30. Oktober 2015

"Hexenarche 2: Die Rückkehr der schwarzen Hexe" von Lady Grimoire

Das Hexenmädchen Tara wurde, ohne es zu wissen, von der mächtigen Hexe Onyxia dazu benutzt, ihr die Rückkehr in die Jetztzeit zu ermöglichen. Da für die Hexe Jahrhunderte vergangen sind, ist die moderne Welt neu und fremdartig für sie. Onyxia setzt Tara unter Druck, sie in die Geheimnisse der heutigen Zeit einzuweihen.

Während sich Taras Mutter mit einem missglückten Zauber durch Zyklopennasenhaare auseinandersetzen muss und ihr die Zeit davonläuft, einen Gegenzauber zu finden, da sie sonst ihre neue Tätigkeit beim Hexenrat verlieren wird, hat Tara ganz andere Probleme. Die Junghexe versucht verzweifelt mit ihren Freunden herauszufinden, was Onyxia in dieser Welt vorhat.

Sie stoßen auf äußerst dunkle Absichten, die die „schwarze Hexe“, wie sie einst in Salem von ihren Gegnern gefürchtet genannt wurde, hegt. Onyxia stellt fest, dass die modernen Hexen im Gegensatz zu alten Zeiten ihren Glauben und ihre Fähigkeiten freier ausleben können und dass sie selbst eigentlich der Auslöser für diese befreiende Entwicklung war. Nun will sie Anerkennung und Respekt dafür. Und sie wird jedes Mittel einsetzen, selbst wenn sie dazu das dunkelste Wesen aller Zeiten beschwören muss: den Schattenfresser!

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Leseprobe:
Die Junghexe Tara war starr vor Entsetzen. Sie konnte es einfach nicht fassen, dass der Krähenbaum, auf dessen oberirdischen Wurzeln sie öfters mit Sandra abgehangen hatte, in Wirklichkeit gar kein Baum, sondern die Hexe Onyxia aus dem 17. Jahrhundert war. Sandra und Nuno ging es nicht viel anders, beide standen mit aufgeklappten Mündern da. Vor ihnen stand eine schlanke Frau mit langen, schwarzen Haaren, in denen noch einiges welkes Laub hing. Während sie die Metamorphose vom Baum zur Frau vollzogen hatte, hatte sie förmlich alle Blätter verloren, die zuvor noch an ihren Ästen gehangen hatten. Auch jetzt noch rieselten einige zu Boden. Sie trug ein eng anliegendes, pechschwarzes Ritualkleid, das an der rechten Seite geschlitzt war und dadurch ihr rechtes Bein offenbarte, das mit seltsamen Narben übersät schien. Die Hexe stand in einer großen, zerklüfteten Erdmulde, die sie zuvor als Eichenbaum mit ihren mächtigen Wurzeln ausgefüllt hatte. Ringsherum waren große und kleine Erdlöcher zu sehen, in denen vormals ihre Wurzeln gesteckt hatten.
Onyxia kam langsam zur Besinnung und bewegte gemächlich Finger für Finger, immerhin war sie sehr lange Zeit ein Baum gewesen. Anschließend mobilisierte sie langsam ihre Beine, um ihr menschliches Körpergefühl wiederzuerlangen. Im Taumel der Verzückung, endlich wieder ein Mensch geworden zu sein, bemerkte sie nicht einmal, dass sie von einem Nagerpaar angeklettert worden war, das eigentlich auf seinen Lieblingsbaum klettern wollte. Mit großen Augen starrten die beiden Eichhörnchen fiepend zu Onyxia hoch und erschraken fürchterlich beim Anblick der Frau, sodass sie blitzschnell das Bein der Hexe hinabflohen und das Weite suchten.
„Ahhhh, tut das gut“, sagte die Frau mit wohlklingender Stimme, während sie ihre Knochen knacken ließ. Dieses Geräusch hätte Tara normalerweise Unbehagen eingeflößt, jedoch war sie von dem ganzen Geschehen so gebannt, dass sie es nicht einmal wahrnahm. Als Onyxias Blick beiläufig auf ihr „Buch der Schatten“ fiel, das vor ihren Füßen auf dem Erdreich lag, hielt sie abrupt inne und ihre Augen funkelten gierig. Nach so langer Zeit sah sie endlich ihr magisches Buch wieder. Onyxia wollte sich bücken, um es aufzuheben, doch sie war noch so steif, dass es ihr nicht gelang. Sie streckte ihre rechte Hand mit nach unten gerichteter Handfläche über dem Buch aus, während sie sich tief konzentrierte. Erst einmal geschah gar nichts. Doch schon ein paar Sekunden später begann das Buch zu wackeln. Onyxias Hand zitterte im ruckelnden Rhythmus des Buches, immer stärker werdend, bis endlich ihre Magie floss und sich das Buch augenblicklich in die Luft erhob. Mit beiden Händen packte sie das Buch und riss es an sich. Anschließend vollzog sie voller Genugtuung ihren ersten Schritt und bewegte sich nach sehr langen Jahren Festverwurzelung zum ersten Mal wieder frei. Augenscheinlich genoss sie es sehr, denn ein verzücktes Lächeln umspielte ihre vollen Lippen. War der erste Schritt noch etwas wackelig, so wurden die weiteren Schritte umso sicherer.
„W-w-wir sollten hier schleunigst verschwinden“, sagte Tara stotternd zu ihren Freunden.
Sandra pflichtete ihr mit schlotternden Knien bei: „Ich bin auch dafür, dass wir …“ Sie hielt im Sprechen inne, als sie entsetzt bemerkte, wie Onyxia spielerisch aus der Erdmulde herausschwebte. Onyxia landete zielsicher auf ihren rotgegerbten Schnabelschuhen auf der Wiese – nur ein paar Meter vor den drei staunenden Junghexen. Diese hatten nur einen einzigen Gedanken: so schnell wie möglich zu fliehen. Doch gerade, als sie Anstalten machten, loszurennen, registrierte Onyxia plötzlich die drei Teenager und es blieb bei dem Vorhaben. Mit einer lässig in ihre Richtung geworfenen Handgeste paralysierte die mächtige Hexe sie. Tara, Sandra und Nuno waren zu keiner Bewegung mehr imstande. Genau in dem Moment, als sie Onyxias Zauber traf, wurden auch ihre laufenden Besen Opfer der Magie, die die dunkle Hexe gewirkt hatte.
„Na, na, ihr bleibt schön hier“, säuselte Onyxia. „Habt keine Angst, ich möchte mich doch nur bedanken.“ Mit spitzen Lippen hauchte sie in die Luft und drehte sich dabei langsam einmal um die eigene Achse. Dabei floss aus ihrem Mund dichter Nebel, der sich in alle Richtungen ausbreitete. Es herrschte eine gespenstische Atmosphäre. Als die Hexe nach ihrer Drehung wieder am Ausgangspunkt angelangt war, hörte sie mit dem Hauchen auf. Tara verstand zunächst nicht, wieso Onyxia den Nebel gehext hatte, doch dann dämmerte es ihr. Durch diese Aktion wollte die Hexe anscheinend im wahrsten Sinne des Wortes ihre Rückkehr verschleiern, damit andere Hexen oder Menschen nicht auf sie aufmerksam wurden. Der Nebel war mittlerweile so dicht, dass Tara und die anderen die Konturen der Hexe nur noch schemenhaft erahnen konnten.
Während Onyxia sich den Kindern unaufhaltsam näherte, sie hörten ihre Schritte auf dem Gras, flüsterte Sandra ihrer besten Freundin zu: „Tara, mach doch irgendetwas! Benutz deine Magie der freien Hand oder wie das heißt. Jetzt mach schon!“
Tara konzentrierte sich, doch es geschah nichts. „Es klappt einfach nicht. Ich weiß nicht wieso.“
„Na toll. Nuno, dann mach du etwas!“, forderte Sandra ihn leise auf. „Immerhin bist du schon eine Klasse höher.“
„Mir fällt auch kein passender Zauberspruch ein. Keine Ahnung, wie ich diesen Lähmungszauber überwinden soll. Das hatten wir noch nicht im Unterricht.“
Da stand auch schon Onyxia direkt vor ihnen und den dreien verschlug es förmlich die Sprache. Der Nebelschleier vor den Kindern hatte sich etwas gelichtet, als die Hexe hindurchgeschritten war. Als Erstes ging sie zu Sandra, die ganz verängstigt wirkte, da sie nicht wusste, was Onyxia vorhatte. Während die dunkel gekleidete Hexe in ihrer linken Hand ihr Zauberbuch trug, richtete sie ihre rechte Handinnenfläche auf Sandras erstarrten Körper. Sie bewegte ihre Hand leicht hin und her, als wollte sie die Luft streicheln. Nachdem sie dies ein paarmal wiederholt hatte, sagte sie vor sich hin: „Nichts.“ Anschließend ging sie zu Nuno und tat dasselbe bei ihm. „Auch hier nichts.“ Sie heftete ihren Blick auf Tara: „Dann bist du diejenige, die ich suche.“
Onyxia wandte ihr nun ebenfalls die Handinnenfläche zu. Augenblicklich glühte diese purpurfarben auf. „Oh ja, schon viel besser. Du bist also die Hexe, die ich gespürt habe, als ich einer von diesen Bäumen war“, sagte sie spöttisch. Die Hexe lachte gehässig. „Vielen Dank, meine Liebe, dass du mich endlich wieder zu einer Hexe gemacht hast. Ich hatte schon längst vergessen, wie es ist, einen menschlichen Körper zu besitzen. Sehr, sehr lange Zeit habe ich auf diesen Moment gewartet, bis ich endlich jemanden gespürt habe, der meiner Kette würdig ist. Wenn du nur wüsstest, was es mich für einen Kraftaufwand als Baum gekostet hat, mit meinen Wurzeln dieses Schmuckstück aus dem Erdreich emporzurecken, in der Hoffnung, dass du es findest.“ Onyxia schaute auf ihre Kette, die um Taras Hals hing. „Der Edelstein ist weiß?“, fragte sie verdutzt. „Ich hatte ja keine Ahnung, dass meine Rückverwandlung so viel Energie gekostet hat. Wie dem auch sei, nun ist es endlich Zeit, dass dieses kostbare Schmuckstück zu seiner rechtmäßigen Besitzerin zurückkehrt.“

Im Kindle-Shop: Hexenarche 2: Die Rückkehr der schwarzen Hexe

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29. Oktober 2015

"SCHWARZpur" von Peter Caprano

Dies ist eine Sammlung von Kurzgeschichten. Und wie der Titel bereits andeutet, sind sie von tiefstem Schwarz. Es gibt so diese Tage, an denen das Wetter schlecht ist, unangenehme Aufgaben zu erledigen sind oder die Laune nach dem Lesen der Nachrichten einfach über den Level mies nicht hinaus kommt. Das sind die Momente, wo mein ansonsten eher fröhliches Gemüt die Ideen zu solchen Kurzgeschichten entwickelt. Das hilft, denn meistens ist meine Laune besser, sobald ich die Idee für eine spätere Ausarbeitung gespeichert habe. Die schlechte Stimmung wird dann einfach mit weggespeichert.

Ich empfehle aber diese Geschichten nur in sorgfältiger Dosierung und bei passender Gelegenheit zu lesen.

Gleich lesen: SCHWARZpur

Leseprobe:
Klaus wollte im Keller eigentlich nur eine Flasche Wasser holen.
Doch was erwartete ihn dort? Ein riesiges Durcheinander!
Erneut hatten alle ihren Kram dort abgestellt, wo er ihnen aus den Händen gerutscht war.
An ihm würde es wieder hängen bleiben hier für Ordnung zu sorgen.
Mindestens hundert mal hatte er das bereits mit allen immer wieder eindringlich besprochen.

