31. Oktober 2016

'Bluttempel' von Martina Schmid

In einem idyllischen, kleinen Ort an der Donau verschwindet eine junge Frau spurlos. Kurz darauf findet man ihren Slip und ihr Handy. Gleichzeitig werden bei einer nahe gelegenen Staustufe Leichenteile geborgen. Der Verdacht fällt zunächst auf den psychisch kranken Ehemann Martin Brenner. Eine plötzlich auftauchende Zwillingsschwester der vermissten Frau stiftet zusätzlich Verwirrung und löst eine Kette von verhängnisvollen Reaktionen bei ihm aus …

Während einer Rückführung bei einem Psychotherapeuten taucht Brenner in ein früheres Leben im Jahre 1830 ein. Dort offenbart sich ihm ein unglaubliches, mörderisches Geheimnis um einen alten Ruhmestempel.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen den Vorfällen in seinem früheren Leben und dem Verschwinden seiner Frau im Jetzt?

Gleich lesen: Bluttempel

Leseprobe:
Majestätisch steht sie da. Mächtig und strahlend im Glanz des Sonnenlichts. Ganz hineingehörend und mit ihrer Umgebung verwachsen zu sein, scheint sie. Stolz überragt ihre Silhouette das Land. Prächtig aufragend, mit blendend weißen Säulen, ist sie fast schöner als ihr griechisches Vorbild. Oh du, meine Göttin! Gesegnet bist du mit immerwährender Schönheit. Wie massiv und doch durchscheinend dein Korpus ist! Niemals würdest du herabsteigen von deinem hohen Throne - und unter dir die weite Donauebene …

Ob König Ludwig sie auch so bestaunte, als 1842 sein Bauwerk fertig gestellt war? Die Walhalla, die drüben auf dem Bräuberg stand und auch heute noch dort steht? Es war ein kalter, nebliger Samstagnachmittag im Februar 2012. Der Blick nach draußen verursachte in ihm eine ungemütliche, beinahe bedrohliche Stimmung. Martin stand mit verschränkten Armen in seinem Arbeitszimmer und starrte durch das beschlagene Fenster. Von hier aus konnte er sie sehen. Fast protzig wirkte sie: Die Walhalla. Weit oben, eingebettet und geschützt in einem Meer von Bäumen. Ein nie gekanntes Gefühl der Ruhe durchströmte Martin und ergriff ihn in seiner ganzen Person, traf sein Innerstes mit voller Wucht. Sein Herzschlag wurde schneller. Es war ein Gefühl wie angekommen sein. Er schloss die Augen, atmete tief und langsam ein. Dann fiel sein Blick kurzzeitig auf das Bild, das auf der antiken Holzkommode neben dem Fenster stand. Es zeigte eine knapp dreißigjährige Frau mit ovalem Gesicht, aus dem ihn lebhafte meerblaue, schräg geschnittene Augen mit langen Wimpern anlächelten. Doch das Lächeln wirkte unecht, beinahe gequält. Ihr hellbraunes, gescheiteltes Haar fiel in weichen Locken über die Schultern.

Martin Brenners Haus stand auf der anderen Seite des Flusses. Nur die Donau und ein paar davorliegende Felder trennten ihn von dem monumentalen Bauwerk, das ihn in diesem Moment wieder anstarrte. Ja, es starrte ihn an! Gestern, heute, morgen. Immer, wenn er in diesem Zimmer im ersten Stock des vor knapp fünf Jahren mit seiner Frau Barbara gebauten Hauses stand und aus dem Fenster sah. Die Walhalla hatte von Anfang an eine eigenartige Faszination auf ihn ausgeübt … Die Luft im Zimmer war abgestanden. Er öffnete trotz der eindringenden Kälte das Fenster und hörte in der Ferne das Kreischen der Krähen. Manchmal landete eine abrupt auf den kahlen, schneebedeckten Feldern.
Die Frau auf dem Bild, die Martins Blicke wieder auf die Kommode lenkte, hieß Barbara. Oder Bärbel? Es gab Momente, in denen er sich nicht mehr sicher war. Momente, in denen er an seinem Verstand zweifelte. Das machte ihm Angst. Doch es machte ihm noch mehr Angst, dass diese Angst von Woche zu Woche wuchs. Sie hatte sich in seinem Kopf wie ein wucherndes Krebsgeschwür manifestiert.
„Barbara.“ - Gedehnt und fast tonlos glitt ihr Name über seine Lippen. Er nahm das Bild in die Hand und betrachtete es liebevoll. Barbara war eine Schönheit, zweifellos. Und sie war perfekt. Schlicht und ergreifend perfekt. Jeder andere Vergleich wäre fehl am Platz gewesen. Vom Haaransatz bis zu den Zehenspitzen war sie für ihn gemacht. Das tiefe, unergründliche Blau ihrer Augen, das sich nicht mit Worten beschreiben ließ, hatte ihn vom ersten Augenblick, da er ihr begegnet war, fasziniert. Sie war das Abbild menschgewordener Göttlichkeit. Mit zittrigen Fingern streichelte er sanft und fast unspürbar ihre Stirn. Sie sollte nur für ihn leben. Mit jeder Faser ihres Körpers. Sie war wie ein Geschenk des Himmels. Doch ebenso wie er fasziniert war von ihr, war er in ihr gefangen. Und er musste sie beschützen. Er war lange euphorisch geblieben. Doch zuviel Euphorie birgt Enttäuschung. Und Enttäuschung schmerzt. Immer mehr, bis er es nicht mehr würde ertragen können. Niemand sollte sie ihm wegnehmen können. Diesen Gedanken trug er seit einiger Zeit in sich …
Das Klingeln an der Haustür ließ Martin hochschrecken. Schnell stellte er das Bild auf die Kommode zurück. Er hörte, wie Barbara die Haustür öffnete und Jasmina begrüßte. Im Hintergrund vernahm er Olivers Stimme. Oliver Neuhaus war Martins langjähriger Freund und seit kurzem auch sein Arbeitskollege. Jasmina würde schon bald Olivers zukünftige Frau werden. Beide wollten noch in diesem Jahr heiraten. Oliver hatte Martin seinen Posten als Schichtführer in der Produktion im Kalkwerk Schwabelweis zu verdanken, denn dieser hatte sich für ihn eingesetzt, als die Stelle frei wurde. Martin war Betriebsschlosser und langjähriger Mitarbeiter der Firma. Oliver stammte, wie auch Martin, aus Sarching, einer kleinen Ortschaft östlich von Regensburg, die knapp neunhundert Einwohner zählte. Oliver war aus beruflichen Gründen für einige Jahre nach München gegangen, während Martin auf dem von seinem Vater geerbten Grundstück in der Pfarrgasse ein modernes Einfamilienhaus errichtet hatte.

Im Kindle-Shop: Bluttempel

Mehr über und von Martina Schmid auf ihrer Website und auf Facebook .

29. Oktober 2016

'Michael Lindqvist: In den Tiefen des Teichs' von Jo Hess

Band 3: Mit Feuereifer stürzen sich Michael und Konstantin auf ihren ersten Fall. Eine Mutprobe an einem Teich, um den sich düstere Mordgeschichten ranken, hat einen Jungen fast das Leben gekostet. Doch schnell wird ihnen klar, dass kein Training der Welt sie auf das Grauen vorbereiten kann, das zu bekämpfen sie sich geschworen haben. Das schwarze Wasser des Teichs droht die jungen Helden in seinem schrecklichen Sog zu verschlingen.

Die Horror-Serie {ML}
Michael Lindqvist {ML} ist ein Student, der sich nach einem tragischen Schicksalsschlag dazu entschließt, neben seinem Studium Monster zu jagen. Die Buchserie ist in einzelne, jeweils in sich abgeschlossene Geschichten unterteilt. Nebenher existiert ein fortlaufender Handlungsstrang, der sich durch alle Bände zieht. Dabei geht es um die Jagd nach dem Werwolf Karsten Berghoff, dem Michael im ersten Band begegnet. Michael kämpft gegen klassische Monster wie Werwölfe, Vampire, Geister und Dämonen. Jedoch wird es in den folgenden Teilen auch unterschiedliche Figuren aus Legenden oder eigene Erfindungen des Autoren geben.

Gleich lesen:
Für Kindle: Michael Lindqvist: In den Tiefen des Teichs - Band 3 {ML}

Leseprobe:
Ich stellte mir vor, in meinem Kopf sei ein weißes Blatt Papier. Und mit dem Tag meiner Geburt waren Bilder darauf entstanden. Jedes davon würde eine Erinnerung zeigen. Wäre es nicht wunderbar, könnte man durch einen einfachen Streich mit einem Radiergummi diese Bilder löschen? So, dass am Ende nur das blanke Weiß übrig bleiben würde. Neu und unbeschrieben, das Auslöschen jeglicher Erinnerungen. Die Chance auf einen Neubeginn.
Solche und ähnliche Gedanken gingen mir durch den Kopf, wenn ich in mancher Nachtstunde neben Korbinians Bett saß und auf die Sonne wartete, die sich draußen über die Häuser schob. Wenn ich zusah, wie sich ihre Strahlen zwischen den Gittern vor dem Fenster hindurch auf das bleiche Gesicht meines Cousins ergossen. Bevor Konstantin aus seinem unruhigen Schlaf aufschrak, in der Hoffnung, Korbinian sei über Nacht genesen. Bevor die Geräusche auf dem Flur erwachten, Schuhe quietschend über das Linoleum liefen und Türen zugeschlagen wurden.
In den frühen Morgenstunden, die nur mir gehörten. Mir und meinen Erinnerungen. All den Bildern, die das weiße Blatt Papier verschlungen haben.

