29. April 2015

"Golden Gerbil: Eine Berliner Liebesgeschichte" von Anna Becker

Liebeskummer und Oma Gertrude treiben die Hamburgerin Florentine nach Berlin. Die Hauptstadt empfängt die junge Frau allerdings nicht gerade mit offenen Armen. Und mit dem Schotten Nick kracht es gleich bei der ersten Begegnung im Bio-Supermarkt. Wäre nicht Püppi, Transvestit und Inhaber der Zoohandlung „Golden Gerbil“, der Florentine Arbeit und ein Dach überm Kopf gibt, könnte sie einpacken. Doch bald erlebt Florentine, wie bunt, skurril und witzig ihr neues Leben ist – und eine Rennmaus-Dame hat natürlich auch ihre Pfoten im Spiel …

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Leseprobe:
Der Zug aus Hamburg traf pünktlich in Berlin ein. Und mit ihm Florentine. Die Fahrt hatte elf Tempopackungen lang gedauert. In letzter Zeit waren Taschentücher für Florentine zu Messeinheiten geworden, die ihr die Tragweite ihres Unglücks aufzeigten. Tom oder nicht Tom – das war keine Frage mehr. Tom war Vergangenheit.
In Berlin kannst du ein neues Leben beginnen, hatte ihre Großmutter gesagt und ihr etwas Startkapital in die Hand gedrückt. Schön. Aber Florentine wäre gern unter anderen Voraussetzungen in die Hauptstadt gezogen.
Wie sollte man als heulendes Elend ein neues Leben beginnen? Mit so einer desolaten Ausstrahlung mieden einen doch alle! Genau wie die Mitreisenden im ICE es getan und sich weggesetzt hatten, weil sie von Florentines Anblick peinlich berührt gewesen waren.
Sie reihte sich in die Schlange der Fahrgäste ein, die zum Aussteigen bereit waren, und kletterte mit Koffer und Rucksack aus dem Zug.
Auf dem Bahnsteig sah sich Florentine mit einem weiteren Problem konfrontiert: Sie musste sich in diesem Ungetüm von Bahnhof zurechtfinden. Die Menschenmassen, bestehend aus Geschäftsleuten, Touristen und herumlungernden Jugendlichen, reichten schon, um die Nerven wegzuschmeißen, aber dass dieses Monster-Gebäude derart unübersichtlich war, machte Florentine komplett fertig.
Darüber hinaus roch es penetrant nach Desinfektionsmitteln und Gleisschotter; wahrscheinlich verstärkt durch das neblig-trübe, viel zu milde Wetter, das Gerüche auf Nasenhöhe drückte und nicht einwandfrei abziehen ließ. Der Februar war auch nicht mehr das, was er war.
Nach aufreibendem Durchfragen, das ihr so berlintypische Antworten wie „Weeß ick jetzt nich“ bescherte, fand sie endlich die Schließfächer und deponierte in einem davon ihren voluminösen Koffer. Bevor sie sich die Ferienwohnung in Charlottenburg nicht angesehen und für gut befunden hatte, würde sie das riesige Gepäckstück nicht durch die Gegend schleppen. Ihren Rucksack jedoch hängte sie sich über die Schulter und schaute sich um.
Nächste Etappe: Eine Informationstheke anpeilen. Schließlich musste Florentine herausfinden, wie man am besten zu diesem Bezirk fuhr. Oma Gertrude hatte dort etliche Jahre verbracht, in der Nähe des Schlosses Charlottenburg, aber die Fahrverbindung hatte sich seitdem bestimmt geändert. Das hätte sie vorher natürlich googlen können …
Eine Weile lief sie umher und stieß durch Zufall auf den gesuchten Schalter, wo sie nach der Strecke fragte. Die Frau mittleren Alters mit rosa Strähnen in der ansonsten blauschwarz gefärbten Kurzhaarfrisur schien leicht schwerhörig zu sein. Aufdringliche Duftwolken eines süßlichen, billigen Parfüms überforderten Florentines ohnehin überreizte Sinne.
„Wo woll’n Se hin?“
„Zum. Schloss. Charlottenburg“, wiederholte sie.
„S-Bahn bis Bahnhof Zoo, da fahren viele Linien hin, dann umsteigen in den Bus M45. Macht 2,70“, gab die Dame übellaunig von sich und schob ihr das Ticket hin.
„Und wie komme ich zur S-Bahn?“
„Na, da lang!“
„Danke, überaus freundlich.“ Florentine zahlte und lief in die genannte Richtung. Das fing ja gut an.
Von der Schroffheit der Berliner hatte ihr Gertrude bereits berichtet. Mach dir nichts draus, die haben eine große Klappe, sind ansonsten ganz lieb, nach einer Weile …
In der S-Bahn überlegte sie, was zu tun war, wenn ihr die Unterkunft nicht gefiel. Sich in ein Café setzen und das Tablet bemühen. Was sonst. Hätte sie erst ein Dach überm Kopf, wenn auch ein provisorisches, könnte sie den nächsten Schritt wagen: Einen Job finden. Und nachdem die Probezeit absolviert wäre, stünde es an, eine richtige Wohnung zu suchen.
Bahnhof Zoologischer Garten, berühmt-berüchtigt. Einfach schaurig, fand Florentine. Sie beeilte sich, nach draußen zu gelangen und fragte sich wieder einmal durch. Bis sie an die Bushaltestelle kam, wurde sie von einer Teenie-Gruppe angerempelt und zweimal aggressiv um ein paar Euro angebettelt.
Kaum war sie in den M45 eingestiegen, drückten sie die Nachkommenden rabiat zur Mitte des Busses. Was sich als doppelt unangenehm erwies, da sie an drei Kinderwagen samt Kampfmüttern schlecht vorbeikam.
Hanseatische Zurückhaltung war hier definitiv nicht angesagt, daher fuhr Florentine die Ellbogen aus, buchstäblich, und erkämpfte sich den Weg zur allerletzten Sitzbank, wo sie einen freien Platz ergattern konnte. Sie dampfte vor Wut. Am liebsten hätte sie laut „Ich hasse Berlin!“ geschrien. Aber so, wie die Leute um sie herum drauf waren, würde das niemanden jucken.
Einfach diese Fahrt überstehen, beschwichtigte sie sich. Versuchen, alles auszublenden, auch die Knoblauchausdünstungen des Sitznachbarn und den Schweißgeruch des Vordermannes.
Als eine Automaten-Stimme die Haltestelle des Schlosses ankündigte, hatte sich die Anzahl der Fahrgäste reduziert, und Florentine konnte dank eines abrupten Bremsmanövers des Fahrers locker zur Tür segeln.
„Nichts passiert“, erklärte sie, nachdem sie sich hochgerappelt hatte. Es interessierte allerdings keine Sau, und Florentine stieg irritiert aus.
Endlich fester Boden unter den Füssen, sie schnaufte erleichtert auf. Dem Schloss gönnte sie einen kurzen Blick, hatte jedoch keine Lust auf eine Besichtigung. Sie brauchte einen Kaffee, dringend.

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28. April 2015

"Gefangen in einem Schwur" von Marion Krafzik

Überglücklich fiebert Marie mit ihren Freundinnen Marleen und Ruth der Abi-Party entgegen. Doch die Party entwickelt sich für die drei zu einem Desaster und das Leben der jungen Frauen wird brutal auf den Kopf gestellt. Durch einen Schwur soll verhindert werden, dass das Geschehene ans Licht kommt.

Nach acht Jahren treffen die drei wieder aufeinander und Marie wird sich bewusst, dass sie den damaligen Schwur brechen muss. Oder sie zerbricht an ihm. Es beginnt für Marie ein Kampf gegen sich selbst und gegen ihre damaligen Freundinnen, denn diese haben ihre ganz eigene Vorstellung von Wahrheit.

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Leseprobe:
Wolkenbruchartig donnert der Regen auf die Windschutzscheibe. Die Scheibenwischer geben ihr Bestes und dennoch ist es nicht genug. So viel Wasser können auch sie nicht so einfach beiseiteschieben. Marie beugt sich nach vorn und wischt immer wieder mit der flachen Hand über die beschlagene Windschutzscheibe, um eine bessere Sicht auf den dahin schleichenden Straßenverkehr zu bekommen. Es ist kurz vor 9 Uhr in der Früh und dunkel wie an einem Wintermorgen. Marie wird zusehends nervös, weil sie nun schon zum fünften Mal auf der Suche nach einem Parkplatz um den Block fährt. ,Scheiße‘, denkt sie, ,ich werde noch zu spät zur Arbeit kommen.‘ Immer wieder lenkt sie an der Obdachlosen vorbei, die trotz des prasselnden Regens stur an ihrem Stammplatz sitzt. Ihren Blick hat sie starr geradeaus gerichtet. Marie ist mit ihren Gedanken ganz bei der Obdachlosen. ‚Was für ein Leben muss das sein? Tag ein Tag aus bei jedem verfluchten Wetter hier zu sitzen. Mit niemandem reden zu können. Immer allein sein.‘ Es gruselt Marie. ,Das ist kein Leben.’ Der Anblick der Frau löst ein beklemmendes Gefühl bei ihr aus. ,Was ist, wenn du bald wie sie auf der Straße sitzt?‘ Marie drängt den Gedanken beiseite. Vor drei Tagen hat sie Ruth und Marleen getroffen, und seit drei Tagen trinkt sie wieder regelmäßig. Oh, nicht viel, nur so viel, dass der Alkohol sie beflügelt und die Welt nicht mehr so boshaft erscheint. Marie umklammert das Lenkrad. Sie wird es nie schaffen, niemals. Vielleicht wäre es besser, wenn sie sich zu Tode säuft, sie möchte lieber tot sein als so zu enden wie die Obdachlose. Marie gibt Gas.

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27. April 2015

"Das Glück der Stille" von Johanna Wasser

»Und sie lebten glücklich und zufrieden bis ans Ende ihrer Tage ... «

Was aber, wenn das berühmte Happy End dreißig Jahre zurückliegt und das Leben aus dem wilden Kerl von einst einen stillen Pantoffelhelden gemacht hat? Wie viel genau erträgt eine Familie - so wunderbar sie auch sein mag - und wie lange hält eine große Liebe, die am Schweigen zu zerbrechen droht?

Das Buch erzählt die Geschichte eines klassischen Antihelden, der sich über die Jahre selbst aufgegeben hat. Zugleich dreht sich der Roman um das Leben einer Familie und der Menschen, die ihr äußeres Universum ausmachen.

Johanna Wasser wurde bekannt durch Liebesromane, deren Helden romantisch bis dramatisch nach dem Glück forschen. Das trifft im Kern auch auf dieses Werk zu. Allerdings schlägt die Autorin in ihrem fünften Glück-Buch einen völlig neuen Ton an.