"So ein Mist!", rief er aus,
"Da soll mich doch schier der Teufel holen, wenn ich das weiter mitmache!"
Und dann begann er damit die ersten Sachen zur Seite zu räumen.

Da ertönte aus dem Dunkel eine Stimme.
"Darüber lässt sich reden."

Im Kindle-Shop: SCHWARZpur

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28. Oktober 2015

"Sonnenwarm und Regensanft - Zwei Sonnen" von Agnes M. Holdborg

Nie hätte sich Anna träumen lassen, dass sich ihre Fantasien einmal bewahrheiten könnten, bis Viktor sie plötzlich in eine Welt voller Mysterien, Abenteuer, Liebe und Leidenschaft führt. Doch birgt diese andere Welt auch Gefahren, die über ihre Grenzen hinaus sogar Annas Familie bedrohen. Kann Anna dieser Herausforderung standhalten? Und wird ihre Liebe zu Viktor eine Zukunft haben?

Gleich lesen: Sonnenwarm und Regensanft - Band 1: Zwei Sonnen









Leseprobe:
Annas Mutter wirkte ganz blass und durchsichtig, als sie vom Arzt zurückkam. Annas Herz wurde bei ihrem Anblick schwer. Das war nicht das erste Mal, dass Theresa so angegriffen und krank aussah. Aber auch diesmal reagierte sie auf Annas besorgte Fragen nur mit einem warmen Lächeln.
„Alles in Ordnung, Engelchen. Mir fehlen nur ein paar Vitamine und etwas frische Luft.“
Da sie wusste, dass ihre Mutter kein weiteres Wort über ihre Krankheit verlieren würde, beließ Anna es dabei und schlug ihr stattdessen vor: „Wie wär´s, wenn du dich erst mal ein bisschen hinlegst, Mama. Du könntest dich ausruhen oder etwas lesen. Ich mache das Mittagessen warm, dann ist alles fertig, wenn Papa und Lena kommen. Was meinst du?“
„Lass mal, Anna. Danke, aber mir geht´s ganz gut. Ich möchte lieber was tun und zum Lesen fehlt mir momentan einfach die Muße. Außerdem ist das Essen ja schon vorbereitet und Lena kommt doch donnerstags sowieso nicht. Da ist ihre Mittagspause immer viel zu kurz, um vom Salon bis hierher zu fahren. Ich würde mich allerdings sehr freuen, wenn du nach dem Essen noch schnell einkaufen gehen könntest. Die Milch ist fast alle und der Toast auch.“
„Klar, kein Problem!“
„Das ist nett von dir. Es wäre auch ganz schön, wenn du mir ab und zu im Haushalt zur Hand gehen könntest, zum Beispiel beim Waschen und Putzen und so, falls du vielleicht doch mal Zeit dazu hättest“, meinte Theresa müde.
„Zeit? Aber ich hab doch immer Zeit.“ Anna war etwas irritiert über der Bemerkung ihrer Mutter.
„Na ja, du bist schon sehr oft unterwegs, wenn du mit deinen Hausarbeiten fertig bist. Was machst du dann eigentlich so?“
„Hhhmm, eigentlich nichts Besonderes.“
„Tja, das sagst du immer, wenn man dich fragt. Was ist denn: ‚Eigentlich nichts Besonderes‘?“
„Ach Mama, das ist wirklich völlig unspektakulär. Ich fahre mit dem Rad rum oder gehe spazieren. Das ist alles, wirklich.“
„Und wohin fährst oder gehst du dann so?“, hakte Theresa nach.
Anna seufzte schwer. Alles war anders gekommen, als sie es geplant hatte. Aus ihrem schönen Gammelvormittag war ein kaffeeloser Streit mit Grinse-Heini Jens und eine Verhörrunde mit ihrer Mutter geworden. Aber es nützte ja nichts, dann würde sie ihr halt erzählen, was sie so in ihrer freien Zeit machte.
„Ich schau mich nur ein bisschen um oder setze mich irgendwo hin, wo ich es schön finde, und dann lese ich was oder mache einfach gar nichts.“
„Wo ist denn: ‚Irgendwo‘?“ Theresa schmunzelte bei dieser weiteren Frage und zog die Augenbrauen hoch.
„‚Irgendwo‘ ist zum Beispiel im kleinen Park am Denkmal. Da kann man prima in der Sonne sitzen“, antwortete Anna geduldig, obwohl sie Theresas Fragerei ganz gehörig nervte. „Und ‚Irgendwo‘ ist auch im Wald nebenan. Den finde ich nämlich ganz besonders schön.“
... Annas Gedanken schweiften ab, als sie den Wald erwähnte - ihren Wald. Jetzt im Sommer, bei schönem Wetter fand sie ihn besonders reizvoll. So auffallend hell, fast lichtdurchflutet. Mit den Sonnenstrahlen, die wie Silber- und Goldstreifen durch die Blätter der Laubbäume, Büsche und Sträucher glitten und so die Blätter, Farne und Moose in ein geheimnisvoll anmutendes, hauchzartes und grünschimmerndes Licht tauchten. Diese faszinierende Umgebung lud sie regelmäßig zum Nachdenken und Träumen ein.
Es gab dort eine winzig kleine Lichtung, rechts ab von einem sehr schmalen, verschlungenen Weg. Hier schien die Sonne fast ungehindert hinein und wärmte den moosbewachsenen Boden. Das war Annas absoluter Lieblingsplatz. Dort, am Rande der Lichtung, ließ sie sich gern nieder, verharrte oft stundenlang in einer bequemen Haltung zwischen Sitzen und Liegen, angelehnt an einer großen Birke und träumte. ...
„Mutter an Anna! Hörst du mich?“
„Hhm? Was?“
„Du hast mal wieder geträumt, Engelchen.“

Im Kindle-Shop: Sonnenwarm und Regensanft - Band 1: Zwei Sonnen

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27. Oktober 2015

"Die Nacht in uns" von Sylvie Grohne

Es gibt Gefängnisse, die haben keine Gitterstäbe. Amkayas Kerker ist die Einsamkeit, denn ihre Nähe ist tödlich. Die Halbvampirin kann die Bestie in sich nicht kontrollieren und hat die Hoffnung auf eine Liebesbeziehung längst aufgegeben - bis sie Noah, dem Engelsblut, begegnet, dessen Umarmung ebenfalls tödlich ist. Beide können sich der außergewöhnlichen Anziehung des anderen nicht entziehen und kommen sich unerwartet schnell näher; doch ist es eine schicksalhafte Begegnung oder tödlicher Leichtsinn?

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Leseprobe:
Ich schwitze und laufe unruhig in dem kleinen Raum hin und her. Es fällt mir schwer, mich zu konzentrieren, und ich spüre neben den Schmerzen Muskelzuckungen am ganzen Körper. Meine Haut ist überempfindlich und sogar der Stoff meiner Kleidung fühlt sich so unangenehm an, dass ich mich ihrer am liebsten entledigen würde.
Die Schritte vor der Tür kündigen Airas und eine weitere Person an. Ich höre, wie der Schlüssel das Türschloss öffnet, gehe zum Fenster und blicke durch einen Spalt des Vorhanges in die Dunkelheit des Hinterhofs hinaus. Eine Katze springt von einer Fensterbank herunter und rennt einer anderen hinterher. Ich will weg, will hier nicht sein, überall, nur nicht hier. Mein Bruder und seine Begleitung betreten den Raum und der Geruch des Fremden zieht sofort in meine Nase. Herb-süßlich und leicht modrig von dem Joint, den er gerade noch geraucht haben muss.
»Ahhh, da ist sie ja«, ertönt seine Stimme. Ich drehe mich zu ihnen herum und bemühe mich, ihm nicht ins Gesicht zu sehen aus Angst, dass es mich in meine Albträume verfolgen wird. Ich spüre meine hochgezogenen Mundwinkel, aber ich fühle das Lächeln nicht.
»Hey Mann, du hast wirklich recht gehabt. Sie ist heiß!«, sagt er zu Airas und ich senke meinen Blick auf seine Schuhe.
»Ich warte draußen«, erklärt Airas und verlässt den Raum.
»Du machst das wohl noch nicht so lange, Mädchen? Es gibt keinen Grund schüchtern zu sein. Der alte Jim wird es dir schon ordentlich besorgen.«
Die braunen Schuhe kommen näher und bleiben jetzt ganz nah vor mir stehen. Direkt neben einem der hässlichen Flecken auf dem Teppich. Ich kann das Blut laut durch seine Venen rauschen hören. Ein einladendes Geräusch für das Tier in mir, das sich hungrig in mir regt und mein Bewusstsein vernebelt. Es will, dass ich loslasse und den letzten Widerstand aufgebe, doch ich halte mich immer noch an dem imaginären Fixpunkt auf den Schuhen fest.

Im Kindle-Shop: Die Nacht in uns

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26. Oktober 2015

"Küss mich wach (Tales of Chicago 1)" von Mila Summers

Eigentlich hielt Stacy es für eine gute Idee, dem lukrativen Stellenangebot Hals über Kopf zu folgen. Die Seifenblase zerplatzt schnell, nachdem sie vor Ort feststellen muss, dass der Job bereits vergeben ist. Ohne einen Penny in der Tasche fasst sie einen folgenschweren Entschluss und reist per Anhalter weiter. Mitch Havisham, Anwalt aus Memphis, nimmt sie mit nach Chicago. Während der Fahrt macht er ihr ein unmoralisches Angebot und lässt nicht locker, ehe sie schließlich einwilligt …

Dieser Teil ist Band 1 der Tales of Chicago. Band 2 erscheint im Herbst 2015. Alle Teile sind in sich abgeschlossen und können unabhängig voneinander gelesen werden.

Gleich lesen: Küss mich wach (Tales of Chicago 1)



