30. April 2016

'Hexeninternat 1-4' von Heiko Grießbach

Die sechzehnjährige Tanja aus Berlin erlebt mit dem Ende der Halbjahresferien auch das Ende ihres bisherigen Lebens. Sie kommt vom Eislaufen und trifft ihren blutenden Vater an. Ihre Eltern wurden von Jägern überfallen und müssen fliehen, um sich in Sicherheit zu bringen. Erst jetzt klären sie Tanja darüber auf, dass sie keine normalen Menschen sind! Sie schaffen ihre Tochter in ein Internat für angehende Hexen und Hexer, wo sie die Schule beenden und ihre Fähigkeiten als Hexe kennenlernen soll.

Dort lernt Tanja, was es heißt, eine Hexe zu sein und was sie für Fähigkeiten besitzt. Doch irgend etwas an ihrem Gehirnmuster scheint anders zu sein. Ihr Anderssein zeigt sich auch, als sie bei einem Überfall von Jägern auf das Internat ungeahnte Fähigkeiten an sich entdeckt. Sie entdeckt noch etwas anderes, ihre Zuneigung zu Alex, einem Jungen, der ein Jahr älter als sie ist und eine Klasse höher die Schulbank drückt.

Als Tanja durch eine Intrige schwer verletzt ins Koma fällt, träumt sie von ihrer Vorfahrin und erfährt etwas Ungeheuerliches über ihre Vergangenheit. Wieder genesen, wird sie bitter enttäuscht, gewaltsam von ihren Freunden getrennt und gerät in Gefangenschaft, die sie bis an ihre körperlichen und seelischen Grenzen führt.

Urban Fantasy für Jung und Alt. Die einzelnen Teile, die auch als Taschenbücher bei Amazon erhältlich sind, schafften es alle auf vorderste Plätze in der Top 100 Amazon Kindle bezahlt.

Gleich lesen: Hexeninternat 1-4

Leseprobe:
„Verdammter Mist!“, rief Tanja und riss reflexhaft die Arme hoch. Natürlich völlig unnötig, denn Luft besaß keine Griffe zum Festhalten. Da saß sie auch schon auf dem Hintern, wieder einmal. Es war ihr wievielter Sturz? Sie hatte aufgehört zu zählen und sie hatte jetzt endgültig die Nase voll davon! Welcher Teufel hatte sie nur geritten, sich von ihrer Freundin zu SO etwas überreden zu lassen ...
Andere Läufer fuhren, ohne sie zu beachten, an ihr vorbei, als sei sie unsichtbar. Während einige von ihnen nur ihre Runden drehten, als gingen sie im Park spazieren, zeigten andere komplizierte Fahrmanöver und bewegten sich mal mit dem Strom, mal gegen ihn oder fuhren quer über die Eisfläche und umkurvten die Leute wie Wasser, das um Hindernisse herum fließt. Das Rrsch der Kufen kam Tanja bedrohlich nahe. Sie konnte es hören, obwohl Rihannas Umbrella aus den Boxen dröhnte. Eiskristallschauer wirbelten ihr ins Gesicht. Lichter zuckten umher und Scheinwerferkegel huschten über die weißgraue Fläche des Bodens. Gelächter und fremde Stimmen drangen durch den Sound: „Jetzt komm endlich!“ – „Warte auf mich!“ – „Nicht so schnell!“ – „Mann, ist das geil!“
Tanja blickte ihrer Freundin hinterher. Oraya entfernte sich von ihr und redete dabei immer weiter. Sie schien nicht mitbekommen zu haben, dass ihre Freundin nicht mehr neben ihr fuhr. Frustriert schloss Tanja den Mund wieder, Oraya würde sie nicht hören, wenn sie sie rief. An der Bande sah sie Tim stehen, er stieß sich gerade ab und steuerte mit beinahe eleganten Bewegungen über das Eis auf sie zu. Wenigstens einer, der ihr helfen wollte, dachte Tanja, wenn schon Oraya ihren Sturz nicht bemerkt hatte und keiner der anderen Leute ihr aufhalf. Doch dann sah sie, dass Tim nicht sie ansteuerte, sondern Oraya. Er stoppte sie, rückte ganz nahe an sie heran und rief ihr etwas zu, während er ihren Arm ergriff. Oraya stutzte einen Moment, strich sich die dunklen Locken aus der Stirn und schaute ihn an. Dann nickte sie und zeigte ein schwaches, schüchternes Lächeln.
‚Na toll!‘, dachte Tanja. ‚Hauptsache, ihr habt euren Spaß!‘
Mühsam rappelte sie sich auf. Diesmal hatte sie die Landung auf ihrem Hinterteil bis ins Gehirn erschüttert und ein Stechen war durch ihr linkes Handgelenk gezuckt, als sie versucht hatte, sich abzufangen. Durch die Jeans und den Slip hindurch spürte sie die Kälte des Eises am Po und sie klopfte sich die Hose ab, ehe der anhaftende Eisstaub gänzlich schmelzen konnte und sie aussah, als hätte sie sich eingepisst. Unwirsch strich sie sich eine feuchte Locke aus der Stirn und fuhr dann mit der Hand weiter über das Gesicht. Alles an ihr war mit schmelzenden Eiskrümeln bedeckt.
„Hey!“, rief sie, denn schon wieder bewegte sich ein Fuß ganz alleine von ihr weg, obwohl er das nicht sollte. Ein Spagat oder ein neuerlicher Sturz war das Letzte, was sie jetzt wollte. Ein Typ in Bomberjacke und kurzem schwarzem Stoppelhaar fuhr so dicht an ihr vorbei, dass er sie streifte. Um ein Haar hätte er sie angerempelt und sie wäre mit Sicherheit ein weiteres Mal zu Boden gegangen. Es reichte jetzt wirklich! Vorsichtig bahnte sich Tanja einen Weg zur nächstgelegenen Bande, ohne über den Haufen gefahren zu werden und ohne, dass ihre Beine erneut in verschiedene Richtungen wegglitten. Das war Schwerstarbeit, auf die sie sich voll konzentrieren musste. Trotzdem bekam sie mit, wie Tim Oraya auf sie aufmerksam machte, indem er auf sie zeigte.
Was ihre Freundin nur an diesem Typen fand? Tanja würde es nie begreifen. Er war groß und dünn, schlaksig, lief mit Pickeln rum und sein Haar trug er so kurz, als wäre er beim Militär oder käme gerade aus dem Knast. Er ging in ihre Klasse und glotzte jedem Mädchen, das auch nur annähernd einen Busen besaß, hinterher. Oraya hatte echt einen besseren Kerl verdient.
Es waren noch ein paar andere Typen aus ihrer Klasse hier und natürlich auch Mädchen. Doch außer mit Oraya hatte Tanja kaum Kontakt zu ihnen, abgesehen vom Unterricht natürlich. Es gab eine Menge Paare und Grüppchen, die in der Regel unter sich blieben. Blicke huschten umher, wurden ausgetauscht oder prallten unbeachtet am Zielobjekt ab. Ein gewisser Flirtpegel lag in der Luft, unterstützt von der Musik und den Lichtern, die in allen Farben durch die Halle zuckten. Leider schien Eislaufen nichts für David zu sein, das hatte Tanja schon festgestellt. Das war schade, zeugte aber, wenn sie es genau bedachte, nur von seiner Intelligenz. Eislaufen war wirklich das Letzte! Sie hätte zu gern gewusst, wo sich David für gewöhnlich herumtrieb, bisher war sie nur dazu gekommen, ihm in der Schule auf dem Gang oder in der großen Pause auf dem Schulhof zu begegnen. Er war ein Jahr älter als sie und ging in die zehnte Klasse. Seine ganze Erscheinung wirkte reifer als die Jungs in ihrer Klasse, fast schon männlich. Erstaunlich, was ein Jahr Altersunterschied ausmachen konnte. Ihr gefiel so ziemlich alles an ihm. Er war groß, aber dennoch muskulös und bewegte sich nicht so schlaksig wie andere große Jungs. Wenn sie aneinander vorbeigingen, nickte er ihr grüßend zu und hatte noch nie etwas Spöttisches oder Abfälliges zu ihr gesagt. Na ja, eigentlich hatte er noch nie irgend etwas zu ihr gesagt, das war das Dilemma. Tanja konnte doch nicht von sich aus zu ihm hingehen und ihn ansprechen, das tat ein Mädchen nicht. Doch wenn er nicht sie ansprach, wie sollten sie dann zueinander finden und ein Paar werden?
Die Kerle in ihrer Klasse, in ihrem ganzen Jahrgang, interessierten sie nicht. Das waren alles nur pubertierende Halbwüchsige, die nur doofe Sprüche brachten und Gefühle erst noch lernen mussten. David war da mit Sicherheit anders. Sie vermisste ihn und musste noch eine halbe Woche warten, bis die Winterferien vorbei waren und sie ihn wiedersehen konnte. Vielleicht erwachte ja sein Interesse für sie nach den Ferien und er sprach sie an?
‚Träum‘ weiter‘, sagte sie sich. Zeitgleich mit ihrer Freundin kam Tanja an der Bande an, wo sie sich krampfhaft festhielt.
„Schon wieder gestürzt?“, fragte Oraya.
„Wie man sieht“, knurrte Tanja sauer und genervt. „Mir reicht’s jetzt, ich will nur noch die verdammten Dinger loswerden!“ Sie zeigte auf die Schlittschuhe an ihren Füßen.
„Tut mir leid für dich.“ Oraya klang jetzt mitfühlend und griff Tanja stützend am Oberarm. „Hast du dich verletzt?“
„Ich glaube nicht, aber diesmal war es heftig und im Handgelenk hat es geknackt. Bevor ich mir den Hals breche, hör‘ ich lieber auf.“
„Ist schon okay, es ist ja auch schon spät. Komm, wir gehen, ich hab‘ für heute auch genug.“
Begleitet von Madonnas Into The Groove, dem Rrsch der Kufen auf dem Eis und dem Lachen und Kreischen der etwa drei Dutzend zumeist jugendlichen anderen Eisläufer verließen sie die Eisbahn. Tanja setzte sich langsam auf die äußerste Kante der Bank und stöhnte. Erleichtert löste sie die Schnüre der Schlittschuhe und streifte sie ab.
Oraya warf ihr einen Seitenblick zu. „Tut mir ja leid für dich. Mir hat es Spaß gemacht, aber ich stand auch nicht das erste Mal auf Kufen. Eislaufen steht wohl nicht wieder auf deinem Programm, was?“
„Das kannst du laut sagen. Sport ist sowieso nicht mein Ding.“
„Na, Mathe auch nicht.“ Oraya kicherte. „Hast du denn die Aufgaben gemacht, die dir die Richter über die Ferien aufgegeben hat?“
„Wie kommst du denn jetzt darauf?“
„Ist mir spontan eingefallen.“
„Nee, hab ich noch nicht. Erinner‘ mich bloß nicht daran! Spezialaufgaben zum Üben, nur für mich. Die spinnt doch total! Ein paar Tage habe ich ja noch Zeit, sie zu erledigen. Ich werde mich am Sonntag dazu aufraffen, das stimmt mich gleich auf die Schule am Montag ein.“
Tanja folgte ihrer Freundin nach draußen. Das Gesäß schmerzte ihr bei jedem Schritt und ihr linkes Handgelenk schien auch etwas abbekommen zu haben, es stach darin und knackte irgendwie komisch, wenn sie die Hand bewegte. Vielleicht hatte sie es verstaucht? Verdammt, diese scheißblöden Schlittschuhe würde sie nie wieder anziehen! Am besten wäre es, wenn sie die Dinger so schnell wie möglich in einer Mülltonne verschwinden ließ. Dieses Weihnachtsgeschenk ihres Vaters war super in die Hose gegangen. Er würde sich damit abfinden müssen, dass seine Tochter keine Sportskanone war. Vielleicht sollte sie ...

Im Kindle-Shop: Hexeninternat 1-4

Mehr über und von Heiko Grießbach auf seiner Website.

29. April 2016

'Palmen an Backbord: Ein Segelroman aus der Südsee' von Harald H. Risius

Ein Segeltörn in der Südsee – Sommer – Sonne – Palmen – weiße Strände. Gestandene Männer und segelbegeisterte Frauen in einer Crew mit sprachlichem Nord-Süd-Gefälle brechen auf zu einer Segelreise in exotische Gefilde. Und das geht gut? Ja – und wie! Auf den Spuren von Captain Cook auf dem Pazifischen Ozean zu segeln ist nicht nur eine Herausforderung an Schiff und Crew, es ist auch ein einmaliges Erlebnis.

