17. Dezember 2016

'Die Ungeliebten' von Mark Franley

Jedes Dorf hat sein Geheimnis. Einige sind harmlos, manche liegen weit in der Vergangenheit und wieder andere schockieren uns bis aufs Mark.

Als René kurz vor einem Zusammenbruch steht, schlägt ihm seine Agentin eine Auszeit vor. Das kleine Bergdorf scheint perfekt. Abgeschieden von der restlichen Welt, sollte seine müde Seele hier Erholung finden. Doch er ist nicht zufällig hier, denn die verschworene Gemeinschaft hat ihre ganz eigenen Pläne mit ihm und seine Rückkehr ist dabei nicht vorgesehen.

Eine winterliche Kurzgeschichte mit Gruselfaktor vom Bestseller-Autor Mark Franley.

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Leseprobe:
Erschöpft ließ sich René in den Bürostuhl sinken und sah dabei zu, wie der letzte Kunde die bereits geschlossene Buchhandlung verließ. Trotz der erfolgreichen Signierstunde fühlte er sich irgendwie matt und freudlos. Ein Zustand, den er in letzter Zeit immer öfter an sich feststellen musste.
Für einen Augenblick dachte er zurück an die Zeit, als er sich noch über jedes einzelne verkaufte Buch freute. Jetzt rechnete er in Tausender-Sprüngen, und selbst die Hunderttausender-Marke wurde gerade einmal mit einem Glas Champagner gewürdigt. Seit einigen Wochen musste er zur Kenntnis nehmen, dass auch Erfolg zur Gewohnheit werden kann.
»Herr Bergmann?« Er zuckte zusammen. Neben ihm stand eine der Buchhändlerinnen, eine attraktive Blondine. Sichtlich nervös hielt sie eines seiner Bücher in der Hand.
»Oh …«, stammelte die Verkäuferin schüchtern, »… ich wollte Sie nicht erschrecken!«
»Ist schon gut«, entgegnete er mit einstudiertem Lächeln und brachte wieder Haltung in seinen Körper. Er streckte die Hand nach dem Buch aus und fragte: »Ich nehme an, Sie möchten, dass ich es signiere?«
Jetzt lächelte auch die Blondine, gab ihm das Buch und hauchte: »Könnten Sie bitte ›für Maria‹ hineinschreiben?«
»Aber klar!«, antwortete er und tat ihr den Gefallen. Anschließend stand er auf, nahm seine Jacke und verabschiedete sich von der Filialleiterin, die gerade die letzte der fünf großen Glastüren abschließen wollte.