Leseprobe:
Tante Anne hatte mich gewarnt. Hätte ich doch nur auf sie gehört. Aber nein, ich musste ja mal wieder meinen Dickkopf durchsetzen. Und was hatte ich nun davon? Ich saß in einer Kleinstadt im Mittleren Westen fest. Das Einzige, was mich daran hinderte den erstbesten Flug nach Hause zu nehmen, war mein geschundenes Ego, das sich die Niederlage nicht eingestehen wollte.
Immer und immer wieder las ich die wenigen Zeilen auf dem fettverschmierten kleinen Zettel in meiner Hand, meinem Fahrschein in ein neues, aufregendes Leben. Allzu gerne folgte ich der Verheißung. Die Bedingungen klangen einfach zu verführerisch. Zwei freie Tage die Woche und bezahlte Überstunden waren in der heutigen Zeit keine Selbstverständlichkeit.
Mit dem Geld wäre es mir ein Leichtes gewesen, den Kredit abzubezahlen, den ich dank Mike noch immer tilgen musste. Was mich damals geritten hatte, für diesen Vollidioten den Schuldschein zu unterschreiben, weiß ich bis heute nicht.
Eigentlich trug ich selbst die Schuld daran. Hals über Kopf war ich losgestürmt, um mir den Job zu sichern. Dummerweise ohne meine Referenzen im Gepäck. Viel schlimmer wog allerdings die Tatsache, dass ich wohl vergaß, meine Bewerbungsunterlagen abzuschicken.
Tante Anne versuchte mich noch händeringend an einer überstürzten Abreise zu hindern, aber ich konnte einfach nicht aus meiner Haut. So war ich nun mal: planlos, neugierig und von nichts und niemandem zu bremsen. Früher halfen mir diese Eigenschaften. Besonders nach dem Tod meiner Eltern musste ich schnell lernen, mich alleine durchs Leben zu schlagen.
Als alleinstehende, ältere Dame stellte sich Tante Anne – damals bereits weit über siebzig – der Herausforderung, ohne zu wissen, was ein sechzehnjähriger Teenager für ein Chaos anrichten konnte. Völlig resigniert ließ sie mich irgendwann einfach machen.
Das Motel, in dem ich mir ein Zimmer nahm, hatte seine besten Jahre weit hinter sich gelassen. Die Fugen im Bad waren so schwarz, dass man fast annehmen könnte, es gehöre so. Die Fenster ließen vor Schmutz kaum Sonnenlicht in den kleinen Raum, wobei dieser Umstand vielleicht gar nicht so schlimm war. Mir reichte das, was ich sehen konnte, bereits vollkommen aus.
Die Bettdecke roch muffig und war von Brandlöchern übersät. Irgendetwas in der Wand schabte wie wild und versuchte, sich offenkundig einen Weg in den Raum zu verschaffen, der sich seit heute mein neues Zuhause schimpfte.
Mein Geld reichte nur für ein One-Way-Ticket. Für das Loch, in dem ich hauste, musste ich die letzten zwanzig Dollar auf den Tisch legen. Es half nichts, den Kopf in den Sand zu stecken und in Selbstmitleid zu versinken. Ich brauchte einen Plan, wie ich aus dem Schlamassel herauskam, ohne Tante Anne um Hilfe bitten zu müssen.
Eigentlich wollte ich mich gleich nach meiner Ankunft bei ihr melden. Doch dann fuhr ich zuerst zu meinem vermeintlichen Arbeitsplatz. Nach der Absage fehlte mir die Energie, mich Tante Annes sicher gut gemeinten Belehrungen zu stellen. So zögerte ich das Gespräch immer weiter hinaus.
Das schlechte Gewissen nagte an mir, aber mein Stolz wollte einfach nicht klein beigeben. Mit meinen Anfang zwanzig überragte mein Dickkopf den meines Dads um Längen. Ein Charakterzug, auf den ich gerne verzichtet hätte.
Was für Optionen blieben mir noch? Mein Geld war, bis auf die wenigen Pennys, die wahrscheinlich in meiner Tasche neben den Kaugummis und Taschentüchern schlummerten, aufgebraucht. Warum war ich nur so überstürzt aufgebrochen? Wie sollte ich nur die Durststrecke bis zu meinem ersten Gehaltsscheck überbrücken?
Nur weg. Das war alles, was mir durch den Kopf ging, als ich Mike mit Amanda in der kleinen Bar sah. In diese Bar, nur wenige Blocks von Tante Annes Haus entfernt, führte er mich damals bei unserem ersten Date aus.
Er ließ seinen Charme spielen und erhielt dafür bereits am ersten Abend, was er wollte. Ich war nicht stolz darauf und sonderlich bequem war sein alter Chevi auch nicht wirklich gewesen. Aber, hey? Man ist nur einmal jung. Oder?
Ach, Quatsch. Es half nichts, die Dinge zu beschönigen. Mike hatte vom ersten Moment an eine unglaubliche Ausstrahlung auf mich. Ich fühlte mich magisch von ihm angezogen. Klingt abgedroschen, entspricht aber tatsächlich der Wahrheit.
Oh, Mann. Als wäre mein Leben nicht schon kompliziert genug. Jetzt musste ich mich auch noch der Tatsache stellen, dass ich noch etwas für das Arschloch empfand.
Aber ich war ja selbst schuld. Wie ein Lemming war ich hopsend zur Klippe geeilt, um mich möglichst wagemutig in die Tiefen zu stürzen, sodass es alle gut sehen konnten.
Wieder einmal versuchte Tante Anne mit Engelszungen auf mich einzureden. Ohne Erfolg. Ich machte, was ich für richtig hielt, und stand nun mit 5.000 Dollar in der Kreide. Dumm gelaufen oder shit happens. Egal, wie man es drehte und wendete, ich hatte es selbst verbockt.
Vor nicht einmal einem Jahr beendete ich die Uni mit Auszeichnung und dennoch konnte ich keinen Job finden. Dass es nicht leicht werden würde, war mir von Anfang an klar. Doch so schwierig hatte ich es mir nicht vorgestellt.
Die wirtschaftlichen Probleme des Landes hatten den Museen den Geldhahn abgedreht. In solchen Zeiten gab es keine Mittel für Einrichtungen, die meist keinen Gewinn abwarfen. Als Museologin blieben mir da nicht viele Alternativen. Daraufhin bemühte ich mich um andere Stellen, die allerdings nur im weitesten Sinne zu meinem Fachgebiet zählten. So erging es mir auch mit dem Job als Archivarin in dem kleinen Stadtarchiv.
Wie ein Wink des Schicksals hatte ich es aufgefasst, als ich in der Zeitung die Anzeige las. Erst am Abend zuvor war ich auf Mike und Amanda getroffen.
Ich verfasste schließlich das Anschreiben, packte all die angeforderten Unterlagen in den Anhang und ging auf Senden. Zumindest glaubte ich, dies getan zu haben. Bei genauerer Durchsicht meines Emailaccounts fiel mir allerdings auf, dass ich lediglich einen Entwurf gespeichert hatte.
Die Dame am Empfangsschalter versuchte mich zu trösten, indem sie mir mitteilte, dass der Job ohnehin bereits unter der Hand vergeben worden war. Die Ausschreibung diente lediglich zur Einhaltung der Vorschriften.
Ja, und jetzt stand ich da und wusste nicht so recht, was ich mit mir anfangen sollte. Mir fehlte der rechte Schwung, die Sache anzupacken und mich aus dem Schlamassel zu ziehen.
Es half nichts. Der Tag war lang genug gewesen und versprach keine nennenswerte Besserung. Ich schlug die muffige Bettdecke zur Seite, legte mich in voller Montur auf das vergilbte Laken und zog die Beine an den Körper. Ich wagte es nicht einmal, die Schuhe auszuziehen. Zutiefst ekelte ich mich vor den Gerüchen und den Fantasien, die mir bezüglich des schäbigen Raumes durch den Kopf schossen.
Irgendwann in dieser Nacht fand ich dann doch in den Schlaf und träumte von dem Leben, wie es sein sollte, wie ich es mir sehnlichst wünschte und stets darauf hoffte, dass es so kommen möge. Ein Prinz auf einem weißen Pferd spielte darin keine unbedeutende Rolle.

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23. Oktober 2015

"Hund Couture: Episode 1" von Hasso Longnose

Dieser Mops hat Stil, Charme und ziemlich kurze Beine. Und er hat eine Mission. Nämlich möglichst viele Leckerli zu verputzen.
Okay, auch die Welt möchte er nebenbei noch retten. Und seine große Liebe. Seine erste Fashionshow sollte ebenfalls ein Erfolg werden. Und wenn alles schief geht, muss er sich bald auch noch um die Nachkommen seines hyperintelligenten Hamsterfreundes Turing kümmern.

Was also tun? Erst mal ein Leckerli essen? Lies doch einfach selbst ...

Gleich lesen: Hund Couture: Episode 1






Leseprobe:
Mein Name ist Hasso. Hasso Longnose. Und ich renne gerade um mein Leben. Deswegen kann ich mich leider nicht so ausführlich vorstellen, wie es die Höflichkeit einem britischen Mops normalerweise gebietet.
Nur eines, ganz kurz: Es hat gewisse Vorzüge ein Mops zu sein, vom blendenden Aussehen angefangen, über die zeitlose Eleganz, bis hin zu beeindruckender Intelligenz.
Und es hat einige Nachteile, wobei mich momentan nur einer interessiert: meine kurzen Beine.
Jedenfalls sind sie kürzer als die der deutschen Dogge, die mich gerade verfolgt: Arnold, dieser Neureichen-Hooligan, der - glaubt man den Gerüchten - schon einige Hunde auf dem Gewissen hat. Wenn mir nicht bald etwas einfällt, bin ich der Nächste.
Denn er ist nur noch drei Hundelängen hinter mir – und mit Hundelängen meine ich leider Mopslängen.
Wahrscheinlich könnte Arnold noch stundenlang so weiterrennen, jedenfalls kommt sein Schnaufen immer näher, präzise wie eine Maschine. Mein Hecheln hingegen wird immer hektischer. Kein Wunder, Arnold trainiert im Hundesportverein und ich nicht.
Selbst wenn ich es gewollt hätte, die hätten mich nie zur Aufnahmeprüfung zugelassen.
Denn wie es sich für einen ordentlichen Mops gehört, bin ich übergewichtig – neben meinen kurzen Beinen der Hauptgrund, weswegen ich Arnolds Geifer inzwischen direkt in meinem Nacken spüre.
Hätte ich mich doch nicht in seine alte Wohnung im Londoner East-End schleichen sollen?
Aber ich musste es einfach tun!
Kaum war ich in die Wohnung eingedrungen, öffnete Arnolds Herrchen die Tür, suchte nach ein paar Sachen und entdeckte stattdessen im Kleiderschrank einen Mops.
Sofort hetzte er Arnold auf mich.
Und der hat mich bis ans Ende des East-Ends gejagt, vorbei an leer stehenden Modegeschäften, leer stehenden Ein-Pfund-Shops und vollen Wettbüros. Es wird jetzt fast ländlich, aber es bleibt eine trostlose Gegend, in der ich in wenigen Sekunden in die ewigen Mopsgründe eingehen werde.
Jetzt kann mir nur noch eine brillante Idee helfen – oder das Gatter des Bauernhofs vor mir.
Ja, es gibt noch Bauernhöfe in London, wenn auch nur am äußersten Ende des East-Ends.
Mit letzter Kraft schlüpfe ich durch das Gatter und schaue gleichzeitig hinter mich, um zu sehen, wie Arnold es mir gleichtun will, denn er ist zwar stark, aber nicht sonderlich clever.
Zumindest war er das nicht in der Vergangenheit, denn jetzt springt er einfach über das Gatter und ist plötzlich neben mir.
Genau genommen sogar über mir.
Zwischen seinen scharfen Zähnen glaube ich die Reste eines Kätzchens zu erkennen. Vielleicht ist es aber auch dieses Luxushundefutter, das sich mein Frauchen nicht leisten kann.
Und dann mache ich das, womit Arnold am wenigsten rechnet.
Ich bleibe stehen.
Neben liegen, schlafen und fressen kann ich das nämlich am besten.
Und sollte man sich in Krisensituationen nicht auf seine Stärken besinnen?
Allerdings bin ich gar nicht deswegen stehen geblieben, sondern wegen des Stiers, der direkt vor uns mit den Hufen scharrt.

Im Kindle-Shop: Hund Couture: Episode 1

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21. Oktober 2015

"(W)ehe du gehst" von Jannes C. Cramer

Kira leidet unter der übertriebenen Eifersucht, dem Jähzorn und den zunehmenden Handgreiflichkeiten ihres Mannes. Als sie mit der Hilfe ihrer besten Freundin Juliane versucht, aus der Ehe mit Jonas zu fliehen, bringt sie nicht nur sich selbst in Lebensgefahr. Sie ahnt nicht, dass er vor nichts zurückschreckt, um sie zu finden und wieder in seine Gewalt zu bringen.

Wer „Die Frauenkammer“ gelesen hat, wird im neuen Thriller von Jannes C. Cramer auf alte Bekannte treffen. Kommissar Frank Holper ist als Teil eines Ermittlerteams an der Aufklärung des Falls um Kira und Jonas Grunwald beteiligt und auch Privatdetektiv Lukas Bender bringt sich, wenige Wochen vor Beginn seiner eigenen kriminellen Geschichte, auf dubiose Weise in die Ermittlungen ein.
Auch wenn die handelnden Personen zum Teil in beiden Büchern vorkommen, sind „Die Frauenkammer“ und „(W)ehe du gehst“ eigenständige Romane, die einzeln oder in beliebiger Reihenfolge gelesen werden können.