Und wenn du denkst
Die Tür ging auf und Victor kam ins Zimmer. Er war Korbinians Pfleger, seit mein Cousin als Patient in der Reichmann Klinik aufgenommen worden war. Trotzdem hatten Victor und ich bisher nicht mehr als ein paar Worte gewechselt. Wir waren etwa im selben Alter und ich wusste, er studierte Psychologie. Ich nahm mir vor ihn zu fragen, auf welcher Uni er war, damit ich wenigstens einmal mit ihm gesprochen haben würde. Geschmeidig schlenderte er an meinem Stuhl vorbei, das Frühstückstablett auf seinen Händen balancierend. In seinen braunen Haaren hingen weiße Blüten und ich nahm an, er war vor seinem Dienst auf einer der Bänke gesessen, die hinter dem Klinikgebäude unter einer Reihe von Apfelbäumen standen. Am Revers seines Shirts war ein Button mit der Aufschrift: Und wenn du denkst es geht nicht mehr, kommt irgendwo ein Lichtlein her, befestigt.
Victor hatte viele Buttons, jedes Mal wenn ich ihn sah, trug er einen anderen. Wahrscheinlich sollten die Sprüche den Patienten Hoffnung machen. Oder vielmehr den Angehörigen, denn die meisten Patienten bekamen wenig von ihrer Umgebung mit. So wie mein Cousin Korbinian.
Ich stand auf, streckte ächzend meinen schmerzenden Rücken durch und nickte Victor grüßend zu. Lächelnd stellte er das Tablett auf das Nachtkästchen.
„Hallo, Herr Lindqvist. Haben Sie und Herr Bischoff wieder die halbe Nacht in diesem Stuhl verbracht? Wenn das so weiter geht, dann beantrage ich noch zwei Betten für das Zimmer.“
„Schön wär´s. Aber ich glaube, das liegt nicht im Budget“, scherzte ich, obwohl bei den Bischoffs Geld das geringste Problem war. Die Eltern der Zwillinge verdienten in der Modebranche immer noch jede Menge davon und wenn Konstantin nach zwei Betten fragen würde, stünden diese innerhalb kürzester Zeit bereit. Nur sollten weder die Bischoffs noch meine Eltern wissen, wie oft wir die Nacht bei Korbinian verbrachten. Immerhin dachten sie, wir würden ein ganz normales Studentendasein führen. Außer uns wusste nur Pater Henry darüber Bescheid, was damals in Wolfenegg geschehen war. Denn niemand außer ihm glaubte uns. Zum Glück hatte mich das Schicksal damals in die Kirche geführt, in der ich mein halbes Leben verbracht hatte. Und da Henry mich von Geburt an kannte und selbst kein ahnungsloser Amateur auf dem Gebiet der Monsterjagd war, hatte er uns seine Hilfe angeboten.
Auf dem Flur fiel etwas scheppernd zu Boden und einer der Patienten schrie. Ich hörte einige der anderen Pfleger vorbeieilen und warf einen Blick auf Victor. Er schenkte den Vorgängen keine Beachtung. Diese Abteilung der Klinik war auf die schwierigen Fälle spezialisiert und solche Vorfälle waren an der Tagesordnung. Ich fragte mich oft, ob es nicht tatsächlich eher hoffnungslose Fälle waren. Alle Patienten, die in diesem Teil der Klinik untergebracht waren, hatten extrem traumatische Schicksalsschläge hinter sich. So wie mein Cousin.
Korbinian war von Werwölfen entführt und gefoltert worden. Er war einer der Hauptgewinne eines perversen Spiels gewesen, zu dessen Teilnehmern Konstantin und ich gehört hatten. Mein kleiner Bruder hatte die Vorfälle nicht überlebt. Es wunderte mich eher, wie normal Konstantin und ich noch waren. Oder wir bemerkten unseren Irrsinn nur nicht.
Konstantin saß zusammengesunken in einem Stuhl neben dem Bett und schnarchte leise. Wir waren gestern Abend hergekommen, nachdem wir uns mit Pater Henry getroffen hatten, der uns erneut großzügige Einblicke in das geheime Archiv seiner Kirche gewährt hatte. Dort haben wir von vielen Menschen gelesen, die ähnliche Erfahrungen gemacht hatten, wie wir. Menschen, denen die Polizei nicht half, weil die Verbrechen, die ihnen angetan worden waren, so unglaublich waren, dass sie nie nachgewiesen werden konnten.
Mein Bruder hatte nach Wolfenegg die Idee gehabt, ein Team zu gründen, das genau solchen Menschen hilft. Zuerst waren Konstantin und ich skeptisch gewesen.
Nachdem mein Bruder kurz darauf eiskalt von einem der Werwölfe getötet worden war, hatten wir beschlossen, seinem letzten Wunsch nachzukommen. Seither waren wir auf der Suche nach Monstern. Monstern, die der Polizei durch ihre Raffinesse und Brutalität entkamen. Und es war unglaublich, wie viele mörderische Kreaturen auf unserer Erde wandelten. Henry unterrichtete uns viermal wöchentlich darin, welche Waffen für welche Art Monster einzusetzen waren und wie man gefährlichen Bestien gegenüber trat. Bisher war Wolfenegg aber immer noch unsere einzige wirkliche Konfrontation mit Dingen dieser Art gewesen.
Victor half Korbinian in eine sitzende Position. Der reagierte nur mit einem desinteressierten Blick auf seinen Pfleger, dann versank er wieder in Apathie. Konstantin hoffte jeden Tag auf ein Wunder, das seinen Zwilling aus dieser Anstalt befreien würde. Ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben.
„Er macht gute Fortschritte die letzten Tage“, sagte Victor. „Wenn es so weitergeht, kann er bald nach unten und mit den anderen im Saal frühstücken.“
Zweifelnd warf ich einen Blick auf meinen abwesenden Cousin. Victor nahm die Schüssel mit Haferbrei und begann, Korbinian zu füttern.
„Sehen Sie, Herr Lindqvist“, sagte er und drückte Korbinian die Schüssel in die eine Hand, den Löffel in die andere. Er führte die Hand mit dem Löffel zwei Mal an Korbinians Mund, dann ließ er meinen Cousin allein weitermachen. Und tatsächlich aß Korbinian. Seine Bewegungen waren langsam, als müsste er sich jeden Zentimeter, den seine Hand zurücklegte,genau überlegen. Er traf seinen Mund, kaute, schluckte und nahm neuen Brei mit dem Löffel auf. Wie ein Roboter, dachte ich.Neue Hoffnung durchdrang meine Zweifel und – ich gebe es zu – ich hasste Victor ein bisschen dafür, dass ihm dies gelungen war. Ich wollte Konstantin unbedingt an diesem großartigen Anblick teilhaben lassen. Vorsichtig, um Korbinian nicht in seinem Ablauf zu stören, schlich ich um das Bett herum und weckte meinen Cousin. Als er mich ansah, hielt ich meinen Finger vor die Lippen und zeigte auf seinen Zwillingsbruder.
„Oh, das ist der Wahnsinn“, rief er und sprang aus dem Stuhl, was Korbinian nicht zu bemerken schien, da er weiter vor sich hin löffelte.
„Das haben Sie geschafft und dafür schulde ich Ihnen etwas, Victor“, rief Konstantin und klopfte dem Pfleger auf die Schulter.
„Sie schulden mir nichts, Herr Bischoff. Ich würde mich freuen, wenn Sie einen kurzen Moment Zeit für mich hätten. Ich würde gerne etwas mit Ihnen beiden besprechen.“
„Natürlich, kein Problem“, antwortete Konstantin und sah mich fragend an. Ich nickte zustimmend.
Wir sahen noch zu, wie Korbinian zu Ende aß, sich wieder hinlegte und die Augen schloss. Victor nahm das Geschirr und öffnete die Tür. Wir folgten ihm auf den Flur, wo er das Tablett auf einen Rollwagen stellte.
„Ich würde vorschlagen, wir nehmen uns einen Kaffee und setzen uns in den Aufenthaltsraum. Da sind wir ungestört.“
„Kaffee klingt immer gut“, meinte Konstantin. Er war ein wahrer Kaffee-Junkie.
Victor schnappte sich eine der Kaffeekannen vom Frühstückswagen und dazu drei Tassen. Damit führte er uns in den Aufenthaltsraum des Pflegepersonals. Vor einem großen Fenster standen ein Tisch und vier Stühle. An einer Garderobe hingen Mäntel und Jacken, und in einem großen Regal lagen dutzende Aktenordner. An den Wänden sah ich gerahmte Drucke bekannter Künstler und selbstgemalte Bilder kleiner Kinder. Wahrscheinlich vom Nachwuchs der Schwestern auf der Station.
Auf dem Fensterbrett bemerkte ich einen Topf mit einer roten Pflanze. Ich erinnerte mich, die gleiche Pflanze bei meinen Eltern im Wohnzimmer gesehen zu haben, konnte mir jedoch deren Namen nicht merken. Nur diese hier sah frisch und lebendig aus, während die Pflanzen meiner Eltern eher unbeachtet vor sich hin starben. Seit mein Bruder nicht mehr da war, verbrachten meine Eltern ihr Leben in einem apathischen Zustand. Sie wirkten wie Korbinian, nur liefen sie wie Zombies auf zwei Beinen durch die Gegend, während Korbinian vollkommen aufgegeben hatte. Um meinen trüben Gedanken zu entkommen zeigte ich auf die Kinderzeichnungen und fragte:
„Haben Sie Kinder, Victor?“
Zu meiner Überraschung nickte der Pfleger.
„Zwei Jungen. Drei und vier Jahre alt“, sagte er stolz. „Das da ist von meinen Jungs.“
Er zeigte auf eine der Zeichnungen auf der man zwei Pferde erahnen konnte. Auf jedem Pferd saßen eine kleine und eine große Gestalt.
„Meine Frau hat einen kleinen Reiterhof. Wir nehmen da alte und verletzte Tiere auf. Es gibt Hunde, Katzen, Hühner und natürlich Pferde. Die Kinder saßen schon im Sattel bevor sie laufen konnten.“
„Wow, Victor, wie alt sind Sie?“, fragte Konstantin.
„Ich werde nächsten Monat siebenundzwanzig. Ich weiß, ich sehe viel jünger aus.“
Siebenundzwanzig. Das hieß, er war nur ein Jahr älter als ich gewesen, als sein erster Sohn zur Welt gekommen war. Ich konnte mir nicht vorstellen Vater zu sein. Ich fühlte mich selbst noch wie ein Kind. Trotz allem was uns widerfahren war.
Und ein Kind in eine Welt zu setzen, die zu all den Schrecken, die es sowieso schon gab, noch unnatürliche Kreaturen beherbergte, kam mir ohnehin falsch vor. Diese Meinung behielt ich jedoch für mich.
Victor schenkte uns ein und ich trank einen Schluck. Der Kaffee war stark und heiß. Genussvoll schloss ich für einen kurzen Moment die Augen und dachte an gar nichts, bevor Victors Stimme mich zurück in die Realität holte.
„Wie gesagt, Korbinian macht in letzter Zeit gute Fortschritte. Alltägliche Abläufe funktionieren schon häufig ohne fremde Hilfe und ich bin davon überzeugt, dass er in ein paar Wochen auf eine andere Station verlegt werden kann.“
„Denken Sie, dass mein Bruder irgendwann wieder mit uns nach Hause gehen wird?“
„Ich möchte keine Versprechungen machen, Herr Bischoff. Aber ihr Bruder ist auf einem guten Weg.“
„Komm schon, Victor, Herr Bischoff und Herr Lindqvist sind unsere Väter. Ich bin Konstantin, das ist Michael.“
Victor grinste und wir gaben uns die Hände.
„Korbinians Fortschritte sind sicher nicht der Grund, weswegen du hier mit uns sprechen wolltest, oder?“, fragte ich.
Er schüttelte den Kopf.
„Das ist richtig. Es gibt noch etwas anderes.“
Gespannt beugten wir uns in unseren Stühlen nach vorn.
„Korbinian spricht seit einiger Zeit und er erzählt die spannendsten Geschichten.“
Konstantin und ich starrten ihn ungläubig an und warteten unbehaglich darauf, was als nächstes kam.
„Was sagt er?“, fragte mein Cousin vorsichtig.
„Nun, ich weiß nicht, ob er tatsächlich mit mir spricht oder ob er nur in seinen Erinnerungen verloren ist und mit ihnen redet. Er sieht mich dabei niemals an. Er spricht von jemandem mit dem Namen Berghoff und einer schwangeren Frau. Von einem Mädchen, das gefoltert wird. Ab und zu schreit oder weint er. Zuerst habe ich mir keinen Reim darauf machen können. Die einzelnen Elemente haben nicht zusammengepasst. Vor zwei Tagen habe ich das Puzzle endlich zusammensetzen können, und ich denke, ich weiß nun, was geschehen ist.“
Ich bekam Panik und wollte Victor sagen, Korbinians kaputte Psyche würde Horrorfilme mit der Realität vermischen. Ihm sagen, es gäbe keine Monster und mein Cousin würde sich alles nur einbilden. Kein Wort kam über meine Lippen. Konstantin ging es ähnlich. Ich sah, wie er mit sich rang und dann ebenfalls schwieg. Victor nickte, als wüsste er, was in uns vor sich ging.
„Ihr müsst mir nichts erzählen. Ich möchte euch nur sagen, dass ich Korbinian glaube. Die ganze Geschichte, inklusive den Werwölfen.“
„Wie kommt das?“, fragte ich.
Er schnaubte und rieb sich müde die Augen.
„Ich arbeite hier seit vielen Jahren und habe schon die unglaublichsten Dinge gehört. All die Verrückten hier, die sind oftmals gar nicht so verrückt. Sie werden es nur mit der Zeit, weil niemand ihren Geschichten glaubt. Nicht einmal ihre Familien. Das ist es, was ihr Schicksal besiegelt. Das ist es, was die Menschen durchdrehen lässt. Weil sie allein gelassen werden mit ihren Ängsten und ihrem Wissen.“
Mir wurde übel bei der Vorstellung, hier in der Klinik eingesperrt zu sein und niemanden zu haben, der mir glaubte. Wie die Besuche von meiner Familie und meinen Freunden immer seltener wurden, und schließlich ganz aufhörten, weil alle dachten, mein Gehirn wäre ein großer Haufen Matsch. In diesem Moment war ich unglaublich dankbar für Konstantins Anwesenheit. Wenigstens war ich durch ihn nicht allein mit meinen Albträumen.
„,Mein Bruder Nick hat damals gesagt, wie schrecklich es wäre, dass so vielen Menschen solche Dinge geschehen und es niemanden gäbe, an den sie sich wenden könnten. Er wollte eine Gruppe gründen, die Leuten in solchen Situationen hilft. Kurz darauf wurde er kaltblütig von Berghoff ermordet“, sagte ich und Tränen schossen mir in die Augen. Ich hatte Nicks Tod noch lange nicht verwunden. Victor nickte. Ich sah das Mitgefühl in seinen Augen und mir wurde klar, dass er durch Korbinian bereits wusste, was mit meinem Bruder geschehen war.
„Konstantin und ich haben dann beschlossen, diese Gruppe tatsächlich zu gründen. Wir haben seither von vielen Menschen gehört, die Ähnliches erlebt haben. Einen Fall haben wir jedoch noch nicht lösen können“, fuhr ich fort.
„Da kann ich Abhilfe schaffen“, sagte Victor. „Das ist der eigentliche Grund, weshalb ich mit euch sprechen wollte. Dort draußen sitzt ein kleiner Junge. Sein Name ist Elias. Sein bester Freund Noah liegt hier auf der Station. Elias denkt, Noah wäre von etwas Bösem überfallen worden. Etwas ohne Gestalt, wie er es ausdrückt. Niemand glaubt ihm. Möchtet ihr mit ihm sprechen?“
Ich sah Konstantin an und sah in seinem Blick, was ich mir dachte. Wir mussten nicht erst mit dem Jungen sprechen, um zu wissen, was uns unser Bauchgefühl bereits lauthals zurief. Dies würde unser Durchbruch werden, unser erster eigener Fall!

Im Kindle-Shop: Michael Lindqvist: In den Tiefen des Teichs - Band 3 {ML}

Mehr über und von Jo Hess auf seiner Website zur Horror-Serie {ML}.



