp würde nicht direkt über diese Sanddüne kommen und in sie hineinreiten. Unter dem Sand wehrte er Arishas Hand ab, die den Versuch unternahm, etwas gutzumachen.
„Bist du verrückt, meinst du, ich will mir dort Flöhe holen? Ich würde mir lieber überlegen, wie wir jetzt unsere Leute warnen können.“
„Wir werden sie angreifen, wenn sie vorüber sind. Wenn sie uns verfolgen, reiten wir nach Osten. Haben wir Glück, werden sie nur einen kleinen Trupp für zwei Angreifer abstellen. Unsere Leute werden die Schüsse hören und in Deckung gehen. Haben wir den Verfolgertrupp erledigt, reiten wir wieder nach Süden zu unseren Leuten.“
„Ja, was sonst“, knurrte Franz, überprüfte seinen Karabiner und spannte ebenso wie Arisha die lockere Sehne auf den Sarazenenbogen, den er vom Sattel des Hedschins genommen hatte und zog sie versuchsweise bis hinters Ohr. Die Pfeile steckte er vor sich in die Sanddüne. Die Vorstellung, seine ehemaligen Kameraden angreifen zu müssen, hatte ihn seit ihrer Abreise in eine dementsprechend schlechte Laune versetzt. Jetzt unmittelbar vor dem Wiedersehen und der Auseinandersetzung mit Männern, mit denen er geritten war und die ihm damals vertrauten, fühlte er sich wie ein Verräter. Verstohlen sah ihn Arisha von der Seite an. Sein Mund war ein einziger Strich und sein Gesicht wirkte versteinert. Sie fühlte mehr seinen inneren Konflikt, als dass sie ihn verstand.
Es war ein imposanter Trupp. Sie ritten in der Formation, in der Franz mit den Söldnern und Kabylen viele Male in der Wüste unterwegs gewesen war. Voraus Kabylen, in der Mitte Söldner und als Nachhut wieder Kabylen. An der Spitze ritt ein Reiter auf einem schwarzen Berberhengst, ein Rifkabyle, den Franz nicht kannte. Aber der Reiter neben ihm war eindeutig der Adjutant des Oberst, der deutsche Rittmeister! Er war gut an seinem lächerlichen Tropenhelm zu erkennen. Die Reiterreihe, immer zwei nebeneinander, ritten nur wenige Meter entlang der hohen Sanddüne, hinter der Franz und Arisha lauerten. Franz zählte über fünfzig Mann, alle zu Pferde. Er drehte den Kopf zu Arisha. Als er in ihr konzentriertes Gesicht blickte, nickte er ihr kurz zu, während er sorgfältig einen Pfeil in die Sehne des Bogens legte. „Du rechts, ich links!“, flüsterte er leise. Kräftig spannte sie die Sehne und visierte am Pfeil entlang ins Ziel.
Lautlos fielen die beiden letzten Reiter mit Pfeilen im Rücken von ihren Pferden. Die Reiter vor den Gefallenen lagen noch gut in der Reichweite der Bögen und fielen kurz darauf dem zweiten Schuss zum Opfer. Sie stürzten ebenfalls unbemerkt in den Sand. Dann verfehlte Franz seinen Reiter, während Arisha den ihren traf. Der Verfehlte war jedoch in der Hitze eingeschlafen, bemerkte den Sturz seines Nebenmannes nicht und ritt weiter. Franz’ zweiter Pfeil traf nun und Arisha wartete, bis Franz neu aufgelegte. Nun war die Entfernung bereits beträchtlich. Beide mussten einen Bogenschuss wagen. Wie in einem Wettbewerb grinsten sie sich an und die Sehnen schnellten zurück. Franz durchbohrte den Hals seines Ziels, ein Glückstreffer. Arisha traf ebenfalls – aber leider nur das Pferd, das in wilden Sätzen nach vorne ausbrach und den Reiter dabei abwarf. Es stiftete jedoch so viel Unordnung in der Reihe, dass nun die Kugeln der Magazingewehre der beiden Angreifer noch weitere Opfer fanden. Arisha zog die Plane von ihrem Hedschin und sprang in den Sattel. Nach einem schrillen „Hatat!“ erhob sich das Tier mit der Reiterin und Arisha galoppierte, ohne sich umzudrehen, nach Osten. Franz lag hinter seinem Tier und feuerte methodisch Kugel um Kugel in das panische Durcheinander der Reiter. Erst als seine Schüsse erwidert wurden und die ersten Projektile vor ihm den Sand aufspritzen ließ, warf er eine Handgranate ziemlich kurz in eine nahe Sanddüne. Im Schutz der Staubschwaden zog er sein Tier nach oben und galoppierte hinter Arisha her.