Gleich lesen: (W)ehe du gehst: Thriller

Leseprobe:
»Verdammte Scheiße!« Jonas begutachtete seine rechte Wange im Spiegel, auf der Kira zwei unübersehbare rote Striemen als schmerzhafte Visitenkarte hinterlassen hatte. »Miststück!«, zischte er und wusch sich fluchend die blutverschmierten Hände am kleinen Waschbecken des Hotelzimmers, bis das Wasser wieder klar und durchsichtig in den Abfluss strömte.
Für einige Sekunden starrte Jonas mit leerem Blick sein eigenes Spiegelbild an, dann drehte er den Wasserhahn bis zum Anschlag auf und schöpfte sich mit beiden Händen kaltes Wasser ins Gesicht. Er prustete, doch das kühle Nass half ihm, den Kopf wieder freizubekommen.
Nachdem er sich etwas gesammelt hatte, ging er zurück ins Schlafzimmer. Er betrachtete das schöne Wesen, das beinahe unbekleidet auf seinem Bett lag.
Sie sah so friedlich aus.

Im Kindle-Shop: (W)ehe du gehst: Thriller

Mehr über und von Jannes C. Cramer auf seiner Website.

9. Oktober 2015

"Asteroid Omega 1: Infektion aus dem Weltraum" von Reinhard Kratzl

16. Dezember 2499. Es ist nicht die Kälte die den letzten Überlebenden der Erde Sorgen bereitet. Neunundneunzig Prozent der Erdbevölkerung sind infiziert. Auf der Jagd. Die Katastrophe nahm ihren Ausgang vor einem Jahr, als fünf Asteroiden auf die Erde zurasten. Vier davon verfehlten sie um Haaresbreite. Der Kleinste von ihnen schlug in einem Feld nahe einer Großstadt ein. Zum Glück verglühte der Großteil des Himmelskörpers beim Eintritt in die Atmosphäre, sodass ein Bruchstück einen Krater in ein Feld schlug.

Nach derzeitigem Stand der Infektionsrate fragten wir uns, ob es nicht besser gewesen wäre, der Himmelskörper hätte die Menschheit kurz und schmerzlos ausgerottet. Es gab eine Chance. Ein allerletzter Funke der Hoffnung, eine Frau namens Kyreen. Ihre Mission: Ein Gegenmittel finden. Die Infektion rasch eindämmen. Es konnte realisiert werden, indem Sie erstmals in der Menschheitsgeschichte durch die Zeit reiste …

Gleich lesen: Asteroid Omega 1: Infektion aus dem Weltraum

Leseprobe:
16. Dezember 2499
Mit Entsetzen in den Augen betrachtete Kendra und ihr gesamtes Team, auf den Monitor vor ihnen. Die Anzeige war ein Schock. In roter Schrift blinkte der Text: »Infektionsrate weltweit: 99 Prozent. Verbleibende Zeit bis Tag X: 15 Tage.«
Die Anwesenden schwiegen. Es herrschte Totenstille. Erst nach einiger Zeit entkam Kendra ein: »Scheiße! Die Zeit läuft uns davon …«
»Wir sind an einem Punkt angekommen, wo wir den letzten Trumpf ausspielen müssen«, sagte Doktor Shelary.
»Es ist unsere einzige Chance.«, erwiderte Kendra. Drehte sich um und ging auf Kyreen zu.
»Bist du bereit?«, sagte Kendra und schaute Kyreen fragend an.
»So bereit … wie man sein kann, wenn man die letzte Hoffnung der Menschheit ist«, erwiderte Kyreen mit einem Zittern in ihrer Stimme.
Kendra öffnete die Zeitkapsel. Die transparente Glashülle glitt nach oben. Kyreen machte einen letzten Atemzug und stieg hinein. Als sie in der korrekten Position war, schlossen die Schutzgurte automatisch und sie war fixiert.
Während Kendra die Kapsel schloss, flüsterte sie Kyreen ein: »Viel Glück! Du musst es schaffen.« zu, ehe die Glashülle mit einem lauten Zischen einrastete. Kendra klappte das Bedienfeld aus und gab die Zeitkoordinaten ein. Ein letztes Mal blickte sie in Kyreens grüne Augen. Versuchte einen Blick aufzusetzen, der Ihr Mut geben sollte. Sie drückte den Knopf, der die Reisevorbereitungen auslöste.
Auf dem Monitor am Bedienfeld überwachte sie Kyreens Körperfunktionen. Die Zeitkapsel füllte sich mit LOx (Flüssigsauerstoff). Es dauerte Minuten, bis Kyreen komplett davon eingeschlossen war.
Dann begann die wohl furchtbarste Phase für Kyreen. Sie musste die Flüssigkeit einatmen, tief in ihre Lungen saugen und nicht in absolute Panik verfallen. In dieser Phase spielten Kyreens Körperfunktionen verrückt. Das war normal. Kendra musste zusehen, wie Kyreen kämpfte. Wie sich Ihr Körper wehrte, aus Angst zu ertrinken. Es vergingen Minuten, doch Kyreen, blieb so gut es ging, ruhig. Schlussendlich hatte Sie Ihre Atmung umgestellt. Sie atmete nun Flüssigkeit.
Kendra konnte sich gut vorstellen, wie schlimm so eine Atmungsumstellung sein musste, aber es war die einzige Möglichkeit, unbeschadet durch die Zeit zu reisen.
Als alle Werte von Kyreen wieder im grünen Bereich waren, aktivierte Kendra die Startsequenz und die Zeitkapsel, begann sich langsam um die eigene Achse zu drehen.
Kendra ging einige Schritte zurück und beobachtete die Szene aus der Entfernung. Als sich die Kapsel drehte, war sie aus der Entfernung verschwommen wahrzunehmen, bis sie sich - vor den Augen von Kendra und ihrem Team - in einem grellen Lichtblitz auflöste.
Hoffen wir das Beste! Jeder in der Crew nickte zustimmend.

(1) Ankunft in der Vergangenheit
Als Kyreen ihre Augen aufschlug, sah sie alles nur ganz verschwommen. Sie war verwirrt, wusste im ersten Moment gar nicht so recht, was passiert war.
Langsam kamen ihre Erinnerungen zurück. Sie befand sich noch immer im Inneren der Zeitkapsel und atmete LOx ein. Plötzlich schossen die Gedanken von der Atmungsumstellung wieder durch ihren Kopf. »Scheiße! Nun darf ich den ganzen Mist nochmals durchmachen … nur umgekehrt.«
Sie bemühte sich Konzentration aufzubauen, versuchte ganz ruhig zu werden, ehe sie die Öffnungsprozedur der Kapsel, mit ihrem Zeigefinger aktivierte. Kaum wurde das LOx abgesaugt, begann ihr Herz schneller zu schlagen. Panik kam in ihr hoch, sie versuchte, nicht zu atmen.
Als die Glashülle der Kapsel aufsprang, hatte sie keine Wahl mehr, sie musste atmen. Doch es ging nicht. Noch immer war Flüssigkeit in ihren Lungen, die sie daran hinderte. Sie begann zu husten, was einen Würgereflex auslöste. Es war ein furchtbares Gefühl, nicht atmen zu können.
In Panik erhob sich Kyreen aus der Kapsel und beugte sich nach vorne. Für sie fühlte es sich an, als ob sie kotzen müsste. Langsam kam die Flüssigkeit hoch. Sie spuckte und kotzte gleichzeitig, bis sie nach einer Weile, endlich etwas Luft in ihre Lungen saugen konnte.
Es dauerte ein wenig, bis sie sich wieder gefangen hatte und normal durchatmen konnte. Erschöpft ließ sie sich in die Wiese neben der Kapsel fallen und schaute in den wolkenbedeckten Himmel.
»Gott sei Dank! Endlich wieder normal atmen. So eine Scheiße tue ich mir nie wieder an«, dachte sie.
Nachdem sich Kyreen einigermaßen gefangen hatte, schaute sie sich um. Die Zeitkapsel war direkt in einem Feld, am Rande der Stadt gelandet. Genau an dieser Stelle war sie auf ihre Reise gegangen, allerdings war die unterirdische Anlage zu diesem Zeitpunkt noch nicht benutzt worden.
Als Allererstes musste Kyreen die Zeitkapsel zerstören. Es wäre nicht auszudenken, wenn jemand diese finden würde, da solche Technologie absolut Top Secret war.
Kyreen klappte das Bedienfeld aus und gab den Code zur Selbstzerstörung ein. Nachdem sie diesen aktiviert hatte, begann der Countdown. Der Timer zählte von einer Minute herunter. Kyreen rannte los, sie musste sich schnellstens aus der Gefahrenzone bringen. Der Sicherheitsabstand betrug dreihundert Meter.
Geschafft! Kyreen war nun weit genug weg von der Kapsel und drehte sich um. Nun musste sie nur noch einige Sekunden warten, ehe die Explosion die Zeitkapsel endgültig vernichtete.
Eine gewaltige Explosion tauchte das Feld in ein grelles Licht und kurz danach stieg eine dunkle Rauchwolke auf. »Das wäre erledigt, die Zeitkapsel ist Geschichte«, dachte Kyreen und machte sich auf den Weg in die Stadt.
Angekommen in der Stadt, führe Kyreen der erste Weg zu einer eBox. Bei einer eBox konnte man tagesaktuelle Informationen abrufen. Kyreen brauchte vorerst nur eine einzige Information, und zwar das aktuelle Datum.

Im Kindle-Shop: Asteroid Omega 1: Infektion aus dem Weltraum

Mehr über und von Reinhard Kratzl auf seiner Website.

8. Oktober 2015

"Agentin 006y" von Kay Noa

Nachdem die Trennung von Robin Lisa fast das Herz gebrochen hat, hofft sie, dass es mit ihrem neuen Job als PR-Managerin endlich wieder aufwärts geht. Als sie und Robin sich bei einem gemeinsamen Abendessen überraschend wieder näher kommen, scheint für Lisa alles perfekt. Um Robin zurückzugewinnen, willigt Lisa ein, für ihn herauszufinden, ob ihre neue Firma ihre Entwicklungen über illegale Kanäle ins Ausland verkauft.

Doch das ist leichter gesagt als getan, denn Tom Harker, ihr so attraktiver wie eigenwilliger Chef, zeigt sich an Lisa nicht besonders interessiert. Um Robin nicht zu enttäuschen, zieht Lisa alle Register und gerät damit nicht nur vollkommen unerwartet in die Welt der Geheimdienste, sondern kommt auch ihrem Chef gefährlich nahe.

Ein Agentinnen-Thriller mit viel Humor, rasanter Action und einer ordentlichen Prise Erotik. Die richtige Urlaubslektüre für alle, die schon mal Liebeskummer hatten, James Bond für eine coole Socke halten oder auch nicht immer wissen, ob sie dem Verstand oder dem Herz folgen sollen.