Gewaltige Gewitter und ruhige, romantische Ankernächte, der Reichtum an farbenreichen Fischen, das Kreuz im Süden mit eigenen Augen am Himmelszelt zu entdecken, ein Elmsfeuer zu erleben, das sind die Erwartungen an eine Südseereise. Aber, da gibt es noch viel mehr zu entdecken und zu erleben. Segeln Sie mit auf einer wunderbaren Reise durch die vielfältige Inselwelt der Südsee. Harald H. Risius ist es wieder gelungen Sehnsüchte zu wecken und nimmt Sie, lieber Leser mit auf eine wunderbare Reise durch die vielfältige Inselwelt der Südsee. Wer einen Törn in der Südsee plant, sollte dieses Buch unbedingt lesen, denn so nebenher werden eine ein Menge nützlicher Revierinformationen und gute Tipps vermittelt – man muss ja nicht alle Fehler selber machen. Ein spannender Segelroman mit Hinni und Renate aus der Reihe „Sail & Crime“.

Dies ist die Neuauflage des zweiten Bandes einer Folge von Segelromanen und Ostfriesenkrimis die Harald H. Risius in seiner Reihe Sail & Crime um seine Protagonisten Hinni und Renate geschrieben hat. Das Buch erschien früher unter dem Titel "Makan Angin: Kreuz im Süden".

In der Reihe „Sail & Crime“ mit Hinni und Renate erschienen auch: „Regatta mit Nebenwirkungen“, „Kreuzfahrt in Gefahr“, „Mord mit Risiken“ sowie ein weiterer Segelroman „Leinen los Pack’ mers“. Alle Titel lassen sich auch unabhängig voneinander lesen.

Gleich lesen: Palmen an Backbord: Ein Segelroman aus der Südsee (Sail & Crime 2)

Leseprobe:
Weit entfernt über dem Pazifik werden die Wolken immer noch von Blitzen erleuchtet, aber nun zucken auch in westlicher Richtung Blitze in nahem Abstand über das Land. Nur Sekunden später kracht wieder ein Donnerschlag.
„Ist unser Mast eigentlich geerdet“, will Renate wissen, aber Karl und Hinni zucken mit den Schultern. Keiner hat danach gefragt und im Prospekt hat es auch nirgends gestanden.
„Dann würde ich mal den Motor starten. Nicht dass der Blitz noch bei uns einschlägt, die Elektrik zusammenbrezelt und wir können dann im Ernstfall nicht mehr weg.“
Hinni zieht seine Pyjamajacke, die er für die Nacht angezogen hat, über den Kopf, streift auch die Shorts ab und huscht aus dem Niedergang. Wenn er nass wird, ist das nicht so schlimm, findet er. Aber den Schlafanzug, den muss er retten, wenn er nicht in nassen Klamotten schlafen will. Soviele hat er davon schließlich nicht mit.
Marion stürzt in ihre Koje und holt ihren Fotoapparat. „Ha“, ruft sie als Hinni hinter der Steuersäule steht und den Motor startet. „Nackter Mann am Ruder. Stell’ dich mal doch mal vor die Steuersäule, Hinni, so sieht man ja rein gar nichts!“
Hinni hält die Hand vor die Augen, das Blitzlicht blendet ihn. „Pass auf, Frau Doktor. Dich krieg ich! Bei der nächster Flaute binde ich dich nackt an den Mast und dann kannst du dort kratzen bis Wind kommt.“
Das findet Jan auch gut: „Ha! Und ich werde beten, dass wir eine ewige Windstille haben. Jedenfalls bis du da am Mast vergammelt bist.“
„Jan, mein Guter, was hast du denn für Gelüste? Du willst dich doch wohl nicht an einer nackten, wehrlosen Frau aufgeilen?“
Ein greller Blitz erleuchtet das Cockpit und den Niedergang, sofort gefolgt von einem Donnerknall, der wenige Sekunden später noch einmal als Echo zurückkommt.
Hinni flüchtet instinktiv in den Niedergang und schnappt sich ein Handtuch. „Das reicht nun aber“, meint er und es ist nicht klar, ob er das Gewitter oder Marion meint, die immer noch ihren Fotoapparat vor ihrem Gesicht hat. „Aber das ist schon in Ordnung so! Wenn du mal keinen Mann mehr findest, dann hast du ja zum Trost immer noch ein Foto von mir.“
Marion streckt ihm die Zunge raus, aber sie kommt nicht mehr zu einer Antwort. Ein neuer Blitz zuckt vom Himmel und schlägt irgendwo in den Berg ein. Kurz darauf peitscht der Donnerknall, kaum das Karl bis zweiundzwanzig gezählt hat.
„Weniger als einen Kilometer entfernt“, sagt er.
„Meinst du, der Blitz schlägt hier ein?“, fragt Jan ängstlich. Nicht der Blitz, sondern der Donner hat ihm Angst gemacht und ihn vergessen lassen, dass er gerade noch von nackten Frauen am Mast geträumt hat.
„Kann schon sein“, meint Karl. „Nicht sehr wahrscheinlich, aber es ist möglich. Kannst mir ja schon mal dein Sparbuch vermachen.“
Jan zuckt zusammen. Wieso weiß Karl von seinem Sparbuch? Davon hat ja nicht einmal Birgit erzählt. Birgit!, durchzuckt ihn dann ein Gedanke, müsste er die nicht mal anrufen? Oder zumindest Imke? Was die wohl treibt ohne ihn? Plötzlich empfindet er den Chartertörn als eine große Fehlentscheidung: Teuer ist es, jeden Moment kann er vom Blitz getroffen werden und Imke vergnügt sich wahrscheinlich längst mit einem anderen Mann.
Karls Erklärung dringt kaum zu ihm vor: „Einschlagen kann der Blitz natürlich, aber wir sitzen hier ja in einem Faradayschen Käfig mit dem Mast, den Wanten und Stagen und den Relingsdrähten. Das ist wie im Auto. Nur sollten wir keine Metallteile anfassen. Der Blitz kann natürlich die Elektrik und die Elektronik zerstören, aber der Motor läuft auch ohne Strom weiter und wir könnten somit jederzeit in die Marina zurück. Also kann nichts Ernsthaftes passieren!“
Marion schmiegt sich an ihn: „Das hast du schön gesagt, Karl und es beruhigt mich auch. Aber kannst du nicht den Donner abstellen? Eigentlich bin ich ja müde und möchte schlafen.“

Im Kindle-Shop: Palmen an Backbord: Ein Segelroman aus der Südsee (Sail & Crime 2)

Mehr über und von Harald Risius auf seinem Blog zur Buchreihe.

28. April 2016

'Dunkel war's ...' von Rosemarie Benke-Bursian

Können Sterne für einen schrecklichen Mord verantwortlich sein? Ist da wirklich ein Hase mit Mütze auf einem Sandberg? Und was hat es mit Karinas Baby auf sich? Mal witzig, mal skurril und auch mal gruselig, aber immer voller Spannung, werden diese und andere Fragen von der Autorin gestellt. Die Lösung ist fast immer überraschend - oder doch nicht? Sieben groteske Geschichten und Kurzkrimis laden zum spannenden und entspannenden Leseschmaus ein.

Gleich lesen: Dunkel war's ...







Leseprobe:
Ein Auto unter Verdacht
Es war ein wunderschöner, fast frühlingshafter Tag im Januar. Gertrud und Theodor gingen ihren Lieblingsweg: Ein für ´Fahrzeuge aller Art´ gesperrter Pflasterweg, der sich aus dem Dorf hinaus zwischen Wiesen und Felder in ein nahe gelegenes Wäldchen schlängelte. Hier konnten sie die Stille, das Rauschen des Windes und an diesem sonnigen Tag sogar lebhaftes Vogelgezwitscher genießen. Schweigend und bedächtigen Schrittes gingen sie nebeneinander. Theodor, der nicht mehr so gut bei Fuß war, stützte sich mit einem Stock ab. Auf der anderen Seite hatte sich Gertrud - wie immer - bei ihm eingehakt. Kurz bevor sie das Wäldchen erreichten, sah Gertrud das verlassene Auto am Straßenrand. Sofort kam Leben in ihr Gesicht. „Sieh mal Theodor, das Auto da."
„Ja, ja", brummte er, „was die Leute so alles rumliegen lassen."
„Hmm. Ist schon merkwürdig nicht? Ich meine, dass das hier so abgestellt ist."
„Was soll da merkwürdig sein? Hat wohl jemand eine Panne gehabt."
„Ausgerechnet hier? Und überhaupt, hier darf ja gar kein Auto fahren."
„Tja, da wollten vielleicht welche ungestört sein." sagte Theodor und versuchte Gertrud zum weitergehen zu bewegen. Diese Unterbrechung des friedlichen Spaziergangs passte ihm gar nicht.
Gertrud machte sich von ihm los und ging näher an das Auto heran.
„Das sieht wie versteckt aus, findest du nicht?“
„Ich sag ja: Schäferstündchen.“
„Ach Theodor. Jetzt bleib doch mal ernst. Ich denke da an ganz was anderes.“
„Und was bitte?“
„Erinnerst du dich nicht? Letzte Woche in dieser Fahndungssendung im Fernsehen. Du weißt schon, der Bankraub in Mühlfelden.“
„Nee, ich erinnere mich nicht. Außerdem ist das über 100 Kilometer von uns entfernt.“
„Was sind schon 100 Kilometer. Das Fluchtauto der Bankräuber war jedenfalls genau so eines wie dieses.“
„Ach Gertrud, du schaust zu viele Krimis. Komm jetzt weiter.“
„Theodor!“
„Was ist denn nun schon wieder?“
„Theodor, hier ist die Aktenmappe!“ Triumphierend hob Gertrud eine braune Aktentasche in die Luft. „Eine braune Aktenmappe. Genau wie bei dem Überfall.“
Misstrauisch beäugte Theodor die Tasche. „Die sieht aber schon ziemlich alt und mitgenommen aus. Wo hast du die denn her.“
„Die lag da vorne im Graben.“
„Die hat einfach jemand weggeschmissen.“
„Natürlich. Und zwar die Bankräuber. Jetzt, nachdem alle Leute das Auto und die Aktentasche von der Sendung her kennen.“
„So sehen doch alle Aktentaschen aus.“
„Aber in dieser war das Geld drin. Schau Theodor.“ Gertrud hatte die Aktentasche geöffnet und eine leere Plastiktüte herausgefischt. „Hier ist die Tüte, in die die Bankräuber das Geld gewickelt hatten.“
„Eine Plastiktüte wie jede andere.“ Theodor schnaufte hörbar aus. Langsam ging er zu dem Wagen hin und spähte er durch das vordere Seitenfenster. „Siehst du was?“ rief Gertrud ihm zu.
Als Theodor nicht antwortete sondern weiter durch die Scheibe starrte, kam Gertrud neugierig zum ihm hin.
„Was siehst du da?“ fragte sie und presste ihr Gesicht ebenfalls an die Scheibe.
Auf der Rückbank lagen einer blauer Wollstrickpullover und eine dunkelblaue Wollmütze, so eine mit Zusatzstrickteil, den man wie einen Kragen um den Hals legen konnte, oder vor das Gesicht .... Und halb vom Beifahrersitz verdeckt lag ein 10 Mark Schein.
„Glaubst du mir jetzt?“ flüsterte Gertrud.

Dunkel war´s, der Mond schien helle

Dunkel war's, der Mond schien helle,
Schneebedeckt die grüne Flur,
Als ein Auto blitzesschnelle
Langsam um die Ecke fuhr.

Drinnen saßen stehend Leute
Schweigend ins Gespräch vertieft,
Als ein totgeschossner Hase
Auf der Sandbank Schlittschuh lief.

Und der Wagen fuhr im Trabe
Rückwärts einen Berg hinauf.
Droben zog ein alter Rabe
Grade eine Turmuhr auf.

Ringsumher herrscht tiefes Schweigen
Und mit fürchterlichem Krach
Spielen in des Grases Zweigen
Zwei Kamele lautlos Schach.

***

„Oh Mann, ist das dunkel hier. Mach doch mal Licht, ich seh ja die Hand vor Augen nicht!“
„Hab doch schon längst die Scheinwerfer an, Kalle. Biste blind geworden?“
„Oh cool! Jetzt sehe ich Licht. Das sind aber nicht deine Scheinwerfer, das ist der Mond!
„Nee, Mond ist nicht, Kalle, da bin ich ganz sicher. Guck doch, wie es über die Straße huscht.
„Ja huscht. Husch, husch. Mensch, Schizzo, du fährst zu schnell. Der Mond rast ja voll durch die Bäume.
„Scheinwerfer, Kalle, das sind die Scheinwerfer. Pass auf, hier ist der Schalter, wenn ich den dreh, siehste, dann is dunkel."

Im Kindle-Shop: Dunkel war's ...

Mehr über und von Rosemarie Benke-Bursian auf ihrer Website.

27. April 2016

'Von Wölfen und Vampiren' von Stephanie Wittern

Viktoria von Hohenzollern ist 17 Jahre alt und die Tochter der Königin der Vampire. Das Leben am Hofe ihrer Mutter hat zwar seine Vorzüge, jedoch fühlt Viktoria sich zunehmend vom strengen Protokoll, von den vielen Regeln und P ichten und der ständigen Aufsicht ihrer Brüder eingeengt und sehnt sich nach Normalität.