28. Oktober 2016

'Die Welt wartet' von Dana Winter

Eine junge Frau zieht hinaus in die Welt. Literarisch belesen, ausgestattet mit erstklassigen Zeugnissen und Vielsprachigkeit hat sie große Ambitionen, wie ihr Leben nach dem Studium aussehen soll: Sie will Karriere machen. Mit viel Ehrgeiz und Disziplin will sie den Idealen ihrer ostpreußischen Familie entsprechen.

Marie lebt mehr in den Geschichten ihrer Bücher, als in der Wirklichkeit, und so macht sie sich auf die Suche nach dem wahren Leben. Mit der Blauäugigkeit eines Kindes stürzt sie sich in die weite Welt, in der Annahme, dass Fleiß, Talent und Kompetenz etwas zählen, doch sie wird bald mit der harten Realität konfrontiert. In der luxemburgischen Bankenszene vor dem großen Crash bekommt sie einen ernüchternden Einblick in die reale Arbeitswelt.

Auch die Künstlerszene entpuppt sich als weit weniger erhaben, als die Vorstellung der ungebrochenen Optimistin. Davor hatte sie, wie sie glaubt, keiner gewarnt. Doch sie bleibt entgegen aller Widernisse sie selbst und durchschreitet kopfschüttelnd ihr Leben, wie eine Romanfigur – so kommt sie schließlich da an, wo zwangsläufig alles hinführen musste …

Gleich lesen: Die Welt wartet: Die Suche nach dem wahren Leben

Leseprobe:
Die Kinderliebe zwischen Freundinnen war jäh vorbei, als die Freundin, die sie immer so geliebt hatte, sagte: »Du bist wie eine Blume, die das ganze Licht anzieht. Ich kann neben dir nicht wachsen.« Damit begann ein Abschnitt in ihrem Leben ohne beste Freundin. Aber vielleicht war das ja auch nicht mehr zeitgemäß.
Die große Liebe sagte später: »Ob es Liebe oder Freundschaft ist … ich wünsche dir, dass du den findest, der Haie von dir fernhält« – und heiratete Ute, die weder schön noch besonders begabt oder intelligent war, eher pummelig mit breitem saarländischen Akzent – »Wäääische?« Alexander, Fan von Milan Kundera, begeisterter Kunst- und Literaturliebhaber mit einer Schalterangestellten, das hatte Marie nie wirklich verstanden – im Nachhinein war es viel besser so (wie so oft, nur weiß man es im Moment selbst nicht). Sie hätte nie in St. Wendel leben können – von Ostpreußen nach St. Wendel: undenkbar. Saarbrücken war schon schwer genug.
Nun denn, nach Teneriffa, zweite Liebe, um die erste zu vergessen: großer Mann mit breiten Schultern, braun gebrannt mit schwarzen Haaren. Er ging elegant und aufrecht, das war unglaublich anziehend. Alexander lachte und sagte »Er geht schön?« als sie ihm erklärte, warum sie sich verliebt hatte. Er fand das unsinnig, aber seine Ute ging vermutlich nicht besonders schön.
»Yo no soy Marco Polo«, hatte Quique zu Marie gesagt und einen wunderschönen Brief geschrieben. Und er hatte recht, sie würde nicht nach Teneriffa ziehen und er nicht nach Saarbrücken.
Ihre Freundin Ilka war schwanger geworden von Pedro. »Dann haben wir was, was uns beiden gehört«, erzählte Ilka begeistert und wusste noch nicht, dass sie ihren Pedro nie wiedersehen würde, ihr Sohn auch nicht seinen Vater, denn der war schon verheiratet, mit Frau und Kind auf der Insel, auf der sie eigentlich nur Party machen wollte. Mit 19 sah Party machen aber noch bescheiden aus und somit wurde aus dieser Woche Teneriffa eine Liebesgeschichte, die ein zarter Übergang ins neue Leben war.
Alexander war sie von da an noch manchmal an der Uni begegnet, aber sie hatten sich ja versöhnlich als Freunde verabschiedet. Eigentlich hatten sie auch nur miteinander geredet, aber es war schön, im Garten und Schloss der Gedanken des anderen spazieren gehen zu dürfen. Er hatte dann noch ein anderes Mädchen getroffen – vor Ute – mit der er Mühe hatte, denn sie verstand seine Literaturanspielungen alle nicht, hatte nicht die ganzen englischen und spanischen Romane gelesen, die sie zusammen in allen Vorlesungen durchgesprochen hatten. In Phonetik hatten sie auch zusammen in einer Klasse gesessen, wo sie die schüsselförmigen Laute lernten. Was um alles in Welt sollte das sein? »Die drei Nasale im Französischen sind an, on und en«, betonte der Professor – er sprach alle drei gleich aus. Man lernt so viel Abstruses an der Uni, das man für das wahre Leben nie brauchen wird, aber was ist schon das wahre Leben?
Es war ja auch irgendwie beruhigend, absurde Sachen gemacht zu haben: die Ex-Freundin von Maries Ex hatte ihre Doktorarbeit tatsächlich über den Ursprung des Wortes Sonntag geschrieben. 150 Seiten Sonntag. Unglaublich. Wer schreibt den Montag?

***

Der Tag im Büro war fast vorbei – praktisch. Eins konnte man hier nicht: sich überarbeiten. Marie wartete auf 16:30 Uhr, um dann endlich zu Hause den Jogginganzug anzuziehen, aufzuräumen und den Montagskrimi zu gucken. Highlight des Tages: saure Stäbchen und Krimi – war das nun das wahre Leben?

***

Sie hatte nicht alles, aber doch vieles probiert: Als sie in Sevilla Spanisch studierte, fehlte ihr schon der Gesang und die ersten Anmeldungen zum Vorsingen kamen per Post. Dann Loïc in Paris, der ihr den Koffer trug und nebenbei beim Kaffee erwähnte: »Oui, mon histoire amoureuse avec Jean-Luc.« Dabei wollte sie doch Tosca mit ihm singen. Je suis un homo comme ils disent – und Aznavour hatte recht, alle Klischees stimmten: die Wohnung perfekt gestylt und generell war alles gepflegt und schön – alle Männer in dieser Kneipe sahen aus wie Topmodels, aber Grazia meinte, sie würden sie eher nach Kosmetik fragen, als irgendein Interesse an ihnen zu zeigen.
Marie hatte Loïc für einen wahren Gentleman gehalten – er wollte nichts überstürzen und sich einer Frau nicht gleich am ersten Abend aufdrängen –, dass er aber Paul-François liebte und begehrte, das hatte sie nicht verstanden. Später war ihr das peinlich: Wie konnte sie übersehen haben, dass er schwul war? Breite Schultern, tiefe Stimme, ein sehr viriler Typ … woher sollte man das wissen? Keiner hatte sie gewarnt.
Magister Artium – war das heute wirklich noch jemand? Latein machte auch keiner mehr in der Schule und Klavier lernten nur die Kinder von Ballettschülerinnen wie Lenes Tochter. Lene achtete immer fanatisch auf ihr Gewicht, dabei war sie nie dick – aber was man ihr beim Ballett eingetrichtert hatte, ging nicht mehr aus dem Kopf und so sagte sie jedes Mal, wenn sie sich was gönnte: »Oh je, danach muss ich aber aufhören, sonst werde ich ganz fett.« Unter etwas gönnen verstand sie einen Cappuccino mit Sahne – höchstens einmal im Monat; Maach mol keen Stress fir Nix un widder Nix, würde der Saarländer sagen –, aber Nele war ja schließlich was Besseres, Saarlouis immerhin.
Was sollte man eigentlich mit einem MA machen, wenn man nicht Lehrer werden wollte und keine Pädagogikscheine gesammelt hatte? – »Warum machst du Lehramt?« – »Ferien und Halbtagsjob bei vollem Gehalt.« Das waren tatsächlich die Antworten der Kommilitonen. Marie aber war mit 20 noch motiviert: zu etwas Höherem ist der Mensch geboren.
Die Einkaufsleiter bei Dillinger Stahlbau und ZFGetriebe hatten ihr geraten BWL zu studieren, um nicht ein Leben lang Business-English für Mitarbeiter zu unterrichten, wo sie doch ihre Magisterarbeit über Modes of Self-Consciousness bei Ian McEwan geschrieben hatte. Was war das doch gleich?
Sie wollte ihren Vater so gerne stolz machen: Wirtschaft – endlich was Richtiges. Er hatte sich seinen Weg nach oben so hart erarbeitet und sie hatte das nie richtig gewürdigt – alle haben nie erkannt, was er geleistet hatte. Die Kinder der Kriegskinder hatten das auch nicht – wie auch?
Sie wusste selbst nicht genau, wie sie dieses Diplom geschafft hatte, nie eine Eins in Mathe oder Logik, Knock-out Kriterium bei McKinsey, wo sie direkt im ersten Test durchgefallen war – verdienterweise. Aber der Titel MBA machte sich irgendwie gut.
In den Genuss der neuen Wohnung – die erste Wohnung alleine, ohne Mama –, in der alles so ordentlich und sauber war wie bei Oma, kam sie nur kurz, denn dann folgte schon der Umzug nach Luxemburg. Neues Leben: Investmentbanking. Sven meinte nur: »Waaas? Gemüse-Fonds?«

Im Kindle-Shop: Die Welt wartet: Die Suche nach dem wahren Leben

Mehr über und von Dana Winter auf ihrer Amazon-Autorenseite.



27. Oktober 2016

'Per Handschlag für immer' von Lotte R. Wöss

Ein Vertrag. Ein Pakt. Ein Handschlag.
Für immer?

Nur ein Ehevertrag samt Marketingtrick vereint Nora und Klaus. Die mollige Besitzerin einer Schokoladenmanufaktur und der enttäuschte Leiter einer renommierten Backwarenfirma wollen gemeinsam ein neues Produkt auf den Markt bringen. Gefühle haben in dieser Partnerschaft keinen Platz. Zu sehr sind die beiden mit Vorurteilen und persönlichem Ballast behaftet. Doch dann bekommt das Paar einen unberechenbaren Mitspieler …