Gleich lesen: Agentin 006y

Leseprobe:
"Und wie war die erste Woche?"
So kannte ich Robin. Mit Nebensächlichkeiten hielt er sich nie auf.
"Frag nicht", rief ich aus meiner allenfalls notdürftig aufgeräumten Küche, während Robin sich aus seiner Jacke schälte und dann mit einer Flasche Rotwein in der Hand zu mir kam, um mir im Weg zu stehen.
"Aber deshalb bin ich doch gekommen …"
"Ich dachte, für eine warme Mahlzeit", neckte ich und schob ihn mit der Hüfte beiseite, um das Kartoffel-Kürbis-Gratin aus dem Ofen zu holen.
"Das auch. Ich hab nicht dich, sondern auch deine Kochkünste vermisst. Was für ein Anblick." Er leckte sich demonstrativ die Lippen und zwinkerte mir dabei zu. Allein diese Geste jagte mir einen Schauer über den Rücken, der mein albernes Herz zu einem Stakkato-Beifall verleitete. Ich hatte mich für ein einfaches, aber figurbetontes Kleid entschieden, das Robin sehr mochte. Mein Verstand verwies hiervon unbeeindruckt mit einer gewissen Resignation auf vorrangige Pflichten in Bezug auf das Abendessen, eine Ansicht die mein Magen teilte. Sein Knurren jedenfalls bändigte auch die Schmetterlinge.
"Dann bring die Flasche an den Tisch, bevor ich hier wegen Überfüllung schließen muss", sagte ich streng. "Und bei der Gelegenheit kannst du gleich decken. Du kennst dich ja aus."
Während ich die heiße Kasserolle abstellte und die Ofentür wieder schloss, wünschte ich mir auch so eine große Küche wie Robin sie hatte. Es war unfair, dass er, der einen Kühlschrank allenfalls für kalte Getränke brauchte, und im Vorratsschrank nur eine Sammlung Flyer diverser Bringdienste aufbewahrte, eine so tolle Küche hatte, während ich mich mit einer zwei Quadratmeter-Zwergkocheinheit zufrieden geben musste. Der Umstand, dass ich dann wenigstens ungeniert und genussvoll essen durfte, war definitiv der einzige Vorteil gewesen, den ich mit der Entscheidung verband, das mit der Karriere als Profitänzerin bleiben zu lassen. Ich hatte auch gedacht, ich würde in einem anständigen Beruf mehr verdienen, aber das hatte sich als Irrtum erwiesen und so lebte ich nach wie vor in meiner gemütlichen, aber eben kleinen Studentenbude in einem alten Haus in der Au, wo es zweimal die Woche nach Hopfen stank, wenn in der nahegelegen Brauerei Bier angesetzt wurde.
"Was gibt es denn?" fragte Robin.
"Omas legendären Schmorbraten mit Gratin."
"Und zum Dessert?" Er war offenbar mit seinem Auftrag fertig und stand nun in der Tür, um mir Platz zum Hantieren zu lassen.
"Seit wann bist du ein Süßer?"
"Immer schon", grinste er diabolisch. "Auch wenn ich dazu keinen Zucker brauche."
"Das ist gut, denn du solltest auf deine Linie achten", missverstand ich ihn betont. "Du warst auch schon fitter, mein Lieber."
"Die Art von Nachtisch, an die ich dachte, käme Figur und Fitness durchaus zu gute."
Dieses Mal ließen sich die Schmetterlinge nicht in die Ecke knurren.

Im Kindle-Shop: Agentin 006y

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7. Oktober 2015

"Agnes Geheimnis" von Annette Hennig

Nina ist Mutter von drei Kindern, Ehefrau und Hausfrau. Sie liebt ihr Leben, hat es sich immer so erträumt. Bis zu dem Tag, als nach 32 Jahren ein verhängnisvoller Brief ihre heile Welt wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen lässt. Sie wagt einen Neuanfang, verlässt Mann und Heim. Zu allem Überfluss erfährt sie von einem lange gehüteten Geheimnis ihrer geliebten Oma Agnes, das ihr gerade neu begonnenes Leben abermals auf den Kopf stellt.

Schafft Nina es, allen widrigen Umständen zum Trotz, wieder glücklich zu werden?

Gleich lesen: Agnes Geheimnis





Leseprobe:
Frankfurt 1935
Da stand sie nun. Es war ein klarer und kalter Frühlingsmorgen, die Sonne schien von einem wolkenlosen Himmel.
Agnes, noch im Nachthemd, starrte blicklos in den Garten der elterlichen Villa. Sie wusste nicht mehr ein noch aus und stellte sich immer wieder die gleiche Frage: Wie war es bloß so weit gekommen? Es war Unrecht, was sie getan hatte. Sie hätte sich besser unter Kontrolle haben müssen. Sie konnte sich nicht verzeihen, was letzte Nacht geschehen war.
Annemarie war fort. Das war ihre Schuld, und sie konnte nur hoffen, Annemarie würde sich besinnen und wieder nach Hause kommen. Sie wollte gar nicht darüber nachdenken, was geschehen würde, wenn Annemarie ihr nicht verzeihen könnte. Sie wusste nicht, wie sie mit dieser Schuld weiterleben sollte.
Annemarie, ihre zwei Jahre ältere Schwester, war immer das schwarze Schaf der Familie gewesen. Vor einem Jahr hatte sie sich verliebt. Seither war alles für sie besser geworden.
Walther war ein blendend aussehender junger Mann aus gutem Hause. Seine Familie war wohlhabend, Walther war das einzige Kind und somit der Erbe.
Das hatte Vater und Mutter gnädig gestimmt. Sie freuten sich für Annemarie und ließen keine Gelegenheit aus zu betonen, dass der junge Mann ein Glücksfall für sie sei und sie, Annemarie, sehen sollte, dass er sie so schnell wie möglich ehelichte.
Annemarie war ein schwieriges Kind gewesen. Das Lernen war ihr nicht leicht gefallen. Selbst wenn sie sich bemühte, kam sie über durchschnittliche Ergebnisse nicht hinaus. Zum Ärger von Vater und Mutter bemühte sich Annemarie jedoch eher selten. Naturwissenschaften hatten ihr nicht gelegen, und auch für Deutsch und Sprachen hatte sie wenig Sinn. Annemarie hatte sich stets nur für die neueste Mode, für die neuesten Frisuren und für Klatsch und Tratsch in den Gazetten interessiert. Vater und Mutter konnten nicht verstehen, wie sie zu solch einer Tochter gekommen waren.
Agnes war anders. Die neuesten Kleidermodelle aus Paris hatten sie immer schon kalt gelassen, und für die schönen Künste hatte sie wenig übrig. Naturwissenschaften und Sprachen hatte sie leicht gelernt, aber es hatte sie nicht brennen lassen, wie sich Vater das gewünscht hätte.
Er war für die Zeit ein äußerst fortschrittlicher Mann und hätte es nur zu gern gesehen, wenn eine seiner Töchter an der Universität studiert hätte. Annemarie hatte dazu nicht den nötigen Ernst aufbringen können, und auch an der nötigen Intelligenz fehlte es ihr.
Agnes wäre intellektuell durchaus in der Lage gewesen, ein Studium aufzunehmen, aber sie hatte ihre Bestimmung als Hausfrau und Mutter gesehen. Am ehesten hätte sie sich eine Ausbildung als Hauswirtschafterin vorstellen können.
Damit schien der große Traum ihres Vaters sich nicht zu erfüllen, denn die Ehe der Eltern war nicht mit weiteren Kindern gesegnet.
Eine Ausbildung zur Hauswirtschafterin hatte ihr der Vater nicht gestattet, und so hatte sie den Beruf einer Hebamme erlernt, der ihren Vorstellungen noch am nächsten kam.
Agnes war für die Eltern diejenige der beiden Töchter, die weniger Probleme bereitet hatte. Es war nichts Falsches daran, heiraten und eine Familie gründen zu wollen. Und nur das, so wussten sie, würde ihre Agnes glücklich machen.
Annemaries Lebensstil jedoch passte bei allem fortschrittlichen väterlichen Denken und der größten Mutterliebe nicht in ein gutbürgerliches Haus. Die Eltern waren also froh, als sie Walther bei einem Theaterbesuch kennenlernte. Zwar war es ihnen schleierhaft, wie solch ein ernster, gut erzogener und obendrein hoch gebildeter junger Mann ihre oberflächliche Tochter auch nur eines zweiten Blickes würdigen konnte, aber es sollte ihnen nur recht sein. Hübsch war sie ja, ihre Annemarie, und sie verstand es, sich gekonnt in Szene zu setzen. Die Eltern hatten zweiundzwanzig Jahre lang vergebens versucht, ihre Tochter zu zähmen und eine gut erzogene junge Dame aus ihr zu machen. Sollte sich von nun an Walther mit ihr herumplagen. Sie gönnten ihr von Herzen diese, wie sie meinten, gute Partie und atmeten bei dem Gedanken auf, dass sie keine Sorge mehr haben brauchten, ihre Annemarie käme auf die schiefe Bahn.
Und nun war es passiert. Agnes stand noch immer am Fenster und konnte sich kaum rühren. Alle Glieder schienen zu schmerzen, sie war wie erstarrt. Was hatte sie getan?
Sie war immer gut mit Annemarie ausgekommen. Sie liebte ihre große Schwester. Annemarie hatte immer Zeit für sie, und schon in der Schule hatte sie auf Agnes aufgepasst. Als Agnes sich die ersten Wochen dort verloren gefühlt hatte, als alles so fremd und neu war, war Annemarie stets zur Stelle gewesen, um ihr die ersten Schritte in der neuen Umgebung zu erleichtern. Annemarie war all die Jahre immer eine fürsorgliche große Schwester. Später dann, als sie nur noch Mode und Jungs im Kopf hatte, hatte sich Agnes oft schützend vor sie gestellt und so manche Schuld auf sich genommen, um die Eltern nicht noch mehr gegen Annemarie aufzubringen.
Agnes war der Verzweiflung nahe. Wo konnte Annemarie nur sein? Das alles hatte sie nicht gewollt.
Langsam löste sich Agnes aus ihrer Starre, trat an den geöffneten Kleiderschrank und zog sich mechanisch an. Es war noch eine halbe Stunde bis zum Frühstück. Die Eltern bestanden auf pünktlichem Erscheinen, ganz gleich, ob die Töchter zur Arbeit mussten oder frei hatten. Gefrühstückt wurde immer gemeinsam. Die Mutter vertrat die Meinung, dass das Frühstück die wichtigste Mahlzeit des Tages sei.
Agnes setzte sich an ihren kleinen Schreibtisch und zog ihr Tagebuch hervor. Sie hatte das Gefühl, es würde sie ein bisschen beruhigen, einige Zeilen zu Papier zu bringen.
Gleich würde sie den Eltern beichten müssen, was geschehen war. Was würden sie sagen? Agnes machte sich darauf gefasst, von ihnen aus dem Haus gejagt zu werden. Und sie hätte es verdient.
Mutlos und schweren Herzens betrat sie das Frühstückszimmer. Ihre Mutter hatte den Tisch wie an jedem Morgen liebevoll gedeckt. In der Mitte stand ein Strauß bunter Blumen. Auch schon zur ersten Mahlzeit des Tages hatte Agnes Mutter das gute Porzellan hervorgeholt und die Damastservietten geschickt gefaltet.
Die ersten Sonnenstrahlen fielen durch die hohen Fenster, und ihr warmes Licht hätte an jedem anderen Tag Agnes Laune beflügelt. Heute bemerkte sie das schöne Wetter nicht, und auch der hübsch gedeckte Tisch fiel ihr nicht auf.
„Guten Morgen“, brachte sie mit gesenktem Kopf gerade so heraus.
Ihr Vater ließ die Zeitung sinken, hinter der er sich zum Leidwesen seiner Frau an jedem Morgen verschanzte, und sah seine Tochter prüfend an. „Was ist dir denn heute über die Leber gelaufen? Hast du schlecht geschlafen?“, fragte er. Er kannte sie nur fröhlich.
Agnes hob schüchtern den Kopf und versuchte zu lächeln. Sie schob den schweren Stuhl zurück und setzte sich an den Tisch.
„Ich habe heute Nacht kaum geschlafen. Und ich muss euch etwas sagen“, setzte sie zu der Rede an, die sie sich in den letzten Stunden zurechtgelegt hatte. Annemaries Brief trug sie in der Tasche ihres Kleides bei sich. Sie war auf alles vorbereitet, als sie den Eltern eröffnete, was geschehen war.
Als sie ihren Bericht beendete, legte sich ein langes Schweigen über den gedeckten Tisch.