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Leseprobe:
Auch nach fünf Jahren Ehe mit einem Russen fiel es Anna in Anwesenheit ihres Schwiegervaters schwer, nicht in Klischees zu denken.
Mit seinem überlangen Schnurrbart und der Körperfülle, die sich hauptsächlich auf seine Leibesmitte konzentrierte, sah Juri wie ein gut genährter Seelöwe aus. Machte er zudem seinen Mund auf, dachte Anna unwillkürlich an zweierlei: bayerische Heimatfilme und russische Touristen.
»Dass ich nicht lache!«, sagten seine Augen. Er selbst sprach kein Wort, popelte ein Stück Fleisch aus der durchsichtigen Glibbermasse, steckte es sich in den Mund und begann daran zu kauen. Sein Blick schweifte zwischen den unzähligen Vorspeisen hin und her, so als überlegte er, was er als Nächstes essen wollte.
»Ach komm schon. Vadim war erst dreißig und ein guter Schwimmer!« Viktor stellte beide Ellenbogen auf den Tisch neben seinem Teller ab und starrte zu Juri herüber. Schon seit zehn Minuten versuchte er ihn in ein Gespräch zu verwickeln. Sein Vater reagierte, indem er einfach weiter aß und vor sich hin grinste. Die linke Augenbraue rauf, die rechte runter. Der Schnurrbart bequemte sich in die Senkrechte, bevor er sich wieder nach unten bewegte. Dass er über die Beerdigung nicht reden wollte, konnte seit zehn Minuten jeder am Tisch sehen. Doch sein ältester Sohn dachte nicht daran, locker zu lassen. »Ihr werdet doch mit irgendjemandem geredet haben?«
Anna setzte das Baby in den Hochstuhl, band sich die Haare zusammen und begann den Gemüsebrei umzurühren. Gegen die Gelassenheit eines Brauereipferdes kommt die Hartnäckigkeit eines Jack Russells eben nicht an, dachte sie und schmunzelte in sich hinein. Nichts für ungut, Goldfisch, dachte sie und sah zu der winzigen Promenadenmischung mit dem schiefen Gebiss, die neben der Küchentür in ihrem Körbchen vor sich hin schnarchte. Dann sah sie zu Emma, die gerade mit zwei dampfenden Schüsseln hereinkam, sie abstellte und ihrer zweijährigen Enkelin mit einem Lächeln die Schöpflöffel abnahm.
»Er meint das mit den Gerüchten um den unnatürlichen Tod von Vadim«, klärte Anna ihre Schwiegermutter auf. Emmas Aufwand für jedes ihrer Sonntagessen verstand sie bis heute nicht. Dabei kam doch nur die Familie zusammen. Anna sah zu Juri, der zufrieden vor sich hin schmatzte, und wusste wieder die Antwort. Es gab keinen Zweifel, dass Juri nicht nur Emma heiß und innig liebte, sondern auch ihre Kochkünste.
»Habt ihr noch immer kein anderes Thema?«, seufzte Emma. Das Mädchen lief um den Tisch. Juri sah zu seiner Frau.
»Opa, essen!«, rief seine Enkelin. Emma blieb stehen und sah zu ihrem Mann, der ihr zunickte und grinste. Ansonsten machte er noch immer keine Anstalten, auf Viktors Fragen einzugehen.
»Jetzat«, sagte er stattdessen zu dessen Tochter und beugte sich hinunter. »Komm chärr, mei Zukkerrlpupperrl!« Seine tiefe Stimme weichte die Mischung aus dem harten russischen Akzent und dem, was Juri für den bayerischen Dialekt hielt, nur wenig auf. Als reichte es nicht, als Russe in Deutschland zu leben, musste es ihn ausgerechnet in ein bayerisches Dorf nahe München verschlagen haben. Hier, wo jeder, der schon hochdeutsch sprach, bereits schiefe Blicke erntete.
Das Mädchen ließ sich von seinem Großvater hochheben. Er küsste es auf die Nase, nachdem es in seinem Stuhl saß, und es lachte auf, weil der grau-gesprenkelte Schnurrbart es kitzelte.
»Und warum seid ihr nicht mitgefahren?«, brachte vom anderen Ende des Tisches eine alte Dame das Gespräch zurück, während sie sich ihren Dutt zu richten versuchte. »Dann müsstet ihr jetzt nicht so neugierig fragen.« Für neugierige Fragen bin ich zuständig, fügten ihre Augen hinzu und formten sich zu Schlitzen.
»Warte, Mama!« Emma kam aus der Küche zurück, stellte den Brotkorb und zwei Schälchen aus blauem chinesischem Porzellan mit Schmand und roter Soße auf den Tisch und eilte ihr zur Hilfe.
»Lass das!«, wies sie die Alte ab, ließ allerdings dennoch zu, dass Emma ihr die Haare durchkämmte und hochsteckte.
»Ich hätte das rausgefunden!« Sie wartete, bis ihr Teller voll war und Emma ihr die Pelmeni halbiert und die ganze Masse mit Schmand übergossen hatte. »Berta hätte es bestimmt gewusst«, sagte sie, nahm den Löffel, den ihre Tochter für sie immerzu an den Tisch schmuggelte, und begann zu kauen. Für ihre hundert Jahre war Mathilda Kurz noch erstaunlich fit. Beinahe schon zu fit, zumindest körperlich. Mittlerweile hatte sie neun ihrer zehn Kinder überlebt und bekam erst seit Kurzem ihre ersten senilen Erscheinungen.
»Berta ist tot, Mama«, sagte Emma und zerkleinerte nun auch das Essen für ihre Enkeltochter. Den Plastikteller reichte sie an ihrer Mutter vorbei zum anderen Ende des Tisches an Juri. Die Alte sah dem Teller nach, so als hätte sie vergessen, dass ihr eigener Teller noch immer vor ihr stand. »Die Letzen beißen die Hunde«, hatte Mathilda selbst mal dazu gesagt. Neben ihrem Job im Altenheim musste Emma sich seit einem Jahr auch um ihre Mutter kümmern. Zum Glück hatte Mathilda ihre eigene Wohnung, wenn auch gegenüber von der ihrer Tochter.
Die Alte unterbrach sich und sah ihre beiden Enkelsöhne nacheinander an. Juri stoppte und sah ebenfalls auf.
»Beerdigungen sind nichts für mich«, winkte Paul ab und aß weiter. Viktor legte seinen Löffel beiseite und schluckte hörbar. »Ich musste arbeiten«, sagte er. Sein Vater sah aus dem Fenster, überlegte und sagte nichts.
»Arbeiten?«, fragte Mathilda weiter. Alle Augen richteten sich nun auf Viktor, der für einen Moment verstummte. Kein gutes Thema, dachte Anna. Kommt schon, redet über was anderes!
»Was ist denn nun mit Vadim?«, fragte Paul, setzte seine vom heißen Dampf der Pelmeni beschlagene Brille ab und sah in die Runde. Er war es, der den Zeitungsartikel mit dem Gerücht über den mysteriösen Tod seines Großcousins als Erstes gelesen hatte. »Der Sarg war doch nicht …?«
»Pascha!« Seine Mutter sah von ihrem eigenen Teller auf und schüttelte den Kopf. Das gehört sich nicht, sagten ihre Augen.
»Du glaubst doch nicht, dass sie ihn mit Beton an den Füßen beerdigt haben?«, mischte sich Viktor ein.
»Wieso Beton?«, fragte Paul.
»Jetzt hör aber auf!« Anna sah ihre ältere Tochter an, die wie ein Vogel alle paar Minuten den Mund aufmachte. Ihr Großvater bereitete gerade den nächsten Löffel für sie vor.
»Und dein Job?«, platzte es auf Russisch aus ihm heraus. Sobald seine Enkelin zu kauen begann, angelte Juri einen Teigballen mit Hackfleischfüllung aus seinem Teller und verschlang ihn.
»Sie haben ihn aus der Isar gefischt!« Anna beschloss, die Sache mit dem vom Thema ablenken selbst in die Hand zu nehmen. Offener Sarg würde sich sowieso verbieten, wollte sie hinzufügen. Ihre Tochter war fertig und streckte ihre Zunge raus. Erst danach öffnete sie ihren Mund, um zu zeigen, dass dieser leer war. Juri beeilte sich, ihren Löffel vollzumachen. Es war ihm ein Rätsel, wie Anna es schaffte, das Baby mit Brei zu versorgen, selber zu essen und sich dabei auch noch so rege an dem Gespräch zu beteiligen. Nicht dass er unbedingt mitreden wollte. Nun aber war er dennoch gespannt, was sein Sohn ihm zu sagen hatte.
»Ist nur vorübergehend«, sagte Viktor. Dass es sich noch immer um keinen richtigen Job handelte, wollte er nicht extra erwähnen. Die Arbeit war noch immer schwarz.
»Schmäckt es dirr?«, fragte Juri die Kleine. Emmi nickte und gluckste. Nach ein paar Minuten öffnete sie erneut ihren Mund. »Horoscho, gutt machst du des«, lobte Juri, sein Blick wechselte zwischen der kleinen Emmi und ihrem Vater hin und her.
»Meeel!«, forderte sie. Vier Bissen später begann sie mit ihrem eigenen Löffel auf den Tisch zu hauen. Anna drehte ihren Stuhl zu sich. »Und es gibt Cash in the Täsch!«, grinste Viktor dazwischen. Juri unterbrach sich.
»Pah!«, rief er aus. Den Blick seiner Frau bemerkte er, aber er schien ihn nicht zu beruhigen. Seine linke Augenbraue kroch in die Höhe und blieb dort.
»So, jetzt lässt du den Opa mal essen«, sagte Anna und nahm Emmi den Löffel ab. Das Mädchen wartete nur kurz, bevor es zu protestieren begann.
»Opa, Opa«, rief sie und drehte ihren Kopf zu ihm um.
»Emmi!«, versuchte es ihre Mutter noch einmal.
»Scho gutt«, besänftigte sie Juri. »Wolln wirr Burratino lesen, Emmi?« Das Mädchen liebte das Buch über den russischen Pinocchio und seine Freundin mit den blauen Haaren.
»Bu-La-Ti-No!«, freute sie sich und begann zu klatschen.
»Wie heißt Mädle mit Blauharr?« Juri hatte ihren Stuhl wieder zu sich gedreht und seine Arme nach der Kleinen ausgestreckt. »Ma-Wi-Na!«, schrie sie, stemmte sich aus dem Stuhl und hüpfte ihm entgegen.
»Malwina, riechtich!« Er fing sie auf, ließ zu, dass sie ihre Händchen um seine Ohren fädelte, und stand auf. »Und ihrr hörrt ma besserr of, von Tott und Geld zu schwatzen«, sagte er mit dem Blick zu Viktor, drehte sich um und trottete mit der Kleinen ins Wohnzimmer, der winzige Hund hinter den beiden her.

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22. April 2015

"Zwei Leben lang Liebe" von Lio Gordon

Wenn du dein Leben noch einmal von vorn beginnen könntest, würdest du es tun? Im August '99 begegnen sich Max und Lina zum ersten Mal. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Doch Lina ist verlobt, und ihre ganze Familie fiebert der geplanten Hochzeit sehnlich entgegen. Trotz der widrigen Umstände erleben Max und Lina einen Sommer voller Liebe und überwältigender Gefühle füreinander. Als Max ein Auslandssemester in Südafrika verbringt, trennen sich ihre Wege, und Lina entscheidet sich für ihren Verlobten.

Sieben Jahre später sehen sich die beiden wieder und müssen sich eingestehen, dass sie noch genauso tief füreinander empfinden wie damals. Doch Max fasst einen folgenschweren Entschluss. Als acht weitere Jahre später ein Schicksalsschlag alles verändert, liegt es an Max und Lina herauszufinden, was im Leben wirklich zählt ...

