31. Januar 2013

"Bei der Laterne wolln wir stehn" von Hubert K.

Dieser historische Roman erzählt die Geschichte eine jungen Frau, die während des Zweiten Weltkriegs in einem Dorf im Südwesten von Deutschland lebt. Im selben Ort ist der Schriftsteller Albrecht Goes Pfarrer und dessen Frau Elisabeth hält im Pfarrhaus Juden versteckt.

Der Ehemann der jungen Frau Eine Frau ist Soldat im Krieg und gerät dann in russische Gefangenschaft. Sie weiß nicht, ob ihr Mann jemals wieder zurückkommen wird. Sie ist hin- und hergerissen wischen der nationalsozialistischen Überzeugung, die nach wie vor tief in ihr sitzt, und der Befürchtung, dass alles, woran sie bisher geglaubt hatte, grundlegend falsch war.

Gleich lesen: Bei der Laterne wolln wir stehn

Leseprobe:
Den Widerstand der deutschen Wehrmacht hatte sie sich anders vorgestellt. Als am 20. April 1945, ausgerechnet am Geburtstag des Führers, die Franzosen ins Dorf kamen, war von einer Gegenwehr nichts mehr zu sehen. Sie hatte sich noch überlegt, ob sie sich mit den beiden Kindern verstecken sollte. Im Luftschutzkeller oder zumindest im Keller ihres Hauses. Ob sie irgendwann mit erhobenen Händen herauskommen würde, oder ob sie besser am Straßenrand stehen und eine weiße Fahne schwenken sollte.
Der Gedanke daran war ihr unheimlich. Wer weiß, wie die Franzosen reagieren würden. Sie fragte sich, ob sie einfach darauf los schießen würden. Auf alles, was sich bewegt und sich nicht in Sicherheit gebracht hatte. Oder ob sie die Frauen und Kinder am Rathaus in der Ortsmitte zusammentreiben und alle Männer erst einmal einsperren würden.
Wobei gar nicht mehr so viele Männer im Dorf waren. Außer den alten waren die meisten an der Front oder bereits gefallen. Auch Richard, ihr eigener Mann, war seit Jahren Soldat. Zunächst in Frankreich, dann in Russland. Und dort mittlerweile in Gefangenschaft. Sie konnte sich nicht einmal sicher sein, ob er noch lebte. Nun war sie mit Kurt und Karla alleine zurückgeblieben. Abgesehen von einigen Verwandten ihres Mannes sowie dessen Bruder Robert, der in der Ortsmitte im Haus ihrer Schwiegereltern wohnte.
Es war ein kleines Dorf im Südwesten von Deutschland mit nicht einmal 500 Einwohnern. Die Menschen hier lebten von der Landwirtschaft oder arbeiteten etwa fünf Kilometer entfernt in der Stadt. In den Fabriken, die nun Munition oder andere kriegswichtige Dinge produzierten. Richard war Schlosser und hatte früher in der Gießkannenfabrik gearbeitet. Dort wurden mittlerweile Patronenhülsen hergestellt.
Der Ort war den Franzosen schutzlos ausgeliefert. Die deutschen Soldaten und selbst der Volkssturm hatten sich längst zurückgezogen und waren wohl weiter in östliche Richtung gegangen. Wahrscheinlich war das Dorf es nicht wert, dass man darum kämpfte. Mit Sicherheit waren die Fabriken in der Stadt strategisch wichtiger. Sie war davon überzeugt, dass alles seinen Grund hatte und die deutschen Soldaten den Ort nicht grundlos aufgegeben hatten.
Noch bevor die ersten französischen Panzer an der Kirche vorbei die Hauptstraße herunter kamen, konnte man ihre Motoren schon von weitem hören. Die Kirche stand auf dem Hügel, der nach Westen lag und hinter dem gerade die Sonne unterging. Es war ein Bild, das sie immer sehr genossen hatte, doch an diesem Tag bemerkte sie nichts davon.
Das laute Dröhnen der Panzer klang bedrohlich und schmerzte in ihren Ohren. Sie wollte davonlaufen und stand doch da wie gelähmt. Sie wollte die Kinder auf den Arm nehmen und nach Hause rennen. Doch sie blieb wie angewurzelt stehen und sah die grauen Ungetüme langsam die Straße herunter kommen.
Kurt, mittlerweile bereits fünf Jahre alt, schaute gebannt und beinahe fasziniert auf die beiden Panzer und auf die drei Jeeps, die einige Meter dahinter im Schritttempo in den Ort hereinkamen. Sie hatte ihn an der Hand und bemerkte, wie er sich los reißen wollte. Die Kraft, die sie aufwenden musste, um ihn festzuhalten, lenkte sie tatsächlich etwas davon ab, sich auf ihre eigene Angst zu konzentrieren.
Mit der anderen Hand hielt sie Karla auf dem Arm. Mit ihren knapp drei Jahren war die Kleine auf Dauer ungewöhnlich schwer und es machte ihr Mühe, mit ihrer Tochter auf dem Arm nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Karla hatte sich an ihre Schulter gelehnt und wusste wohl nicht so recht, wie sie die Situation einschätzen sollte. Ihr selbst ging es genauso und sie stand da und wartete, was als nächstes geschehen würde.
Die Panzer und Geländewagen waren am Rathaus angekommen und blieben unvermittelt stehen. Die Fahrzeuge waren denen der Wehrmacht sehr ähnlich, die vor einigen Tagen durch den Ort gekommen waren. Von der Besatzung der beiden Panzer war nichts zu sehen, auf den offenen Jeeps saßen jeweils vier Soldaten, die ihre Gewehre in den Händen hielten und einigermaßen gelassen wirkten.
Anscheinend waren die Franzosen darauf vorbereitet, auf keinen Widerstand mehr zu stoßen. Einer der Geländewagen hatte seitlich ein Megaphon, aus dem, für sie völlig überraschend, plötzlich eine Stimme in schlechtem Deutsch zu hören war: “Deutsche Bevölkerung. Hier spricht die französische Armee. Wir sind gekommen, um Sie von der Herrschaft der Nationalsozialisten zu befreien.”
Neben ihr waren außer einigen älteren Männern auch andere Frauen, die ebenfalls ihre Kinder oder einen mit Wäsche beladenen Leiterwagen in der Hand hielten. Sie alle standen da und machten keine Anstalten, irgendetwas zu unternehmen. Wieder war die Stimme aus dem Lautsprecher zu hören, die mit französischem Akzent versicherte: “Bitte leisten Sie keinen Widerstand, dann geschieht Ihnen nichts. Wir werden Ruhe und Ordnung wieder herstellen”.
Spontan fragte sie sich, wieso Ruhe und Ordnung wieder hergestellt werden müssten. Abgesehen davon, dass Richard in Russland gefangen war, ging hier bis dahin eigentlich alles seinen gewohnten Gang. Sie schaute fragend zu den anderen hinüber, die mit regungslosen Gesichtern dastanden und nach wie vor ohne jegliche Reaktion auf die französischen Soldaten starrten.