„Finanzieller Verlust tut im Kopf weh, aber Liebesbetrug greift dein Herz an!“

Gleich lesen: Per Handschlag für immer

Leseprobe:
[...]
»Ich möchte Ihnen die Ehe anbieten.«
Hatte er sich verhört? Eher nicht, denn die Amazone vor ihm sah ihn erwartungsvoll an.
»Sind Sie verrückt?« Er fuhr sie dermaßen unwirsch an, dass sie zusammenzuckte. Seine gute Erziehung zwang ihn, ruhiger zu werden.
»Ich will nicht unhöflich sein, Frau Spatz, aber ...«
Nora spürte, wie ihre Felle davon schwammen. Sie musste sich beeilen und bemühte sich um Geschäftsmäßigkeit. Rasch zog sie ihren Laptop und ihre Mappe aus der Aktentasche. Beides legte sie auf seinen Schreibtisch.
»Werfen Sie einen Blick in meine Aufstellungen. Für unsere Firmen ein Riesengeschäft. Eine Win-win-Situation.«
Er stand auf. »Frau Spatz, es hat mich gefreut, Sie kennenzulernen, aber ...!« Sein Tonfall klang förmlich, sodass Nora zu ihrer gewohnten Routine zurückfand und ihn einfach unterbrach.
»Hören Sie mich erst an, Herr Heim! Mir gehört die Manufaktur Spatz-Schokoladen in Bad Hofgastein, bekannt für feinste Schokolade. Unser Hauptprodukt sind die Klammsteiner Herzen, nach Burg Klammstein benannt. Mein Urgroßvater war der Erfinder der Streifenglasur, einer Schokoglasur aus verschiedenen Brauntönen.«
Klaus Heim saß wieder hinter seinem Schreibtisch, machte jedoch keinerlei Anstalten, die vor ihm liegende Mappe mit dem Logo von Spatz-Schokoladen zu öffnen. Nora ließ sich nicht beirren.
»Ich möchte Ihnen eine Geschäftsidee unterbreiten. Wir sind dabei, eine zartschaumige Pralinencreme zu kreieren, die einen Unterkeks braucht. Tatsächlich hat es Pralinenkekse schon mehrmals auf dem Markt gegeben, leider waren sie relativ erfolglos. Deswegen brauchen wir eine geniale Marketingstrategie. Aus Anlass unserer Hochzeit würde ich den Namen ‚Hochzeitskuss‘ vorschlagen. Außerdem ...!«
Heim hatte genug und sprang auf. »Bei aller Liebe, Frau Spatz, aber ...«
»Es wäre nur eine Ehe auf dem Papier und auf Zeit. Nach zwei bis drei Jahren lassen wir uns wieder scheiden. Wir müssten nicht einmal zusammenwohnen, zumindest nicht ständig. Schließlich liegen unsere Orte zweihundertfünfzig Kilometer auseinander.«
»Ich finde Ihre Idee schlichtweg absurd und beleidigend.« Dachte diese monströse Schokoladefabrikantin, er wäre so ausgehungert nach einer Ehefrau, dass er jede nehmen würde?
»Tut mir leid, aber ich möchte unsere Zeit nicht länger verschwenden.« Seine Stimme hatte einen messerscharfen Tonfall angenommen. »Alle Heim-Erzeugnisse verkaufen sich bestens. Besonders die Heim-Waffeln, unsere Klassiker, gehen ausgezeichnet. Es braucht keine neuen Produkte.«
Nora blieb sitzen, obwohl ihr elend zumute war. Sie konnte beharrlich sein wie ein Terrier, der sich in ein Hosenbein verbissen hatte. Mit sanftem Vorgehen setzte man in der Geschäftswelt keinen Fuß vor den anderen.
»Stimmt. Sie haben Ihr Sortiment schon ewig nicht verändert. Eine Aufstockung könnte also nicht schaden«, fuhr sie fort; sie schien unbeirrt.
Das Handtuch zu werfen, war kein Weg. Es hing zu viel davon ab. »Ich habe Ihnen hier die Eckdaten aufgeschlüsselt. Wenn Sie einen Blick ...«
»Frau Spatz! Sie reden von Hochzeit und nicht von einem x-beliebigen Geschäft. Was hat das eine mit dem anderen zu tun?« Würde er den Sicherheitsdienst rufen müssen, um diese Dame mit Gewalt hinauszubefördern?
»Herr Heim, Sie haben vor Kurzem eine Beziehung beendet. Und das knapp vor der Hochzeit.«
»Die ganze Welt weiß das!« Er hatte sich vor ihr aufgebaut wie ein gereizter Tiger. Alle konnte er auf diese Weise in die Flucht schlagen.
Nur dieser zu breit geratene Spatz ließ sich nicht beirren.
»Sie sind momentan ungebunden, daher ...«
Zum Teufel war diese Frau hartnäckig! Er beugte sich zu ihr, stützte sich mit beiden Händen auf den Armlehnen ab. Sein lodernder Blick sollte sie verbrennen – Dr. Nora Spatz wich jedoch nicht zurück.
»Ich habe keine Ahnung, warum und wie weit Sie über meine geplatzte Hochzeit Bescheid zu wissen glauben. Aber denken Sie wirklich, dass ich dermaßen verzweifelt wäre, eine wildfremde Frau, noch dazu eine Dame, die überhaupt nicht meinem bevorzugten Typ entspricht, zu ehelichen?«
Seine Mutter hätte ihm die Ohren lang gezogen, würde sie auch nur ahnen, wie beleidigend er sich geäußert hatte. Der Termin strapazierte seine Nerven. Dabei hatte er sich seit vier Monaten durch nichts und niemanden aus der eisigen Ruhe bringen lassen, in die er geflüchtet war.
Eine andere wäre weinend hinausgelaufen. Frau Doktor Spatz blieb ungerührt und kühl.
»Das ist mir klar! Normalerweise würden Sie eine Ehe mit einer Frau wie mir niemals in Erwägung ziehen. Das ist mir mehr als bewusst. Tatsächlich befinde ich mich in einer Notlage. Deswegen habe ich einen Geschäftsplan ausgetüftelt, der eine Eheschließung auch für Sie schmackhaft machen sollte. Und, das möchte ich betonen, es wäre eine Ehe auf dem Papier und auf Zeit.« Sie klappte ihren Laptop auf. »Ich habe einen Joint-Venture-Vertrag ausgearbeitet. Mir ist vollkommen klar, dass Heim-Backwaren in einer anderen Liga als Spatz-Schokoladen spielt. Aber eine Verbindung zwischen beiden wird definitiv für Sie von Vorteil sein.«
Heim hörte nicht alles, was sie erzählte. Er war auf einmal fasziniert von ihrer Lebhaftigkeit und ihrem Mienenspiel. Trotz ihrer gewaltigen Erscheinung sah er eine Agilität in ihr, die er auf den ersten Blick nicht vermutet hätte. Auf dem Laptop erschien ein Foto, das eine schokoladige Köstlichkeit zeigte, überzogen mit einer in mehreren Brauntönen gestreiften Glasur.
»Die Kekspraline Hochzeitskuss muss mit einem Knalleffekt eingeführt werden! Das erste Mal wird sie bei unserer Hochzeit verteilt und danach an sämtliche Vertriebsquellen geliefert. Ziel ist, dass verliebte Paare sich mit dieser Keks-Praline identifizieren.«
Bestimmt nicht auf Kosten seiner Hochzeit. Kurz war er abgelenkt gewesen und hatte sie plappern lassen, aber jetzt musste er die Dame stoppen, bevor sie sich weiter in Hirngespinsten verfing. Er würde eine Heirat nie mehr in Erwägung ziehen. Und schon gar nicht mit einer Frau, deren Äußeres schlichtweg nicht seinem Geschmack entsprach.
»Ich werde das Ganze hier an dieser Stelle abbrechen, tut mir leid, Frau Spatz!« Seine Stimme klirrte durch den Raum und klang in seinen eigenen Ohren hart. »Die Idee ist unmöglich durchführbar.«

Im Kindle-Shop: Per Handschlag für immer

Mehr über und von Lotte R. Wöss auf ihrer Facebook-Seite.



25. Oktober 2016

'Das magische Armband 1: Das Symbol' von Janine Zachariae

Eigentlich will Maja nur eins: Trauern. Doch dann entdeckt sie ein Foto und das Tagebuch ihrer verstorbenen Großmutter und weiß sofort: Dahinter versteckt sich ein Geheimnis. Aber wirklich schlau wird sie aus den Einträgen im Tagebuch nicht. Bis sie zu der Stelle gelangt, an der 'Not Human' steht. Doch Zeit, darüber nachzudenken hat sie nicht, denn die Schule beginnt und sie lernt jemanden kennen …

Noch bevor Maja Stark Jacob Traum sieht, spürt sie ihn schon. Ihr Armband fängt an, sich bemerkbar zu machen. Auch Jacob registriert es. Doch kann er nichts sagen. Zu groß ist die Angst davor, was passieren könnte. Schließlich ist sie seine Schülerin.

Und obwohl sich Maja sehr gut in andere hineinversetzen kann, spürt sie die Gefahr nicht, die sie umgibt. Bis es zu spät ist ...

Gleich lesen: Das magische Armband 1: Das Symbol

Leseprobe:
Manchmal lernt man jemanden kennen, findet diesen Jemanden sympathisch und unglaublich nett. Die Unterhaltungen sind lebendig und doch weiß man, dass es eigentlich nicht sein darf. Dieses Gefühl, die Schmetterlinge, sind nicht gestattet. Niemals.
Doch das, was Maja im Tagebuch entdeckt, ist weit mehr als sie zunächst glaubt. Die Parallelen sind verblüffend. Dabei passiert mit Maja selbst sehr viel und ihre Gefühle spielen verrückt. Doch was passiert, wenn die Wahrheit ans Licht kommt?
Willkommen in Majas Welt.

Prolog
'Ich weiß nicht, was es war. Aber es war etwas Enormes und das weiß ich. Etwas, was vielleicht nie wieder passieren wird. Etwas einmaliges und doch frage ich mich, ob es wirklich passierte.
Alles, was ich je glaubte zu wissen, wurde infrage gestellt. Alles, was ich jemals über Realität dachte, wurde bezweifelt. Denn plötzlich ist was geschehen, was ich nie für möglich gehalten hätte. Niemals.'

Das war der erste Absatz, den ich las.

Während der Sommerferien verstarb meine Oma. Eine außergewöhnliche Frau, die ich sehr geliebt habe. Sie war immer für mich da und ich konnte lange nicht damit umgehen. Plötzlich soll sie nicht mehr da sein? Eine Vorstellung die mich einfach nur traurig stimmte. Nach wie vor.
Und doch musste ich es lernen. Es war seltsam für mich. Meine Eltern waren verreist und ich musste mich, mit meinen 16 Jahren, um alles kümmern. Nein, meine Eltern waren nicht im Urlaub. Sie mussten geschäftlich verreisen.
Eines Tages ging ich auf den Dachboden, um dort ein wenig Ordnung zu schaffen und alles auszusortieren, was nicht mehr dahin gehörte. Einfach war es nicht, aber es war unvermeidlich. Ich saß mehrere Stunden in der Hitze. Es war ein sehr heißer Sommertag.
Ich hatte meinen CD Player mit hochgenommen und hörte gerade ein Album, welches ich mir vorher erst Neu kaufte (und es noch nicht auf meinen MP3 Player packen konnte). Aufregend war das nicht. Der Dachboden war staubig und voller Spinnweben. Als ob jahrelang niemand hier oben war. Vielleicht war dies ja auch der Fall.
Wie dem auch sei, irgendwann, als die Lust und die Luft sich dem Ende neigte, fiel mir etwas in die Hände. Es war ein Bild eines jungen Mannes. Definitiv nicht mein Großvater, aber es sah relativ alt aus. Auf der Rückseite des Fotos las ich:
'Was wäre wenn …'
Ich verstand nicht, was diese Zeile bedeuten sollte. Packte das Foto aber zu den Sachen, die ich behalten wollte.
Als ich weiter suchte, wurde mir schmerzlich bewusst, welche Bedeutung das Bild für sie hatte.
Er war die Liebe ihres Lebens.
Irgendetwas aber hinderte sie daran zusammen zu kommen oder zu bleiben.
Natürlich sollte ich solche Gedanken nicht haben. Schließlich bin ich nur hier weil Oma damals Opa heiratete.
Wieso sollte dieser Fremde die Liebe ihres Lebens gewesen sein? Man kann sich erneut verlieben, dachte ich zumindest.
Erfahrung hatte ich noch keine darin.
Ich habe ihr Tagebuch gefunden. Darin stand alles. Schon in den ersten Sätzen las ich:

1955
'Niemals werde ich Jack vergessen. Er ist die Liebe meines Lebens. Es ist alles so schwer ohne ihn. Aber wir konnten unmöglich zusammen kommen. Es ging einfach nicht. Er gehörte nicht hierher und ich hätte unmöglich mit ihm gehen können.'

Ich beschloss das Tagebuch mitzunehmen. Es war mir ein Rätsel, was sie da schrieb. Ich entschied mich dafür, den Dachboden zu verlassen und hinaus zu gehen und mich irgendwo in die Sonne zu legen. Meinen tragbaren CD Player nahm ich mit und hörte über Kopfhörer weiter meine Musik.
'Dabei fehlt er mir so unglaublich. Nein, so darf ich nicht denken. Es gehört sich nicht für eine verheiratete Frau', an dieser Stelle stockte ich. Sie war bereits verheiratet.
Da musste mehr hinter stecken, ich spürte es. Ich las weiter:

1955
'Abgesehen von einem Kuss ist nie etwas passiert. Aber dieser Kuss war schon unglaublich. Es war so, als würde ich auf einmal schweben oder mich gänzlich schwerelos in einer anderen Welt befinden. Und irgendwie, so glaube ich, war es das auch.
Er war nicht von hier und er war gewiss nicht das, was ich einen Touristen oder Urlauber oder ähnliches bezeichnen würde.
Als er mich küsste, spürte ich, wie sich die Welt unter mir bewegte. Und auf einmal war alles wie in einem Traum. Womöglich habe ich wirklich nur geträumt.
Er zeigte mir eine Welt, die so völlig anders war, als alles was ich jemals zu Gesicht bekam. Es war mehr als nur surreal.
Jedes Mal, wenn Jack mir in die Augen sah, wurde mir ganz anders. Man konnte sich in seinen Augen verlieren.
Ich schreibe das alles auf um selbst zu verstehen. Ich muss es begreifen, denn sonst verliere ich womöglich doch noch den Verstand.
Es geschah vor Jahren, es fühlt sich allerdings wie ein vollkommen anderes Leben an.'

Im Kindle-Shop: Das magische Armband 1: Das Symbol

Mehr über und von Janine Zachariae auf ihrer Website.



24. Oktober 2016

'Wenn Katzen eine Seele haben' von Kirsten Karneol

Haben Katzen eine Seele? Die Katzen, die uns in diesem Sammelband begegnen, besitzen ganz sicher eine. Sie zeigen uns aus der Katzenperspektive, wie sie neben uns Menschen klug, beherzt und manchmal auch sehr nachdenklich ihre vielen Lebensabenteuer mitten unter uns bewältigen. Dabei halten sie uns Menschen zuweilen sogar einen Spiegel vor.

Das Buch enthält die folgenden, inhaltlich miteinander verbundenen, Katzenerzählungen:

„Sofias Suche“ handelt von der kleinen Katze Sofia, die eines Tages von ihren Menschen im Stich gelassen wird und sich nun in der Katzenwelt zurechtfinden muss. Der kluge Kater Filo hilft ihr dabei. Und zwischen den beiden entwickelt sich bald eine ganz besondere und tiefe Freundschaft.

In „Kleopatra, das Friedenskätzchen“ soll die kleine schneeweiße Katze Kleopatra gegen ihren Willen in den Dienst der Menschen treten. Dabei hat sie schließlich eine ganz wichtige Mission zu erfüllen, die sie bis an ihre Grenzen und weit darüber hinaus bringt.