Im Kindle-Shop: Agnes Geheimnis

Mehr über und von Annette Hennig auf ihrer Website.

6. Oktober 2015

"Todfreunde: Ein Gregory A. Duncan Fall" von Cliff Allister

Gregory A. Duncan war Colonel des terranischen Flottengeheimdienstes - bis man ihn nicht mehr brauchte. Jetzt schlägt er sich mehr schlecht als recht als Privatdetektiv durch. Im 39. Jahrhundert sind die Gegner jedoch keine kleinen Kriminellen, sondern technisch hochgerüstete Verbrecher oder Aliens. Und die Spielwiese ist nicht der Dschungel einer Großstadt, sondern die gesamte Galaxis.

Die Leiche eines Aoree vor der Haustür, eine Spezies, mit der man sich vor Kurzem noch im Krieg befand, stürzt Duncan in einen Strudel mörderischer Ereignisse. Was zunächst nach einem Racheakt an ihm aussieht, er gilt bei den Aliens als Kriegsverbrecher, stellt sich schnell als eine Verschwörung heraus, die nicht nur sein Leben, sondern die gesamte Terranische Föderation bedroht.

Erster, in sich abgeschlossener SF-Thriller der GREGORY A. DUNCAN REIHE.

Gleich lesen: Todfreunde: Ein Gregory A. Duncan Fall (Gregory A. Duncan Romane 1)

Leseprobe:
Eine Leiche vor der Haustür kann einem den ganzen Tag verderben. Hätte ich gewusst, dass sie mir nicht nur diesen Tag, sondern die kompletten nächsten Wochen vermiesen würde, hätte ich mich umgedreht, von meinem Holofon umgehend die Bullen gerufen und mich weiter um die Kleine in meinem Schlafzimmer gekümmert. Dass die Leiche jedoch die eines Aoree war und der 'Blaue' zu dem Zeitpunkt, als ich mich über ihn beugte, noch nicht vollständig den Löffel abgegeben hatte, erweckte erstens mein Interesse und brachte zweitens das entgegen anderslautender Gerüchte doch in mir steckende Gute zum Vorschein.
Mein Name ist Gregory A. Duncan, meine Freunde nennen mich Greg. Wofür das 'A.' in meinem Namen steht, wissen nur meine Ma und ich - und das soll auch so bleiben. Manche meiner Bekannten behaupten, es stünde für 'Arschloch', was entweder etwas über meinen Umgang oder über mich selbst aussagt. Ich bin Mitte dreißig und verdiene meinen Lebensunterhalt damit, anderen Leuten nachzuschnüffeln. Was in der heutigen Zeit einerseits recht einfach, andererseits sehr kompliziert sein kann. Die moderne Technologie macht es zwar möglich, nahezu alles über seine Mitmenschen in Erfahrung zu bringen, aber wer wirklich etwas zu verheimlichen hat, kann mit genau dieser Technologie seine kleinen schmutzigen Geheimnisse um so besser verbergen.
Jedenfalls lag mitten in der Nacht ein sterbender Aoree vor der Tür zu meinem Apartment im 167. Stockwerk des Inverson-Towers, der sich in einem der billigeren Stadtviertel von Groß-Detroit befindet. Irgendwie musste es ihm noch gelungen sein, die Klingel zu betätigen, bevor er zusammenbrach. Was für sich genommen ein Wunder darstellte, da man mit einem großen Loch in der Brust normalerweise weder einen Antigravlift benutzen noch eine Klingel drücken kann. Er war entweder ein besonders zähes Exemplar seiner Spezies oder ausreichend motiviert, seinen Abgang so lange hinauszuzögern, bis er sicher sein konnte, dass ich von ihm Kenntnis genommen. Seine reptilienartigen Lider flackerten noch und ein leises Röcheln drang aus dem verzerrten Mund. Das Loch in der Brust rührte mit Sicherheit von einer Hochenergie-Laserwaffe. Der Wundrand und das Gewebe waren kauterisiert worden, sodass sich die Blutung in Grenzen hielt. Die Wunde war trotzdem absolut tödlich. Ich beugte mich zu ihm herab.
»Linke Tasche«, stöhnte er kaum vernehmbar.
Er trug einen grauen, irdischen Anzug. Terranische Mode war bei den Aoree der letzte Schrei. Vorsichtig griff ich in die Außentasche der Jacke. Unter meinen Fingern spürte ich die typische Form eines Datenkristalls. Ich zog ihn heraus und steckte ihn in die Seitentasche meines Bademantels, den ich in aller Eile übergeworfen hatte. Seine vierfingrige Hand tastete nach meiner, und er zog mich näher zu sich heran.
»Trevor Constantin ...«
Den Namen hauchte er mit seinem letzten Atemzug in mein Ohr. Ich konnte spüren, wie ein leichtes Zittern seinen Körper durchlief, bevor er vollkommen still dalag.
Ich hatte schon viele Aoree sterben sehen. Manche davon durch meine Hand. Während des Krieges, als Colonel des terranischen Flottengeheimdienstes, hatte es Missionen gegeben, an die ich heute ungern zurückdachte. Alle waren gefährlich gewesen und viele am Rand der Legalität. Oder am Rand dessen, was in Kriegszeiten gerade noch als legal angesehen wird. Als jüngster Colonel der Flottengeschichte hatte ich mir einen besonderen Ruf erworben. Teilweise beruhte er auf meiner Bereitschaft, Dinge zu tun, auf die ich im Nachhinein nicht sonderlich stolz war. Viele Aoree sterben zu sehen, hatte mit diesen Dingen zu tun.
In der Innentasche seiner Jacke fand ich einen Ausweis der Aoreeianischen Vertretung in New York. Seit dem Friedensabkommen vor vier Jahren gab es sowohl auf der Erde als auch auf Aora eine Vertretung der ehemaligen Kriegsgegner. Yakathan Rasgolar Mallnichon Bregareth, 2. Untersekretär für kulturellen Austausch. Der vor meiner Tür verstorbene Yakathan, Sohn des Rasgolar aus dem Clan der Mallnichon des Planeten Bregara war ein Spion. Zweite Untersekretäre für kulturellen Austausch waren immer Spione. Das hatte man schon in den Spionagethrillern vor zweitausend Jahren gewusst. Die Frage war, was er von mir wollte. Ich glaube nicht an Zufälle, und dass ein Mitglied des aoreeianischen Geheimdienstes zufällig vor meiner Tür seinen letzten Seufzer tat, war so wahrscheinlich wie das Entkommen aus einem Black Hole. Ich war bei den Aoree nicht gerade beliebt - um es vorsichtig zu formulieren. Wer hatte auf ihn geschossen und warum? Hatte man ihn aus irgendeinem mir unbekannten Grund töten wollen oder ging es lediglich darum zu verhindern, dass er mit mir Kontakt aufnahm? Wer immer das getan hatte, würde sich davon überzeugen wollen, dass er sein Ziel erreicht hatte. Zu viele offene Fragen und zu wenig Zeit. Die Verfolger des Toten konnten jeden Moment hier auftauchen.
Seit ich die Tür geöffnet hatte, um nachzusehen, wer mitten in der Nacht wie ein Irrsinniger den Türmelder betätigte, waren allerhöchstens dreißig Sekunden verstrichen. Ich stand im Bademantel auf dem Flur, unbewaffnet, und auf einen neugierigen Nachbarn, der mir zu Hilfe eilen würde, konnte ich nicht rechnen. Das gesamte Stockwerk gehörte mir. Auf der einen Seite lagen meine Büroräume, auf der anderen meine Wohnung. Ich hatte es praktisch gefunden, keinen weiten Weg von meinem Zuhause zur Arbeit zu haben, besonders, wenn es nachts mal wieder etwas später wurde. Den Ausweis hatte ich zurück in die Jackentasche des Toten gesteckt, dessen feinschuppige, blaue Haut sich allmählich ins Gräuliche verfärbte.
Der Antigravlift spuckte drei Gestalten aus, denen ich nachts in einer schwach beleuchteten Straße nicht begegnen mochte. In einem hellen Flur war es nicht besser. Sie schwangen sich an den Haltestangen aus dem Null-G Feld. Ihre geschmeidigen Bewegungen zeugten von Körperbeherrschung und Selbstvertrauen. Nebeneinander kamen sie auf mich zu. Der Anblick der Leiche schien sie nicht zu überraschen. Der Mittlere, ein Typ in meinem Alter, breitschultrig, durchtrainiert, glatzköpfig und mit einer psychedelischen Tätowierung unter dem rechten Auge, schien der Wortführer zu sein. Er baute sich vor mir auf.
»Gregory Duncan?«
»Wart ihr das?« Ich zeigte mit vorwurfsvollem Blick auf den leblosen Körper, ohne seine Frage zu beantworten.
»Sie sollten uns dankbar sein. Der Aoree war auf dem Weg zu Ihnen. Wie Sie wissen, stehen Sie bei den Blauen nicht gerade auf der Liste der beliebtesten Personen.«
»Sie denken, er wollte mich umbringen?«
»Was glauben Sie, was er mitten in der Nacht hier wollte?«
»Und wer sind Sie?«
»Sicherheitsdienst von ConCorp«, antwortete er.
»Was hat die Constantin-Corporation mit einem toten Aoree zu tun, der es angeblich auf mich abgesehen hatte?«
»Wir beobachten die Blauen schon eine ganze Weile. Industriespionage. Sie wollten unsere neuesten Waffendesigns stehlen. Bei einer Abhöraktion konnten wir in Erfahrung bringen, dass Sie auf deren Abschussliste stehen.«
Die Geschichte hatte Löcher, so groß wie das Wurmloch beim Sirius. Warum sollte ein Mitarbeiter der Aoree-Vertretung, der gleichzeitig Geheimdienstler war, in zwei Missionen gleichzeitig verwickelt sein. So arbeiten Geheimdienste nicht. Ich bezweifelte nicht, dass die Aoree nur zu gerne einen Blick in die Quantenpositroniken von ConCorp geworfen hätten. Ich war auch sicher, dass es mehr als einen Aoree gab, der mich lieber tot als lebendig gesehen hätte - aber das gleiche Team auf zwei Ziele anzusetzen, gefährdete beide Aufträge. So etwas tat man einfach nicht! Hier ging etwas anderes vor. Die Geschichte klang, als ob Lockenköpfchen sie sich auf die Schnelle aus den Fingern gesaugt hätte.

Im Kindle-Shop: Todfreunde: Ein Gregory A. Duncan Fall (Gregory A. Duncan Romane 1)

Mehr über und von Cliff Allister auf seiner Website.

5. Oktober 2015

"Die Geschichtenerzählerin: Die Schatten" von Stella Jante

Band 2 der Fantasy-Trilogie mit alpinen Sagen und irischen Mythen.

Die Geschichtenerzählerin der Anderswelt Mena ist zu ihrem Freund Kinnon, dem halben Sìdhe, nach London gezogen, doch ihre Beziehung wird einer schweren Prüfung unterzogen. Mena leidet unter Heimweh und die Beiden stoßen im Alltag an ihre Grenzen.