Sie bekniet ihre Eltern, ihr ein bisschen Freiheit zu geben und hätte niemals gedacht, dass ihre Mutter und der Rat der Vampire, das House of Vampires, zustimmen würden. Ihr wird schließlich ein Jahr im Ausland bewilligt. Sie sucht sich die Kleinstadt Deep Falls im US-Bundesstaat Montana aus. Dort angekommen, besucht sie die örtliche High School und ndet schnell (menschliche) Freunde. Vor allem Bonny wird schnell zu ihrer besten Freundin. Zusammen mit ihr versucht sie ein normaler Teenager zu sein. Schnell holt sie jedoch ihre Herkunft und das Prinzessinnen-Dasein wieder ein als Reginald, der Clanchef der nordamerikanischen Vampire, sie um ihre Hilfe bittet. Ein furchtbarer Mörder treibt sein Unwesen und tötet nicht nur Vampire.

Doch damit nicht genug. An ihrer neuen High School lernt sie Raphael kennen. Er ist der Traum eines jeden Mädchens, groß, schwarze Haare, raubtierbraune Augen und ein Lächeln, das die Knie weich werden lässt. Es gibt nur leider mehrere Probleme: Zum einen ist er ein Mensch, zum anderen will er anscheinend auch gar nichts mit ihr zu tun haben. Des Weiteren versucht er offensichtlich etwas zu verbergen, von dem Viktoria nur weiß, dass es unmöglich größer als ihr Geheimnis sein kann. Sie ist schließlich ein Vampir an einer High School. Was könnte es schon schlimmeres geben ...?

Gleich lesen:
Für Kindle: "Von Wölfen und Vampiren" bei Amazon
Für Tolino: Buch bei Thalia

Leseprobe:
Wie gewohnt wollte ich mit Bonny zur Cafeteria gehen, als mir eine vertraute Witterung in die Nase stieg.
Verdammt, ich sah mich um und entdeckte ihn am Ende des Ganges. Er hatte meine Witterung noch nicht aufgenommen und ich war am überlegen, schnell die Biege zu machen, konnte mich jedoch nicht rechtzeitig entscheiden und schon war es zu spät.
Er sah mich an und lächelte. Wie immer war sein Lächeln kalt und berechnend. Er hatte einen Geschaffenen bei sich, der jedoch im Hintergrund blieb. Langsam kam er auf Bonny und mich zu. Sie hatte ihn noch nicht gesehen, sondern wunderte sich nur, dass ich stehen geblieben war.
„Geh schon mal vor. Ich komme gleich.“
Sie sah sich um. Er bedachte sie mit einem kurzen Blick und bewegte sich weiter geschmeidig auf uns zu.
„Geh jetzt.“, sagte ich und mit einem Murren gehorchte Bonny.
Ich hoffte, er würde ihren Geruch nicht wahrnehmen. Er musterte mich mit einem arroganten Blick, dann hatte er mich erreicht.
„Schwesterherz, wie siehst du denn aus? Hast dich also ganz und gar angepasst.“, sagte André herablassend auf deutsch.
„Tja, besser als wie ein aufgeblasener Fatzke herumzulaufen.“, konterte ich auf englisch. Er trug einen maßgeschneiderten Anzug und eine schwarze Ray-Ban Sonnenbrille.
„Hat dich noch niemand angesprochen was du hier machst?“, fragte ich ihn, immer noch auf englisch.
„Doch, aber ein Blick in meine Augen hat genügt um sie zum Schweigen zu bringen.“
Wütend trat ich auf ihn zu. „Das lässt du in Zukunft lieber sein, verstanden?“, sagte ich auf deutsch, damit uns niemand verstand. Es waren mehrere Schüler stehen geblieben um uns zu beobachten. Vielleicht vermuteten sie, dass André mein Freund war oder ein Lehrer.
„Sonst was? Willst du mich daran hindern?“
Er lachte auf.
„Was willst du hier?“
„Darf ich nicht meine Schwester besuchen?“
„Du hättest auch nach Hause kommen können und nicht hier in der Schule auftauchen müssen.“
„Doch, das hat etwas von einem Steakhouse, findest du nicht auch?“
Er beugte sich zu mir runter und flüsterte mir zu: „Überall kleine Lämmer, die darauf warten verspeist zu werden.“
Ich sah ihn genauso kalt an wie er mich.
„Du wirst von niemanden trinken, verstanden? Und jetzt verschwinde. Wir können nachher reden.“
Ich wollte mich umdrehen, doch er hielt mich am Arm fest.
„Nein, du wirst jetzt mitkommen.“, sagte er durch seine zusammengepressten Zähne.
„Lass sie los!“
Raphael löste Andrés Griff um meinen Arm und stellte sich neben mich. André musste freiwillig losgelassen haben, sonst hätte Raphael meinen Arm nicht aus Andrés Griff bekommen.
André musterte Raphael kalt.
Ohne ihn aus den Augen zu lassen fragte er mich in perfektem Englisch: „Willst du uns nicht vorstellen?“
Verdammt, was mache ich nun? Es wurden immer mehr Schüler, die uns beobachteten. Sie flüsterten miteinander und hofften auf eine Schlägerei zwischen den beiden. Ich zog sowohl Raphael als auch André am Ärmel beiseite, damit wir nicht zu viele Lauscher hatten und überlegte krampfhaft was ich machen sollte. Sowohl Raphael als auch André wehrten sich nicht als ich sie mit mir zog. Nachdem wir uns an die Wand gestellt hatten und die meisten Schüler weiter gegangen waren, sah ich beide nacheinander an.
„Raphael, das ist André, mein Bruder.“, antwortete ich ebenfalls auf englisch.
Ich machte eine Pause.
„André, das ist Raphael mein...mein Freund.?“, sagte ich dann.
Beide sahen mich überrascht an. Ich hakte mich bei Raphael unter. Hoffentlich schüttelt er meine Hand nicht ab.
„So, so, dein Freund. Nett dich kennenzulernen.“
An seinem Gesichtsausdruck konnte man ablesen, dass er es alles andere als nett fand. Er sah mich wieder an.
„Schwesterchen, wir sehen uns nachher zu Hause.“
Mit diesen Worten drehte er sich um und strebte auf den Ausgang zu. Raphael sah auf mich herunter.
„Was...“
„Warte bis er aus der Tür ist“, zischte ich.
Die Tür schloss sich hinter André und dem Geschaffenen. Ich sah verlegen zu Raphael, er musterte mich mit einem unergründlichen Blick.

Im Kindle-Shop: Von Wölfen und Vampiren
Für Tolino: Buch bei Thalia

Mehr über und von Stephanie Wittern auf ihrer Website.



26. April 2016

'Gestohlene Zukunft' von Harald Schmidt

Täglich gibt es in Deutschland etwa vierzig bekannte Fälle von Kindesmissbrauch. Die Dunkelziffer ist jedoch höher, denn viele Opfer und ihre Angehörigen schweigen, aus Scham, aus Angst. Heilt die Zeit diese Wunden? Kann der Mensch erlittenes Leid vergessen? Tina muss sehr bitter erfahren, was es bedeutet, wenn Gespenster der Vergangenheit lebendig werden. Wohlbehütet aufgewachsen begegnen ihr plötzlich Grausamkeiten, die sie sich nie hätte vorstellen können. Die Gräueltaten eines Sexualtäters, verknüpfen sich unaufhaltsam mit dem Schicksal ihrer Familie.

Ein Thriller, der nicht loslässt. Er nimmt den Leser mit in eine Welt, die direkt neben uns existiert. Eine Welt, mit der viele Menschen selbst Erfahrungen sammeln mussten und es aus unterschiedlichsten Gründen totschweigen. Der Autor möchte mit seiner Geschichte nachdenklich machen und zu Diskussionen anregen. Gibt es hier nur Schwarz und Weiß, nur Gut und Böse? Eine Geschichte, frei erfunden, doch grausam nah an der Realität.