Gleich lesen: Wenn Katzen eine Seele haben - Sammelband


Leseprobe:
„Fiiilooo! Fiiilooo!“
Ach was für ein ärgerliches Geräusch. Als würde ein rostiger Nagel am Boden eines Blechfutternapfes entlang kratzen ... Sofia versuchte, ihr rechtes und auch ihr linkes Ohr gleichzeitig auf den Boden zu pressen. Erfolglos. Ein Ohr blieb jeweils der lästigen Lärmquelle ausgesetzt.
„Fiiiloooooooooooo!“
Sofia kniff beide Augen ganz fest zusammen.
„Fiiiiiiiiloooooooooooooooooooooooo!“
Aber auch das Zusammenkneifen der Augen half kein bisschen. Sofia öffnete ihr linkes Auge einen winzigen Spalt breit und beobachtete aufmerksam das tanzende Schattenspiel an der weiß gestrichenen Haustür des ihr gegenüberstehenden Hauses. So ließ sich das schreckliche Geschrei wenigstens kurzzeitig ignorieren. Das Schattenbild zeigte die vom Wind bewegten Blätter des großen, alten Kastanienbaumes, welcher an der dem Haus gegenüber liegenden Seite des Gartens stand. Es erschien immer dann auf der Haustür, wenn die allabendlich sinkende Sonne genau auf die Blätter des Baumes fiel.
Nein, Sofia wusste nichts über das Zusammenspiel von Licht und Schatten. Aber ihre Erfahrung hatte sie gelehrt, dass immer, wenn auf der Tür dieses Bild sichtbar wurde, sich genau jene Tür umgehend öffnen würde. Einladend. Verlockend. Und allein ihr galt dann diese Einladung, der sie nur zu gern Folge leistete. Niemand musste sie rufen. Sie wusste schon von selbst, dass jetzt im Hause neben behaglicher Wärme oder Kühle - je nachdem, welche Temperaturen im Freien gerade herrschten - auch ein lecker duftender und reich gefüllter Futternapf auf sie wartete, den sie sorgfältig und bedächtig ausschlecken durfte, bis ihr Magen ausreichend gefüllt war.
Dafür wurde ihr stets die Anerkennung der Hausbewohner zuteil. Sofia verstand nicht, was diese sagten, aber sie spürte, dass es freundliche und lobende Worte waren. Damit kannte sie sich aus. Denn schließlich bewies jeder Tag aufs Neue, dass sie Recht hatte. Stünde denn sonst der randvolle Futternapf täglich wieder am gleichen Platz?
Heute aber war alles anders. So ausgiebig hatte Sofia noch nie das Schattenspiel auf der Haustür beobachten können und allmählich wurde ihr dabei langweilig. Außerdem fühlte sie in der Bauchgegend ein merkwürdig hohles Gefühl, das ihr völlig neu war und das ihr in den Leib hinein zwickte. Sicher hatte sie diesen Schmerz auch früher schon zuweilen gespürt. Doch er verging, sobald sie den ersten Bissen aus ihrem Napf verspeist hatte.
Heute jedoch wurde das missliche Gefühl stärker und stärker und bald protestierte ihr Bauch so laut, dass sie sich ängstlich umschaute. Klang das nicht wie das Knurren des unsympathischen Köters aus dem Nachbarhaus? Aber nein, weit und breit kein Hund in Sicht. Sofia war ganz allein.
Während von hinten ein beinahe frostiger Wind über Sofia hinweg fauchte und ihr das hellrote Fell durcheinander wirbelte, wurde es ihr auf einmal schmerzlich bewusst, dass heute eigentlich alles anders war als bisher. Darüber erschrak sie so sehr, dass sie augenblicklich hochsprang und sich ein-, zweimal im Kreis drehte. Die letzte Drehung machte sie nicht ganz vollständig und legte sich deshalb andersherum wieder auf den Boden, mit dem Rücken zur Tür. Vergessen war der unangenehme Gedanke. Zum Glück!
„Fiiilooooooo ….!“
Ach bitte, nicht schon wieder! Dieses entsetzliche Geräusch! Sofia war der Verzweiflung nahe. In Wirklichkeit handelte es nicht einfach um ein Geräusch, sondern um das Geschrei der Nachbarin, die nach ihrem Kater Filo rief. Das wusste Sofia. Sie war normalerweise geübt darin, Geräusche in gute und schlechte einzuteilen, zumindest wenn es sich um interessante Geräusche handelte. Um die anderen brauchte sie sich schließlich keine großen Gedanken zu machen.
Gut war zum Beispiel das leise Quietschen der Haustür. Es zeigte an, dass sie von draußen ins Warme schlüpfen konnte, sofern sie das wollte. Auch leises Mäusegetrappel war gut. Warum, das verstand sich von selbst. Schlecht war das Gebrumm herannahender Autos. Da musste man um sein Leben rennen. Rostige Nägel, die über Blech kratzten, waren auch schlimm, weil sie in den Ohren schmerzten. Und das laute Gebrüll der Frau von nebenan fand Sofia ganz besonders scheußlich, weil es sich erstens schmerzhaft in die Ohren bohrte und zweitens, weil es drohende Gefahr anzeigte. Noch dazu ließ sich diese Gefahr viel schlechter abschätzen, als die eines heranrasenden Autos. Mit jener Nachbarin war nämlich nicht gut Kirschen essen.
„Fiiiiiiiiiiiiiiiiiiiilooooooooooooooooooooooooooooooo!“
Sofia kam es so vor, als wollte ihr diese Furie von einer Nachbarin die Ohren abreißen. Gleichzeitig verspürte sie einen scharfen Luftzug. Irgendjemand musste soeben an ihr vorbei gerannt sein. Sofia hob ängstlich den Kopf und bemerkte gerade noch, dass das hohe Gras in der Nähe des Kastanienbaumes an einer Stelle viel stärker zitterte als darum herum. Außerdem bewegte sich dort etwas, was farblich nicht zu dem schon herbstlich vertrockneten Gras passte. Beim genaueren Hinsehen erkannte es Sofia ganz deutlich: Dort lugte ein dicker grauer Katzenschwanz hervor, der aufgeregt peitschend hin und her schlängelte.
Im selben Moment tauchten direkt vor Sofias Nase ein paar graubraune, klobige Holzpantoffeln auf. Sofia stieg der muffige Geruch alten Leders in der Nase. Sie erschrak, denn sie wusste natürlich, dass Schuhe nicht einfach ganz alleine umher laufen können. Es gehörte immer jemand dazu, der in diesen Schuhen unterwegs war. Sofia kannte die Person, die in diesen Pantoffeln steckte, nur zu gut. Die Pantoffeln gehörten zu eben jener Nachbarin, die vorhin mit ihrer unangenehmen Stimme nach Filo gerufen hatte.
Sofia machte sich ganz klein. Besser, diese unmögliche Frau bekam sie gar nicht zu Gesicht. Sofias Erlebnisse mit ihr waren nicht die besten. Zu oft schon war, wenn sich die Nachbarin gerade in der Nähe aufgehalten hatte, plötzlich ein Stein an Sofias Kopf oder Schwanz vorbeigezischt oder hatte sie gar am Fell gestreift. Wie schon gesagt: Mit der war ganz und gar nicht zu spaßen.
Doch schon hatte die Nachbarin Sofia am Boden entdeckt und brummte etwas Unfreundliches, Beleidigendes. Es klang so ähnlich wie: „Du dreckiges, hässliches Katzenvieh. Dir sollte man den Hals rumdrehen!“
Sofia erfasste nicht den Sinn der Worte. Der Tonfall allein verriet ihr, dass diese Frau nichts Gutes im Schilde führte. Sofia wünschte sich inständig, sie könne unsichtbar werden und presste die Augen ganz fest zusammen. Ein Glück, die grässliche Frau war verschwunden. Sofia fühlte sich in sich selbst geborgen.
Erst nach einer scheinbar endlosen Zeit wagte Sofia es, ein Auge sehr behutsam halb zu öffnen. Vorsichtig blinzelte sie ins Licht, öffnete dann auch das zweite Auge, schloss beide Augen wieder, öffnete sie erneut … und blickte geradewegs in zwei leuchtend grüne Katzenaugen. Diese Augen sahen fast ebenso grün aus wie ihre eigenen Augen, vielleicht ein wenig dunkler. Aber Sofia kannte die Farbe ihrer Augen nicht. Daher konnte sie solche Vergleiche auch nicht anstellen. Jedenfalls funkelten diese grünen Augen direkt aus dem Gesicht eines prächtigen, silbergrau getigerten Katers, der direkt vor ihr Platz genommen hatte und sie nun unverwandt und ernsthaft anschaute. Sofia wusste sofort, dass es sich dabei um den Kater aus dem Nachbarhaus handelte. Dass er Filo hieß, wusste sie erst seit vorhin. Die Nachbarin hatte schließlich laut genug nach ihm gerufen ...

Im Kindle-Shop: Wenn Katzen eine Seele haben - Sammelband


Mehr über und von Kirsten Karneol auf ihrer Website.



'Michael Lindqvist: In einer dunklen Nacht' von Jo Hess

Band 2: Da Michael Lindqvist wieder von Albträumen heimgesucht wird und sein Leben nicht mehr auf die Reihe bekommt, kehrt er zu Henry Cavill zurück. Erneut berichtet er dem Priester von den schrecklichen Ereignissen in Wolfenegg. Doch auch Henry Cavill verbirgt ein großes Geheimnis. Um Michael zu helfen, muss er dieses Geheimnis offenbaren.

Die Horror-Serie {ML}
Michael Lindqvist {ML} ist ein Student, der sich nach einem tragischen Schicksalsschlag dazu entschließt, neben seinem Studium Monster zu jagen. Die Buchserie ist in einzelne, jeweils in sich abgeschlossene Geschichten unterteilt. Nebenher existiert ein fortlaufender Handlungsstrang, der sich durch alle Bände zieht. Dabei geht es um die Jagd nach dem Werwolf Karsten Berghoff, dem Michael im ersten Band begegnet. Michael kämpft gegen klassische Monster wie Werwölfe, Vampire, Geister und Dämonen. Jedoch wird es in den folgenden Teilen auch unterschiedliche Figuren aus Legenden oder eigene Erfindungen des Autoren geben.

Gleich lesen:
Für Kindle: Michael Lindqvist: In einer dunklen Nacht - Band 2 {ML}
Für Tolino: Buch bei Thalia