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Leseprobe:
Er war nicht der Mann, für den man ihn hielt. Er hätte gerne dem Bild entsprochen, das viele von ihm hatten, doch er wusste, dass er dem nicht gerecht werden konnte. Was hatte er schon erreicht im Leben? Nichts, das ihm wirklich etwas bedeutete. Das Haus-Baum-Sohn-Ding war ihm nicht gelungen, und der Gedanke daran, deprimierte ihn schwer. Das Haus hatte er übernommen, da war der Mörtel zwischen den Steinen schon über ein halbes Jahrhundert getrocknet. Der Baum, den er gepflanzt hatte, war ein Strauch, aber dafür konnte er nichts, denn die Magnolie und der japanische Ahorn standen schon ein paar Jahre dort und sie zu fällen, nur um seinem männlichen Ego zu frönen, fühlte sich irgendwie falsch an. Der nichtgezeugte Sohn ging allerdings auf seine Kappe. Zwischenzeitlich hatte er mit dem Gedanken gespielt, sich einen Hund anzuschaffen und ihn sofort wieder verworfen.
Wie gut würde es ihm heute gehen, wie viel glücklicher wäre er, wenn er es besser gemacht hätte. Vielleicht hätte er Kinder, vielleicht auch einen Hund. Aber ganz sicher hätte er sie heute an seiner Seite. Denn jetzt hatte er gar nichts. Nichts, außer dem Wunsch, sie zurückzugewinnen.
Er ging zum Tisch hinüber und nahm einen Stapel Papier aus dem Umschlag, der darauf lag. Er blätterte darin, überflog ein paar Zeilen, blätterte weiter, starrte eine Weile auf das Geschriebene, bis die Buchstaben vor seinen Augen verschwammen und packte alles wieder sorgfältig zurück. Dann zog er sein Portemonnaie aus der hinteren Tasche seiner Jeans, die über der Stuhllehne hing, und stöberte darin. Zwischen ein paar Visitenkarten lugte ein kleiner weißer Zettel hervor, er zog ihn heraus, legte ihn vor sich auf den Tisch und strich ihn mit den Fingern glatt.
Vor fünfzehn Jahren war er das letzte Mal hier gewesen, und als er hinüber zum Spiegel ging, um einen Blick hineinzuwerfen, fühlte er sich plötzlich alt. Sein Haar stand heute Morgen widerspenstig vom Kopf ab, und die tiefen Augenringe ließen erahnen, dass er in letzter Zeit zu wenig geschlafen hatte. Die Schläfen waren ergraut und erschienen ihm plötzlich noch grauer als sonst. Die kleinen Lachfältchen um die Augen herum waren tiefen Falten gewichen und verrieten, dass sein Leben nicht ohne Spuren an ihm vorbeigegangen war.
Sein Leben. Darüber wollte er gar nicht erst nachdenken. Er war 42 und hatte es total verpfuscht. Er hatte sich im Kreis gedreht und dann die Flucht ergriffen. Er war an allem schuld, das war ihm klar. Wegen ihm standen sie nun an diesem Punkt. Den Fehler, den ersten, hatte sie begangen, aber er war es, der es letztendlich verbockt hatte. Diese Einsicht schmerzte ihn.
Den Weg, den er gegangen war, hatte er nie hinterfragt, aber in letzter Zeit machte er sich immer häufiger Gedanken darüber, was geschehen wäre, wenn er einen anderen gewählt hätte. Wann ist es zu spät? Wann hat man den Zeitpunkt verpasst, an dem man noch umkehren kann? Er wusste es nicht. Er konnte aber auch nicht unbeirrt weitergehen, wenn er erkannt hatte, dass er in die falsche Richtung lief. Vielleicht würde es nicht mehr viel bringen, seinen Kurs jetzt zu ändern, aber weiterhin weglaufen konnte er auch nicht. Schließlich ging es um etwas. Um sein Leben mit ihr.
Er war nie ein großer Romantiker gewesen, und das Wort „Liebesgeschichte“ wäre ihm schwer über die Lippen gekommen. Für ihn hatte es auch etwas von einer Tragödie, doch das spielte jetzt keine Rolle mehr. Sie war so untrennbar von ihm wie sein Herz, und nichts in seinem Leben hatte ihn so sehr gezeichnet wie eben jene Liebe.
Er schaute auf die Uhr. Es wurde Zeit. Er warf einen letzten Blick auf den Zettel und legte ihn dann behutsam in den Umschlag hinein. Er duschte, kämmte sich seine Haare nach hinten, schlüpfte in eine dunkle Hose und einen Pullover und wickelte sich seinen dicken Schal um den Hals. Er trank noch einen Schluck Kaffee, den der Zimmerservice in der Früh serviert hatte, aß nichts, denn er hätte sowieso keinen Bissen herunterbekommen, und warf sich seinen Mantel über.
Als er den Umschlag ohne Absender vor sieben Monaten aus seinem Briefkasten geholt und ihn neugierig geöffnet hatte, war er wie vom Schlag getroffen gewesen. Er hatte die Geschichte ein Mal gelesen, und ein zweites Mal, danach hatte er alles in die hinterste Ecke seines Kleiderschrankes verfrachtet und versucht, die Gedanken aus seinem Kopf fortzujagen. Sie brachten ihm vergangene Tage zurück und Gefühle, die zu verbannen er sich lange Jahre bemüht hatte.
Als er die Geschichte ein paar Monate später wieder hervorgeholt hatte, weil sie ihm nicht mehr aus dem Sinn ging, las er sie erneut und fasste einen Entschluss. Irgendwann hatte er sich dann in sein Auto gesetzt und war hier hergekommen. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Er verließ das Hotel und machte sich auf den Weg. Es war noch früh, die Luft war kalt und klar, und der Winter ließ nicht mehr lange auf sich warten. Er schloss die Tür seines Wagens auf, setzte sich hinein, legte den Umschlag auf den Beifahrersitz, und bevor er die Zündung anließ, hielt er einen kurzen Moment inne, atmete tief durch und holte den Zettel wieder hervor.
Er wusste, dass er im Leben nicht mehr viele Gelegenheiten bekommen würde, die Richtung zu ändern und einen anderen Weg einzuschlagen, doch er ahnte nicht, dass dies seine letzte sein würde. Er gab die Adresse, die auf dem Zettel stand, ins Navi ein, und startete den Motor.
Was immer auch geschehen würde, er wusste, dass er es jetzt tun musste, wenn er sich später nicht vorwerfen wollte, in dieser Geschichte nicht alles versucht zu haben.
Die Geschichte, die immer noch sein Leben beherrschte und von der er hoffte, sie möge gut ausgehen.

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21. April 2015

"Tränen der Finsternis: Die Darkstone Saga Band 1" von C. Harrer

Der Fürst der Finsternis steht kurz davor, aus seinem dunklen Gefängnis zu entkommen. Mit den Tränen der Finsternis will er seine Brüder vernichten und die komplette Macht an sich reißen. Wenn ihm dies gelingen sollte, hätte er die alleinige Kontrolle über alle dämonischen Kräfte. Chaos und Dunkelheit würden Regieren. Nur Unycron Darkstone, der Gezeichnete, wäre in der Lage dies zu verhindern. Wenn es da nicht die Probleme mit seiner Vergangenheit gäbe. Dies ist der Anfang einer gefährlichen Reise durch Zeit und Raum.

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Leseprobe:
Das Land Ganturell befindet sich im Krieg. Im Krieg gegen die Ausgeburten der Hölle. Wir rüsten uns zur letzten Schlacht. Drakuna, der Fürst der Finsternis steht kurz davor, aus seinem dunklen Gefängnis zu entkommen. Mit den Tränen der Finsternis, will er seine Brüder vernichten und die komplette Macht an sich reißen. Wenn ihm dies gelingen sollte, wird er die alleinige Kontrolle über alle dämonischen Kräfte erhalten. Er hätte damit mehr Macht, als jeder andere Gott. Chaos und Dunkelheit würden regieren. Es gibt nur eine Möglichkeit dies zu verhindern. Unser einziger Hoffnungsschimmer ist Unycron Darkstone. Der Gezeichnete, der vom Schicksal auserwählt wurde, um der Finsternis Einhalt zu gebieten. Dies ist seine Geschichte vom Anfang, bis zum heutigen Tag.