Gleich lesen: Gestohlene Zukunft

Leseprobe:
»Was habe ich dem Tag getan, dass er mich schon so früh bestraft?«, sagte Wilms mit Blick auf das vor ihm auftauchende Chaos. Eigentlich sollte dies ein ruhiger Tag werden, da ihm die beiden letzten Einsätze einen Berg an Überstunden beschert hatten. Allerdings dachte man bei einem Tatort wie diesem nicht über das eigene Wohlbefinden nach. Kindermord ist das Letzte und das Verwerflichste für einen Polizisten.
Einsatzfahrzeuge der Polizei blockierten einen Fahrstreifen Richtung Rellinghausen, der Verkehr bewegte sich im Schneckentempo auf der Frankenstraße. Auch der Dienstwagen des Hauptkommissars fand hier kein Durchkommen. Wilms trommelte mit den Fingern auf das Lenkrad, schlug dann ein und nahm die Abkürzungen durch die angelegten Randbeete. Das Grünflächenamt wird fluchen, dachte sich Wilms.
Schaulustige bildeten mittlerweile Rudel, ihre Hälse reckten sie in Richtung Wald. Uniformierte Polizisten drängten allzu Neugierige zurück, die nicht einsehen wollten, warum ihnen der Zugang verwehrt wurde. Schließlich war das ihr Wald, der Ort, an dem der sonntägliche Spaziergang stattfinden sollte.
Walter Höfner, der Leiter der Schutzpolizei, führte Wilms zum Tatort. Die wartenden Journalisten überfielen ihn vor der Absperrung sofort mit Fragen. Verärgert schob er sie zur Seite, ohne darauf zu antworten. »Fürchterliche Schmeißfliegen, diese Zeitungsleute. Das macht mich immer wieder aggressiv«, bemerkte er gegenüber dem Kollegen, als sie außer Hörweite waren. »Wer hat den Jungen gefunden?«
»Ein Passant und sein Enkel. Die beiden stehen dort drüben. Sie gehen hier jeden Sonntag spazieren. Der Junge fand den Müllsack, der etwas versteckt hinter dem Distelstrauch dort hinten lag, beim Spielen. Herrn Schnell, so heißt der Mann, kam das nicht ganz geheuer vor, also benachrichtigte er mit dem Handy die Polizei. Er meinte, der Geruch war schon sehr penetrant«, antwortete der Einsatzleiter.
»Danke. Wo steckt denn wieder dieser Trokut?« Wilms sah sich nach seinem Assistenten um. »Ach, Sven, nehmen Sie bitte die Aussage von Herrn Schnell auf. Der hat das Opfer gefunden, besser gesagt, sein Enkel. Aber nehmen Sie ein wenig Rücksicht in Ihrer Wortwahl. Ich meine nur, wegen des Jungen.«
»Was haben Sie immer mit meiner Wortwahl, Chef? Ich beherrsche die deutsche Sprache schon recht lange und kann mich gut verständlich machen«, erwiderte Trokut.
»Das glaube ich Ihnen ja. Doch der Junge muss nicht jede Einzelheit erfahren, das ist noch ein Kind. Verstehen Sie? Ich spreche derweil mit der Spurensuche.«
Ein Gebiet in der Größe eines Fußballfeldes war mit Absperrband gesichert. Ermittler in weißen Schutzanzügen, die Aliens glichen, bewegten sich um einen zentralen Punkt, immer darauf bedacht, keine Spuren zu zertreten. Sie sicherten jeden noch so bedeutungslos erscheinenden Gegenstand in diesem Bereich. Selbst Zigarettenkippen wurden mit Pinzetten aufgehoben und verschwanden in Plastikbeuteln.
Die Szene hatte etwas Unwirkliches. Dichter Laubwald, der lediglich einzelnen Strahlen der Sonne gestattete, den Boden zu erhellen. Dieser Wald durfte seine Natürlichkeit behalten, indem das Unterholz nicht ausgelichtet wurde. Herabgefallene Äste blieben, wo sie die Natur platziert hatte, lediglich der Müll der Besucher wurde regelmäßig entfernt.
Wilms mochte die Spaziergänge durch den Stadtwald. Schon als Kind hatte er immer diesen Weg genommen, wenn er mit Freunden zum Schwimmen an den Baldeneysee wollte. Selbst heute, mit achtundvierzig, wo sein gelichtetes Haupthaar die ersten grauen Strähnen zeigte, nahm er sich immer mal wieder Zeit, um hier abzuschalten.
Wilms zog die Schultern hoch und dachte in diesem Augenblick an Joel, seinen neunjährigen Sohn, den er vor zwei Stunden von der Schule abgeholt und zu Claudia, seiner Exfrau, gebracht hatte. Was wäre, wenn dort sein Kind gelegen hätte? Allein die Vorstellung ließ ihn die Fäuste ballen.
Claudia hatte sich nie richtig mit seinem Beruf abfinden können und sie hatten sich mit den Jahren auseinander gelebt. Der Job hatte nicht nur seine Ehe zerstört, sondern ihm auch diverse Sorgenfalten verpasst. Humor und Lockerheit waren ihm mit den Jahren abhanden gekommen. Das war wohl das Los eines jeden Kriminalbeamten.
Dass er sich gerade die frisch polierten Schuhe verdreckte, war Wilms völlig egal, als er sich dem Tatort näherte. Auch er stülpte sich vor dem Betreten der Sperrzone Plastikschoner über die Schuhe.
»Hi, Hermann. Was hast du für mich?« Wilms konnte ein Schmunzeln nicht unterdrücken. Gerade musste er sich wieder daran erinnern: Er hatte sich bei ihrer ersten Begegnung vor etwa fünfundzwanzig Jahren darüber amüsiert, dass ausgerechnet ein Rechtsmediziner Dr. Todt hieß.
Dieser erhob sich ächzend aus der knienden Position und sah Wilms an. Nur sein Gesicht war nicht von Schutzfolie verdeckt. Schon lange nicht mehr hatte Wilms diesen sonst so abgebrühten und zu sarkastischen Scherzen neigenden Mediziner so nachdenklich erlebt.
»Ist das mit deinem Meniskusschaden immer noch nicht behoben?« fragte Wilms und half ihm hoch.
»Ach, da ist doch nichts mehr zu machen. Die Schmerzen werden bleiben, Holger. Alles klar bei dir? Wie geht es Claudia und Joel, siehst du die beiden ab und zu?« Dr. Todt strich sich das Laub von den Hosenbeinen. Der Schutzanzug schlotterte geradezu um seinen ausgemergelten Körper. Wer diesen Mann nicht näher kannte, unterschätzte sehr oft seinen ausgeprägten Scharfsinn. Kaum jemand im Dezernat lieferte so exakte Hinweise wie Dr. Todt.
»Doch, doch. Eigentlich verstehe ich mich mit Claudia heute besser als früher. Die Distanz hat uns zu mehr Toleranz verholfen. Mit Joel bin ich oft unterwegs. Er möchte später einmal Polizist werden. Kannst dir sicher vorstellen, wie begeistert Claudia von dem Gedanken ist.« Er fuhr fort, nachdem er mit der Grundreinigung zufrieden war. »Übrigens, das sind genau die Fälle, die ich lieber den Kollegen überlassen würde. Also, zur Sache: männliche Leiche, Alter etwa fünf Jahre, wahrscheinlich erwürgt, tot seit zirka zwei Tagen, unbekleidet und weist im Analbereich stärkere Verletzungen auf. Mehr kann ich dir im Augenblick nicht geben.
Genaueres kann ich erst nach der Autopsie sagen. Ach ja: auf der Zunge des Jungen fanden wir Kratzspuren, so als ob sich eine Hand in seinem Mund befand. Da könnten beim Täter Bisswunden entstanden sein.«
Wilms konnte Hermann verstehen, solche Fälle ließen keinen Beamten kalt. Hier nistete sich trotz aller Abgeklärtheit des langen Berufslebens stets ein Hass gegen den Täter ein. Natürlich hatten sie alle, die hier ermittelten, in vielen Seminaren von Psychologen gehört, dass Pädophile anders zu sehen seien – sie seien krank und könnten diesen Trieb nicht in den Griff bekommen. Doch wer brachte im Angesicht dessen, was hier vor ihnen lag, Mitgefühl für den Verbrecher auf? Verständnis für den Mörder, wenn dieser Junge vielleicht stunden- oder tagelang gelitten hatte, bevor der Täter ihn wie Abfall beseitigte?
Es war den grimmigen Gesichtern der umstehenden Ermittlungsbeamten anzusehen, dass jeder von ihnen alles daran setzen würde, diesen Täter seiner gerechten Strafe zuzuführen. Wilms hatte Mühe, seine Gedanken zu ordnen. Sein Blick hing wie gebannt an diesem schmutzigen Müllsack, unter dessen dünner Oberfläche sich die Konturen des kleinen Körpers abzeichneten. Der Mörder hatte dieses Kind zumindest an einem Stück entsorgt. Wie viele Schmerzen hatte der Kleine erleiden müssen! Wie arglos war er in sein Verderben gelaufen! Kinder waren noch nicht mit dem Misstrauen der Erwachsenen ausgestattet. Sie glaubten noch an das Gute im Menschen.
»Hallo, Holger, ist da jemand zu Hause?« Dr. Todt fasste Wilms am Arm und schüttelte ihn aus seinen trüben Gedanken. »Die Kollegen der Spurensicherung möchten dir was zeigen. Ich fahr in die Pathologie und warte dort auf den Jungen. Wir kriegen das Schwein schon, Holger. Bis dann.« Dr. Todt legte ihm beruhigend die Hand auf die Schulter und verschwand. »Was habt ihr für mich?« fragte Wilms den Gruppenleiter der Spurensicherung. Der hatte seinen Mundschutz nach unten gezogen, sodass Wilms trotz des Schutzanzuges den Kollegen Remmert erkennen konnte. Er hielt einen Gipsabdruck mit einem sehr deutlichen Reifenprofil in der Hand.
»Also, Chef. Ich kann noch nicht sagen, ob diese Spuren tatsächlich vom Täterauto stammen, doch verkehren hier in der Regel nur Fahrzeuge der Forstverwaltung. Und die haben Geländereifen drauf. Das hier ist aber der Sommerreifen eines Pkws, etwa 245er Breite. Ein Auto der Oberklasse. Wir werden den Reifentyp ermitteln, dann haben wir auch schon eine gute Eingrenzung auf den Fahrzeughersteller.«
Wilms wandte sich an seinen Assistenten Tokrut, der mittlerweile mit der Befragung des Augenzeugen fertig war und einige Schritte hinter ihm interessiert zuhörte. Den Schreibblock hielt er in den Händen und machte sich fleißig Notizen. Wilms nahm diese Tatsache wohlwollend auf.
»Sven, kommen Sie mal zu mir! Ich denke, Sie haben jetzt die Aussage des Herrn Schnell? Machen Sie sich bitte daran, die Bewohner der gegenüberliegenden Häuser zu befragen, ob sie in dem Zeitraum Dienstag bis Mittwoch hier zufällig einen verdächtigen Pkw haben entlangfahren sehen. Ein Fahrzeug so aus dem Bereich Mercedes, BMW oder Audi. Ich meine, hier auf dem Hauptweg oder auf dem Parkplatz dort hinten.« Wieder an Remmert gewandt fuhr er fort: »Sind die Untersuchungen an dem Opfer beendet? Dann organisiert bitte den Transport in die Rechtsmedizin. Wir treffen uns alle morgen um neun im Besprechungsraum im Präsidium.«
Wilms sah sich noch einmal um. Nein, hier gab es für ihn im Augenblick nichts mehr zu tun. Die Verabredung mit Torsten und Freddy zum Skat heute Abend konnte er sich trotzdem abschminken. Wenn derartige Fälle auftraten, war das gesamte Präsidium im Ausnahmezustand. Es gab dort viele Väter.
Wilms machte sich auf den Weg zu seinem Fahrzeug. Gedankenverloren bewegte er sich auf dem Hauptweg, als er aus dem Augenwinkel heraus den Schatten auf sich zueilen sah. Schon an seiner übertrieben gestylten Frisur und dem ausgeflippten Outfit erkannte Wilms, dass es nur der Pressemann sein konnte, den er in der Vergangenheit schon öfter wegen der Verbreitung von Halbwahrheiten bei der Blöd-Zeitung in die tiefste Hölle gewünscht hatte. Der Kerl verstand es immer wieder, sich aus unbekannten Quellen vage Informationen zu besorgen. Daraus strickte er sich seine eigene Story.
»Valentin, wie schaffen Sie es immer wieder durch die Absperrung? Ich kann und will Ihnen zum jetzigen Zeitpunkt nichts sagen, zumal wir derzeit noch keinerlei Spuren verfolgen können. Einzig das: toter Junge, zirka fünf Jahre. Aus. Alles Weitere auch für Sie morgen in der Pressekonferenz. Und jetzt ab die Post! Gehen Sie hinter die Absperrung!«
»Ist dieser Junge vergewaltigt worden? Ist es ein Sexualdelikt?« Valentin ließ hier nicht locker.
»Valentin, Sie sollten die Wattestäbchen nur zum Reinigen der Ohren benutzen und danach wieder entfernen. Schluss, aus, nichts mehr. Alles Weitere kommt morgen. Tschüss.« Wilms setzte den Weg zum Dienstwagen fort und ignorierte den Spinner einfach. Er rief aus dem Wagen mit dem Handy sein Büro an. Die Stimme von Silke Kappel am anderen Ende. »Ja Chef, was gibt´s?«
»Kappel, Sie könnten bitte zwei Dinge für mich tun? Erstens brauche ich für morgen früh um neun Uhr den Besprechungsraum. Ich schätze, etwa fünfunddreißig Mann. Zweitens sehen Sie bitte nach, ob es aktuell vermisste Jungen gibt, die etwa fünf Jahre alt sind. Ach ja, blondes Haar, wenn ich das richtig gesehen habe. Bin in etwa zwanzig Minuten da.«
»Alles klar, Chef, ist so gut wie erledigt. Schreckliche Sache. Mein Sohn ist auch erst acht. Haben wir schon etwas Brauchbares, damit diese Bestie schnell gefasst werden kann? Ich darf gar nicht daran denken, dass hier ein Kindermörder frei herumläuft.« Wilms konnte diese Ängste gut nachvollziehen und schlug mit der Faust auf das Lenkrad.

Im Kindle-Shop: Gestohlene Zukunft

Mehr über und von Harald Schmidt auf seiner Website.

25. April 2016

'Ich liebe dich zu hassen' von Leon Herz

Wer hat es nicht schon einmal erlebt: Die Trennung von einem geliebten Menschen, der einen verlassen hat. Eine Situation, die man nicht begreifen kann, die man nicht begreifen möchte. Der Protagonist in diesem Buch kann damit nicht leben. Er beschließt sich zu rächen und sucht wahllos eine Frau aus, die er als Symbol für sein Leiden einsetzt. Er beginnt sie zu stalken und ihr nachzustellen. Doch irgendwann möchte er mehr. Er möchte sie leiden sehen.

Dieser Psychothriller ist für Minderjährige und Menschen, die verstörend auf psychische und körperliche Erniedrigung reagieren, nicht geeignet.