Leseprobe:
März 2015
Erinnerungen
Murrend stapfte ich durch den Schnee zu meinem Wagen, den ich glücklicherweise gestern Abend mit einer Plane zugedeckt hatte, bevor der Schneefall einsetzte. Ich fragte mich, warum es im Dezember immer zu warm für Schnee war und dann im Januar, wenn man schon auf den Frühling wartete, die ganze Schose herunterkam. Mein Handy klingelte. Ich schüttelte die Plane aus, steckte sie in den Kofferraum und hüpfte in das Auto, bevor ich ranging.
„Hallo, Michael“, hörte ich Pater Henrys angenehme Stimme, bei der sich mein Magen jedoch augenblicklich verkrampfte. Ich wusste genau, warum er mich anrief.
„Hallo, Pater. Wie geht es ihnen?“
„Mir geht es ganz ausgezeichnet. Wie geht es dir? Ich hatte dich bereits letzten Monat zurück erwartet. Ich war mir sicher, du wolltest mir noch etwas erzählen.“
Genau wie ich es mir gedacht hatte. Natürlich war ihm klar gewesen, dass ich ihm nicht die ganze Geschichte erzählt habe, als ich zuletzt im Februar bei ihm gewesen war. Es hatte mir gut getan, endlich jemandem von all den schlimmen Vorfällen zu berichten, die mir und meinen Freunden letztes Jahr in Wolfenegg widerfahren waren. Jedoch hatte ich es nur geschafft, dem Pater die Hälfte von dem zu erzählen, was geschehen war. Die wirklich schlimmen Dingen hatte ich verschwiegen. Natürlich war ihm das klar gewesen, als ich mich von ihm verabschiedete, da ich ihm anfänglich mehrere Morde gebeichtet hatte. Und in dem Teil der Vorkommnisse, die ich ihm geschildert hatte, war zwar ein kleiner Junge schwer verletzt worden, jedoch kein offensichtlicher Mord geschehen. Da Pater Henry mich von Kindesbeinen an kannte, machte er sich Sorgen um mein Wohlbefinden. Ich wusste, er würde nicht nachgeben, bevor ich ihm alles erzählt hatte.
„Ich bin auf dem Weg zu Konstantin und Korbinian. Kann ich heute Abend bei ihnen vorbeikommen?“
„Du bist jederzeit willkommen, Michael. Heute Abend um sieben findet der Gottesdienst statt, das weißt du sicher noch, als ehemaliger Messdiener. Ansonsten findest du mich in meinem Büro.“
„Vielen Dank, Pater. Ich werde da sein.“
Wir verabschiedeten uns und ich steckte mein Handy wieder ein. Mein Herz schlug heftig in meiner Brust und trotz der Kälte lief mir Schweiß unter den Achseln hervor. Ich legte meinen Kopf gegen das Lenkrad, schloss die Augen und atmete tief durch.
Gleich nachdem ich das letzte Mal mit Henry gesprochen hatte, war es mir für einige Zeit viel besser gegangen. Die Albträume waren seltener geworden und ich konnte sogar einige Nächte durchschlafen. Für eine Weile war es mir gelungen, nicht den ganzen Tag daran zu denken, was im vorigen Sommer geschehen war. Seit letzter Woche waren die Erinnerungen wieder zurück. Sie drängten sich mir in den unpassendsten Momenten auf und ließen mich oft wie einen Psychopathen wirken. Wie etwa gestern im Café, als mit einem Mal ein Hund neben mir auftauchte. Der Geruch seines nassen Fells war mir schon in die Nase gestochen, bevor ich ihn überhaupt gesehen hatte. Gleichzeitig berührte er mich am Hosenbein und ich war schreiend aufgesprungen, wobei ich den Kaffee über meine Sitznachbarin verschüttete. Woher sollten die Leute wissen, dass in meinen Gedanken eine reissende Bestie neben mir aufgetaucht war, anstelle eines schwanzwedelnden Labradors?
Es war, als hätte Pater Henry meine Lage erraten. Sein Anruf hätte gar nicht passender kommen können. Mein Handy klingelte erneut und riss mich aus meinen Gedanken.
„Hallo?“
„Michael, ich bin es, Konstantin. Du, Korbinian schläft jetzt. Der Pfleger musste ihm eine Spritze geben. Er war unruhig heute. Es hat keinen Sinn wenn du her kommst. Der Pfleger meint, Korbi wird bis abends ausgeknipst sein.“
„Oh, alles klar. Dann seh ich morgen nach ihm. Treffen wir uns jetzt?“
„Nee, du, ich hab gleich ein Date. Eventuell später, okay?“
„Ein Date? Seit wann hast du Dates?“
„Halt die Klappe, du Penner. Ich melde mich später.“
Mein Cousin beendete das Telefonat und ich starrte verdutzt auf mein Handy. Seit sein Zwillingsbruder in der Klinik lag, hatte Konstantin praktisch aufgehört zu leben. Und jetzt ging er zu einem Date. Ich freute mich für ihn. Nur was sollte ich mit dem restlichen Tag anfangen? Ich selbst war mit keinem Mädchen mehr zusammen gewesen, seit ich mit Emma geschlafen hatte.
Ich rief erneut bei Henry an und fragte, ob ich sofort vorbeikommen könne. Er hatte nichts dagegen und ohne zu zögern, fuhr ich los.

März 2015
Das Gespräch
„Lass mich noch einmal zusammenfassen, was du mir letzten Monat erzählt hast.
Dein Bruder Nick, sein bester Freund Ben, dessen Freundin Emma und du, ihr habt zusammen einen Ausflug gemacht. Dabei habt ihr euch irgendwann wegen eines Umleitungsschildes verfahren, das euch vom Hauptweg fortgelockt hat. Ihr seid stundenlang zwischen Feldern und Wäldern im Nebel umhergeirrt, wo es kein Mobilfunknetz gab, bis euch ein kleiner Junge vor das Auto lief. Mit dem schwer verletzten Kind seid ihr weitergefahren und schließlich in Wolfenegg bei einer Tankstelle gelandet. Der Eigentümer der Tankstelle, Karsten Berghoff, war ein Werwolf, der Ben verletzte und Emma entführte. Außerdem habt ihr ihm den Jungen überlassen, da ihr anfangs nicht wusstet, was für eine Bestie in ihm schlummert. Ihr seid aus dem Dorf geflohen, und kurze Zeit später wieder zurückgekommen, um nach Emma und dem Jungen zu suchen. Als ihr festgestellt habt, dass weder Polizei noch eure Familie euch glauben, habt ihr es aufgegeben, nach den Vermissten zu suchen. Daraufhin ist Ben ins Ausland verschwunden und dein Bruder und du habt versucht, wieder in euer normales Leben zurückzufinden.“
Ich nickte und trank einen Schluck von dem heißen Kakao, den mir Pater Henry gemacht hatte. Erneut saßen wir in seinem Büro, in dem ich ihm im letzten Monat genau diesen Teil der Geschehnisse geschildert hatte.
„Ihr seid dann noch einmal nach Wolfenegg zurückgefahren, nicht wahr?“
„So ungefähr, Pater. Am besten ich fange mit meinen Cousins an. Sie sind vom Alter her genau zwischen mir und Nick. Die beiden sind die Kinder der Schwester meines Vaters und oft bei uns zu Besuch. Sie sind extrem gut aussehend, sehr intelligent und talentiert in allem, was sie anfangen. Jeder liebt sie. Nick und ich waren manchmal neidisch gewesen auf die Zwillinge. Aber man musste sie gern haben, auch wenn ihre Perfektion einen krank machte.
Sie erinnern sich, dass mein Onkel, Konstantins und Korbinians Dad, uns die Wohnung kaufte, und wir alle zusammengezogen sind?“

Im Kindle-Shop: Michael Lindqvist: In einer dunklen Nacht - Band 2 {ML}
Für Tolino: Buch bei Thalia

Mehr über und von Jo Hess auf seiner Website zur Horror-Serie {ML}.



22. Oktober 2016

'Neun Monate' von Jaqueline Spexard

"Was ist nur los mit ihr? Ständig antwortet sie nur mit 'nichts'!" Chris merkt, dass Zoe, seine Freundin, sich nicht wohl fühlt. Doch Zoe verrät nicht ihr wahres Problem, stattdessen holt sie nur ihre attraktive Freundin Teresa in die gemeinsame Wohnung. Ein Spiel aus Lügen, Intrigen und Machenschaften beginnt. Jede Figur glaubt das Schicksal auf ihrer Seite zu haben ...

Eine Geschichte mit Wendungen und überraschendem Ausgang. Nichts ist wie es scheint ...

Die Kurzgeschichte spielt in Berlin und in den Köpfen der drei Figuren. Sie regt zum Nachdenken an und zeigt auf, wozu Menschen fähig sind. Lassen Sie sich entführen in die Welt dreier Liebender, die glauben alles richtig zu machen und dadurch nur alles verschlimmern.

Lesermeinung: "Wie in einem guten Krimi weiß man bis zum Schluss nicht, was wirklich passiert. Spannung pur!"

Gleich lesen: Neun Monate

Leseprobe:
Was ist nur los mit ihr? In letzter Zeit hat sie diesen nachdenklichen Blick. Immer mal wieder. Ich hasst es, wenn Frauen das haben. Wenn ich sie dann frage was los ist, kommt das obligatorische "Nichts".
Machen wir doch einfach mal den Test. Ich frage vorsichtig: "Ist alles gut Zoe, Schatz?"
Sie schaut immer noch nachdenklich. Hat mich nicht gehört. Hm..., wir haben es hier wohl mit einem schwereren Fall als sonst zu tun. Ich frage noch mal: "Schatz?"
Endlich sagt sie: "Ja?!"
"Was hast du Schatz? Was ist los?", frage ich erneut.
Sie schaut aus ihren Gedanken erwachend auf. Irgendwie wirkt sie aufgewühlt, doch überdeckt sie es mit einem schiefen Lächeln. Endlich sagt sie: "Nichts. Es ist nichts."
Bingo! Da haben wir es. Als Mann habe ich jetzt zwei Möglichkeiten: Entweder nehme ich ihr "Nichts" an und warte 5 bis maximal 24 Stunden. In dieser Zeit wird sie sich leise wie ein Luftballon im Chemieunterricht mit Wasserstoffgas füllen. Eine gefährliche Situation. Denn ohne es zu wissen, werde ich die kleine Flamme sein, die alles zur Explosion bringen wird, wenn ich nämlich ungewollt in dieser Zeit wieder etwas "Falsches" tue oder sage. Die Explosion wird dann immens. Gerade zu atombombengleich. Natürlich gelten auch hier die physikalischen Gesetze. Umso länger die Wartezeit, umso schlimmer dei Explosion.
Selbstverständlich habe ich noch die Option zwei. Diese verlangt eine gewisse Ausdauer und das Akzeptieren, dass die Wissenschaft viel Phänomene noch nicht erklären kann. Oder besser gesagt: das Denken einer Frau noch nicht erklären kann. Bei dieser Option entscheidet der Mann sich dafür bis um Umfallen nach dem Grund für das "Nichts" zu fragen. Diese Methode führt zu einem schnelleren Ergebnis, doch leider bleibt die Explosion nicht aus. Sie ist wie das Amen in der Kirche schon garantiert. Allerdings fallen diese Explosionen meist deutlich schwächer aus, denn die Auffüllzeit wird hier auf maximal 1-3 Stunden minimiert. Die Anstrengung des Fragens ist jedoch purer Stress für mich und daher nicht unbedingt angenehmer.
Bringen wir es also auf den Punkt: In maximal 24 Stunden werden wir uns streiten. Da aber in ziemlich genau 23 Stunden das Finalspiel der Champions-League auf dem Plan steht und ich dieses Spiel einfach nicht verpassen möchte, entscheide ich mich für Option zwei.
Los geht's... Ich hole tief Luft, um Zoe geduldig Löcher in den Bauch zu fragen. Doch plötzlich schaut sie mich an. Sie sieht aus, als hätte sie etwas entschieden. Kommt auf mich zu. Umarmt mich. Schaut mir sehr tief in die Augen und spricht:
"Chris, Lieblind, ich muss noch einige Sachen für Paris kaufen. Du weißt ja: aus so einer französischen Vernissage muss man auch französisch wirken, sonst wird man nicht ernst genommen.", sie lacht.
"Achso... bevor ich es vergesse, wenn ich aus Paris wiederkomme, holen wir gleich Teresa vom Bahnhof ab. Sie kommt uns besuchen und bleibt für 3 Monate. Ich werde ihr gleich mal das Bett im Gästezimmer einrichten. Ich hoffe, das ist ok für dich?"
Äh... wie jetzt? Mein Kopf muss diese Information erst einmal verarbeiten. Wie Teresa? Reden wir von der Teresa, der besten, braunhaarigen Freundin von Zoe? Die Teresa, die eine Figur hat, die einfach jeden Mann in Wallung bringt? Die Teresa, - halb Polin, halb Kubanerin - die kurz gesagt einfach nur rassig ist? Diese Information allein entfacht in mir eine Dynamit-Zündschnur. Gerade jetzt soll sie kommen. Jetzt, wo Zoe in letzter Zeit schlecht gelaunt ist und wir im Bett eine leichte Flaute haben?
Eines ist sicher. Ich liebe meine Freundin. Ich bin stolz sie vorzuzeigen, denn sie ist nicht nur hübsch. Sie ist auch eine starke und intelligente Frau. Eine Künstlerin, die sich in der Szene einen Namen gemacht hat. Oft in den Medien betitelt als: "Blonder Engel: Zoe Arden!" Das ist sie auch. Eine starke Persönlichkeit, die weiß was sie will und hinter ihrem Mann steht, also mir. Mit ihr kann ich lachen und einfach nur ich sein. Das Schicksal muss es gut mir mir meinen: Sie ist die Frau, die ich heiraten und mit der ich Kinder zeugen werde.
"Warum soll Teresa hier wohnen? Die ist doch Ärztin. Gibt es in Berlin keine Hotels mehr oder was?, frage ich schließlich.
"Es ist doch schöner, wenn sie bei Freunden wohnen kann."
"Aber was wird sie denn hier machen? Du weißt doch, dass ich jetzt die Projektphase vorbereite. Gerade für diesen Kunden wird die Unternehmensberatung stressig. Ich werde meine Ruhe brauchen.", erwidere ich, um hoffentlich doch noch die Gefahr abzuwenden.

Im Kindle-Shop: Neun Monate

Mehr über und von Jaqueline Spexard auf ihrer Website.



21. Oktober 2016

'Sterbenswort' von Siegfried Langer

Zum wiederholten Male dringt jemand in Kathrins Abwesenheit in ihre Wohnung ein. Panik klettert in der jungen Mutter hoch. Als dann noch ihre Tochter im Kindergarten von Kathrins totgeglaubtem Ex-Mitbewohner angesprochen wird, ahnt sie, dass etwas Schreckliches bevorsteht. Wird die tragische Entscheidung, die sie und ihre Freunde damals in der WG getroffen haben, sie nun einholen?