Blutiger Frühling
Es war ein warmer Frühlingsmorgen. Die Vögel zwitscherten und das Wasser plätscherte leise auf die Steine des großen Springbrunnens, der in der Mitte des Tempelplatzes stand. Die ersten Sonnenstrahlen berührten die Wände des Tempels, der dadurch in seiner vollen Pracht erstrahlte. Dieser war ein gewaltiger Gebäudekomplex, der zu Ehren des Sonnengottes Tarun, auf einem kleinen Hügel erbaut worden war. Er befand sich etwas nördlich von Taaley, einer kleinen Elfensiedlung. Wände aus weißem Marmor und imposante Säulen stützten goldene Dächer und gigantische Glaskuppeln. Eine massive, mit Eisen verstärkte Mauer, umgab die prunkvolle Tempelanlage. Im Norden erhob sich das riesige Hauptgebäude in seiner pompösen Pracht. Den Eingangsbereich der großen Zeremonienhalle zierten Säulen aus schwerer Bronze, die ein Dach aus tiefschwarzem, mit Runen verziertem Glas stützten. Zwei gewaltige Wendeltreppen verbanden diesen Bereich mit den seitlichen Galerien. In der Mitte der Halle stand ein großer Altar aus weißem Quarzgestein, der mit alten Schriftzeichen verziert war. Darauf befanden sich einige Utensilien, die die Priester bei ihren täglichen Gebeten benötigten. An den Wänden hingen mehrere edle Wandteppiche. Die Fenster waren mit schweren Samtvorhängen verhüllt und unzählige Kerzen erhellten den abgedunkelten Raum. Ein Dutzend Priester und Priesterinnen, die in schwere, schwarze Roben gehüllt waren, standen um den Altar und vollzogen ein Ritual. Von einer der Galerien aus, beobachtete Unycron, ein kleiner, elfjähriger Junge, mit schwarzen Haaren und blauen Augen, gespannt die Zeremonie, die nun schon mehrere Stunden andauerte. Er hatte sich, wie schon so oft, nach oben geschlichen, um die Priester zu beobachten. Unycron ahmte ihre Bewegungen nach und konnte sich dadurch im Laufe der Jahre einige magische Fertigkeiten aneignen. Diese waren zwar mehr schlecht als recht, aber das war ihm egal. Denn er wusste, dass er nie eine Magieausbildung bekommen würde, da er kein reiner Elf war. Er wurde zwar im Tempel geboren und war auch dort aufgewachsen, aber sein Vater war kein Elf – das stand zweifelsfrei fest. Und genau aus diesem Grund wurde ihm die Ausbildung zu Magier verwehrt. Er wusste nichts über seinen Vater, denn seine Mutter hat ihn nie von ihm erzählt. Selbst dann nicht, wenn er danach gefragt hatte. Normalerweise hätte Unycron die Bewegung der Priester nachgeahmt, aber nicht dieses Mal. Es war ein besonderes Ritual, dem er aufmerksam folgte. Er saß gespannt da und beobachtete die Vorgänge mit wachsender Begeisterung. Dabei waren seine Augen die meiste Zeit auf eine wunderschöne Elfe, mit langen, blonden Haaren und nachtblauen Augen gerichtet, die vor dem Opfertisch kniete. Es war Selyna Darkstone, seine Mutter, die heute, nach fast zwölf Jahren, zur Priesterin geweiht wurde. Unycron war so stolz auf sie, dass seine Augen leuchteten, als sich das Ritual langsam dem Ende neigte. Doch plötzlich übertönte ein Signalhorn das Gemurmel der Priester. Unycron schreckte hoch und rannte zu einem der Fenster, schob den schweren Samtvorhang zur Seite und starrte hinaus. Er traute seinen Augen nicht. Was er da sah, konnte er nicht fassen. Dort wo sich Taaley befand, war ein Meer aus Flammen. Riesige Rauchschwaden zogen über die Felder und verdunkelten das Licht der Sonne.
Die entsetzten Dorfbewohner eilten zum Tempel, auf dessen Vorplatz binnen Sekunden pures Chaos herrschte. Ithronhir Helandur, der Hauptmann, der etwa einhundert Mann starken Tempelgarde, war in schwere Rüstung gehüllt und befehligte seine Männer. „Auf eure Posten! Bogenschützen sichert die Mauern. Kohan nimm dir ein paar Männer und sichere das Tor. Jasun, helft den Priestern die Dorfbewohner zu den Quartieren zu bringen.“ Die Offiziere verbeugten sich und folgten ihren Befehlen. Dutzende Priester hatten mittlerweile das Hauptgebäude verlassen und waren auf den Tempelplatz geeilt, um den ankommenden Dorfbewohnern zu helfen. Einige der Flüchtlinge waren zum Glück nur leicht verletzt, doch für viele kam leider jede Hilfe zu spät. Ein Mann rannte gerade noch durch das Haupttor, bevor es der Hauptmann schließen ließ. Im selben Moment beugte sich Selyna über einen Verwundeten, der direkt vor ihren Füßen zusammengebrochen war. Er war blutüberströmt und ihm fehlte das rechte Ohr, das ihm offenbar einer der Angreifer abgebissen hatte. Er stammelte: „Bitte helft uns. Sie kamen aus dem Nichts. Hunderte, Tausende, dieser fürchterlichen Kreaturen. Sie töten alles und jeden. Bitte helft uns.“ Selyna schaute ihm tief in die Augen, legt ihre rechte Hand auf die stark blutende Wunde des Mannes und flüsterte ihm zu: „Habt keine Furcht. Ihr seid hier in Sicherheit. Alles wird gut werden.“ Danach nahm sie ihre Hand von der Wunde, die sie mit ihrer Magie geheilt und versiegelt hatte. „Jasun!“, schrie Selyna. „Bitte bringt den Mann zu den Quartieren.“
Mittlerweile hatte sich die Hohepriesterin, Isolde Jashar auf die Zinnen über dem Haupttor begeben, um das Ausmaß der Katastrophe abzuschätzen. Vier Priester, gehüllt in dunkle Roben, mit großen Kapuzen, standen hinter ihr. Isoldes rechte Hand umklammerte ihren Priesterstab, als sie von den Zinnen, Richtung Taaley blickte. Es war ein Anblick des Grauens. Der widerliche Gestank von Tod und Verwesung begleitete unsagbar viele, verunstaltete Kreaturen, die die Straße zum Tempel stürmten. Mörderische Bestien zogen schweres Kriegsgerät, während ihre Bändiger alle Mühe hatten sie unter Kontrolle zu halten. Einige der mutierten Krieger zogen sogar die verstümmelten Überreste von Dorfbewohnern hinter sich her. Isolde wandte sich den Priestern zu: „Die Horden der Finsternis. Tarun steh uns bei! Ihr wisst was zu tun ist. Geht! Schnell!“ Ohne ein Wort zu sagen, drehten sich die Priester um und machten sich daran ihre Aufgaben zu erfüllen. Die Hohepriesterin hob ihren Stab gen Himmel, drehte ihn über ihrem Kopf, um dreihundertsechzig Grad und rammte ihn anschließend mit einem lauten Aufschrei in eine der Zinnen der Mauer. „Bei Tarun!“ Der Stab vibrierte durch die Wucht des Aufpralls. Die Luft knisterte, als sich Isolde der göttlichen Macht Taruns bediente. Sekundenbruchteile später hob sie ihren linken Arm und schmetterte die gesammelte göttliche Energie auf die anstürmenden Horden. Ohne Mühe dezimierte die Kraft des Gottes die vordersten Reihen der Angreifer. Im selben Moment schrie der Hauptmann der Tempelgarde: „Bogenschützen! Macht euch bereit! Feuer!“ Die gesegneten Pfeile der Verteidiger zischten durch die Luft und brachten Tod und Verderben über die heranstürmenden Angreifer. Man konnte das Brechen der Knochen hören, als die Pfeile Helme und Rüstungen durchschlugen und viele Feinde niederstreckten. Jasun hatte mittlerweile seine Aufgaben erledigt und erstattete dem Hauptmann Bericht. „Hauptmann! Die Dorfbewohner sind versorgt und einige der Priester kümmern sich um die Verletzten.“ Ithronhir blickte den Offizier vorwurfsvoll an. „Was machst du dann noch hier? Geh durch die hinteren Kanäle und benachrichtige dann die königlichen Truppen.“ „Jawohl, Herr“, antwortete Jasun und machte sich sofort auf den Weg zu einem der Kanalgitter, schob es zur Seite und quetschte sich hindurch. Die Priester hatten inzwischen die Zeremonienhalle betreten und sich jeweils an einer Seite des großen Altars in Stellung gebracht. Sie zogen ihre Ritualdolche und schnitten sich damit in die linke Hand. Anschließend rammten sie diese in den Opfertisch. Unycron schaute von der Galerie herab, während die Priester anfingen mit ihrem Blut eigenartige Runen zu malen. Kurz darauf begannen sie in einer sonderbaren Sprache Gebete zu zelebrieren. Unycron konnte es nicht glauben. Ein Ritual das mit Blut vollzogen wurde? So etwas hatte er in all den Jahren noch nie erlebt. War es schwarze Magie? Ein Gebet an die Götter der Finsternis? Wie war so etwas hier nur möglich? Die Luft in der Halle begann zu knistern. Blitze zuckten von einem Dolch zum anderen. Die gemalten Runen begannen zu kochen und die Temperatur stieg auf einmal drastisch an. Einer der Priester holte einen kleinen schwarzen Stein, der an einer Kette hing, unter seiner Robe hervor und legte das Schmuckstück in die Mitte des Altars. Blitze sprangen von den Dolchen auf das Medaillon und zuckten ebenfalls hin und her. Ein ohrenbetäubendes Summen war zu hören, als aus dem Stein ein gleißender Lichtstrahl auf eine der Runen des Glasdaches schoss. Die getroffene Rune absorbierte das Licht und verformte sich zu einer mächtigen, leuchtenden Kuppel, die sich dann, wie ein magischer Schutzschild, über die gesamte Tempelanlage legte. Unycron war verwirrt. Er hatte noch nie von Schutzzaubern gehört, die mit Blut beschworen wurden. Kopfschüttelnd ging er auf eines der Fenster zu, um nachzusehen was in der Zwischenzeit draußen geschehen war.

Im Kindle-Shop: Tränen der Finsternis: Die Darkstone Saga Band 1

Mehr über und von C. Harrer auf seiner Website zur Buchreihe.

20. April 2015

"Die Beschwörungsformel" von Hildegard Grünthaler

Er wohnt in einer Flasche und er ist stark und mächtig. Die Götter haben ihn in grauer Vorzeit geschaffen, damit er den Menschen beistehe und helfe. Aber er hat keinen freien Willen, denn Kalatur, der Geist des Rauches, steht unter dem Bann einer Beschwörungsformel. Wer diese Formel kennt, ist mächtiger als der mächtige Kalatur, denn er kann ihn zwingen, gegen seinen Willen Böses zu tun. Die Magierin, die den Dschinn in seiner Flasche bannt, hofft, dass der Zauber so lange wirkt, bis Kalaturs Energie erloschen ist.

Fast wäre ihr Plan geglückt. Doch rund 3000 Jahre später begleitet der 12-jährige Philipp Baumann seine Großmutter auf einer Reise durch Marokko. Weil die alte, blaue Flasche, die sie auf einem Markt in Marakesch erstehen, sich nicht öffnen lässt, rückt Philipp zu Hause dem Verschlusspfropfen mit einer Bohrmaschine zu Leibe. Just in diesem Augenblick verliert der Bann seine Wirkung. Die Flasche zerplatzt mit einem lauten Knall und Kalatur gelingt es im letzten Moment, sich zu materialisieren.

„Müsstest du jetzt nicht sagen: ‚Mein Herr und Meister, du hast mich aus meinem Gefängnis befreit. Was immer du auch wünschst, ich werde es dir erfüllen’?“, fragt Philipp, nachdem er sich von seinem ersten Schrecken erholt hat. Nein, das muss Kalatur nicht, denn nach 3000 Jahren lebt niemand mehr, der die Beschwörungsformel kennt. Der Geist des Rauches ist nun wirklich frei. Doch Kalatur ist nun unversehens in eine verwirrend fremde Welt geraten. Die Technik der Menschen erscheint ihm wie Magie und birgt tausend unbekannte Gefahren. Der mächtige Kalatur braucht Philipps Hilfe, um sich in der modernen Welt zurechtzufinden. Zu allem Überfluss muss Kalatur auch bald entdecken, dass ihm bereits Dschinnjäger auf den Fersen sind. Nun ist nicht nur er, sondern auch Philipp in höchster Gefahr, denn die Dschinnjäger glauben, dass Philipp die Beschwörungsformel kennt …

Dieser Fantasy- und Abenteuerroman ist eine spannende Lektüre für Jungen und Mädchen ab 10 Jahren.