Gleich lesen: Ich liebe dich zu hassen: Psychothriller



Leseprobe:
Wie durch einen Schleier bemerke ich, dass etwas nicht stimmt. Mein Körper scheint schweißgebadet zu sein, und ich versuche mich zu orientieren. Der Traum in meinem Kopf löst sich langsam auf, verflüchtigt sich und ist nun nichts mehr, als eine schwache Erinnerung. Ich halte die Augen geschlossen und lausche den Geräuschen, die von der Straße her an mein Ohr dringen. Es sind die gleichen, wie jeden Morgen und ich kenne sie beinahe auswendig, wie sie sich in aller Hektik ihren Weg zu mir bahnen. Der Fülle der Geräusche nach und durch das schwache Schimmern, welches sich durch meine geschlossenen Augen bemerkbar macht, schließe ich, dass es annähernd Mittag sein muss. Auch im Hausflur ist schon Leben erwacht, und ich frage mich, wer sich die Mühe macht den Tag zu begrüßen, der Sonne entgegenzugehen und es nicht genießt, die erste Hälfte des Tages zu verschlafen. Wie sollen sie auch wissen, was es heißt, sich gefangen zu fühlen. Gefangen von den eigenen Gedanken. Banale und unnütze Gedanken werden sie haben. Jene, die sich Sorgen machen, was heute zum Essen auf dem Tisch kommen würde, wie sie vor lauter Stress ihr Kind vom Sport abholen, oder wann sie es heute am besten einrichten könnten, Sex zu haben.
Ich brauche keinen Terminkalender nach dem ich mein Leben plane. Die einzige Notiz, die ich für wichtig erachten würde wäre die, dass es in 10 Stunden wieder dunkel wird und ich mich wieder meinen Träumen hingeben kann. Ich öffne endlich die Augen und erkenne, aber keinesfalls zufrieden, dass ich ungefähr Recht habe mit meiner Annahme.
Ich schaue nach rechts zu meinem einzigen Nachttisch, auf dem sich wieder der Müll der letzten Nacht angesammelt hatte. Eine leere Schokoladenschachtel. Die Schokoladenpapiere liegen wie immer, wenn ich mich im Bett dieser Leidenschaft hingab, wahllos auf den Boden geschmissen, die nun zwei Flaschen Bier sanft umkreisen. Mein Blick sucht den Wecker und nach einiger Zeit entdecke ich ihn zwei Meter von mir entfernt auf dem Boden liegend, da ich ihn morgens gegen die Wand katapultiert hatte, wie es mir jetzt wieder dämmert.
Es muss Samstag sein, denn dieses Ritual vollziehe ich jeden Samstag. Ich kann mich einfach nicht daran gewöhnen, ihn am Vorabend zum Wochenende auszuschalten. Es kümmert mich wenig, dass er nun nicht mehr funktionieren könnte. Es ist mir im Grunde genommen egal. Genauso egal, wie es jetzt 11 Uhr ist. Ich schließe meine Augen und gebe mich erneut den vertrauten Geräuschen der Welt außerhalb von meinem Schlafzimmer hin. Ich beiße mir auf die Zähne. Eine Wut kommt in mir hoch, die ich so verabscheue, wie meinen Wecker am Samstagmorgen um 6 Uhr. Nein, noch mehr. Noch viel mehr.
Ich bemühe mich nicht, diese Wut zu zähmen, sie zu beherrschen. Ich lasse sie entstehen und genieße sie einen kleinen Augenblick. Etwas später bildet sich eine Träne unter meinem rechten Augenlid und bahnt sich ihren Weg nach draußen in die Welt. Ich wische sie nicht weg, sondern warte, ob sie vielleicht noch an Stärke zunimmt. Sie wird größer und wandert nun langsam und unaufhörlich meine Wange herunter. Ich warte und hoffe, dass sie meinen Mundwinkel erreichen würde, damit ich empfinden kann, wie salzig und schlecht sie schmeckt.
Tatsächlich schaffe ich es, sie mit meiner Zunge einzufangen, nehme sie behutsam in meinen Mund, vermische sie mit meinem Speichel und spucke sie mit aller Kraft, die ich aufbringen kann, wieder aus. Als nächstes zieht sich mein Mund zusammen, der sich leicht zu kräuseln beginnt. Aus Wut wird Hass, und ich kann nichts dagegen tun. Ich ertrinke in diesem Gefühl, denn nur in diesem einen Gefühl, fühle ich mich stark. Nicht so verletzlich und schwach, wie ich mich sonst immer sehe. Ich möchte stark sein und die Schwäche vernichten, so wie die Nacht die Sonne besiegt. Aber so, wie auf den Mond wieder die Sonne den Tag beherrscht, so sinkt meine Stärke und eine weitere Träne will das Licht der Welt erblicken. Ich weiß und fühle es, dass es an der Zeit ist, die Augen zu öffnen.
Ich wage erneut einen kleinen Spalt, der sich von Sekunde zu Sekunde vergrößert und erkenne schließlich, dass der Wecker immer noch auf seinem Platz auf dem Boden liegt. Alles ist so wie immer und genau das macht mir Angst. Ich sträube mich noch, möchte nicht nach links schauen. Möchte nicht die klare und harte Gewissheit haben, nur geträumt zu haben. Ich hasse diesen Blick nach links. Ich hasse ihn so sehr, dass ich auf meine Knöchel schaue und mir bewusst wird, dass ich sie mir schon oft blutig gebissen habe, nur um diesen Blick hinauszuzögern.
Doch ich muss wissen, ob es ein Traum war, oder die ernüchternde Realität. Im Traum war ich glücklich und sah mich als einen zufriedenen Mann, der keine Sorgen kannte. Ich fühlte mich geborgen, so wunderbar warm. Spürte eine Nähe, die mich unbesiegbar machte. Diese Tränen, die sich vor Glück bildeten, schmeckten süß, viel süßer als Schokolade, sinnlicher und besser, als das schönste Essen. Ich blicke nach links und meine zweite Träne wächst an zu einem Meer. Einem Meer der Enttäuschung, welches schwärzer ist, als die dunkelste Nacht. Mein Bett zu meiner Linken ist leer und unbenutzt. Keine Wärme breitet sich von dieser Seite aus und zunächst bin ich ganz ruhig. So ruhig, wie ein Vulkan, in dem es aber brodelt. Mein Zorn entlädt sich, wie heißes Magma, das aus einem schlafenden Vulkan tritt. Ich balle meine Hand zu einer Faust und schlage auf das unbenutzte Kopfkissen ein. Mit aller Kraft, die ich aufbringen kann. Immer wieder flammt mein Zorn auf, bis ich nichts mehr fühle, außer meiner unbändigen Wut voller Zerstörung. Dabei schreie ich und es kümmert mich nicht, ob mich jemand hören könnte. Ich schreie und schlage so lange bis ich merke, dass keine Kraft mehr in meinem Körper vorhanden ist. Bis es scheint, dass alle Aggression, die ich aufbringen konnte, in dem unschuldigen verhassten Kopfkissen eingeschlossen ist. Ich hasse es und doch bin ich ein wenig erleichtert, es so zugerichtet neben mir liegen zu sehen. Für mich ein alltäglich gewordener Tagesbeginn.

Im Kindle-Shop: Ich liebe dich zu hassen: Psychothriller

Mehr über und von Leon Herz auf seiner Autorenseite bei Amazon.

22. April 2016

'Doppelspiel' von Eddy Zack

November 1982 – mit Juri Wladimirowitsch Andropow steht ein Mann an der Spitze der Sowjetunion, der an Gefühlskälte alles in den Schatten stellt, was nach Stalin kam. Die Staaten des Warschauer Paktes rüsten auf und aus dem Kalten Krieg droht ein heißer zu werden.

Windige Geschäftsleute haben frühzeitig erkannt, dass man nicht am Frieden, sondern am Kalten Krieg verdient. Einer von ihnen ist Arne Peters, der mit seinen Helfershelfern aus Ost und West die Sowjetunion und die DDR mit allem beliefert, was nach der Cocom-Liste verboten ist.

Die Stasi machte Arne Peters ein lukratives Angebot. Er soll etwas beschaffen, das sogar ihm als eiskaltem Profiteur des Kalten Krieges zu heiß ist – ein von den Truppen des Warschauer Paktes heiß begehrtes Feuerleitsystem der Bundeswehr. Als wäre das noch nicht Problem genug, kommt ihm eine attraktive Stasi-Agentin in die Quere.

Gleich lesen: Doppelspiel: das Geschäft mit der Krise

Leseprobe:
Es war ein heißer Sonntag im August. Gleißend blauer Himmel wölbte sich über Berlin. Vorwiegend Westdeutsche hatten am Bahnhof Zoo den Bus bestiegen, nur vereinzelt hörte man englische und französische Sprachfetzen. Trotz der hochsommerlichen Temperaturen trugen viele Ausflügler Trachtenjacken aus dickem Wollstoff und Tirolerhüte mit bunten Federn und Gamsbart. Besucher aus Bayern, ihre Mundart war unverkennbar. Nach ihren Gesprächen zu urteilen waren es Ehepaare, Freunde, Menschen, die sich kannten, Nachbarn vielleicht. Eine bunt zusammengewürfelte Gruppe.
Zu Beginn der Fahrt erklang noch Gelächter, laute Unterhaltung. Der Ausflug hinter den Eisernen Vorhang war ein Abenteuer, eine Safari in ein exotisches Land. Dann tauchten am Straßenrand Warnschilder auf, auf denen von Schießbefehl und Demarkationslinie die Rede war und sie verstummten. Mit respektvollen, man könnte fast sagen furchtsamen Gesichtern betrachteten sie die mattgrünen Militärfahrzeuge und die lässig in den Sitzen lümmelnden amerikanischen Soldaten. Die GIs, junge Kerle noch, trugen ihre Stahlhelme markig in die Stirn gezogen oder balancierten sie auf den Läufen ihrer Gewehre, als wollten sie die Touristen beeindrucken.
In der ersten Reihe hinter dem Fahrer saß ein offenbar allein reisender Mann; um die fünfzig mochte er sein. Sein heller Regenmantel und der tief in die Stirn gezogene cremefarbene Panama passten nicht zum heißen Wetter. Dazu hatte er den Mantelkragen hochgeschlagen. Sein kurzer schwarzer Bart war stark von grauen Strähnen durchzogen. Kein Drei-Tage-Bart, eher ein Drei-Wochen-Bart, nicht der Mode entsprechend. Nach Aussehen und Kleidung war er nicht der typisch sonntägliche Ausflügler nach Ostberlin.
Neben dem Fahrer stand der Reiseleiter. In breitem Berlinerisch gab er ein paar heitere Sprüche zur Auflockerung der Stimmung zum besten. Er hatte nur mäßigen Erfolg. Sichtlich enttäuscht schaltete er das Mikrofon wieder stumm und unterhielt sich flüsternd mit dem Fahrer.
Dann wandte er sich erneut an die Reisenden.
»Liebe Gäste, in wenigen Minuten erreichen wir die Grenze und ich muss Sie bedauerlicherweise verlassen. Eine Kollegin aus der DDR wird Sie betreuen.«
Aufgesetzt fröhlich grinste er in die Runde. »Keine Sorge, heute am späten Nachmittag liefert man Sie wohlbehalten an der Grenze nach Westberlin wieder ab, dann sehen wir uns wieder.«
Er flüsterte mit dem Fahrer und ergänzte: »Ein Fahrer aus dem Osten wird Sie durch die Zone kutschieren.«
Checkpoint Charly kam in Sicht. Rechts und links von der schmalen Durchfahrt in den Ostteil der Stadt sah man glatte Betonmauern, auf der Mauerkrone dicke Rollen Stacheldraht. Vorne links war ein Wachturm. An einem Mast wehte in der drückenden Hitze müde die amerikanische Flagge. In der Mitte der Fahrbahn stand die hellgrau gestrichene Kontrollbaracke, an der Front hing ein Schild mit der Aufschrift:
ALLIED CHECKPOINT CHARLY.
Daneben waren die amerikanischen, französischen und britischen Farben abgebildet. Wenige Meter vom Übergang entfernt hing an hölzernen Pfosten ein Schild. Darauf stand in englischer, russischer und französischer Sprache: Sie verlassen den amerikanischen Sektor.
Die deutsche Übersetzung darunter war nicht einmal in halb so großen Buchstaben geschrieben. Unten rechts las man wie eine Unterschrift: US ARMY.
Berlin und die Mauer waren Zentrum des Kalten Krieges. Trotzdem spielte Deutschland eine Statistenrolle in der Weltpolitik und hier am Grenzübergang stach es besonders aufdringlich ins Auge. Gehässige Zungen nannten die Westberliner und die westdeutsche Bevölkerung Kanonenfutter, sollten sich jemals die 22 Divisionen der Roten Armee in Marsch setzen. Es war kein Geheimnis, dass die erste ernsthafte Verteidigungslinie der Rhein war. Berlin und den größten Teil Westdeutschlands sollte die NATO im Fall eines militärischen Konfliktes weitgehend kampflos den sowjetischen Panzerverbänden überlassen.
Quer über die Straße verlief eine weiße Markierung – die Demarkationslinie. Dicht an der Linie neben der Baracke standen amerikanische Soldaten und Westberliner Polizei. Links befand sich das Büro der Amerikaner und dort stand eine Kaffeemaschine, denn eben kam ein Mann mit einem Tablett und dampfenden Tassen heraus und ging zur Kontrollbaracke. Neben dem Büro bis dicht an die weiße Linie waren Sandsäcke gestapelt. Im Fall eines Schusswechsels mit den Grenzsoldaten der DDR sollten sie Deckung bieten.

Im Kindle-Shop: Doppelspiel: das Geschäft mit der Krise

Mehr über und von Eddy Zack auf seiner Website.

21. April 2016

'Möllner Zeiten' von Michael Aulfinger

Ein kompakter historischer Roman über die Möllner Stadtgeschichte vom Ende des 12. bis zum Ende des 19. Jahrhunderts.

In 29 Kapiteln geht es durch die Stadtgeschichte Möllns in der sich wie ein roter Faden die Geschichte einer fiktiven Familie zieht. In den einzelnen Kapiteln werden wahre Ereignisse behandelt, die von Schlachten, Stadtbelagerungen, Kriegen, Stadtbränden, Epidemien, Hexenprozesse, den Tod des Till Eulenspiegel und anderen Geschichten handeln. Auch die Liebe findet ihren Platz. Es ist ein kurzatmiger Roman, der sich gut liest.

In sechs Jahren intensivster Recherche in den Archiven ist dabei ein außergewöhnliches Buch entstanden, das die Möllner Stadtgeschichte lebhaft widerspiegelt.