Als sich Franz das erste Mal umdrehte, sah er keine Verfolger. Er gab Arisha ein Zeichen und sie verringerten das hohe Tempo ihrer Kamele. Die Verwirrung beim Gegner musste schon enorm gewesen sein, wahrscheinlich hatte der Staub auch verborgen, dass es sich um nur zwei Angreifer handelte. Die gewaltige Anzahl der Toten ließ den Gegner viel mehr Angreifern vermuten, als es tatsächlich waren. An den Spuren würden die Rifkabylen jedoch schnell erkennen, wie wenige sie tatsächlich überfallen hatten. Die beiden trabten dicht nebeneinander, geschickt das Gelände ausnutzend, dessen Sanddünen immer höher wurden, dass aber für Kamele gut begehbar war. Franz behielt die Sonne im Auge und nach einer halben Stunde lenkte er sein Tier in ein schmales Sanddünental, das sich weit nach Süden erstreckte. Gedeckt durch die hohen Sanddünen hielt er nach einiger Zeit an und sprang vom stehenden Tier ab. Schnell kletterte er die Erhebung empor und sah durchs Fernglas. Eine Staubwolke jagte hinter ihren Spuren her. Franz zählte fünf Reiter. Mit ihren schnelleren Kamelen war es Franz und Arisha gelungen, einen guten Vorsprung zu gewinnen. Er rannte zu seinem Tier zurück und rief Arisha die Anzahl der Verfolger zu. Seine Stimmung hatte sich schlagartig gebessert und er stieg wieder auf. Eng ritt er neben Arisha und rief ihr seinen Plan zu.
Die Reiter, die der Spur folgten, waren Rifkabylen. Im festen Sand war die Verfolgung von Reitkamelen kein Problem für ihre wüstenerfahrenen Araberpferde. Die Spuren lagen deutlich vor ihnen. Unglaublich, wie zwei Reiter so schnell so viele Männer aus dem Hinterhalt ermorden konnten! Wer waren sie? Wüstenräuber, hatte der deutsche Offizier gemeint. In Überzahl würden sie kurzen Prozess mit den beiden machen. Ihre Pferde waren ausgeruht und legten ein hohes Tempo vor. Sie ritten in einer weit auseinander gezogenen Linie, um im Falle eines weiteren Hinterhaltes einen oder höchstens zwei Mann zu gefährden. Als die Spuren in das schmale Dünental führten, mussten sie jedoch ihre Formation aufgeben und bald sogar hintereinander reiten. Der Boden wurde weicher unter den Hufen der Pferde und ihr Anführer verlangsamte das Tempo. Nervös sah er zu den Dünenkämmen hinauf. Nun sah er am Ende der Spuren, weit am Horizont die Staubwolken der flüchtenden Reiter. Der Anführer der Kabylen deutete darauf und trieb sein Pferd an. Dabei übersah er eine kleine Sandwolke, nur wenige Meter seitlich von seiner Position. Er spürte einen Schlag auf der Stirn, der ihn aus dem Sattel warf. Den Schuss hörte er bereits nicht mehr. Der zweite Reiter warf sich in den Sand, als sein Pferd getroffen zusammenbrach, während das dahinter trabende Tier vor dem Hindernis hochstieg und der Reiter alle Mühe hatte, im Sattel zu bleiben. Zwei weitere dicht aufeinander folgende Schüsse töteten den nächsten Mann und verletzten das letzte Pferd. Schon war Franz heran und erschlug mit der Axt den Beduinen, der aus dem Sattel gesprungen war und gerade versuchte, seinen Karabiner in Anschlag zu bringen. Die hinteren Reiter hatten den Hindernissen ausweichen können, waren aber durch ihr Tempo an dem Hinterhalt vorbei getragen worden. Nun zügelten sie ihre Pferde und versuchten die Tiere zu wenden. Noch im Reiten legten sie ihre Gewehre auf den so plötzlich aus dem Sand erschienenen Angreifer an. Die Gestalt in der sandgelben “galabija“ warf sich hinter das gestürzte tote Pferd und die Kugeln schlugen harmlos in den Kadaver. Die Reiter erschraken, als plötzlich Schüsse hinter ihren Rücken fielen. Ein Mann wurde von einer Kugel in den Hinterkopf getroffen, und als sich der andere Reiter zu dem neuen Angreifer umdrehte, traf ihn Franz’s Kugel von hinten in die Schulter und warf ihn aus dem Sattel. Arisha war nach dem ersten Schuss, den sie hörte, in vollem Galopp, das zweite Hedschin im Schlepptau, zurück geritten und wich nun hoch in den Kamm der Sanddüne aus, um nicht in das Chaos der scheuenden Pferde zu reiten.
Der verletzte Kabyle legte sein Gewehr auf sie an, da erhob sich schon Franz hinter ihm und schlug ihn mit dem Gewehrkolben bewusstlos.
„Kein Mensch bewegt sich so schnell wie du. Wie ein Geist. Und wie ich sehe, hast du Gesellschaft bekommen. Ich hätte es wissen müssen. Zwei Mann greifen einen ganzen Zug an. Wie konnten wir nur so dumm sein!“ Der Kabyle stöhnte und hielt sich die blutende Schulter. Er war einer der Unteroffiziere der Kabylen und er hatte Franz erkannt. Viele Male war er neben ihm geritten und in einem Streit mit einem Söldner hielt Franz einst zu ihm und verprügelte damals den belgischen Söldner fürchterlich.
Franz starrte ausdruckslos auf ihn hinab.
Der Kabyle hob den unverletzten Arm: „Bist du jetzt auf der anderen Seite? Hast du uns verraten? Nein, das kann ich nicht glauben!“
„Ich bin kein Verräter. Ich war schon zuvor Soldat der Légion étrangère, bevor ich zu euch kam.“
„Also ein Spion!“, er spuckte aus.
„Ja, wenn du so willst. Ein Spion.“

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