Getrieben von Schuld und Rache beginnt ein dramatischer Wettlauf mit der Zeit, und zum ersten Mal in ihrem Leben muss sie die Kontrolle abgeben …

Gleich lesen: Sterbenswort

Leseprobe:
Damals
Heinrich und Thomas stützten Erik. Zu beiden Seiten seines leblosen Körpers hatten sie sich untergehakt. So schien es, als liefe der tote Freund zwischen ihnen. Eriks Kopf baumelte kraftlos nach vorn, seine Füße schleiften leicht über den schneebedeckten Bürgersteig. Für einen zufällig Vorübergehenden mochte es aussehen, als führten zwei Männer einen Betrunkenen mit sich. Dunkelheit und dichtes Schneetreiben verhinderten, dass die merkwürdige Truppe, die sich die Warschauer Straße entlangbewegte, genauer hätte inspiziert werden können.
Kathrin führte die Gruppe an. Sie wusste, dass Amelie den Männern in der gleichen Langsamkeit folgte. Doch die Sicht war so schlecht, dass sie ihre Freundin nicht mehr erkennen konnte. Eriks beigefarbener Trenchcoat zog ihren Blick auf sich, dann wandte sie sich beschämt ab und blickte wieder nach vorn. Ihre Tränen unterdrückte sie. Sie musste stark bleiben.
Eine Stimme riss sie aus ihren Gedanken.
»Na, komm. Das wird schon wieder. Wir bringen dich nach Hause.«
Heinrich war es, der gesprochen hatte, und Kathrin entdeckte auch die Ursache dafür: Ein junger Mann ging an ihnen vorüber. Seine grasgrüne, mit Schnee bedeckte Sweatshirtkapuze hatte er tief ins Gesicht gezogen. Er beachtete die fünf Freunde gar nicht.
Die Straße führte stetig bergauf. An der höchsten Stelle wartete der Zielpunkt auf die Freunde: die Warschauer Brücke.
Ein starker Windstoß versuchte, Einfluss zu nehmen auf das schändliche Tun. Mit kalter Schärfe drückte er gegen Kathrins Gesicht und presste die letzte Wärme aus ihm. Ihren Körper jedoch stemmte sie gegen den Widerstand; sie schritt unbeirrt weiter, so wie die Freunde hinter ihr.
»Vorsicht!«, warnte sie, als sich die Schemen vor ihr in Menschen verwandelten.
Sie stoppte, drehte sich erneut um.
Heinrich und Thomas wurden langsamer, gingen ein Stück nach links und hielten ebenfalls an. Amelie tauchte aus der Dunkelheit auf.
Schon hörte sie lautes Lachen. Mehrere Menschen näherten sich. Sie unterhielten sich, machten Scherze, kümmerten sich weder um das Schneetreiben noch um die Leute, die sie passierten.
Dann waren die Fremden vorüber.
Die stumme Prozession setzte ihren Weg fort.
Anstatt in Kürze anzuhalten, wäre Kathrin lieber weitergegangen. Denn an ihrem Ziel erwartete sie die Konsequenz aus der gemeinsamen Entscheidung. Immer weiterzugehen und die Konsequenz bis in alle Ewigkeit hinauszuschieben, erschien ihr erträglicher.
Doch die Umstände erforderten es, zu handeln.
Entschlossen ballte sie die rechte Hand, die in einem schwarzen Lederhandschuh steckte, zu einer Faust.
Es existierte keine Alternative, als die Sache nun zu Ende zu bringen.
Warschauer Brücke.
Endstation.
Kathrin legte ihre Hände aufs Brückengeländer. Sie stützte sich ab und sah nach unten.
Heinrich und Thomas hielten ebenfalls an. Kathrin hörte die beiden laut schnaufen, als sie Eriks Körper gegen das Geländer lehnten.
Schwitzten die beiden?
Trotz der Eiseskälte?
Ihre Wangen schienen gerötet. Kathrin sah zu Erik. Seine Gesichtsfarbe konnte sie nicht erkennen, da der Oberkörper über das Geländer hing. Hätten Heinrich und Thomas ihn nicht nach wie vor festgehalten, wäre er wohl ganz von selbst nach unten auf die Gleise gefallen.
Kreidebleich war es inzwischen sicherlich, Eriks Gesicht. Kathrin brauchte es nicht zu sehen.
»Okay. Da wären wir«, sagte Heinrich.
Keiner antwortete.
Kathrin hörte, wie eine S-Bahn unter ihnen anfuhr. Sie verließ den Bahnhof Warschauer Straße in Richtung des Bahnhofs, der seit Kurzem wieder Ostbahnhof hieß.
Kathrin sah der Reihe nach in die Gesichter ihrer Freunde. Während Heinrich ihrem Blick auswich, schien Thomas durch sie hindurchzusehen und wirkte wie in Trance.
Lediglich Amelie hielt ihrer Musterung stand. Über ihre vor Kälte geröteten Wangen rannen Tränen.
Sie litt am meisten, sie hatte ihre große Liebe verloren.
Amelie nickte Kathrin sachte zu. Die Kopfbewegung glich einer Bestätigung: Alles sei so in Ordnung, wie es ablief.
Doch Kathrin wusste, dass für Amelie nichts mehr in Ordnung war, gar nichts.
Sie nickte zurück.
Erneut ging jemand – gegen das Wetter kämpfend – vorüber. Ein älterer Herr, den Kragen seines edlen Mantels nach oben geschlagen.
Kathrin erschrak, denn er sah zu ihnen herüber.
Heinrich reagierte prompt und drehte sich zu Erik.
»Ja, einfach raus damit. Danach wird es dir sicher besser gehen.«
Welche Stiche mochte das in Amelies Herz verursachen?
Der ältere Herr wandte den Blick wieder ab und setzte seinen Weg fort.
Schon war er im Schneetreiben verschwunden.
»Ob er was gemerkt hat?«, fragte Thomas leise.
»Glaube nicht«, meinte Heinrich. »Sind wir überhaupt an der richtigen Stelle?«
Wie zur Bestätigung näherten sich aus der Ferne Lichter. Schnell war zu erkennen, dass diese zu einem Regionalexpress gehörten, nicht zu einer S-Bahn.
Kein Bremsen am Bahnhof Warschauer Straße, der Zug verlangsamte nur für seinen nächsten Halt am Ostbahnhof.
»Jetzt!«, sagte Kathrin, doch die beiden Freunde zögerten.
»Zu spät«, entgegnete Heinrich. »Wir warten auf den nächsten.«
Thomas zitterte.
»Stehst du das durch, Thomas?«, fragte Kathrin.
»Denke schon.«
Der Klang von Thomas’ Stimme signalisierte das Gegenteil.
»Wenigstens wissen wir nun, dass wir an der richtigen Stelle stehen. Wir werden es gemeinsam tun. Amelie, wir fassen mit an, sobald der nächste Zug kommt.«
Amelie schien sich wehren zu wollen, doch im Moment erforderte es weniger Kraft, einfach das zu tun, was man ihr sagte.
Wieder nickte sie.
Dankbar registrierte Kathrin, dass ihre eigenen Gefühle immer mehr abstumpften. Die Minusgrade schufen eine Taubheit, die von Trauer und Schuld ablenkten.
So standen sie da, die vier. Ihr Freund war tot.
Lange Minuten vergingen.
Einsame Nachtstreuner, feierndes Partyvolk und Betrunkene, die vorüberkamen. Niemand schöpfte Verdacht.
Lichter näherten sich aus der Ferne, sie wurden langsamer: ein Regionalexpress.
»Amelie, du packst ihn auch unten an der Hose.«
Kathrin bückte sich bereits, griff mit einer Hand nach Eriks Hosensaum, mit der anderen nach seiner Wade.
Amelie folgte ihrem Beispiel.
»Ich gebe das Kommando«, sagte Heinrich.
Kathrin schloss die Augen, wartete.
»Jetzt.«
Mit einem Ruck zog sie Eriks Bein nach oben.
Es war viel, viel einfacher, als sie befürchtet hatte. Kaum hatte sie angehoben, zog Eriks Eigengewicht ihn auch schon übers Geländer und nach unten.
Mit dem dumpfen Geräusch, das der Körper beim Auftreffen verursachte, begriff sie, dass Hinsehen besser für sie gewesen wäre.
Denn mit einem Mal tobten Bilder in ihr.
Erik, der in der Dunkelheit verschwand.
Erik, der vor dem Zug zu Boden ging und dann von den Rädern des Zugs zerhackt und zermalmt wurde.
Erik, der direkt auf die Frontscheibe knallte.
Erik, der zwischen Waggons geriet und mitgeschleift wurde.
Körperteile.
Blut.
Ein Gesicht, das nicht mehr als Eriks Gesicht erkennbar war.
Bilder, die nie mehr verschwinden sollten.

Im Kindle-Shop: Sterbenswort

Mehr über und von Siegfried Langer auf seiner Website.



'Hoffnungsschimmer (Alles wird gut ... 4) ' von Heidi Dahlsen

Der Alltag mit seinen Höhen und Tiefen hält für Oliver, Christine, Lydia und Jutta weiterhin einige Überraschungen bereit.

Ihre Wünsche gehen in Erfüllung, so manches Mal jedoch ganz anders als erwartet. Sie tragen es dennoch mit Humor und sind sich sicher: wenn man ab und zu über seinen eigenen Schatten springt, kann man Vieles erreichen. Immer noch handeln sie nach dem Motto: `Gemeinsam haut uns nichts so schnell um´ und stehen sich in allen Lebenslagen bei.

Dieses Buch ist die Fortsetzung von „Alles wird gut“, „Ein Hauch Zufriedenheit“ und „Gefühlslooping“. „Hoffnungsschimmer“ ist der vierte und … voraussichtlich ;-) … letzte Band der Serie "Alles wird gut ...".

Gleich lesen: Hoffnungsschimmer (Alles wird gut ... 4)


Leseprobe:
„Was ist nun schon wieder mit Jenny los?“, fragt Jutta kopfschüttelnd. „Wieso kommt sie nicht wie abgesprochen gleich nach der Schule nach Hause?“
„Sie hat einen neuen Freund“, antwortet Janek und ist augenblicklich sauer auf sich selbst, weil er wieder einmal den Mund nicht halten konnte.
„Was?!?“, ruft Jutta aus. „Das fehlt uns gerade noch. Wieso weiß ich wieder nichts davon? Weißt du schon Genaueres?“ Janek zuckt mit den Schultern. „Los, raus damit!“, fordert Jutta ihn auf weiterzusprechen.
Er schaut seinen Vater hilfesuchend an.
„Lass gut sein, Jutta“, antwortet Markus für seinen Sohn. „Vielleicht hat sich die Freundschaft mit diesem Jungen auch bald wieder erledigt. Also musst du dich gar nicht erst aufregen. Beruhige dich. Denk an das Baby.“
„An das denke ich unaufhörlich, weil es mich ständig mit kräftigen Fußtritten an seine Anwesenheit erinnert.“
„Ich würde dir die Schwangerschaft gern abnehmen“, bietet Markus lächelnd an und streichelt ihr sanft über den Bauch.
„Lenk nicht ab. Ich möchte endlich über meine Tochter und deren Umgang Bescheid wissen. Warum erfahre ich nie etwas?“ Erst jetzt bemerkt sie, dass Janek den Raum verlassen hat. Sie seufzt. „Warum kann meine Tochter nicht so vernünftig sein, wie dein Sohn? Immerhin sind sie gleichaltrig und beide in der Pubertät. Ich dachte, wenn wir zusammenwohnen, dann wirkt sich Janeks Vernunft wenigstens etwas auf Jenny aus. Aber Pusteblume.“
Bevor Markus etwas erwidern kann, wird die Haustür aufgerissen und Jenny kommt hereingestürmt. Im Schlepptau hat sie einen jungen Mann.
„Wir gehen in mein Zimmer.“ Sie hebt eine Hand und zeigt mit dem Daumen hinter sich. „Das ist Albert.“
Der Junge macht einen Schritt nach vorn, grinst Jutta und Markus verlegen an und nickt zur Begrüßung leicht mit dem Kopf. Da Jenny ihn unsanft zur Treppe zieht, kommt er etwas ins Straucheln und es bleibt ihm nichts weiter übrig, als hinter ihr her zu stolpern.
Jutta glaubt, ihren Augen nicht zu trauen. Bevor sie jedoch etwas äußern kann, sind die beiden verschwunden. Sie plustert ihre Wangen auf.
Markus grinst. „Schatz, reg dich bitte nicht auf. Gib ihm eine Chance. Das ist heute modern.“
„Hast du das gesehen? Er sieht aus, als wäre er eben einer Geisterbahn entsprungen. Was sollen die Leute sagen, wenn er öfter hier ein und aus geht?“
„Man sollte einen Menschen nie nach Äußerlichkeiten beurteilen“, sagt Markus.
„Das mache ich sonst nicht, aber hier ist es doch offensichtlich. Ein schwarzer Ledermantel, schwarze Stiefel mit Spinnennetzen darauf, eine Kopfseite geschoren, die andere zieren lange schwarze Haare, ganz abgesehen von dem vielen Metall im Gesicht und an den Ohren. Das färbt doch auf die Seele ab.“
„Gib ihm eine Chance.“
„Das wird mir schwer fallen.“
„Ich bin dann mal weg“, sagt Janek leise und hofft, dass ihn niemand hört, damit ihm weitere Fragen erspart bleiben.
„Janek!“, ruft Jutta. Sie geht zu ihm, damit er ihr nicht wieder entwischt. Er verdreht die Augen und schaut sie etwas genervt an. „Bitte erzähle mir, was mit diesem Albert los ist“, fordert sie ihn auf.
„Was soll denn mit ihm los sein?“, fragt er scheinheilig.
„Du weißt genau, was ich meine.“
Markus stellt sich hinter Jutta, legt sein Kinn auf ihre Schulter und beide Hände auf ihren Bauch, um das Baby darin zu beruhigen. Er zwinkert seinem Sohn aufmunternd zu.
„Warum kannst du nicht einmal etwas mit Jenny allein klären?“, fragt Janek. „Sie erzählt mir in letzter Zeit fast gar nichts mehr, nur weil sie weiß, dass ich deiner Neugier immer wieder nachgebe.“
„Das ist keine Neugier“, sagt Jutta empört. „Das ist … äh … hmmm“, sie überlegt angestrengt, bevor sie weiterspricht. „Ich bin schließlich ihre Mutter und für sie verantwortlich.“
„Ich muss jetzt los“, sagt Janek. „Sonst komme ich zu spät zum Training.“
Markus signalisiert ihm mit einem leichten Kopfnicken, dass er gehen kann. Janek schnappt sich seine Tasche und ist umgehend verschwunden.
„Komm, Jutta. Du legst dich jetzt hin. Denk daran, was der Arzt gesagt hat“, erinnert Markus sie. „Du sollst die Aufregung in Grenzen halten, egal wie schlimm es kommt. Ich koche dir einen Tee.“
Er kann es kaum erwarten, dass seine Eltern aus dem Urlaub zurückkommen und seine Mutter Jenny wieder unter ihre Fittiche nimmt. Sie ist die einzige, die an das junge Mädchen herankommt. Dass Pubertät so schlimme Auswirkungen haben kann, hätte er nie gedacht, denn sein gleichaltriger Sohn ist im Gegensatz zu Jenny regelrecht friedlich und umgänglich.
„Na, was nicht ist kann noch kommen“, denkt er und schickt ein Stoßgebet in Richtung Himmel. „Hoffentlich nicht." ...