Gleich lesen: Für Kindle: "Möllner Zeiten" bei Amazon
Für Tolino: Buch bei Thalia

Leseprobe:
„Hört ihr das?“ Alle vier hatten die von fern hallenden Schreie vernommen. Sie ebbten nicht ab, sondern wurden mal lauter, dann wieder leiser, bis sie erneut an Intensität zunahmen. Schreie von Männern und Frauen vermischten sich zu einer Gänsehaut erzeugenden Geräuschkulisse für jene, die in der Grube verharrten.
„Da ist noch ein anderes Geräusch. Könnt ihr euch denken, was das ist?“ Alle verneinten in dem dunklen Loch. Keiner hatte sich getraut nachzusehen, was es mit diesem Geräusch auf sich hatte. Die Zeit verging, bis die Schreie schließlich fast aufhörten, aber diese unergründlichen Geräusche be­ängstigend zugenommen hatten.
Bald hielt es Wilfried in seiner Neugier nicht mehr aus. Er musste der Sache auf den Grund gehen. Auch deshalb, weil seine Nase etwas gerochen hatte, was ihm seit seiner jüngsten Kindheit Angst bereitet hatte. Ständig hatte er versucht, dieses Ereignis zu vergessen. Auch wenn er sich irren mochte – dieser Geruch hier und jetzt erinnerte ihn sehr an die damaligen Ereignis­se. Er musste Gewissheit haben.
Wilfried forderte Peter auf, seine Hände in dessen Kniehöhe zu vereinen, sodass er seinen Fuß darüber stecken konnte. Dann wuchtete er sich hoch und konnte so die Holzdecke mit den Händen leicht anheben. In seine Nase drang dieser furchtbare Geruch nach Zerstörung.
Jetzt wurde auch seine allerschlimmste Befürchtung zur Wahrheit.
Die Stadt brannte.
Seinen auf die Zerstörungswut des Feuers gerichteten Blicken entging nicht, wie weit sich die Flammen inzwischen schon vorgearbeitet hatten. Er sah, wie das Wohnhaus seines Herrn Hinrik Cruse in Flammen aufging. Er wurde Zeuge, wie das daneben gelegene Lager mit all den wertvollen Lederhäuten und Fellen gleichfalls verbrannte. Der gesamte Besitz des zweiten Bürgermeisters und seines Gönners löste sich in Rauch und Asche auf. Wenn das ganze Leder den Plünderern als zu schwer und das Wegschaffen als zu umständlich erschienen war, so schlug das Schicksal eben auf andere Weise grausam zu.
Das Knistern der Balken und dieser rauschende Begleitton des Infernos versetzen ihn in die Zeit seiner Kindheit vor achtzehn Jahren zurück. Damals, als sein Vater verbrannte.
Aber diese Lähmung hielt nur kurz an, denn von unten rissen ihn neugierige Zurufe und Stöße aus der Lethargie. So verschaffte er sich schnell einen Überblick über die Lage.
Was war zu tun?
Sollten sie in der Grube verharren und darauf hoffen, dass das Feuer sie dort nicht erreichen, und somit verschonen würde? Oder sollten sie aus dieser möglichen Falle entweichen? Sie könnten in diesem Loch verbrennen, wenn herabstürzende Balken die nahe Grube erreichen würden. Aber andererseits musste er davon ausgehen, dass sich die Plünderer ja noch in der Stadt befinden und sie schnell den Tod durch das Schwert finden konnten. Egal wozu er sich entschied, der Tod war gefährlich nahe. Schnell wurde eine Entscheidung von ihm verlangt. Sein Blick ging zum brennenden Haus des Cruse hinauf.
„Schnell raus hier. Die Stadt brennt. Wir müssen weg.“
Mit Peter Binnenwis Hilfe katapultierte er sich aus dem Loch. Er schob die Leiter in die Gru­be hinab, sodass die anderen drei leichter herauskamen. Als letzter war Peter oben. Starr vor Entsetzen sahen sie auf die brodelnde Gefahr. Für einen Moment waren alle wie gelähmt. Doch dann stürzte das große Haus des Hinrik Cruse mit einem lauten Poltern, Krachen und Tosen in sich zusammen. Brennende Balken und Bretter stoben weit auseinander. Sie verteilten sich in dem Innenhof der Gerberei, in der sich die Gerbergruben und die vier Menschen befanden.
„Macht endlich das Tor auf, und lasst die Brücke hinab.“ Rot vor Zorn fauchte der Stadthaupt­mann Hans Lange den Hauptmann der wachhabenden großen Gilde Ecgerd Grand an.
„Der Herzog hatte doch befohlen, die Tore geschlossen zu halten“, versuchte sich der Wachhabende Ecgerd Grand zu rechtfertigen.
„Du blöder Hund, siehst du nicht, das die Stadt brennt? Die Menschen müssen in Sicherheit, oder ist dir ihr Leben egal? Außerdem hat der Herzog nichts mehr zu sagen. Geflohen ist er. Geflohen wie ein feiger Hund. Jetzt befehle ich dir als von der Stadt Lubecke eingesetzter Stadthauptmann, unverzüglich das Tor zu öffnen.“
Langes Stimme wurde gebieterisch und laut. Ecgerd Grand war sich zuerst unschlüssig, doch dann gab er die entsprechenden Befehle. Das Feuer war wirklich gefährlich nahe gekommen. Hunderte Einwohner hatten sich schon aus Angst um ihr Leben vor dem Tor aufgestellt. Sie jammerten lautstark und verlangten, aus der Stadt gelassen zu werden. Sobald sich die Brücke senkte, stürmten sie auf das rettende nördliche Ufer. Dort wurden sie von dem Lubecker Heer empfangen und an die Seite geleitet.
Als die meisten Flüchtlinge sich dort versammelt hatten, kam auch Hans Lange über die Brücke. Sein vorrangiges Anliegen war jedoch nicht, sein Leben in Sicherheit zu wissen, sondern den Befehlshaber des Lubecker Heeres zur Rede zu stellen.
Schwer war es nicht, ihn unter all den Rittern in ihren glänzenden Rüstungen ausfindig zu machen. Sein Banner und die äußeren Umstände wiesen sogleich auf ihn hin. Denn ein wenig abseits von der Brücke saßen zwanzig Ritter in ihren glänzenden Rüstungen auf Pferden, welche mit prachtvollen und farbenfrohen Decken nahezu verkleidet waren. An ihrer Spitze saß ein Ritter auf seinem Pferd, dessen würdevolle Haltung allein schon besagte, daß es sich um den holsteinischen Befehlshaber handelte.
Auf dem Kopf trug er einen Helm, der die Form eines halben Eies hatte. Sein ganzer Körper steckte jedoch in einem Ringelpanzer. Nur die Hände und das Gesicht bis zum Mund waren freigelegt. Zusätzlich trug er noch einen Brustharnisch, auf dem sein Wappen zu sehen war. An diesem erkannte Lange den Anführer. Das Wappen stellte nämlich ein silbernes Nesselblatt auf rotem Grund dar. Er trug lange dunkelgrüne Lederstiefel, die bis zu den Knien reich­ten. Die Knie selbst waren durch metallene Schilder über dem Ringelpanzer zusätzlich ge­schützt.
Zwar ehrfurchtsvoll, doch ohne eine Spur von Schüchternheit begrüßte er den Anführer. Dieser stellte sich als Ritter Heinrich IV. aus einem alten holsteinischen Adelsgeschlecht vor. So­gleich kam Lange auf den Grund seiner Aufgewühltheit zu sprechen.
„Herr, verzeiht mir meine Offenheit. Doch verstehe ich nicht, warum ihr den räuberischen Herzog mit all den gestohlenen wertvollen Gütern der armen Bürger abziehen lasst. Wenn ihr ihnen jetzt noch nachsetzt, so gelingt es euch noch gewiss, sie zu ereilen. Mit eurer Übermacht dürfte es euch sicherlich nicht schwer fallen, ihn hier und heute für seine Schandtaten zu be­strafen.“
Heinrich IV. sah schmunzelnd zu dem gar wütenden Stadthauptmann von seinem Ross herab. Ihm gefiel die Lage. Alleine der Umstand, dass er hoch zu Ross saß, der Lange jedoch wie ein Bittsuchender vor ihm herumwinselte, schien ihn zu amüsieren. Deshalb war seine Antwort wegen des direkten Vorwurfs der Untätigkeit nicht aufbrausend, wie vielleicht manch anderer reagiert hätte. Fast mitleidvoll waren seine Worte.
„Mein guter Stadthauptmann, es ehrt euch, dass ihr euch Gedanken um die Situation macht. Auch eure Fürsorge für die Menschen der Stadt spricht zu euren Gunsten. Doch glaubt mir, dass ich wohl genau weiß, wie ich hier vorzugehen habe.
„Was gedenkt ihr zu unternehmen?“ Nur schwerlich gelang es dem Stadthauptmann, sich angesichts der nahezu lethargischen Vorgehensweise des Heeres zu beherrschen.
Aber der Ritter Heinrich ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Leicht beugte er sich nach vorn, während er die Zügel hin zu seinem Bauch zog, sodass das Pferd den Kopf anhob.
„Ich gehe doch recht in der Annahme, dass wir dem gleichem Herrn dienen?“
„Dem Lubecker Rat, gewiss.“
„Dann hoffe ich, dass euch meine Worte genügen, dass ich den Willen und die Befehle des Rates und der Bürgermeister ausführe.“
„Wollt ihr damit sagen, die Bürgermeister von Aalen, Johann Lange, Simon Oldesloe und Elert Stange hätten euch ermächtigt, den Räuberherzog unbestraft ziehen zu lassen?“
Langes Wut war beinahe nicht mehr zu zügeln.
„Wenn ihr es so sehen wollt, meinetwegen. Ihr müsst wissen, dass es das oberste Ziel war, Molne vom Herzog zu befreien. Und wie ihr sieht, so ist es uns doch gelungen. Der Herzog und seine Vasallen sind abgezogen. Die Stadt gehört wieder zu Lubecke. Keinen einzigen Mann meines Heeres habe ich als Verlust zu beklagen. Ich muss sagen, dass ich meine Befehle genau ausgeführt habe. Das Ziel ist erreicht.“
„Zu welchem Preis? Seht ihr nicht, dass die Stadt niederbrennt? Die Stadt, die ihr unserem gemeinsamen Herrn wiedergewinnen solltet, gibt es doch nicht mehr. Seht, wie sie lichterloh in Flammen aufgeht. Was wollt ihr den Lubeckern denn übergeben? Asche und armselige von Ruß geschwärzte Mauerreste? Verkohlte Leichen etwa? Nichts habt ihr erreicht. Nichts außer eine brennende Stadt. Ihr seid unfähig. Die Bürgermeis­ter werden meinen Bericht erhalten. Und dann werdet ihr euch zu verantworten haben. Das schwöre ich.“

Im Kindle-Shop: Möllner Zeiten
Für Tolino: Buch bei Thalia

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20. April 2016

'Alles außer Perfekt' von Reiner Günter

Das Leben könnte so schön sein und man sollte es einfach genießen!

Chris und Svenja, ein junges, frisch verliebtes Paar, haben genau das vor. Aber bei ihrem Start ins gemeinsame Leben stellen sie schnell fest, dass es die eigenen, kleinen Schwächen, vor allem aber jede Menge nervender Zeitgenossen sind, die immer wieder für turbulente Überraschungen sorgen. Egal ob im Skiurlaub, beim Möbelkauf oder im Wellnesshotel, überall lauern sie, die kleinen Ärgernisse des Alltags.

Und wie begegnet man denen? Mit Scharfsinn und Humor!