Gleich lesen: > > > Auf dem Kindle

Leseprobe:
„Mächtiger Kalatur, allgewaltiger Geist des Rauches, größter aller Dschinn, ich rufe dich, denn ich schwacher Erdenmensch benötige die Hilfe deiner Geisterkraft!“ Schrill drang die Stimme von Siduri, der dritten Nebenfrau von König Nebukadnezar zu ihm herein. Alles in Kalatur wehrte sich, dem Ruf zu folgen, aber die beringten Finger Siduris drehten und rieben die Flasche, die ihm als Wohnung diente, und Kalatur musste ihrem Ruf folgen. Er konzentrierte sich und sammelte seine Energien. Langsam und stetig begann er, als feine, weiße Rauchsäule durch den Flaschenhals nach oben zu strömen. Er bildete einen Wirbel wie ein Zyklon und verdichtete sich dann zu einer menschlichen Gestalt. Kalatur wusste, dass Siduri jedes Mal bis ins Mark ihrer Knochen erschrak, wenn sie ihn sah, deshalb ließ er seinen Körper zur Größe eines furchterregenden Riesen anschwellen und fragte mit dröhnender Stimme: "Herrin Siduri, ich bin dein Diener. Was willst du von mir?" Dabei funkelte er sie aus seinen dunklen, von buschigen Brauen umrahmten Augen drohend an. Obwohl sie den Rauchgeist schon so oft in ihre Dienste gezwungen hatte, konnte sich Siduri einer Gänsehaut nicht erwehren. Sie wusste, dass Kalatur ihre ehrgeizigen Pläne und Intrigen missbilligte, aber sie wusste auch, dass er ihre Befehle befolgen musste. Es war ihr gelungen, Sanheb, den greisen Oberpriester des Gottes Marduk, zu belauschen, als jener den Geist gerufen hatte. Seither kannte sie die Beschwörungsformel. Wenig später hatte sie Sanheb die Flasche gestohlen, die Kalatur als Wohnung und Ort der Regeneration diente. Nun war der Geist ihr Diener und musste ihr zu Willen sein.
„Ich will, dass mein Sohn Ninzub die Prüfungen als strahlender Sieger verlässt!"
„Herrin Siduri, du überschätzt meine Kräfte. Ich kann deinen Sohn nicht klüger machen, als er in Wirklichkeit ist!"
„Kalatur, stell dich nicht so an! Du hast bewiesen, dass du Pfeile lenken und Tiere stolpern lassen kannst, also kannst du auch dafür sorgen, dass Eli heute wieder wie ein Trottel und Dummkopf dasteht! Ich will, dass Ninzub der nächste König von Babylon wird und nicht er."
„Herrin Siduri, vergiss nicht, dass Gilgal, der die jungen Königssöhne in der Kunst des Lesens und Schreibens unterweist, den König beständig über deren Fortschritte unterrichtet. Eli ist ein eifriger, gelehriger Schüler, während Ninzub, dein Sohn, nur Dummheiten im Kopf hat und die Keilschrift nur mit allergrößter Mühe lesen, geschweige denn richtig schreiben kann!"
„Papperlapapp", fuhr Siduri den Geist an, „keine faulen Ausreden! Jage Gilgal einen gehörigen Schrecken ein, dann wird er dem König genau das berichten, was du von ihm verlangst! Also fliege nun davon und folge meinem Befehl!"
Kalaturs Körper schrumpfte und wurde wieder zu feinem, weißem Rauch. Langsam und beinahe unsichtbar schwebte er durch den Garten des Palastes. Er sah Siduri durch eine Tür huschen, und weil er ein Geist war, sah er auch, was Siduri nicht gesehen hatte. Die alte Eninki, die einst die Amme des Königs gewesen war, stand hinter einem Baum verborgen und hatte Siduri belauscht. Kalatur machte sich darüber keine Gedanken. Er war ein Geist, und er musste die Befehle derer ausführen, die nach ihm riefen - ganz gleich, ob ihm diese Befehle gefielen oder nicht. Unbemerkt flog er durch die königlichen Gärten und die weiträumige Palastanlage, bis er zu dem Raum kam, in dem der Oberschreiber und Lehrer Gilgal die jungen Königssöhne unterrichtete.
Gilgal war alleine im Raum. Er war damit beschäftigt, die Tontafeln für die bevorstehende Prüfung vorzubereiten. Seine Stirn war von Sorgen umwölkt. Seit Etara, der alte Waffenmeister, der bisher die Königssöhne in der Kriegskunst unterwiesen hatte, beim König in Ungnade gefallen war, war er von heftiger Furcht ergriffen, dass ihn womöglich das gleiche Schicksal ereilen könnte. Gilgal gab sich einen Ruck:
„Sei kein Angsthase Gilgal!", befahl er sich selbst. „Deine Schüler sind eifrig und machen gute Fortschritte. Einzig Ninzub trübt das gute Bild. Er ist frech und faul und hat nur Unsinn im Sinn. Aber der König weiß das. Er kann es mir nicht anlasten!", tröstete sich Gilgal. Er wollte gerade die metallenen Schreibgriffel bereitlegen, als er den Rauch bemerkte. Es war ein seltsamer Rauch, denn nirgendwo war Feuer. Der Rauch begann sich zu drehen, bildete einen Wirbel und plötzlich wuchs aus ihm ein Riese heraus. Gilgal fielen klappernd die Griffel aus der Hand. Der Riese wuchs weiter und füllte nun beinahe das halbe Zimmer aus. Er trug keine Kleider, nur ein rotes Tuch, das er wie einen Lendenschurz zwischen den Beinen hochgezogen und um die Hüften gewickelt hatte. Gilgal schlotterten vor Angst die Knie, als der Riese sich zu ihm hinunterbeugte. Die langen, schwarzen Haare, die der Riese im Nacken zusammengebunden hatte, fielen dabei nach vorne und kitzelten Gilgal an der Nase. Gilgal musste niesen. „W-w-was w-w-willst du von mir?", stotterte er zitternd vor Furcht.
„Nicht viel, nur eine Kleinigkeit!" Die Stimme des Riesen dröhnte so laut, dass Gilgal hoffte, der ganze Palast würde zusammenlaufen und ihm zu Hilfe eilen. Der Riese legte ihm schwer die Hand auf die Schulter.
„Ich stehe zu deinen Diensten, erhabener Herr", stammelte Gilgal.
„Wunderbar!", dröhnte der Riese. „Wenn du zu meinen Diensten stehst, wirst du heute ganz sicher dem König berichten, dass Siduris Sohn Ninzub der fleißigste und klügste von all deinen Schülern ist!" Und zur Bekräftigung seiner Worte fasste er Gilgal vorne am Obergewand und hob ihn ein wenig in die Höhe.
„Erhabener Herr, das kann ich nicht!", jammerte Gilgal. Der Riese hob den Oberschreiber noch ein wenig höher.
„Und warum nicht?"
„Es entspricht nicht der Wahrheit. Ninzub ist ein Dummkopf, ein Faulpelz und ein Tunichtgut!"
Der Riese schüttelte Gilgal wie einen leeren Getreidesack. „Täuschst du dich da nicht?" Seine Stimme klang drohend wie Donnergrollen.
„Nein, erhabener Herr. Ich täusche mich nicht. Ich bin schließlich sein Lehrer!", wimmerte Gilgal von der Zimmerdecke herunter.
„Oh weh, ich glaube, die Sommersonne hat dein Gehirn vertrocknet!", dröhnte der Riese. „Aber an der frischen Luft wird dir bestimmt gleich wieder einfallen, dass Ninzub der klügste und eifrigste von all deinen Schülern ist!" Er klemmte sich Gilgal unter den Arm und schwebte mit ihm zur Tür hinaus.

Im Kindle-Shop: Die Beschwörungsformel

Mehr über und von Hildegard Grünthaler auf ihrer Website.

17. April 2015

"Rotbartsaga. Das Vermächtnis des Kapitäns Carl Carlszoon" von Wolfgang Schwerdt

Es war reiner Zufall, so behauptet der Autor der Rotbartsaga, dass er auf die Geschichte des legendären Schiffskaters Rotbart gestoßen sei. Auf jeden Fall habe ein alter Holländer damit zu tun, dass er Carlszoons Cottage an der Mündung des Mystic-River an der Nordwestküste von Connecticut USA entdeckte. Dort fand er nach eigener Aussage auf dem Dachboden Dokumente, Tagebücher und eine Unmenge Souvenirs des holländischen Kapitäns Carl Carlszoon. Der reiste im 17. Jahrhundert um die Welt und hat in seinen Journalen viel über seinen treuen Begleiter, den Schiffskater Rotbart, berichtet.

Das Buch erzählt, wie aus dem Sohn einer Katzenspelunkenbetreiberin auf der holländischen Insel Texel der legendäre Schiffskater Rotbart geworden ist. Neben realen historischen Ereignissen findet sich eine gehörige Portion Seemannsgarn. Etwa, wenn der Autor beschreibt, wie er vom Geist Carl Carlszoons in das Amsterdam des 17. Jahrhunderts entführt wurde, oder wie ihm ein schamanisches Medaillon den Zugang zum geheimnisvollen Speicher des 1701 verstorbenen Kapitäns eröffnet haben soll.

Fünf Reisen hat der sagenhafte Schiffskater gemacht, die ihn in alle Teile der Welt geführt haben. Einzelne Episoden dieser Reisen geben einen Vorgeschmack, was den Leser in den folgenden fünf Bänden der Rotbartsaga erwartet.

Gleich lesen: Rotbartsaga. Das Vermächtnis des Kapitäns Carl Carlszoon

Leseprobe:
Rotbarts Begeisterung für die Gelage des Königs [Schiffskater Roi de Merguéz] hatte weniger mit den erlesenen Speisen zu tun, die der schwarzweiße Schiffskater seinen KollegInnen auftischte. Bevor er sich zu den gemeinsam schmatzenden Felinen gesellte, schlug er sich daher im Laderaum mit einer ordentlichen Portion Ratte den Bauch voll. Pasteten und anderer Menschenfraß waren nicht sein Ding. Überaus unterhaltsam waren aber die Geschichten, wie Le Roi die erlesenen Speisen für seine Empfänge organisierte. Rotbarts Vermutung, dass die königliche Beschaffungskriminalität durchaus für die eine oder andere Zwistigkeit unter den Zwei-beinern verantwortlich sein könnte, war dabei nicht ganz von der Pfote zu weisen.
Mit zunehmender Dauer der Fahrt gestaltete es sich naturgemäß immer schwieriger, etwas über die natürliche Katzennahrung hinaus zu organisieren. Selbst die wurde immer magerer. Die speziellen Vorräte von Kapitän und Offizieren neigten sich langsam ihrem Ende zu. Die Fische, die der Mannschaft an den Haken gingen, reichten kaum zur Versorgung der Menschen an Bord. Der König hatte sich bisher noch nie dabei erwischen lassen, wenn er die Vorratskammern oder die Kombüse inspizierte, um sich seinen Anteil an den dortigen Delikatessen zu sichern. Aber je knapper die Nahrung, desto sorgfältiger wurde sie vor dem Zugriff hungriger Menschen und gieriger Tiere geschützt. Da auch verurteilte Diebe und Kriminelle an Bord waren, fiel der Verdacht zunächst nur selten auf die vierbeinigen Mannschaftsmitglieder, wenn mal wieder der eine oder andere gerade gefangene Fisch aus der Pütz verschwand. Ein schlechtes Gewissen hatten die Katzentiere nicht und [Schiffskater] Molière brachte die moralische Verfassung seiner Spezies auf den Punkt:

„Das Böse liegt im Aufsehn, das es macht, im Lärmen, das die Welt darüber schlägt. Die Sünde im Geheim ist keine Sünde.“

Der letzte Fischzug des Roi de Merguéz allerdings hatte durchaus für Aufsehen gesorgt und erhebliches Lärmen der Welt oder besser des Smutje zur Folge. Der große Fisch, den der Schiffskoch noch am Abend in die Kombüse gehängt hatte, um ihn am nächsten Morgen mit viel Wasser und Schiffszwieback zu einer Suppe zu verarbeiten, war für den König allzu verlockend. Er wusste natürlich um das Risiko, aber er kannte auch alle Tricks, wie sich so ein lukratives Beutestück nahezu geräuschlos vom Haken lösen und über geheime Wege unbemerkt aus der Kombüse schaffen ließ. Der Kombüsenkater wusste auch, dass die Nachtwache die beste Zeit für ein solches Unterfangen war. Der Koch schlief zu dieser Zeit tief und fest in seiner Hängematte unter der Back, direkt neben der Schiffsküche. Er würde allerdings beim kleinsten Geräusch hochschrecken, um nach dem Rechten zu sehen. Aber ein Roi de Merguez machte keine Geräusche! Und so schlich sich der Kater beim nächtlichen Doppelschlag der Schiffsglocke aus seinem kuscheligen Quartier in der Segel-kammer über das Zwischendeck in die Kombüse, deren Tür der Smutje immer einen Spalt offen ließ, um die Küchendünste und die Hitze des Herdes von der frischen Nachtluft vertreiben zu lassen. Das große Loch, das die Ratten in einer versteckten Ecke in den Boden der Vorratskammer genagt hatten, würde Le Roi für den Rückzug mit seiner Beute nutzen. Soweit der Plan. Die Tür knarrte mit jeder Bewegung des Schiffes im seichten Seegang. Es fiel also gar nicht auf, dass sie auch knarrte, als sich der Kombüsenkater hindurchzwängte. Die Orientierung fiel ihm nicht schwer. Schließlich lag er oft dösend in der Kombüse, wenn der Schiffskoch das Essen für die Mannschaft zubereitete. Der Smutje hatte vollstes Vertrauen zu dem gemütlichen Kater. Nicht ein einziges Mal hatte der auch nur Anstalten gemacht, etwas vom Essen stibitzen zu wollen. Kein Betteln, wenn ein für Katzen besonders leckerer Duft durch den Raum zog, weder mit Blicken noch durch Körpersprache. Angebotene Lecker-bissen wurden königlich ignoriert. An Menschenessen, davon war der Koch überzeugt, hatte sein vierbeiniger Freund keinerlei Interesse. Auch der große Fisch, der da unter der Decke hing, verursachte bei Roi de Merguez nicht einmal ein einziges kurzes Schwanzzucken.
Es war nur der Hauch eines Lichtschimmers, der das Innere der Kombüse erreichte. Le Roi bewegte sich gekonnt im Lautlosmodus, selbst als er mit wenigen Sprüngen die Spiere er-reichte, an der der Fisch mit einem eisernen Haken befestigt war. Mit einer Geschicklichkeit, die man dem etwas fülligen Kater gar nicht zugetraut hätte, balancierte er tief geduckt zwischen Spiere und Decke entlang. Mit den Krallen seiner kräftigen Pfote hob er den Haken von der Stange und ließ seine Beute langsam, langsam hinab. Immer länger wurde sein Vorderbein, bis der Schwanz des Fisches den Boden berührte. Immer länger wurde der Kater, als er – mit den Hinterbeinen noch an der Spiere festgeklammert – die Last langsam auf den Boden gleiten ließ. Ein sattes Plopp, das vom Knarren der Tür übertönt wurde, und auch der Kater landete schließlich auf den Planken, direkt neben dem beinahe einen Meter langen Markrelenfisch. Vorsichtig schleifte der König seine Beute zu dem Rattenloch, sprang hinunter und zog den schuppigen Festschmaus kopfüber hinterher.