Die Beziehungen in der Anderswelt mit den Drachen, dem Nörggele, den Sìdhe, den Saligen und den Wilden Männern vertiefen sich, aber gleichzeitig braut sich etwas Gefährliches zusammen …

Gleich lesen: Die Schatten - Die Geschichtenerzählerin Band 2





Leseprobe:
„Wo bleibst du denn, babe?“
Zwei Arme schlingen sich um meine Taille. „Was ist los, Mena?“, flüstert eine tiefe Stimme, immer etwas heiser, in mein Ohr. „Du stehst vor dem Schrank und schaust hinein, als ob dort, ich weiß nicht was, herauskommen würde.“
Ich lehne mich zurück und genieße, in seinen Armen zu sein. Kinnon, mein „Traum-Mann“, den ich in einer Vision in der Anderswelt vor nicht einmal einem halben Jahr kennengelernt habe. Vor zwei Wochen bin ich zum Studieren extra für ihn nach London gezogen, um mit ihm in seiner WG zu leben.
„Ich weiß nicht, was ich anziehen soll“, versuche ich das Heimweh, das mich mehrmals am Tag überfällt, zu verheimlichen. Aber wahr ist, das Wetter hier macht mich wahnsinnig! In London muss ich im Oktober täglich mit einem Nieselregen rechnen. Der ist so fies, dass er mich bis auf die Unterwäsche durchnässt.
Kinnon dreht mich um und sieht mich langsam von Kopf bis Fuß an. Ihm gefällt, was er sieht. Das lässt mich Heimweh und Wetterverhältnisse vollkommen vergessen. Auf einmal kommt es mir im Raum sehr heiß vor.
Er weiß genau, was er bei mir auslöst.
„Mena, du bist angezogen“, meint er mit seinem sexy schiefen Lächeln.
Ich sehe an mir herab, betrachte Jeans, T-Shirt und meinen taillierten Pullover. „Das ist meine Uni-Kleidung“, protestiere ich schwach. „Süße, wir gehen auf eine Studentenparty. Da musst du dich nicht fein machen“, lacht er mich aus.
„Kinnon, ich kenne da niemanden.“ Ich höre selbst, wie weinerlich das klingt. Autsch! Seit wann bin ich so eine Jammerliesl geworden?
Er legt einen Finger unter mein Kinn. „Ich bin bei dir, auch Liam und Kayla“, sagt er mit einer Geduld, die ich nicht verdiene. „Außerdem gehen wir da hin, damit du auch andere kennenlernen kannst. Komm schon, Mena, ich möchte dir ein paar Kollegen vorstellen.“
Ja, das möchte er nicht zum ersten Mal … Kinnon hat eine Menge Kollegen, in erster Linie Iren wie er, die ebenfalls in London studieren. Seine Kolleginnen mustern mich alle mit Argusaugen, so nach dem Motto: „Was hat die, was ich nicht habe?“ Wahr ist: Nicht nur ich bin der Meinung, dass er mit Abstand der schönste Mann ist, den ich je getroffen habe.
Kinnon nimmt mein Gesicht liebevoll in seine riesigen großen Hände. „Mena“, sagt er und sieht mir tief in die Augen, „ich kann beinahe sehen, wie viele Gedanken in deinem Kopf herumschwirren. Wenn du nicht zu dieser Party gehen möchtest, dann bleiben wir hier. Ich sage nur schnell Liam und Kayla, dass wir nicht mitkommen, und die Sache hat sich. Möchtest du das?“
Kein Wunder, dass ich ihn „meinen Traum-Mann“ genannt habe! Er ist schon damals zu schön und zu gut gewesen, um wahr zu sein. Auch heute ist er wieder so fürsorglich und liebevoll, dass ich nur noch den Kopf über mich selbst schütteln kann. „Ach Kinnon, nimm mich nicht ernst. Ich fühle mich noch nicht heimisch hier. Das Wetter deprimiert mich …“ Das zu meinem Vorsatz, ihn heute nicht mit meinem Heimweh zu konfrontieren!
„Ja, das würde es mich auch, wenn ich aus deiner Gegend käme“, unterbricht er mich verständnisvoll. Lächelnd streichelt er mir mit seinen Daumen die Wangen, während er meinen Kopf nach wie vor in den Händen hält. Er ist im vorigen Sommer bei mir daheim zu Besuch gewesen, in Meran in Südtirol, und weiß, wie ich von der Sonne verwöhnt bin. 300 Tage Sonnenschein im Jahr gegen 250 Tage mit bedecktem Himmel zu tauschen soll einem die Laune nicht verderben?
Die Jammerliesl in mir hat jetzt richtig Fahrt aufgenommen. „… Und das Studium ist genauso schwierig für mich. Ich verstehe die Hälfte, tue mich schwer, jemanden dort kennenzulernen. Auf diesen Partys bin ich die Einzige deutscher Muttersprache.“
„Ich verspreche dir, dass ich dir heute nicht von der Seite weiche und dein persönlicher Übersetzer bin“, grinst Kinnon unbeeindruckt von meiner Litanei.
Die Liebe, die ich momentan für meinen Traum-Mann empfinde, hat die Jammerliesl momentan zum Stillschweigen gebracht. Ich falle ihm um den Hals. „Wenn ich dich nicht hätte! Du bist mein persönlicher Sonnenschein.“
Kinnon lacht. „Klar doch! Nur reicht er nicht, Londons grauen Himmel zu überstrahlen.“ Er hält mich nochmals auf Entfernung und sieht mich an. „Mena, aller Anfang ist schwer. Ich habe mich ähnlich gefühlt, als ich von Irland nach London gezogen bin. Hinzu kommt, dass du genauso wenig der Großstadttyp bist wie ich. Dir fehlen die Berge und du vermisst deine Familie. Ich sehe dir an, dass du Heimweh hast.“
Seine Worte bringen mich den Tränen nahe. Ich schlage ihm auf die Brust. „Hör auf! Ich habe mich gerade geschminkt, da kann ich es mir nicht leisten, zu weinen.“ Ich lächle ihn gezwungen an. „Es geht schon, Schatzele. Es tut mir gut, wenn du mich verstehst. Ich hoffe, Du hast recht und ich lebe mich hier bald ein.“
Kinnon küsst mich zärtlich. „Das hoffe ich auch, babe, denn ich kann ohne dich nicht mehr sein.“ Woraufhin er seinen Kuss nochmals intensiviert, und wir uns darin verlieren …
„Ich glaube es nicht! Kayla, die knutschen hier herum, während wir unsere Zeit totschlagen und längst schon ein Bier auf der Party trinken könnten. Würdet ihr Turteltäubchen jetzt endlich vorwärtsmachen?“, ruft Liam entrüstet zur Tür herein.
Wir grinsen uns an. Kinnon reicht mir bedeutungsvoll die Hand. „Kommst du?“ Er strahlt mich an und mir wird mehr als nur warm ums Herz – und nicht nur dort. Kinnon, der Grund, warum ich in London bin …
Der Abend gestaltet sich schöner als erwartet. Kinnon hat sein Versprechen wahr gemacht und mir geholfen, mich zu integrieren, zeitweise auch den Übersetzer gespielt – von Englisch mit irischem Slang zu Oxfordenglisch, worüber nicht nur ich mich kaputtgelacht habe. Ab und zu hat er noch zur Belustigung aller ein paar Brocken Deutsch eingeworfen, weil er sich in einen Deutschkurs eingeschrieben hat, trotz seines übervollen Terminkalenders. Im zweiten Jahr seines dreijährigen Informatikstudiums arbeitet er „nebenbei“ in einer berühmten japanischen Firma, bei der er die Spiele für die trendigste Spielkonsole entwickelt.
Während seiner „Sprachshow“ sieht er mich plötzlich ernst an und nimmt mich in seine Arme. „Ich arbeite darauf hin, dass wir eines Tages in unserer jeweiligen Muttersprache miteinander sprechen können. Ich möchte so bald wie möglich mit deinen Großeltern ein Gespräch führen können – ohne deine Übersetzung. Sonst werde ich immer der Fremde in deiner Familie bleiben. Das ist schlimmer, als auf einer Party nur die Hälfte zu verstehen …“, flüstert er mir ins Ohr.
Es freut mich, dass es ihm so wichtig ist, mich eines Tages in meiner Muttersprache zu verstehen. Wenn ich ihm wahrscheinlich auch Extra-Lektionen in unserem Dialekt werde geben müssen, denn der ist noch einmal deutlich anders als Hochdeutsch.
Während Kinnon sich gerade wieder mit einigen Leuten unterhält, zieht mich Kayla kurzerhand auf die Tanzfläche. Ich sehe, wie ihr Kinnon dankbar zulächelt.
Kayla ist herrlich unkompliziert. Ich habe sie erst bei meinem Einzug in die WG kennengelernt. Sie stammt aus Wales und ist schon seit drei Jahren in London, wo sie an einer Hochschule für Event Management studiert. Ihr Freund ist auch Ire, der in Wales lebt, sodass sie gerne in Gesellschaft von Iren ist. Sie ist klein, dunkelhaarig, zierlich, quirlig und lacht gerne. Ich habe sie sofort ins Herz geschlossen – und sie mich zu meinem Glück auch, obwohl sie eine Freundin von Ava ist.
Ava ist heute nicht auf der Party. Sie wäre die vierte Mitbewohnerin von Kinnons WG gewesen, aber sie zieht gerade um. Seit er nach London gezogen ist, hat sie sich darauf versteift, mit ihm eine Beziehung zu beginnen. Mit meinem Einzug in die WG hat sie nicht mehr länger die Augen vor der Tatsache verschließen können, dass sie bei ihm nie eine Chance haben wird. Ava hasst mich dafür.
„Au!“ Mit einer Grimasse hebe ich meinen rechten Fuß hoch, der die Bekanntschaft mit spitzen High Heels gemacht hat. Das kommt davon, sogar beim Tanzen in den eigenen Gedanken zu versinken.
„Was soll das?“, ruft Kayla empört.
Die blonde Tussi ignoriert sie und grinst mich nur gehässig an, bevor sie weitertanzt. Warum sollte ich mir denn von einer, die mir mit ihren Aufreißschuhen fast die Zehen abgesäbelt hat, erwarten, dass sie sich entschuldigt?
Ich lege beruhigend eine Hand auf die Schulter von Kayla, die so aussieht, als ob sie auf sie losgehen möchte. „Lass gut sein.“
Ein Reggae wird gespielt, und ich nehme sie bei den Händen, um ausgelassen mit ihr herumzuhüpfen.

Im Kindle-Shop: Die Schatten - Die Geschichtenerzählerin Band 2

Mehr über und von Stella Jante auf ihrer Website.

2. Oktober 2015

"Schattenlicht" von Martin Bühler

Am Anfang steht ein Dachbodenfund: als Martin Bühler sein Elternhaus entrümpelt, entdeckt er in einer Holzkiste ein Manuskript: der Autor hält die Lebensgeschichte seines verstorbenen Vaters Matthias Bühler in den Händen, die von den 1920er Jahren bis in die Nachkriegszeit reicht.

„Ich setzte mich hin und begann zu lesen. Die Geschichten über die nostalgischen Jahre der Weimarer Republik, über die ich mir eigentlich nie Gedanken gemacht hatte, begeisterten mich“, so Martin Bühler. Der detailreiche Blick auf die Dreißiger Jahre war zunächst überwältigend: “Als ich die Aufzeichnungen zum ersten Mal ausführlich las, wurde mir erstmals bewusst, was Nationalsozialismus wirklich heißt”, so Bühler.

Aus dem ersten Teil des Manuskript machte der Sohn einen Roman mit dem Titel „Schattenlicht“ – erzählt aus der Perspektive seines Vaters Matthias Bühler. „Die Aufzeichnungen meines Vaters waren mir viel zu wichtig, um sie ungelesen verstauben zu lassen“, so Martin Bühler.