Gleich lesen: Alles außer Perfekt



Leseprobe:
Am zeitigen Nachmittag checkten sie im „Gut Hohenhof“ ein. Um diese Jahreszeit waren nicht allzu viele Gäste im Hotel, was auch kein Nachteil war, sie wollte ja schließlich entspannen. Das Haus machte einen sehr gepflegten Eindruck und das Personal war nett und zuvorkommend. Sie beschlossen, erst noch einen Kaffee zu trinken, bevor sie sich in den Wellnessbereich begeben würden. Nach einem Saunagang war für Chris eine Ayurveda Massage gebucht und bis dahin war noch Zeit genug für eine schöne Tasse Kaffee. Sie gingen also ins Restaurant, nahmen an einem Tisch am Fenster Platz und bestellten Torte und Cappuccino. Chris sah aus dem Fenster. Es war ein trübgrauer Tag und es schneite ein wenig. Genau das richtige Wetter für einen Saunaabend. Eine große Mercedeslimousine rollte auf den Parkplatz. Dortmunder Kennzeichen.
„Das ist ja ein Zufall“, meinte Chris“, da kommen noch Gäste aus Dortmund.“ Ein ungleiches Paar stieg aus dem Wagen. Chris stutze. Das war doch…ja, das war Dr. Meierling, der Notar, mit dem er beruflich hin und wieder zu tun hatte und der mit seinem Chef befreundet war. Meierling war auch Segler und er hatte sich bei der Einweihung seiner neuen Kanzlei, die ihr Architekturbüro entworfen hatte, mit ihm und seiner Frau begeistert übers Segeln unterhalten. Die blonde Lady, die da jetzt mit ihm Arm in Arm zum Hoteleingang spazierte, war allerdings nicht seine Gattin.
Nur wenige Minuten später betraten die Zwei das Restaurant, setzten sich an die Bar und Dr. Meierling bestellte etwas beim Keeper. Kurz darauf hallte das angenehme „Plopp“, wie es nur beim Öffnen von Champagnerflaschen entsteht, durch den Raum. Gläser klangen. Die Blondine gab Meierling einen vielversprechenden Kuss, er legte seinen Arm um ihre schlanke Hüfte. Nach einer Weile drehte er sich in den Raum, wahrscheinlich um zu überprüfen, ob er die Location für sein Date gut gewählt hatte.
Sein Blick fiel auf Chris. Und in seinen Gesichtszügen spielten sich binnen weniger Sekunden ganz erstaunliche Verwandlungen ab. Die Mimik zeigte erst Unglauben, dann Erschrecken, Verstehen und anschließend gelinde Züge von aufsteigender Panik. Parallel dazu veränderte sich das Hautkolorit von kreidebleich über aschfahl in ein leuchtendes puterrot. Ungesund sah er aus, der Herr Meierling. Zum Glück konnte er sich hier ja erholen.
„Das ist unser Firmennotar Dr. Meierling“, setzte Chris seine Freundin kurz in Szene, „allerdings nicht mit seiner Frau.“
„Ups!“, flüsterte Svenja, „dumm gelaufen.“ Meierling hatte offensichtlich einen Entschluss gefasst . Er flüsterte seiner Begleitung kurz etwas ins Ohr und kam dann, sichtlich um Fassung ringend, an den Tisch von Chris und Svenja.
„Herr Ohlson, das ist ja eine angenehme Überraschung!“ Chris hatte so seine Zweifel, ob der Jurist dieses wirklich sehr zufällige Treffen tatsächlich als angenehm empfand. Er erhob sich, gab ihm die Hand und stellte ihm Svenja vor.
„Sehr erfreut“, log Meierling und gab ihr einen angedeuteten Handkuss. Ein Mann von Welt. Der Mann von Welt beugte sich nun ganz nah zu Chris herüber.
„Nun, was meine Begleitung angeht, Herr Ohlson“, räusperte er sich, „es ist nicht das, was sie womöglich denken. Frau Westphal ist eine junge Kollegin und wir wollen uns hier ganz in Ruhe auf ein wichtiges Seminar vorbereiten, das wir nächste Woche in unserer Kanzlei halten. Sie verstehen?“ Chris verstand. Auch er bereitete sich auf wichtige berufliche Termine gerne mit einer hübschen Blondine und einer Flasche Champagner vor.
„Nun ja, ich will sie auch nicht länger stören“, brachte Meierling mühsam hervor. Die Eloquenz des Juristen war ihm irgendwie abhanden gekommen. „Ich wünsche ihnen noch einen angenehmen Aufenthalt in diesem schönen Hotel.“
„Und die Blonde an der Bar soll eine Rechtsanwältin sein?“, fragte Svenja spöttisch, nachdem er wieder verschwunden war.
„Definitiv!“ So wie die aussieht, kann die bestimmt keinen Hängen sehen.“ Dr. Meierling und seine hübsche Begleitung hatten es auf einmal recht eilig, das Restaurant zu verlassen. Die Pulle Schampus nahmen sie mit, war ja auch ein kleines Vermögen wert. Ob vor allem Meierling den edlen Tropfen noch genießen konnte, schien den beiden fraglich.
„Das nenne ich wirklich Pech!“, meinte Chris. „Da fährst du mit deiner Lady zu dieser Unzeit ins Sauerland um auf Nummer sicher zu gehen, und triffst dann dort, was in höchstem Maße unwahrscheinlich ist, jemanden der dich kennt. Und deine Frau. Der arme Kerl war ja fix und fertig. Auf erotische Spielchen hat der bestimmt keinen Bock mehr.“ Svenjas Mitgefühl hielt sich in Grenzen.
„Die haben ja Fernseher hier auf den Zimmern.“, meinte sie lakonisch. Sie tranken die Cappuccini aus und fuhren nach oben auf ihr Zimmer. Dort lagen zwei flauschige, weiße Bademäntel für sie bereit. Man konnte von hier direkt mit dem Aufzug in den Wellnessbreich fahren. Sehr praktisch. Unten angekommen, fanden sie sich in einem gigantischen Spa wieder. Im Gegensatz zu dem eher gediegenen Ambiente der Hotelräume war hier unten alles asiatisch angehaucht. Auch die junge Dame, die sie herzlich willkommen hieß, hatte ihre Wurzeln ganz offensichtlich im Land der aufgehenden Sonne.

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19. April 2016

'Jagd auf den Inselmörder. Usedom-Krimi' von George Tenner

Als Ilsa Buschmann im Juni 2002 wie an jedem Morgen nach der Ermordung ihrer Enkelin am Auffindungsort der Leiche sitzt, wird wieder eine Leiche an Land gespült. Bei der Betrachtung des Toten stellt sie fest, dass er die gleiche grausame Kennzeichnung trägt wie ihre Enkelin Lena – beide Ohren sind abgeschnitten. Und beide Leichen waren so gesichert, dass ein Abtreiben auf die offene See unmöglich war.

Obwohl die Ermittlungen nach dem Mörder des Mädchens bisher ergebnislos verlaufen sind, fasst die alte Frau jetzt Hoffnung, dass die Suche nach der menschlichen Bestie wieder aufgenommen wird. Hauptkommissar Lasse Larsson, der sich, erbschaftsbedingt und nach der Trennung von seiner Lebensgefährtin, aus Berlin nach Anklam in Mecklenburg-Vorpommern versetzen ließ, übernimmt die Ermittlung im Fall der männlichen Wasserleiche. Schnell stößt er auf eine Verbindung zu dem zwei Jahre zuvor ermordeten Mädchen. Doch die Ermittlungen gestalten sich schwieriger, als er sich das vorgestellt hatte.

Kam der Täter aus der Region? War es der Mann mit dem Schifferklavier? Larsson stößt auf die Beziehungen einiger Verdächtiger zur rechten Szene. Und da ist noch etwas, das ihn irritiert: Es fällt der Name Ilsa Buschmann …

Gleich lesen: Jagd auf den Inselmörder. Usedom-Krimi. Lasse Larssons erster Fall

Leseprobe:
Morgendunst hing über der See. Es würde noch einige Zeit dauern, bis eines der weißen Schiffe der Adler-Reederei hier anlegte.
Seit ihre Enkelin vor zwei Jahren an dieser Stelle tot aufgefunden wurde, kam die Frau wie an jedem der vergangenen Tage zur Seebrücke, um ihrer zu gedenken. Irgendeine Bestie hatte das siebzehnjährige, schlanke, blonde Mädchen brutal umgebracht. Es war kein Sexualmord wie ursprünglich angenommen. Der Täter musste Handschuhe getragen haben; so sehr sich die Gerichtsmediziner auch gemüht hatten, irgendeine Spur zu finden – weder ein Fingerabdruck noch eine DNA konnten sichergestellt werden.
Die Frau war groß, lief leicht nach vorn gebeugt und zog ein wenig das rechte Bein nach, ein Andenken an den Verlust des großen Zehs, der vor vielen Jahren im Gefängnis amputiert worden war. Sie setzte sich auf eine der Bänke.
Im Hintergrund lag die polnische Küste; eine Mole, vor der die großen Schiffe vor der Einfahrt in den Hafen nach Swinemünde oft warten mussten, bis die Lotsen an Bord waren, ließ sich nur schemenhaft erahnen. Die Arme der Kräne leuchteten gelb in der aufgehenden Sonne.
Das Restaurant, ziemlich am Ende der Brücke, war um diese Zeit noch geschlossen. Der Rundbau mit seinem metallenen Zeltdach gab eine interessante Kulisse vor dem nur mit leichten Kumuluswölkchen versehenen blauen Himmel ab.
Die Frau schaute nach Westen, sah in einiger Entfernung die Seebrücke Bansins liegen. Dicht vor ihr im Wasser beobachtete sie die Vögel, die auf den hölzernen Resten der alten Seebrücke saßen. Eine Vielzahl Möwen, ein großer, grauer Bursche, den sie für einen Graureiher hielt, und einige Rabenvögel.
Die Dünungswellen liefen auf das Land zu, tauchten die fragilen Hölzer mal mehr, mal weniger tief unter. Eine der Möwen wurde plötzlich vollständig überspült, schüttelte sich ärgerlich, als sie wieder aus dem Wasser hervorkam, flog einige Meter, um dann zurückzukehren und sich auf einem anderen, weiter aus dem Wasser ragenden Pfahl niederzulassen. Der Verfall der Hölzer faszinierte die Frau, erinnerte er sie doch jeden Tag, an dem sie herkam, an die Vergänglichkeit auch des eigenen Lebens.
Wenig später sah sie den Mann mit dem Fahrrad, der während der Sommermonate an jedem Tag hier anzutreffen war. Aus dem nahen Polen kommend, schleppte er auf dem selbst gebauten, großen Gepäckträger des Rades ein riesiges Akkordeon aus deutscher Vorkriegsproduktion mit sich, packte es sehr vorsichtig aus, um es um Gottes willen nicht zu beschädigen, und fing sofort zu spielen an. Er spielte gut.
Während die Frau sich meist von den Fremden, die an der Küste ihre Ferien verbrachten, gestört fühlte – sie hasste Menschen, und hätte Moliere nicht schon seinen Menschenfeind geschrieben, wäre sie die ideale Vorlage für dieses Theaterstück gewesen –, fühlte sie sich von dem Mann, der mindestens dreißig Jahre jünger war als sie, angezogen. Die Musik, die er spielte, war melodisch; sie erinnerte sie an die Zeit, als Gerhard Wendland mit seiner weichen Stimme die Herzen der Frauen eroberte, auch ihr eigenes. Tanze mit mir in den Morgen, tanze mit mir in das Glück!
Sie schaute zu dem Mann, der einige Meter weiter auf der anderen Seite der Scheibe saß, die die Brücke mittig teilte, um den Menschen Schutz zu geben, gleich ob der Wind aus Osten oder aus dem Westen von Bansin her blies. Kamen die Windstöße ablandig, so schützte der große Vorbau mit den vielen Einkaufsmöglichkeiten – von der Stadtbäckerei Junge, die mit leckerem Kuchen aufwartete, über den Teeladen und die Modeboutiquen bis zu den im Obergeschoss angelegten Appartements für Feriengäste. Auch an den Nordwind hatte man gedacht; das Restaurant am Ende der Brücke fing ihn ab.
Der Pole saß mit dem Blick auf sein Heimatland und versuchte, mit seinen in der Jugend erlernten Fähigkeiten, das Akkordeon zu spielen, seine Familie zu ernähren. Es war ein Kampf ums Überleben, den es jeden Tag neu zu gewinnen galt. Er liebte das Spiel, und er kannte den Geschmack der Gäste, die mit ein wenig sentimentaler Musik erfolgreich zum Geben animiert werden konnten.
Die Frau stand auf. Sie ging zu dem Musikanten hinüber. Er kannte sie schon, und ein freundliches Lächeln huschte über sein Gesicht, während sie einen Euro bespuckte und in seinen offenen Akkordeonkasten warf.
„Handgeld ...“, sagte sie und zwinkerte ihm zu wie einem alten Verbündeten. „Die Touristen werden sehen, dass Sie schon bedacht worden sind, und möglicherweise wird das ihrer Bereitschaft zu geben, förderlich sein!“
„Danke!“ Der Mann griff wieder in die Tasten.
Es war eine eingefahrene Zeremonie, die sich allmorgendlich und nur mit geringen Änderungen in der Wortwahl wiederholte.
Wenig später saß die Frau wieder auf der Bank und beobachtete die Vögel. In der auflaufenden Dünung sah sie einen länglichen Gegenstand auf die Holzreste der alten Brücke zutreiben.
„Hat wieder einer das Meer als Müllhalde benutzt“, murmelte sie leise vor sich hin.
Mit jeder auflaufenden Welle wurde das Paket näher herangebracht. Kurz bevor es die Möwen erreichte, schien es sich an den Haken der Angeln verfangen zu haben, die die Fischer des Ortes vor und zwischen den Hölzern ausgelegt hatten und die durch schwarze und rote Fähnchen an kleinen Bojen befestigt waren; diese kleinen Flaggen schwammen warnend für die Schifffahrt – Berufsfischerei, Netze nicht zerreißen – und waren gleichermaßen Warnung für die Badenden, die sich an den scharfen Haken der Angeln verletzen konnten. Jedenfalls bewegte sich der Gegenstand nicht weiter auf das Land zu, vielmehr tauchte er unter wie zuvor die Möwe und kam, wenn das Tal der Welle das Bündel erreichte, wieder an die Wasseroberfläche zurück. Plötzlich schien er wieder losgekommen zu sein, denn nun wurde er mit der nächsten Dünung wieder in Richtung Land getrieben und blieb an den Hölzern hängen. Einer der Rabenvögel, der dem Bündel am nächsten war, hackte aufgebracht darauf ein.
Die Frau stand auf und ging zum Geländer, um besser zu sehen, was das wohl für ein Paket sei.
Von der Landseite hörte sie das Summen des Elektrokarrens, der wie jeden Morgen Waren für das Restaurant Nauticus auf die Seebrücke brachte. Auch eine Familie mit zwei Kindern kam – für ihre Begriffe viel zu lärmend – auf sie zu.
Die Frau erschrak, als sie ausmachte, dass das treibende Bündel ein Mensch war. Genau an dieser Stelle hatte man ihre Lena gefunden.
Inzwischen waren auch die Kinder, die laut vor den Eltern herliefen, herangekommen. Sie sahen den im Wasser treibenden, leblosen Körper und schrien: „Da schwimmt ein Toter! Papa, eine Leiche! ‘Ne Wasserleiche!“
Es klang der Frau in den Ohren wie der Jubelruf von Entdeckern; nichts Entsetztes, kein Mitleid, nur die Begeisterung der Kinder, etwas ganz Grauenhaftes aufgespürt zu haben, ohne das Furchtbare dieses Fundes zu erfassen.
Die Frau ging zu dem Musikanten. „Haben Sie’s gehört? Im Wasser treibt eine Leiche! Es wird hier bald von Polizisten wimmeln“, sagte sie. „Für Sie ist es sicher besser, wenn Sie für heute Schluss machen!“
Der Mann antwortete nicht. Er lächelte sie dankbar an, packte sein Akkordeon ein und machte sich davon.
Zwanzig Minuten später war alles anders. Die Ruhe des Morgens war vorbei. Eine Handvoll Schaulustiger, vom Geschrei der Kinder angezogen, drängte sich auf der Westseite der Brücke. Jeder wollte einen besonders guten Platz erhaschen.