Im Kindle-Shop: Rotbartsaga. Das Vermächtnis des Kapitäns Carl Carlszoon

Mehr über und von Wolfgang Schwerdt auf seiner Website und seiner Seite zum Buchprojekt Rotbartsaga.

16. April 2015

"Die Verlorenheit der Beute" von Stephan Schulz

Die Geschichte einer großen Liebe, die in der gnadenlosen Welt des Verbrechens zu scheitern droht.

Niko und Marisa lieben sich. Er ist Drogenschmuggler, sie die Frau eines Gangsterbosses. Als der ihnen auf die Schliche kommt, müssen sie fliehen. In einem Stundenhotel finden sie Unteschlupf. Nur noch ein letzter Deal muss Niko gelingen, dann ist der Weg frei für ein neues Leben mit Marisa. Ihr Ziel: Andiparos, eine kleine Kykladeninsel in der Ägäis. Doch die Verfolger sind ihnen längst auf den Fersen.

Gleich lesen: Die Verlorenheit der Beute: Kriminalroman





Leseprobe:
Der Deckenventilator dreht quietschend seine Runden, ein monotones Quietschen, das an den Nerven zehrt. Durch die Lamellen der Jalousie dringt die Abendsonne in das schäbige Zimmer und bildet auf dem zerkratzten Parkettboden ein Streifenmuster aus Gold.
Niko liegt nackt auf dem Bett und raucht eine Zigarette. Er fragt sich, ob man Dimi trauen kann. Klar, sie sind beide Griechen, kennen sich seit dem Sandkasten, haben in den Siebzigern und Achtzigern gemeinsam die Schulbank gedrückt und noch so einige andere Dinge zusammen erlebt. Aber was heißt das schon bei einem Junkie?
Dass Dimi an der Nadel hängt, hat Niko erst gecheckt, als er vor ihm am Empfang stand. Diese Augen aus Glas, aus denen von Tag zu Tag mehr Seele weicht, kennt er zur Genüge. Dimi humpelte vor den Tresen und sie umarmten sich wie alte Freunde, die sich Jahre nicht gesehen haben. Was auch stimmt, aber Niko war das unangenehm, weil Dimi schwitzte und stank. Wie einer, der seit Tagen in den gleichen Klamotten steckt und einer Dusche konsequent aus dem Weg geht.
In den vergangenen Jahren ist nicht nur das Hotel den Bach hinuntergegangen.
»Für ein paar Stunden. Wir sind nicht da und wir waren nie da.«
»Kein Problem«, antwortete Dimi und fünfhundert Euro wechselten den Besitzer. »Zimmer acht. Am Ende des Flurs.«
Dann lächelte er Marisa an.
Warum sollte er sie nicht anlächeln? überlegt Niko. Immerhin hat er fünf Scheine eingestrichen. Wenn das kein Grund für ein Lächeln ist. Die beiden sind sich nie begegnet. Außerdem trug sie eine Sonnenbrille und ein Baseballcap. Unmöglich, dass Dimi sie erkannt hat.
Schritte auf dem Hotelflur. Zwei Personen.
Die Hand mit der Zigarette verhält auf halbem Weg zum Mund. Die andere Hand greift nach der Glock 17 auf dem Nachttisch.
Eine Männerstimme. Eine Frau lacht. Die beiden betreten Zimmer sieben.
Niko atmet auf. Nur eine Hure mit ihrem Freier.
Vielleicht ist das Hotel kein sicherer Ort, denkt er. Kein Ort in der Stadt ist jetzt wirklich sicher. Aber warum sollten sie ausgerechnet hier nach uns suchen? Sie müssen annehmen, dass wir längst über alle Berge sind. Auf irgendeiner Autobahn in Richtung Süden. Oder in einem Flugzeug nach wer weiß wo sitzen. Sie wissen nicht, dass ich erst Geld beschaffen muss, damit Marisa und ich verschwinden können.
Niko macht einen letzten Zug und drückt die Zigarette in Ermangelung eines Aschenbechers auf dem Parkett aus. Er sieht auf die Uhr. Noch vier Stunden bis zum Treffen. Er steht auf, geht zum Fenster, späht durch die Jalousie hinunter auf die Straße.
Keine schwarzen Limousinen. Keine Bikes und keine Biker. Niemand, der das Hotel beobachtet.
Marisa regt sich im Bett. »Ich hab geträumt, Niko. Von einem anderen Land. Ich glaube, ich hab von Andiparos geträumt.«
Er schlüpft auf ihrer Seite unter das Laken, drängt sich an sie und fühlt die Zartheit und Wärme ihrer Haut. Die Schwellung unter ihrem linken Auge ist zurückgegangen, das Hämatom gewinnt an tiefblauer Färbung. Ihre Nasenspitzen berühren sich.
»Erzähl mir mehr von der Insel«, sagt sie.
»Du weißt, ich war nie dort.«
»Dann erzähl, was dein Vater dir erzählt hat.«
Niko schließt die Augen, erinnert sich an die Dinge, die er von seinem Vater über die Insel weiß. Er versucht sich an der Beschreibung der Farben und des Lichts der Kykladen, schildert, wie ein Tag auf der Insel aussieht und wie der Tag in die Nacht übergeht. Er spricht von den Sternen am tiefschwarzen Firmament, vom Sonnenaufgang am Strand.
»Mit ein wenig Glück sind wir bald da«, sagt er.
»Glück, Niko? Haben wir Glück denn nötig?«
»Glück kann man doch immer gebrauchen.«
»Du weißt, was ich meine.«
Das Lächeln, das er sich abringt, trägt nicht dazu bei, sie zu beruhigen.
»Mach dir keine Sorgen«, sagt er.
Aber sie macht sich Sorgen.
Er küsst sie. »Ich bin so verdammt wild auf dich.«
»Dann los. Zeig’s mir. Lass uns vögeln, bis uns Flügel wachsen.«
Niko lacht. Überschwemmt seine Angst mit dem Schweiß der ihren. Er fühlt ihr Aufbäumen unter sich, ihre Lebendigkeit, die ihm Mut einflößt und alle Zweifel erstickt. Sie hören das Blut in den Ohren rauschen, schmecken sich, tauschen aus, was ihre Körper hergeben.

Im Kindle-Shop: Die Verlorenheit der Beute: Kriminalroman

Mehr über und von Stephan Schulz auf seiner Website.

15. April 2015

'Grüne Smoothies für den Frühling' von Kathrin Kalda

Eine erfrischende Rezeptsammlung, die Lust auf's Losmixen macht: "Grüne Smoothies für den Frühling" hält 60 saisonale Rezepte für Einsteiger und Fortgeschrittene bereit und schöpft dabei aus allem, was die blühende Jahreszeit zu bieten hat. Unter dem Motto "100% Soul Drinks" interpretiert die junge Autorin die grünen Trenddrinks erfrischend anders und gibt ihre persönlichen Empfehlungen weiter. Mit liebevollen Rezeptnamen wie "Märzveilchen" und "Zitronenfalter" kommen schon bei der Zubereitung Frühlingsgefühle auf.

Als Rezeptbuch ist "Grüne Smoothies für den Frühling" die ideale Ergänzung zu Ratgebern und ein Must-Have für jeden Smoothie-Fan. Inklusive persönlicher Tipps der Autorin und Nährwertangaben zu jedem Rezept.

Gleich lesen: Auf dem Kindle

Leseprobe:
Soul Drinks in Grün? Vor einiger Zeit hätte ich diese Kombination nicht für möglich gehalten. Eher zufällig entdeckt, sind grüne Smoothies in kürzester Zeit zu meiner wichtigsten Nahrungsgewohnheit geworden. Seitdem habe ich mich intensiv mit ihrer Zubereitung beschäftigt. Doch zuerst einmal: warum 100% Soul Drinks?
Inmitten meiner „Twenties“, gerade das Studium beendet und in den Startlöchern für den ersten Vollzeitjob, fühlte ich mich trotz eines regelmäßigen Fitnessprogramms und bewusster Ernährung andauernd müde und erschöpft. Ärztliche Untersuchungen konnten keinen signifikanten Mangel aufdecken - auf dem Papier war ich putzmunter.
Auch wenn ich mich von vermeintlichen Ernährungstrends nicht schnell mitreißen lasse, fühlte ich mich von den Vorteilen der grünen Smoothies direkt angesprochen:
- Gesundheitsfördernd: Gemüse, Obst und Kräuter in unbehandelter, roher Form schützen unseren Körper durch Antioxidantien vor freien Radikalen. Durch die Fülle an Vitaminen und Mineralien in grünen Smoothies wird unser Immunsystem direkt gestärkt, sodass wir weniger anfällig für Krankheiten sind.
- Einfach: Zutaten waschen, grob schneiden, im Mixer mit Wasser zu einem cremigen Drink vereinen – fertig. So lässt sich gesunde Ernährung perfekt in den Alltag integrieren. Durch die Verarbeitung in Form von Smoothies wird es zum Kinderspiel, die empfohlenen Tagesmengen an Gemüse und Obst zu sich zu nehmen.
- Nachhaltig: Die Zutaten werden bis auf wenige Ausnahmen vollständig verwendet. Hoch wirksame Bestandteile, die sonst ihr Ende auf dem Kompost finden, spielen im grünen Smoothie die Hauptrolle: Blattgrün, Kerne, Schale.
Seit vielen Monaten trinke ich täglich einen grünen Powerdrink. Innerhalb kurzer Zeit spürte ich, wie die Smoothies ihre Wirkung entfalteten, sich positiv auf meinen Körper, Energiehaushalt und Geist auswirkten. Da sie auch noch die idealen Begleiter für unterwegs sind – schnell morgens zu Hause gemixt und umgefüllt – sind sie für mich zu meinen Soul Drinks geworden, die ich jeden Tag dabei habe. Im Büro, beim Sport, bei Erledigungen in der Stadt.
Heute fühle ich mich extrem fit - ich bin leistungsfähiger, konzentrierter und einfach motivierter. Ich verspüre weniger Heißhunger auf Süßigkeiten oder Fast Food und mein Kaffeekonsum ist gesunken. Meine neu gewonnene Lebensqualität möchte ich durch dieses Buch teilen.
Mein Bewusstsein für die sorgfältige Auswahl und die saisonale Verwendung von Lebensmitteln ist schon seit meiner Kindheit ausgeprägt. Mit estnischen Wurzeln geboren, reise ich seit Kindestagen regelmäßig zur Familie meines Vaters auf die naturbelassene Insel Saaremaa. Auf dem familieneigenen Hof im Westen Estlands, welcher direkt an große Waldflächen grenzt, ernähren wir uns in erster Linie von dem, was uns die Saison natürlicherweise bietet. So ist die Idee entstanden, diese Ausgabe der Reihe 100% Soul Drinks ganz unter das Motto Frühling (Bezugsmonate circa April bis Juni) zu stellen, um das saisonale Angebot an Gemüse und Obst auszuschöpfen und den regionalen Bezug der Zutaten zu fördern.
Der Frühling wartet mit einem großen Angebot an Gemüse, Blattgrün und Kräutern auf, welches kaum Wünsche offen lässt. Währenddessen greifen wir beim Obst in den ersten Monaten klimabedingt vor allem auf Lagerzutaten zurück. Um in den obstärmeren Monaten dennoch die nötige Abwechslung ins Glas zu bringen, sind die folgenden Rezepte, die jeweils für eine Tagesportion ausgelegt sind, teilweise um exotische Früchte ergänzt. Auf Wunsch können diese selbstverständlich ersetzt werden.