Der Novemberabend empfing ihn mit einer eisigen Windböe und gehetzten Passanten, von denen die meisten in Richtung der U-Bahn-Station eilten. Frankfurts Einkaufsmeile leerte sich langsam und in immer mehr Schaufenstern wurde bereits auf Nachtbeleuchtung umgeschaltet. René wünschte sich, einer von vielen zu sein. Einfach nach Hause zu fahren, sich ein Bier aufzumachen und an nichts mehr denken zu müssen. Stattdessen stand noch das Treffen mit seiner Agentin an, und Rosi konnte er nicht vor den Kopf stoßen.
Mit kalten Fingern zog er den Reißverschluss seiner Jacke noch ein Stück höher und folgte dann der Einkaufpassage einem scheinbar nie endenden Strom aus Menschen entgegen. Eigentlich liebte er lange Spaziergänge, heute war er jedoch dankbar, dass es nur wenige hundert Meter bis zu dem Lieblingslokal seiner Agentin waren.
Einige Minuten später trat René durch die massive Holztür des Restaurants. Er kam noch nicht einmal dazu seine Jacke zu öffnen, als er auch schon nach seiner Reservierung gefragt wurde. Bereits bei seinem ersten Besuch hatte er den Eindruck, dass die Kellner darauf abgerichtet waren, das Lokal gegen das normale Fußvolk zu verteidigen. Hinein kam nur, wer Beziehungen hatte oder ausdrücklich eingeladen wurde.
»Ich habe eine Verabredung mit Rosmarie Schreiber«, lautete Renés unterkühlte Antwort, noch bevor der Mann im schwarzen Anzug ihn danach gefragt hatte. Ohne eine Miene zu verziehen, nahm ihm dieser die Jacke ab, reichte sie an die Garderobendame weiter und führte ihn zu einem Tisch, der sich in einer der ruhigeren Nischen befand.
Rosi war mehr als doppelt so alt wie er selbst, sah aber trotz ihrer zweiundsiebzig Jahre um einiges lebendiger aus, als er sich fühlte. Wie immer brauchte es nur einen kurzen Moment ihres herzlichen Lächelns und René fühlte sich augenblicklich etwas besser.
Er gab seiner Agentin die Hand und begrüßte sie mit den Worten: »Ich hoffe, du wartest noch nicht allzu lange. Ich dachte schon, die wollen den Laden so lange geöffnet lassen, bis keiner mehr kommt.«
Rosi winkte ab: »Auf dich warte ich doch gerne! Wie ist es denn gelaufen? Du siehst ziemlich erschöpft aus.«
René ließ sich ihr gegenüber nieder, und da der offensichtlich ziemlich humorlose Kellner keine Anstalten machte, sie alleine zu lassen, bestellte er ein Glas trocknen Weißwein.
René blickte dem davonstolzierenden Kellner kurz hinterher und sagte dann an Rosi gewandt: »Es lief gut. Sehr gut sogar.«
»Und warum siehst du dann nicht danach aus?« Rosi musterte ihn mit diesem wissenden Blick, mit dem er bis heute nicht umgehen konnte. Am Anfang hatte er sie für eine ziemlich affektierte alte Frau gehalten – immer etwas zu dick geschminkt, immer etwas zu bunt gekleidet. Doch bereits während des zweiten Gesprächs hatte er erkannt, dass sie nicht nur eine herausragend konstruktive Kritikerin und brillante Verkäuferin war, sondern auch eine wahre Menschenkennerin. In den fünf Jahren ihrer Zusammenarbeit hatte er ihr nicht ein einziges Mal etwas vormachen können, also versuchte er es gar nicht erst.
Ohne Scheu sah er in ihre vom Alter schon etwas milchig-blauen Augen und gab zu: »Ich fühle mich total ausgebrannt. Nichts macht mehr wirklich Spaß, noch nicht einmal die guten Verkaufszahlen des letzten Romans. Mir geht einfach alles nur noch auf die Nerven.«
Sie dachte einen Augenblick nach und antwortete dann einfach und ohne jeden Vorwurf in der Stimme: »Verstehe!«
Der Wein wurde gebracht und René nach seinem Essenswunsch gefragt. Rosi hatte bereits bestellt und so verlangte er einfach das Gleiche wie sie. Eigentlich hatte er keinen Hunger, aber das wäre unhöflich gewesen.
Der Kellner verschwand wieder und René nippte abschätzend an seinem Glas. Der Wein schmeckte zunächst gut, dann aber so leer, wie René sich fühlte. Er stellte das Glas beiseite, senkte den Blick und fragte dann: »Bis wann wollen die das nächste Skript?«
»Eigentlich noch in diesem Jahr«, antwortete Rosi und legte ihre faltigen Hände über seine, »aber ich kann sie sicher auf Ende Januar vertrösten.« Und nach einer kurzen Pause fragte sie: »Schaffst du das in zwei Monaten?«
Er dachte einen Augenblick darüber nach, dann hob er den Blick: »Nicht mit dem Trubel um mich herum. Ich bräuchte einfach nur Ruhe, um wieder produktiver zu werden. Vor lauter Telefonaten, E-Mails und Einladungen komme ich zu nichts Anderem mehr. Geschweige denn, dass ich den Kopf für meine Story frei bekomme.« Er schaffte ein Lächeln. »Kennst du nicht eine einsame Insel ohne Handyempfang und möglichst weit weg?«
Rosi erwiderte sein Lächeln, und René glaubte schon, sich verhört zu haben, als sie verkündete: »Doch, so etwas Ähnliches kenne ich tatsächlich.«
»Du hast eine einsame Insel für mich?«, fragte René ungläubig nach.
Nun war es Rosi, die zu ihrem Glas griff und einen ordentlichen Schluck nahm: »Natürlich habe ich keine Insel, aber ich kenne einen Ort, der ebenso ruhig ist. Es ist schon einige Jahre her, als ich eine Wanderung im Lechtal unternahm und auf dieses winzige Dorf gestoßen bin. Die Bewohner meiden den Kontakt zur Außenwelt, nehmen aber ab und zu einen Gast bei sich auf, um Geld für das Nötigste zu verdienen. Ich habe schon einige Autoren dorthin geschickt, und für jeden war es eine Inspiration. Wenige Menschen, kein Handyempfang und die Unterkunft auf das Notwendige reduziert ... Wie klingt das?«
»Österreich«, stellte René etwas enttäuscht fest.
»Ohne Handy und ohne Auto!«, bestätigte Rosi erneut.
»Wieso ohne Auto?«, hakte René nach und sorgte damit für ein erneutes Grinsen bei Rosi.
»Weil sich das Dorf auf einer Hochebene befindet und nur mit einer kleinen Seilbahn erreichbar ist. Du siehst, es ist fast wie eine Insel.«
Was René im ersten Augenblick völlig absurd vorkam, nahm in seinem Kopf langsam Gestalt an. Natur, Ruhe, lange Spaziergänge – er konnte es nicht leugnen, die Idee hatte etwas Verlockendes. Wie zur Bestätigung drang im selben Moment das aufdringliche Brummen seines Handys aus der Hosentasche und er wusste schon, bevor er auf das Display sah, wer ihn da anrief. Eigentlich hatte er genau dafür Rosi engagiert, doch sein Verleger hatte es sich angewöhnt, ihn nach jeder Lesung persönlich anzurufen. Er verdrehte die Augen, zeigte Rosi das Gerät und erklärte: »Herr Karlson.«
Ohne zu fragen, nahm sie ihm das Gerät aus der Hand, hob ab und erklärte dem Verleger freundlich, aber bestimmt, dass Herr Bergmann im Moment verhindert sei. Dann versicherte sie ihm, dass die Lesung wieder ein voller Erfolg gewesen war, und legte auf.
»Danke!«, sagte René, als er sein Handy wieder in Empfang nahm.
»Also, was sagst du zu meinem Vorschlag?« Rosi sah ihn erwartungsvoll an.
Er ging kurz in sich und schlug dann vor: »Schick mir doch einfach mal die Adresse dieses Dorfes und ich denke in der Zwischenzeit darüber nach. Aber grundsätzlich klingt das schon nach einer Umgebung, in der sich mein Thriller quasi wie von selbst schreiben würde.«
Fünf Minuten später erschien der Kellner und brachte zusammen mit einem Kollegen die bestellten Speisen. René und Rosi versuchten das Gespräch auf alltägliche Dinge zu lenken, landeten aber immer wieder bei der Arbeit. Zwei Stunden und drei Gläser Wein später verabschiedeten sie sich herzlich und vereinbarten, in den nächsten Tagen zu telefonieren.

Im Kindle-Shop: Die Ungeliebten

Mehr über und von Mark Franley auf seiner Website.

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