Nach den vielen positiven Reaktionen auf den ersten Band - inklusive Bestseller-Ranking im Kindle Store unter „Deutsche Geschichte“ - war schnell klar, dass es mit dem ersten Teil nicht getan sein konnte. So entstand durch das große Interesse der Leser-Community am Ende die Schattenlicht-Trilogie.

Teil 1 von „Schattenlicht“ beschreibt Kindheit und Jugend in Balzhausen, einem Dorf auf der schwäbisch-bayerischen Hochebene, aber auch die Folgen der „Machtergreifung“ in der Provinz, die Lehrjahre in einer Kemptner Gärtnerei, und endet mit dem schockierenden Erlebnis der „Reichskristallnacht“ in Stuttgart.

Gleich lesen: Schattenlicht: Biografischer Roman Teil 1

Leseprobe:
Überfall auf Polen
Diesen Wink von oben bekam die deutsche Wehrmacht im Jahre 1939. An diesem denkwürdigen 1. September hatte unser „heißgeliebter Führer” als Sendbote Gottes die genialste Eingebung. Im Morgengrauen ließ er seine Waffen sprechen gegen einen imaginären Todfeind Polen. Im deutschen Volk gab es einen Aufschrei der Begeisterung, die Masse jubelte! Endlich konnte sich unsere Wehrmacht bewähren. Was seit sechs Jahren geübt worden war, konnte man jetzt endlich in die Praxis umsetzen. Biedere Familienväter, humanistisch gebildete Akademiker, hochdotierte Beamte in stolzen Offiziersuniformen fielen brennend und mordend in Polen ein, sie trieben ihre Soldaten an: Mehr Blut wollen wir sehen, mehr Blut. Die Soldaten fieberten in ihrem Blutrausch. Je mehr Feindesblut die polnische Erde tränkte, desto größer waren die Erfolgsmeldungen. Der Volksempfänger vibrierte unter der Last der Wehrmachtsberichte. Die Heimat war stolz auf ihre Helden; sie wollte noch mehr Land, noch mehr Gefangene, noch mehr tote Feinde.
Es gab kaum einen deutschen Bürger, der sich diesem Siegestaumel entziehen konnte. Wer da nicht mitjubelte war schon ein notorischer Staatsfeind. Wie mir meine Mutter später erzählte, gehörte zu diesen wenigen auch mein Vater. Als mein Bruder diese Nachricht von der Molkerei – der Nachrichtenzentrale des Dorfes – mitbrachte, war mein Vater bei der morgendlichen Stallarbeit. Er gab mit seiner Gabel Gras in die Futtergrippe. Wortlos stellte er seine Gabel an die Wand, setzte sich auf den Steinsockel an der Futterraufe und weinte. Meine Mutter – resolut wie sie immer war – versuchte ihn aufzurichten. „Da brauchst du dich doch nicht so aufregen, so schlimm wird’s net werden!“ „Mutter, das wird ein Weltbrand!“ Er war den ganzen Tag niedergeschlagen, obwohl er zum Nachdenken kaum Zeit hatte. Um acht Uhr kamen schon die Zimmerleute, denn wir bauten gerade an der Widerkehr an. Die Widerkehr ist eine Scheune, die rechtwinkelig zum Haus angebaut war. Zeit und Arbeit drängten, ein Verweilen gab es nicht.
So gegen Mittag kam der Hockebaur, ein baumlanger Bauer, der nach ersten Jahren der Sympathie ein Todfeind aller dörflichen Hitler wurde. Schon von der Hofeinfahrt aus schrie er: „Firmus, hast du es gehört? Es ist Krieg, alles geht kaputt, wie kannst du da noch bauen!“ Mein Vater schwieg. Meine Mutter erwiderte: „Mei Josef, so schlimm wird’s nicht werden. Und zudem können wir jetzt nicht mitten im Bau aufhören.“ Das akzeptierte der Hockebaur. Und wenn die Welt unterging, auf dem Bauernhof gab es kein Resignieren, kein Verweilen, kein sinnloses Warten. Das Vieh musste versorgt werden, geerntet und danach musste wieder neu gesät werden.
Dieser Krieg hatte den Soldaten, ja überhaupt die ganze Wehrmacht, erst aufgewertet und im vollen Glanz erstrahlen lassen. Wohlweislich hatte die Wehrmacht als Ausbilder nur eingefleischte, 150prozentige Nazifanatiker verwendet. Politisch zweifelhafte Soldaten waren an der Front besser aufgehoben, dort konnten sie nichts anrichten, da wurden sie einfach als „Kanonenfutter“ an die vordersten Linien gestellt, da gab es kein Meckern oder Quertreiben. Dank meiner Schlamperei, dank meiner Widerspenstigkeit war ich während der Woche immer wieder aufgefallen, obwohl ich mich krampfhaft angestrengt hatte, damit ich endlich ein Wochenende in die Freiheit der heimatlichen Gefilde entrinnen konnte. Endlich war es nach langer Zeit einmal so weit. Nach so vielen Entbehrungen fühlte ich mich wie ein König in den heimatlichen Feldern und Wäldern. Der alte Mailinger hatte sich nicht verändert, der Müller Karl hat sich nicht verändert, der Eichbühl folgte dem Rhythmus der Jahreszeit. Nur die Dorfstraße hatte neben den braunen Nazis noch die Ausbilder der Wehrmacht aufgenommen. Was früher braune Fähnleinführer waren, zeigten sich jetzt als Unteroffiziere und als Feldwebel der deutschen Wehrmacht. Die Vormilitärische Ausbildung im Ziegelstadel hat aus braunen Pseudosoldaten Führer der Wehrmacht gemacht, die sich als Ausbilder auf den Kasernenhöfen voll entfalten konnten.
In den Straßen der Garnisonsstädte wie Augsburg, Ingolstadt, Memmingen, Kempten und so weiter, wären diese Unterführer am Wochenende unbeachtet geblieben. Doch sie verbrachten jedes Wochenende in Balzhausen und promenierten auf der Dorfstraße, wo alte Weiber und braune Pimpfe ehrfurchtsvoll zu ihnen aufblickten, denn sie verkörperten ja die Helden der Front. Wieder heimsten sie unberechtigten Ruhm ein., aber das störte sie auch nicht. Wenn die alte Bachweberin hinter vorgehaltener Hand meiner Mutter zuraunte: „Marie, der Hans liegt schon wieder daheim ‘rum, der soll doch als Nazi an die Front gehen!“ Mich störte es nicht, wenn ich respektlos und grußlos zwischen meinen dekorierten Schulkameraden spazierte. Ich kannte ja mehr als sieben Jahrgänge von der Volksschule her. Mich wunderte es nur, wie schulische Halbidioten angesehene Unterführer bei der Infanterie werden konnten. Das wäre ja noch schöner gewesen, wenn ich hier auf dem Dorf meine Altersgenossen mit dem gleichen Respekt wie im Kasernenhof mit zackigen Ehrenbezeugungen gegrüßt hätte. Ich täuschte mich und musste gegen meinen Trotz klein beigeben.
Am Sonntagnachmittag ging ich zum Pfarrhof. Auf der anderen Seite der Hauptstraße stand mein Schulkamerad Alois mit drei Dorfschönheiten. Mein Stolz ließ es nicht zu, dass ich den Feldwebel grüßte. Er ließ mich, ungeschoren. Nachdem ich mich etwa zehn Schritte von dieser Gruppe entfernt hatte, schrie er empört: „Sie, Soldat, grüßen Sie gefälligst!“ „Schnapp’ bloß nicht über, du Spinner“, gab ich lautstark zurück. Er fühlte sich in seiner Ehre gekränkt. Nach vierzehn Tagen traf bei meinem Kompaniechef eine Meldung ein. „Unmilitärisches Benehmen, Beleidigung eines Feldwebels, drei Tage Arrest!“ Damit musste ich einsehen, dass ich auf dem Dorf die gleiche Grußpflicht gegenüber einer Feldwebeluniform hatte wie in der Kaserne!
Ein anderes Mal war in der Brauerei Kirn, bei meinem Schulfreund Hans, großer Tanz. Ich konnte zwar nicht gut tanzen, ich wollte aber nach so harter Abstinenz auch mal wieder im Kreise der Mädchen sein. Ich verknallte mich in ein Mädchen aus dem Unterdorf. Ich tanzte mit ihr mehrmals, wir unterhielten uns glänzend. Als ich sie wieder zum Tanzen holen wollte, gab sie mir einen Korb. Ich war noch nicht auf meinen Platz zurückgekehrt, da sah ich, wie sie mit einem Offizier tanzte. Sie tanzte mit ihm den ganzen restlichen Abend. Für mich eine Niederlage, die mich schon sehr traf. Im Dorf kannte ja jeder jeden. So merkte ich, wie die Gesellschaft im nächsten Umkreis für mich ein mitleidiges Lächeln übrig hatte. Gedemütigt verließ ich unauffällig den Saal. Ein hoffnungsvoller Abend hatte mit Resignation und Enttäuschung geendet. Beim Heimgehen dachte ich an die Mückeninvasion, die ich als kleiner Junge im Schlafzimmer erlebt hatte, als aus einigen Litern Tümpelwasser ein Schwarm Mücken entschlüpft war. Diese Quälgeister hatten mich gestochen und mich bis in die heiligen Räume unserer Kirche verfolgt.
Wieder hatte ich Heimaturlaub. Der Sonntagsgottesdienst war ja selbstverständliche Christenpflicht. Ich hatte meinen Stammplatz an der Brüstung der Empore, also in der vordersten Reihe einer nach hinten ansteigenden Bankreihe. Nach einem ungeschriebenen Gesetzt hatte jede traditionelle Bauernfamilie einen Stammplatz in der Kirche, weil sich angeblich die Vorfahren beim Kirchenbau besondere Verdienste erworben hatten.
Der Höhepunkt der Messfeier war die „Heilige Wandlung“. Wenn die Ministranten diese Zeremonie mit ihren hellen Glocken einläuteten, dann wurde es so still, dass man eine Nadel fallen hörte. Der Mesner verstärkte den Ruf zur Andacht noch mit seiner eigenen Glocke. Wer da in der Sommerhitze zufällig eingenickt war, der zuckte unwillkürlich zusammen und auch die jugendlichen Dauerschwätzer auf der Empore stellen ihr halblautes Murmeln ein.
Als der Priester in der Stille dieser Andacht die Hostie erhob, bekam ich von hinten einen Rippenstoß und ein halblauter Kommandoton befahl mir: „Sie, Soldat, stecken sie ihr Seitengewehr richtig in die Scheide!“ Eine so laute Zurechtweisung zu einem so ungewöhnlichen Zeitpunkt schockierte auch mich. Augenpaare, die sich demutsvoll zum Altar gerichtet hatten, wandten sich zu mir. Als ich begriff, was los war, stieg mir Zornesröte in den Kopf bis weit hinter meine Ohren.
Was war vorgefallen: Ein Feldwebel – übrigens der stupideste Dummkopf in der Schule – war von der hintersten Reihe gekommen, um mich zurechtzuweisen, weil mein Seitengewehr falsch in der Scheide gesteckt hatte. Ordnung ging eben über Andacht, Geltungsbedürfnis kannte keine Grenzen. Alles zur rechten Zeit und am rechten Ort. Jedenfalls, meine Andacht war vorbei. Ein Ausbilder der Infanterie nimmt selbst in der Kirche seine Aufsichtspflicht sehr ernst!

Im Kindle-Shop: Schattenlicht: Biografischer Roman Teil 1

Mehr über und von Martin Bühler auf seiner Website.