Im Kindle-Shop: Grüne Smoothies für den Frühling: 60 saisonale Rezepte - 100% Soul Drinks

13. April 2015

"Karla" von Mark Franley

Was mit einem einfachen Mord beginnt, lässt Hauptkommissar Köstner kaum Zeit für Ermittlungen. Wie aus dem Nichts zieht sich eine wütende Mordserie durch die Stadt und offenbart dabei die dunkelsten Seiten unserer Gesellschaft.

Opfer für Opfer verstärken sich Mike Köstners Zweifel an allem, wofür er einmal einstand, und als er schließlich die Wahrheit erfährt, steht sein Entschluss fest. Dieser Thriller geht unter die Haut, denn es könnte hinter jeder Tür passieren …

Gleich lesen: Karla: Psychothriller






Leseprobe:
»Ist es immer noch so schlimm?« Natalie war fast unbemerkt neben ihren Partner getreten und legte nun ihre Hand auf Mikes Schulter. Flimmerndes Licht fiel durch die noch jungen Blätter der Baumkrone, die über Peters Grab zu wachen schien, und bildete ein sich ständig veränderndes Muster auf dem schweren Granitstein. Alles hier wirkte auf seltsame Weise unwirklich. Auf der einen Seite war es ein Ort der Trauer, doch jetzt im Licht der Frühlingssonne und zusammen mit der milden Luft fiel es Natalie schwer, sich auf Mikes dunkle Stimmung einzustellen.
Es war nicht das erste Mal, dass sie ihn hier abholen musste, weil er sein Handy abgeschaltet hatte und sonst nirgends zu finden war. Die ersten Male hatte sie noch versucht ihn zum Reden zu bringen, inzwischen ließ sie Mike, wo auch immer er gerade in Gedanken war.
Heute schien allerdings irgendetwas anders zu sein, er riss seinen Blick von der Inschrift des Grabes los, sah sie an und sagte: »Es ist nicht wegen Peters Tod. Ich habe mich in den letzten Jahren selbst verloren und unser Job macht es nicht einfacher.« Mike unterbrach seine Rede und Natalie glaubte etwas zu viel Feuchtigkeit in seinen Augen zu erkennen. Nach einem flüchtigen Blick in die Ferne sah er sie wieder an und sprach weiter: »Als du zu uns gekommen bist, und wir diesen wirklich kranken Fall hatten, war ich mehr von mir selbst als von dem, was damals passierte, schockiert. Es hat eine Weile gedauert, bis mir klar wurde, was mit mir nicht stimmte, und als ich es erkannte, wurde mir klar, dass ich innerlich tot war. Nach dem, was meiner Familie passiert ist, hätte mich schon die erste Leiche umhauen müssen, aber das geschah nicht! Mord, Folter, Hilflosigkeit … alles egal! Nichts berührte mich mehr. Die Trennung von Jenni, nachdem sie sich als sensationsgeile Reporterin gezeigt hat … nichts … kein Gefühl, keine Trauer, kein Vermissen.
Kann man so als bewaffneter Hauptkommissar durch die Welt laufen? Was ist, wenn ich einmal einen Täter einfach abschieße, statt ihn festzunehmen? Was ist, wenn jedes Mitgefühl fehlt, und ich entsprechend handle?«
Natalie senkte den Blick zu Boden und dachte darüber nach, dann antwortete sie: »Ich kenne dieses Gefühl nur allzu gut. Auch in meinem Leben gab es Zeiten dieser … ich nenne es … inneren Ödnis und ich fühlte mich endlos weit weg von jedem Gefühl. Erst meine Ausbildung zur Polizistin konnte etwas Grün in dieses Tal der Leere bringen. Es ist nicht nur, dass man auf etwas anderes konzentriert ist, es ist vielmehr die Hilfe und der Schutz, den man anderen gibt. Manchmal glaube ich, dass wir viel näher am christlichen Gedanken sind, als viele Würdenträger der Kirche.« Nun sah sie Mike in die Augen und sagte: »Du bist bis zum Schluss bei den beiden Opfern in diesem Verlies geblieben. Und ich glaube nicht, dass du sterben wolltest, du hast es aus dem unbedingten Willen heraus getan, die Frauen zu retten!«
Wieder folgte eine kurze Pause, dann fügte sie hinzu: »Ich weiß, es klingt aus dem Mund einer Jüngeren vermessen, aber ich rate dir trotzdem: Nimm dir die Zeit, die du brauchst, auch wenn du es im Moment anders siehst, glaube mir. Dieser Job ist dein Anker! Er hält dich zusammen, und auch wenn wir es mit der grauen Seite unserer Gesellschaft zu tun haben, ist es vielleicht gerade das, was das Lichtlein in uns entzündet.«
»Wir werden sehen!« Mehr hatte Mike für den Augenblick nicht dazu zu sagen, dann verschwand der traurig, nachdenkliche Ausdruck in seinem Gesicht und mit dienstlichem Unterton fragte er: »Warum bist du gekommen?«
Auch Natalie beließ es dabei, fragte erst: »Gehen wir zum Wagen?«, und erklärte dann, während sie dem Ausgang von Nürnbergs Südfriedhof entgegengingen: »Karl will uns sehen. Warum genau weiß ich nicht, aber er lässt gerade das halbe Präsidium zusammentrommeln. Um 13 Uhr soll es dann eine informelle Ansprache geben. Wenn du mich fragst, klang er so, als wäre der Teufel höchst persönlich in der Gegend.«
Am Dienst-BMW angekommen, drückte Natalie ihrem Kollegen den Schlüssel in die Hand und bestimmte: »Du fährst!« Und obwohl Mike in der Hierarchie über der Kommissarin stand, widersprach er nicht und setzte sich hinter das Lenkrad.

»Was ist denn hier los?«, fragte Mike mehr sich selbst, da er den Parkplatz des Nürnberger Hauptpräsidiums noch nie so voll gesehen hatte. Selbst sein reservierter Stellplatz war so eng zugeparkt, dass er Mühe hatte, den Wagen ohne Kratzer abzustellen.
»Ich sagte ja, dass es wichtig sein muss!«, erwiderte Natalie und stieg dabei aus.
»Gehst du schon rauf, oder kommst du noch kurz mit zum Raucherplatz?«, fragte Mike und Natalie folgte ihm, ohne Antwort zu geben. Seltsamerweise war die kleine, abgetrennte Ecke des Innenhofes fast wie ausgestorben. Nur ein Mann in einem ziemlich teuer wirkenden Anzug stand mit dem Rücken zu ihnen, drehte sich aber um, als er jemanden hinter sich bemerkte. Dann dauerte es zwei, drei Sekunden und er streckte Mike die Hand entgegen: »Hauptkommissar Köstner, schön Sie zu sehen!«
Obwohl Mike Oberstaatsanwalt Ehmer nicht sonderlich leiden konnte, rang er sich ein Lächeln ab und erwiderte den Gruß, anschließend deutete er auf Natalie und sagte: »Das ist meine neue Kollegin, Kommissarin Natalie Köbler.« Dann machte er eine Geste zu dem Mann: »Natalie, das ist Herr Oberstaatsanwalt Ehmer.«
Mike konnte sehen, dass es dem Staatsanwalt genauso ging wie ihm selbst, als er Natalie zum ersten Mal gesehen hatte. Auf ganz eigentümliche Weise war seine Kollegin erst beim zweiten Hinsehen hübsch. Offenbar war seine Partnerin derartige Reaktionen gewohnt, da sie den Staatsanwalt einfach nur mit ihren wachen Augen ansah und ihm Zeit ließ sie einzuschätzen. Endlich schien der Groschen gefallen und Ehmer gab auch ihr die Hand: »Schön, Sie kennenzulernen!«
Nachdem diese Förmlichkeiten abgehakt waren, fragte Mike: »Wissen Sie, was hier los ist? Offenbar hat man die Leiter sämtlicher Dienststellen hierher beordert.«
Der hochgewachsene Staatsanwalt zog noch einmal an seiner Zigarette, drückte diese dann aus und antwortete: »Sicher weiß ich das! Aber es wurde beschlossen, dass vor dem Treffen nichts weitergegeben werden darf. Das gilt leider auch für Sie!« Und noch bevor weitere Fragen folgen konnten, blickte er auf seine Uhr und verabschiedete sich dann eilig.
Mike sah Natalie verwundert an, zuckte mit den Schultern und stellte fest: »Ich glaube, du hast Recht, und der Teufel ist in der Stadt!«

Im Kindle-Shop: Karla: Psychothriller

Mehr über und von Mark Franley auf seiner Website.

10. April 2015

BücherTreff sucht die Leserlieblinge 2014

Seit zehn Jahren wählen die Mitglieder der Plattform BücherTreff.de ihre Lieblingsbücher des vergangenen Jahres. Inzwischen ist der Kreis der an der Abstimmung Beteiligten stark gewachsen und so spiegelt der Award heute die Meinungen einer großen Leserschaft wider. Die Besonderheit des Awards: Keine Jury bestimmt den die Sieger, sondern die Leser wählen ihren Lesefavoriten des Jahres.

Die Abstimmung über die besten Bücher in acht Kategorien läuft noch bis zum 19. April. Jeder Teilnehmer hat pro Kategorie eine Stimme. Also schnell nachschauen, ob das eigene Lieblingsbuch zur Wahl steht und mitmachen:



'Open Minds - Gefährliche Gedanken' von Susan Kaye Quinn

Wenn jeder Gedanken liest, kann ein Geheimnis eine gefährliche Sache sein.

Die sechzehnjährige Kira Moore ist eine Null, jemand der weder Gedanken lesen, noch von anderen gelesen werden kann. Nullen sind Außenseiter, denen man nicht vertrauen kann, weswegen sie auch keine Chancen bei Raf hat, einem normalen Gedankenleser und ihrem besten Freund, in den sie heimlich verliebt ist.

Als sie aus Versehen die Kontrolle über Rafs Verstand übernimmt und ihn dadurch beinahe umbringt, versucht Kira ihre unheimliche, neue Fähigkeit vor ihrer Familie und dem zunehmend misstrauischer werdenden Raf zu verbergen. Aber sie verstrickt sich in ihren Lügen und wird immer tiefer in eine geheime Unterwelt voller Gedankenkontrollierer gezogen. Den Verstand all derer zu kontrollieren, die ihr am Herzen liegen, ist dabei nur eine von vielen gefährlichen Entscheidungen, die noch vor ihr liegen.

Teil 1 der Mindjack-Serie von Susan Kaye Quinn.