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18. April 2016

'Im Zeichen der Zwillinge' von Germar Wiehl

Licht und Schatten, Erfolg und Misserfolg zeichnen eine Familientragödie im oberbayrischen Chiemgau. Max, ein sturer Querkopf, wirtschaftet den elterlichen Hof herunter. Sein Zwillingsbruder Joe ist in den USA als international anerkannter IT- und Security-Experte erfolgreich. Dann aber gerät er wegen einer brandaktuellen Verschlüsselungstechnologie ins Visier der NSA und kollidiert mit den Interessen amerikanischer Finanzdienstleister. Seine Frau kommt bei einem Autounfall ums Leben., er selbst wird bei einem Mordanschlag schwer verletzt.

Zurück in der Heimat setzt Joe sein Know-how gegen Industriespionage ein und gerät erneut in Gefahr. Im Moorgebiet Kendlmühlfilzen im Chiemgau wird auf Joe geschossen, seitdem ist er spurlos verschwunden. Joes bester Freund Jonas und seine Frau Clara fügen die Mosaiksteinchen zusammen und lösen den mysteriösen Fall. Dabei decken sie eine groteske Geschichte aus der Vergangenheit auf. Sind Joe und Max wirklich Zwillingsbrüder?

Ein facettenreicher Krimi, der auch von Liebe und Schicksalsschlägen handelt, ein Reiseroman, der den Leser in die Everglades und ins Elsass entführt, ihn auf eine beschwingte Reise in die Provence mitnimmt und ihn teilhaben lässt an bezaubernden Landschaften, traditionellen Festen, kulinarischen Genüssen und dem provençalischen Savoir-vivre. Als Corpus Delicti schildert ein intelligenter Kater die turbulenten Ereignisse aus seiner Sicht.

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Leseprobe:
… Dann legte sich Max einen Plan zurecht, wie er diese Zweierbande unschädlich machen könnte. Er wollte auf gar keinen Fall, dass beide gleichzeitig bei ihm auftauchten, mit einem würde er schon fertig werden. Er hatte allerdings keine Möglichkeit Kontakt aufzunehmen, er kannte ja deren Telefonnummer und Adresse nicht.
Also stellte er seinen Golf im Vorgarten so auf, dass ein Zettel, der unter die Scheibenwischer geklemmt war, von der Straße aus lesbar war. Darauf stand: 20 Uhr, nur einer, sonst stirbt der Kater!
Im Wohnzimmer hatte Max einiges umgeräumt, sodass derjenige, der zur Tür hereinkommt, Max im ersten Moment nicht sehen konnte. Dann würde Max den Kerl mit dem Schießeisen bedrohen, ihn auf den Boden zwingen und fesseln können. Wie er den zweiten der Bande mit dem Namen Henrí fertig machen würde, wusste er zwar noch nicht, das würde sich dann schon ergeben, denn er hätte den anderen Kerl ja als Geisel. Schießen wollte er nicht, das würde die Nachbarn aufschrecken.
Die Dunkelheit war angebrochen, Max wartete - vergeblich. Abend für Abend, es passierte nichts. Das Warten zermürbte ihn. Was hatten diese Kerle vor? An ruhigen Schlaf war nicht mehr zu denken, er musste jederzeit mit einem Überfall rechnen. Sollte er einfach Reißleine ziehen und zurückfahren nach Bad Aibling? Das wäre aber in dieser verzwickten Situation keine Lösung! Er kam sich vor wie in einer Gefängniszelle auf seine Hinrichtung wartend. Sein Hirn dörrte aus, ein Ausweg kam ihm nicht in den Sinn.
Schließlich eines Abends war es soweit. Es klingelte.
Max lugte durch das Fenster, der Mann vor dem Eingangsportal könnte der Größe nach der Kerl sein, genau erkennen konnte er ihn nicht, es war schon zu dunkel. Max drückte den Türöffner für das Eingangstor und öffnete die Haustür einen Spalt. Der Mann kam durch das Tor und blieb vor der Haustüre stehen.
Max rief: »Komm rein!«
»Setz erst den Kater in den Transportkorb!«
Das verwirrte Max vollständig, was hatte der Kerl vor? Wollte er den Kater entführen?
»Was willst du mit dem Kater?!«
»Ist doch logisch! Der Kater ist unser Pfand, ohne den rückst du doch nicht mit dem Erbanteil raus.«
Max überlegte verzweifelt, wie er den Kerl hereinlocken könnte. In seinem Plan hatte er nicht damit gerechnet, dass der draußen stehen bleiben würde. Schließlich willigte er ein und packte den Felix unter dessen lautstarkem Protest in den Korb.
»Der Kater ist im Korb, komm jetzt rein!«
Max hatte die Pistole schon in der Hand.
»Stell den Korb an die Tür, dass ich sehen kann, ob der Kater drin ist!«
Max schob den Korb an die Tür. In diesem Moment warf sich der Kerl mit aller Wucht gegen die Tür, der Korb mit Felix kippte um, Max, der dahinter stand, stürzte. Der Kerl war Viktor, er warf sich auf Max, der hatte die Pistole in der rechten Hand und schoss. Er traf Viktor aber nicht, es gab ein Gerangel um die Pistole. Viktor obsiegte und bedrohte den fassungslos Überraschten.
»So schnell kann’s gehen. Du Mistkerl wolltest mich umbringen! Dein Erbe kannst du dir in den Arsch stecken. Der Kater ist der Beweis, dass du deinen Bruder erschossen hast.«
Max bebte vor Wut. In so einer Situation war er noch nie. Klein beigeben war nicht sein Naturell. Alle möglichen Gedanken, wie er sich aus dieser aussichtslosen Lage befreien könnte, schossen ihm in Sekundenbruchteilen durch den Kopf. Sich zur Seite drehend stand er langsam auf. Viktor hatte die Pistole auf ihn gerichtet. Mit einer blitzschnellen Drehung schmetterte Max dem Viktor die rechte Faust ins Gesicht. Das saß! Viktor ging in die Knie. Zusammenbrechend feuerte er einen Schuss auf Max ab.

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Mehr über und von Germar Wiehl auf ihrer Website.

15. April 2016

'Leinen los - Pack' mers: Ein Segelroman' von Harald H. Risius

Zwei Ostfriesen sind im Arbeitseinsatz für ihren Yacht Club. Es ist Schietwetter, sie sind klatschnass und frieren. Ein Segelmagazin mit dem verführerischen Titelbild einer Bikinischönheit an einem sonnigen Mittelmeerstrand lässt sie träumen!

Sie bekommen das Angebot, eine luxuriöse Yacht auf einem Segeltörn im Mittelmeer von Mallorca nach Korfu zu überführen. Kaum an Bord, erleben sie die große Überraschung: Der Skipper ist eine Frau - eine Fränkin noch dazu. Gestandene Machosegler mit einer attraktiven Skipperin – geht das gut? Es geht! Nachdem die ersten Sprach- und Verständigungsprobleme überwunden sind, finden sie Spaß am gemeinsamen Segeln. Tücken der Navigation, Gewitter und gefährliche Grundseen, nächtliche Stürme in überfüllten Buchten aber auch friedliche, romantische Ankernächte lassen sie zu einer echten Crew zusammenwachsen. Wenn da nicht diese Männercrew einer Motoryacht wäre, die ein Auge auf die Bordfrauen geworfen hat.

Spannung und Abenteuer sind garantiert! Von guter Seemannschaft bis Liebe und Leidenschaft – in diesem Segelroman, der sich auch an Land gut lesen lässt, ist alles drin!

Dies ist die Neuauflage des ersten Bandes einer Folge von Segelromanen und Ostfriesenkrimis die Harald Risius in seiner Reihe Sail & Crime um seine Protagonisten Hinni und Renate geschrieben hat.

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Leseprobe:
„So’n Schietwetter aber auch!“ Hinrich Boomgarden, meistens Hinni genannt, ist richtig sauer. Auf den Regen, auf alles und hauptsächlich auf das Finanzamt. Angeblich hat er einige Einnahmen im letzten Jahr nicht ordnungsgemäß versteuert und nun soll er nachzahlen. „Halt de Paahl fest!“ Er drückt den nächsten, über zwei Meter langen Pfahl seinem Vereinskollegen in die Hand und kaum hat Jan Janssen den Pfahl richtig im Wasser positioniert, schlägt er mit dem dicken Vorschlaghammer zu. Meistens kann Hinni ja geschickt mit seinem Werkzeug umgehen, aber heute bangt Jan trotz der dicken Schweißer-Handschuhe, die er sicherheitshalber trägt, um seine Hände. „Pass bloß auf, wo du hinschlägst, ich brauche meine Hände noch.“
„Och du, du kummst up de Finanzamt ook ohne dien Hannen uut“, meint Hinni grimmig, „Ihr braucht doch nicht mal einen Kopf! Wat sull dat ock!“
Der Anlegesteg des Segelvereins verläuft rechtwinklig zum Ufer und darf laut Auflagen des Wasser- und Schifffahrtsamtes nur maximal sechs Meter in das Wasser hineinragen. Zu kurz, findet Hinni, der seinen Jollenkreuzer zum Ablegen stets an die äußerste Spitze des Stegs verholen muss, um dann zunächst hilflos abzutreiben, bis er endlich genügend Fahrt ins Schiff bekommt, um gegen den Wind aufzukreuzen.
Und nun ergibt es sich eben bei jeder so genannten Reparatur, dass der Hinni-Steg, wie er im Verein meistens genannt wird, jedes Jahr ein Stückchen länger wird. Hinni verlässt sich darauf, dass schon keiner von der Behörde so genau nachmisst. Und wenn, dann wird ihm schon was einfallen.
Irgendwann, einige Stunden und etliche Pfähle später, lässt Hinni den Vorschlaghammer sinken: „Dat langt nu! Schmeer door noch mal Dreck up de Paahlen. Muss ja nicht jeder sofort sehen, dass die Pfähle neu sind.“ Jan atmet erlöst auf, seine Hände sind noch dran und auch sonst ist alles an ihm heil. Ein paar Querstreben werden noch angeschraubt, die Gehplanken aus Bangkirai-holz aufgenagelt, dann ist Hinni zufrieden und freut sich, mal wieder etwas nicht so ganz Legales, aber dafür ungemein Nützliches vollbracht zu haben. Sie sammeln ihr Werkzeug ein und machen sich auf den Weg zur Vereinsdusche. Beide frieren und dampfen zugleich und sie triefen vor Nässe: Regen von oben, Seewasser von unten und Schweiß von innen, alles ist klitschnass.
Nach Seife duftend und mit frischen Klamotten betreten die beiden später den Clubraum. Hier ist schon mächtig was los, der halbe Verein ist versammelt, es riecht nach Schnaps und Bier und vor lauter Qualm kann man kaum etwas sehen. Viele Mitglieder haben ihren Arbeitseinsatz für die Gemeinschaft geleistet, ein paar Frauen und „Vereinstöchter“ haben für die Verpflegung gesorgt und nun gibt es einige Schnäpse aus der Vereinskasse.
„Alle mal herhören“, tönt es aus der Vorstandsecke, in der Geerd Geerdes, der Vereinsvorsitzende im Moment noch alleine sitzt und seine Schäfchen beobachtet.
„Da sind ja auch Hinni und Jan“, stellt er fest. „Seid ihr fertig?“ Und nach einem vielsagenden Blick aus dem Fenster auf den Steg grinst er: „He, guckt mal alle, dem Hinni seiner ist schon wieder länger geworden.“
Brüllendes Männergelächter ist die Antwort.

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