Im Kindle-Shop: Hoffnungsschimmer (Alles wird gut ... 4)

Mehr über und von Heidi Dahlsen auf ihrer Website.



20. Oktober 2016

'Glücksfaserrisse' von Gabriele Popma

Bewährungsprobe für eine große Liebe.

Das friedliche Leben von Corinna und Sandie wird plötzlich bedroht. Ein unsichtbarer Feind macht Sandie, der seit einem Unfall im Rollstuhl sitzt, mit perfiden Anschlägen das Leben schwer. Ein offenes Ohr findet er bei einer neuen Kollegin, während Corinna einen attraktiven Mann kennenlernt, der eindeutiges Interesse an ihr signalisiert.

Unterdessen verliebt sich ihr Sohn Gerry mitten im Abiturstress in eine Mitschülerin. Die Beziehung erweist sich aber als ungeahnt kompliziert. Große Sorgen macht er sich zudem um einen Freund, der dem Leben nicht mehr gewachsen zu sein scheint. Kann er ihn retten?

Und dann taucht auch noch Corinnas Ex-Ehemann wieder auf ...

Gleich lesen: Glücksfaserrisse

Leseprobe:
„Jetzt komm schon in die Hufe, Junge. Das Layout muss heute noch raus. Wenn du dich nicht beeilst, schaffen wir es nie rechtzeitig zur Feier.“
Sandie sah von seinem Computer auf, um seinem Kollegen Dieter einen kurzen Blick zuzuwerfen. Er war noch müde von dem langen Abend zuvor und hätte den Empfang nach der Arbeit am liebsten geschwänzt. Doch Frau Hahn hatte alle Mitarbeiter persönlich eingeladen und er fand keinen plausiblen Grund, um jetzt noch abzusagen.
„Ich hätte nichts dagegen, wenn ich hier noch so lange beschäftigt wäre, dass ich das ganze Getue verpasse“, grunzte er unwillig.
„So ein Unsinn“, widersprach Dieter. „Ich habe vorhin gesehen, welche Köstlichkeiten dafür angekarrt wurden. Das gibt ein Festessen, sage ich dir.“ Er leckte sich genüsslich über die Lippen.
Sandie grinste. Dieter hatte sich besonders fein gemacht. Er trug eine graue Hose und ein schickes Sakko. Am Morgen war er sogar mit Krawatte erschienen, die er jedoch abgelegt hatte, als Sandie bei seinem Anblick laut herausgeprustet war. Er selbst hatte widerwillig Corinnas Drängen nachgegeben, wenigstens ein weißes Hemd anzuziehen. Die Leinenhose, die sie ihm herausgelegt hatte, hatte er allerdings verschmäht und sich stattdessen für eine schwarze Jeans entschieden. Es waren nun mal seine Lieblingshosen und bei der Arbeit am praktischsten. Er musste schon höllisch auf das weiße Hemd aufpassen. Feixend dachte er an Corinnas Gesichtsausdruck, als sie entdeckt hatte, dass er ein rotes T-Shirt darunter angezogen hatte. Er konnte von Glück sagen, dass sie ihm seine Klamotten nicht um die Ohren geschlagen hatte. Aber sie hatte keine Ruhe gegeben, bis er wenigstens das T-Shirt gegen ein weißes eingetauscht hatte.
Er schob sich von der Tischkante zurück. „Wir haben ja noch fast zwei Stunden Zeit“, beschwichtigte er seinen Kollegen. „Das reicht locker für das Layout. Ich hole mir erst mal einen Kaffee, sonst schlafe ich hier noch ein.“
Sandie machte sich auf den Weg zur Kantine, in der ständig frischer Kaffee für die Mitarbeiter bereitstand. Wie immer umfasste er die Ecksäule vor dem Eingang in den großen Raum mit der Hand und drehte sich mit Schwung um sie herum. Allerdings kam ihm dieses Mal jemand entgegen. Sandie sah nur einen vagen Schatten, war jedoch geistesgegenwärtig genug, seinen Rollstuhl mit einem schnellen Griff in die Greifräder zu stoppen. Trotzdem konnte er nicht verhindern, dass eine schlanke, ihm unbekannte Frau fast auf seinem Schoß landete. Sie bewahrte in letzter Sekunde ihr Gleichgewicht, doch den Becher Kaffee, den sie in der Hand gehalten hatte, leerte sie dabei über seiner Brust aus. Er zuckte zurück, als der heiße Kaffee ihn traf und sah dann fassungslos auf sein so gehegtes, ehemals weißes Hemd.
„Können Sie nicht aufpassen?“, fuhr er die Frau an, die ihm gegenüberstand, obwohl er genau wusste, dass es seine Schuld gewesen war.
„Entschuldigung“, murmelte sie. Sie hatte eine Hand vor den Mund geschlagen, als wolle sie ihr Entsetzen verbergen, doch die Laute, die Sandie hörte, klangen eher wie ein Kichern. Plötzlich hielt sie es nicht mehr aus, und sie platzte laut heraus.
„Sehr witzig“, knurrte Sandie und drehte sich um.
„Warten Sie, rennen Sie nicht davon.“ Die Frau, die nach Sandies Meinung etwa in seinem Alter sein musste, lief um ihn herum und stellte sich ihm in den Weg. „Es tut mir leid, dass ich lachen musste“, entschuldigte sie sich. „Aber Ihr Gesichtsausdruck war einfach zu komisch.“ Sie wurde ernst. „Sie gehören doch hoffentlich nicht zu der Sorte Mensch, die schnell beleidigt ist, oder?“
Gegen seinen Willen musste Sandie lachen und sein Ärger verflog. Das freundliche, offene Gesicht der Frau war ihm sympathisch. Außerdem gab es nicht viele Leute, die sich trauten, im Zusammenhang mit ihm das Wort rennen zu benutzen. Das allein imponierte ihm schon. „Nicht wirklich“, gab er zu.
„Hervorragend.“ Eine schmale Hand streckte sich ihm entgegen. „Ulla Hanke. Ich fange morgen hier offiziell als Sekretärin an.“
„Hanke?“, hakte Sandie nach, als er die gepflegte Hand schüttelte.
„Ja.“ Sie lächelte. „Um die Frage vorwegzunehmen, die man mir inzwischen etwa zwanzig Mal gestellt hat, ja, ich bin mit Ihrem Chef verwandt. Er ist mein Schwager.“
Also doch Vetternwirtschaft, dachte Sandie, doch er konnte sein anzügliches Grinsen gerade noch zu einem freundlichen Lächeln umwandeln.
„Aha“, sagte er nur, als ihm einfiel, dass er sich ebenfalls vorstellen sollte. „Mein Name ist Alexander Wegener.“
„Ich freue mich, Sie kennenzulernen.“ Frau Hanke erwiderte das Lächeln. „Was haben Sie denn jetzt vor?“
„Wie meinen Sie das?“
„Na, in dem Hemd können Sie doch nicht zu Frau Hahns Abschiedsfeier gehen.“
„Ein guter Grund, dem Fest fernzubleiben.“
„Kommt nicht in Frage.“ Frau Hanke schüttelte energisch den Kopf. „Kommen Sie mit. Für mich ist ein kleines vorläufiges Büro eingerichtet worden. Ich wasche ihnen die Flecken schnell heraus, dann lassen wir das Hemd auf der Heizung trocknen und wenn ich mich nicht irre, hat Frau Hahn in ihrem unerschöpflichen Bestand sogar ein Bügeleisen.“
„Wundert mich nicht“, murmelte Sandie.
„Eine Chefsekretärin muss auf alles vorbereitet sein. Kommen Sie.“
Er folgte der Frau in einen Raum in der Nähe des Vorstandszimmers.
„Also, runter mit dem Hemd.“
Sandie gehorchte. Während er sein Hemd aufknöpfte, betrachtete er verstohlen die neue Chefsekretärin. Sie war sehr attraktiv. Das kurze dunkelbraune Haar trug sie in einer eleganten Dauerwelle, was ihr ein würdiges Aussehen verlieh, das allerdings durch ihre joviale und freundliche Art wieder zunichte gemacht wurde. Sie war mittelgroß, schlank und modisch gekleidet. An der rechten Hand trug sie einen Ehering und einen Vorsteckring mit zwei kleinen Saphiren, sowie ein zartes Goldkettchen.
„Sie sind also Alexander der Große.“
„Wer bin ich?“ Sandie hielt in der Bewegung inne und sah die neue Kollegin erstaunt an. Wer um alles in der Welt hatte ihr gegenüber diesen uralten Spitznamen ausgegraben?
„Wissen Sie denn nicht, wie man Sie nennt? Ihr Ruf ist Ihnen schon voraus geeilt.“ Frau Hanke streckte die Hand nach dem Hemd aus und Sandie reichte es ihr gehorsam.
„Doch“, gab er zu. „Allerdings ist das schon eine Ewigkeit her.“ Er hoffte, dass die neue Sekretärin den Namen tatsächlich seiner Größe von 1,90 Metern zuordnete, die man ihm sogar im Rollstuhl ansah und ihr die wahren Hintergründe dieser Bezeichnung verborgen geblieben waren.
Sie sah ihn prüfend an. „Ihr T-Shirt hat ebenfalls etwas abbekommen. Soll ich das auch mitnehmen?“
„Nein, danke. Die Flecken sieht man ja unter dem Hemd nicht.“ Es wäre ihm einfach zu peinlich gewesen, mit nacktem Oberkörper vor dieser attraktiven und resoluten Frau zu sitzen.
„Okay.“ Sie nickte, während sie ein Papiertaschentuch aus ihrer Rocktasche zog. „Hier sind auch noch ein paar Spritzer. Darf ich?“ Mit einer Selbstverständlichkeit, die Sandie erstaunte, wischte sie seinen Rollstuhl ab. „So, jetzt dürften alle Spuren unseres ersten Treffens beseitigt sein.“ Sie lächelte. „Ab morgen habe ich eine Kaffeemaschine zur Verfügung. Darf ich Sie mal zu einer Tasse einladen? Als Ausgleich für den, mit dem ich Sie getauft habe.“
„Es war ja eigentlich meine Schuld“, gab Sandie zu. „Aber ich komme gern. Allerdings muss ich jetzt noch etwas arbeiten. Sonst bin ich zur Feier nicht fertig.“
„Das wäre schade.“
„Ja, das wäre es wirklich.“ Sandie stellte fest, dass er sich plötzlich auf die Betriebsfeier freute. Vielleicht ergab sich dabei die Möglichkeit, diese Bekanntschaft zu vertiefen. Als Frau Hanke ihm die Hand reichte, elektrisierte ihn die Berührung. Tief verwirrt drückte er fester zu, als er beabsichtigt hatte und fühlte deutlich, wie zwischen ihnen ein Funke der Sympathie übersprang.

Im Kindle-Shop: Glücksfaserrisse

Mehr über und von Gabriele Popma auf ihrer Website.