Gleich lesen: Open Minds - Gefährliche Gedanken (Mindjack #1)

Leseprobe:
Ich schwamm zur Oberfläche meiner Bewusstlosigkeit und spürte, wie mich eine Hand grob abtastete.
Mein Denken war vollkommen zerfleddert von der orangenen Nebeldroge, die Kestrels Schläger mir injiziert hatten und meine Augenlider waren wie schwere Vorhänge, die ich unmöglich öffnen konnte. Der warme, raue Boden bebte unter mir, begleitet vom Klang knirschender Reifen und knarrendem Metall.
Ich fragte mich, wo zur Hölle ich wohl war, aber als erstes musste ich diesen Schänder aufhalten, der mich begrapschte als würde er erwarten, schwere Waffen unter meinem dünnen T-Shirt oder in den Shorts zu finden. Ich schlug nach seinen suchenden Händen, aber der Saft hatte meine Arme zittrig und nutzlos gemacht. Ich jackte mich in seinen Kopf, aber er schmiss mich sofort wieder raus.
Mit einem tiefen Atemzug griff ich in meinen eigenen Verstand, um meinen Herzschlag zu beschleunigen und den Nebel zu vertreiben. Ich tolerierte zehn Minuten weiteres Grapschen, aber sobald ich klar genug denken konnte, stieß ich in seinen Kopf vor und befahl ihm aufzuhören. Seine Hände ließen mich los und ich hörte, wie er auf den Metallboden schlug.
Ich zwang meine Augen, sich zu öffnen und verzog das Gesicht bei dem grellen Licht, welches durch die hohen Fenster des Trucks hineinströmte. Mein Sittenstrolch lag wie eine zerbrochene Puppe auf dem staubigen Boden. Er konnte nicht älter als dreizehn sein. Mein Magen drehte sich. Während ich noch überlegte, ihn wieder aufzuwecken, hörte ich ein Schniefen. Ein Mädchen saß zusammengekauert auf einer Metallbank, die sich entlang der Truckwand erstreckte. Ihr Gesicht war in ihren Armen vergraben, die sie um die Knie geschlungen hatte.
„Geht’s dir gut?“ Meine Stimme war rau vor Trockenheit. Sie antwortete nicht. Der Truck schwankte unter mir und ich griff nach der Metallbank, um mich auf die Füße zu hieven. Ich stellte mich auf die Zehenspitzen, um aus den Fenstern zu spähen. Nichts als blauer Himmel.
Mich an der Wand abstützend, damit ich auf den Beinen blieb, krebste ich zur Front, wo es eine Tür zur Fahrerkabine zu geben schien. Mühelos ließ sich der Griff umdrehen und ich schwang die Tür auf. Die beiden Sitze vorne waren leer. Der Wagen rumpelte einen befestigten Feldweg entlang, offenbar auf Autopilot gestellt, aber es gab keine Mindware-Bedienung, kein Einstiegspunkt in den ich mich einklinken und die vorprogrammierte Route ändern könnte. Vor uns wuchs ein gigantisches Feldlager aus der Wüste, bedeckt mit sandfarbenen Camouflage-Netzen und umgeben von fünf Meter hohen Metallzäunen, auf deren Spitze sich Rollen von Stacheldraht entlang zogen. Es sah aus wie ein Gefängnis.
Was es ja auch war.
Meine Hände bebten, als ich die Puzzleteile zusammensetzte und ich griff die Rückenlehne des Fahrersitzes, um sie ruhig zu halten. Kestrel hatte mich ins Jacker-Camp geschickt, zusammen mit diesen beiden anderen Jacker-Kindern. Ich fuhr mir mit der Zunge über die spröden Lippen, ausgetrocknet von den Drogen und der Wüstenluft. Er hatte mich ins Gefängnis verfrachtet, einfach nur dafür, dass ich so war, wie ich war.
Zorn krallte sich in meinen Magen wie eine wütende Bestie.
Als wir uns dem Tor näherten, schwang es in einprogrammierter, mechanischer Geschwindigkeit auf. Sonnenlicht strömte durch die Netze und malte ein Muster unter die Überdachung. Ein anderes Tor aus einem metallenen Gitter und ein zweiter Zaun warteten etwa dreißig Meter weiter im Camp. Wir rumpelten am ersten Zaun vorbei und ich versuchte angestrengt zu erkennen, was uns hinter dem zweiten Tor erwartete.
Was auch immer uns auf der anderen Seite blühte, ich war mir sicher, dass ich nicht darauf vorbereitet war.
Der Truck rollte aus und kam zum Stehen. Das Mädchen wimmerte, ihr schmutziges Gesicht war tränenüberströmt. Sie konnte keinen Tag älter als der Junge sein. Strähnen ihres brünetten Haares fielen ihr über die großen, blauen Augen und Schmutz verunzierte ihr rosa Shirt, das sie sich über die Knie gezogen hatte. Ihre weißen Söckchen waren dagegen noch unberührt von der Wüste. Ich war vielleicht unvorbereitet, aber sie hatte nicht den blassesten Schimmer, was hier passierte. Ich fand Handgriffe an den Wänden des Trucks und hockte mich neben sie.
„Wie heißt du?“
Sie wich etwas vor mir zurück. „Laney.“
„Okay, Laney. Wir beiden müssen jetzt zusammenhalten.“ Ich versuchte zu lächeln, ohne meine vertrockneten Lippen aufspringen zu lassen. Sie nickte und linste zur reglosen Gestalt des Jungen.
„Sollen wir ihn aufwecken?“, fragte ich, ihrem Blick folgend.
In kurzen, abgehackten Bewegungen schüttelte sie den Kopf. Ein jaulender Ton drang von unterhalb des Wagens zu uns und die Sicht aus der Windschutzscheibe drehte sich, bis das erste Tor wieder auftauchte. Der Truck ruckte und ich kippte beinah vorne über, konnte mich aber noch an der Wand hinter Laneys Kopf abstützen. Wir fuhren jetzt rückwärts auf das zweite Tor zu und was immer dort auf uns wartete, wäre bald hier. Ich suchte den staubigen Boden nach einer Waffe ab. Der Truck war leer.
Zaghaft streckte ich meinen Geist durch das Tor hindurch. Hunderte Leute liefen innerhalb der Zäune umher. Ich zog mich vom Wummern dieser ganzen Gedanken zurück und hörte, wie sich das zweite Tor mit einem metallischen Schleifen öffnete. Erneut kam der Truck zum Stehen und wieder verlor ich fast den Halt. Ratternd schloss sich das Tor hinter uns. In der Ferne stieg ein hörbares Murmeln an.
Rasch nickte ich Laney zu und schlich mich an die Seite der Hintertür, in der Hoffnung, was auch immer dahinter lag mit einem Überraschungsangriff anspringen zu können. Draußen war ein Poltern zu hören und etwas Schweres krachte gegen die Tür. Der Aufprall ließ den gesamten Truck wackeln.
Ich wich zurück, blieb aber zwischen Laney und der Tür. Hoffentlich konnte ich was immer dort durch kam aufhalten. Als ich gerade wieder meinen Verstand ausstrecken wollte, öffnete sich die Tür kreischend – und Simon stand vor mir.
Mir klappte das Kinn runter und er warf den Kopf zurück, als hätte ich ihn geschlagen. „Du!“ Das Wort keuchte aus ihm heraus. „Was zur…“ Seine Augen wurden groß, als wäre mich in diesem Truck zu finden, die schlechteste Wendung an einem eh schon beschissenen Tag.

Im Kindle-Shop: Open Minds - Gefährliche Gedanken (Mindjack #1)

Mehr über und von Susan Kaye Quinn auf ihrer Website, bei Facebook und auf Twitter.

9. April 2015

"10 Shades of Berlin: Was Sie in der Hauptstadt niemals tun sollten!" von Ignatius Iltis

Aus dem Vorwort:
Berlin ist immer eine Reise wert. In Berlin gibt es viel zu sehen. Deshalb gibt es auch, mal ein paar mehr, mal ein paar weniger - immer so um die drei Milliarden Reiseführer für unsere Hauptstadt. In den verrücktesten Facetten. [...] Aus meinem geplanten Reiseführer ist deshalb eine Art Survival-Ratgeber geworden. Eine Überlebensfibel. Es werden ausschließlich Dinge behandelt, die man in Berlin nicht tun sollte, will man nicht Leib und Leben riskieren.

Für solche Dinge nämlich bedarf es jahrelanger Übung. Wer so etwas als ungeübter und unerfahrener Tourist trotzdem macht, ist mehr als leichtsinnig. Man geht ja auch nicht ohne Führer ins Watt. Und man besteigt auch keine Achttausender mit Sandalen.

Gleich lesen: 10 Shades of Berlin: Was Sie in der Hauptstadt niemals tun sollten! ("Der Herr Iltis ist immer so komisch ..." 2)

Leseprobe:
Was man in Berlin zum Beispiel keinesfalls mal eben so machen sollte, ist, mit einem Einheimischen zu telefonieren. Nicht einfach mal eben zum Handy greifen, um Gottes willen! Es gibt noch keine offiziellen Todeszahlen von Touristen, die beim Telefonieren in Berlin am Schlaganfall gestorben sind. Aber die Dunkelziffer wird sowieso viel höher sein.
Gestorben! Nur, weil diese armen Menschen irgendwo in Berlin angerufen haben. Völlig ungeschützt.
Zum Beispiel im Museum.
Es beginnt schon damit, dass die Einheimischen sich am Telefon stets nur als Nummer melden:
Hier zwozwofünf
Oh, Entschuldigung, bin ich da nicht im Museum?
Wen woll'n Se denn?
Ich wollte nach den Öffnungszeiten fragen …
Und wie sind Se jetz zu mir jekomm?
Das weiß ich nicht, ich wurde offenbar durchgestellt.
Det war bestimmt wieda die Forte!
Wer?
Unten, die Förtner. Den kannste tausendmal sagen: Öffnungszeiten, det is Müller mit seine Truppe. Det kapiern die einfach nich. Imma neue Leute, allet Aushilfn. Muss ja überall jeschpart wern!
Verstehe, aber können Sie mir nicht einfach die Öffnungszeiten …
Nee, da müssn Se nochma anrufen. Und sagn Se inne Forte gleich: Öffnungszeiten - det is Müller mit seine Truppe. Is ne janz andere Abteilung. Sitzen drüben, im andern Flügel.
Also wird man noch einmal anrufen:
Guten Tag, ich hätte gern Herrn Müller gesprochen, wegen der Öffnungszeiten.
Vorname?
Von Herrn Müller? Den weiß ich nicht.
Momang. Hörer wird beiseite gelegt, Papier raschelt:
Hans haick hier, Irene …nee, det wars.
Das Drama nimmt seinen Lauf. Der Tourist wird zum ersten Mal ausfällig.
Verdammt, ich will doch nur wissen, wie lange Ihr Museum heute …
Neeneenee, so nich!
Wie bitte?
Ick mach hier och nur mein Job. Seit siehm sitz ick hier, janz alleene …
Verstehe, ich will ja auch nicht weiter stören, ich wollte nur wegen der Öffnungszeiten …
Na sehen Se, jeht doch. Also Öffnungszeiten, momang. Es knackt, man wird durchgestellt:
Zwozwofünf.
Oh, jetzt bin ich wieder bei Ihnen gelandet, ich wollte fragen, wegen der Öffnungszeiten …
Sind Se der von ehm?
Ja.
Ham Se inne Forte nich jesacht, det Öffnungszeiten Müller seine Truppe is?
Doch.
Ja, und nu?
Gerade gestern habe ich erlebt, wie sie wieder einen Touristen abführten, der um sich trat und spuckte und wild schrie: Ich will ja gar nicht in Euer Museum. In euer doofes, blödes, Scheißmuseum!
Immerhin - er hat wahrscheinlich überlebt. Viele andere sind gefallen. Weil sie unvorsichtig waren, übermütig. Weil sie die Gefahr unterschätzt und in Berlin einfach so telefoniert haben.
Da hält sich dann - bei aller Pietät - das Mitleid auch irgendwie in Grenzen.

Im Kindle-Shop: 10 Shades of Berlin: Was Sie in der Hauptstadt niemals tun sollten! ("Der Herr Iltis ist immer so komisch ..." 2)