"Bei der Laterne wolln wir stehn" im Kindle-Shop

Mehr von und über Hubert K. auf seiner Website www.hubertk.de.

29. Januar 2013

'Ein Jahr im Frühling' von Martina Nohl

Ein romantischer Liebesroman. Emily aus Hamburg wagt einen Neubeginn in Heidelberg. Sie verliebt sich dort in den schönen Witwer Josue und stellt ihm nach, bis er ebenfalls Interesse an ihr zeigt. Auf Biegen und Brechen versucht sie, in ihm ihren Traummann Wirklichkeit werden zu lassen. Gleichzeitig wird sie mit der Beziehungsrealität einer Patchworkfamilie und der Starcellistin Camilla als Konkurrentin konfrontiert.

Emily ist blind aus Sehnsucht nach Liebe und verwechselt dabei möglicherweise ein Jobangebot als Mutter mit der großen Liebe. Ob ihr der unkonventionelle David, der Heidelberg und ihre Seele wie seine Westentasche kennt, dabei hilft, neu sehen zu lernen?

Gleich lesen: Ein Jahr im Frühling (Cappuccino-Romane 1)

Leseprobe:
Es war Markt vor dem Rathaus. Tief einatmend schlenderte sie zwischen den Ständen hindurch, genoss die Vielfalt der Gerüche und lauschte dem ureigenen Dialekt, an den sie sich wirklich erst gewöhnen musste. Ihre Wirtin hatte damals im Herbst bei ihrem ersten Besuch in Heidelberg stolz auf ihre Frage geantwortet, man spräche hier „Kurpälzisch“ und das hätte weder was mit „badensisch“ noch mit „schwäbisch“ zu tun, es sei eben etwas ganz Eigenes. Sie betrat die Heiliggeistkirche und schlagartig verstummte der Trubel der Straße. Sie setzte sich auf einen der Holzstühle im Chor und wäre gerne zur Ruhe gekommen. Es war einfach zu viel passiert. Das war sie nicht gewohnt nach ihrem eher eintönigen Arbeitsleben in Hamburg. Wieder stieg die Erinnerung an Fred in ihr auf. Jetzt wünschte sie sich, sie würde mehr an Gott glauben, vielleicht hätte es sie getröstet. Aber das einzige, was sie innerlich hören konnte, waren Vorwürfe wie: „Du bist so ungerecht und lässt die Menschen grundlos leiden!“, „Das hätte ich nicht von Dir erwartet, dass Du der Menschheit einen so tollen Mann wie Fred wegnimmst“. Und während sie innerlich vor sich hin polterte, kam sie doch nicht darum herum zu spüren, dass da etwas war. Eine Präsenz, wie jemand, der neben ihr saß und einfach nur still ihrer Wut zuhörte oder jemand, der sie behutsam auf dem Schoß hielt und wiegte, während sie wie ein kleines Kind um sich schlug. Immer noch ungläubig verstummte sie nach und nach und ergab sich widerstrebend diesem Gefühl von Ruhe und Geborgenheit. Sie sah die Staubkörnchen im Sonnenlicht tanzen und die auf den Steinboden geworfenen Lichter der Kirchenfenster, die leicht an den Rändern flackerten. Ein tiefer Seufzer schüttelte sie ein wenig, sie rieb sich die Augen und erhob sich langsam aus dem knirschenden Geflecht des Stuhls und schlenderte durch die Kirche, um einige Hinweistafeln zu den außergewöhnlichen Kirchenfenstern, den Grabmälern und der Trennmauer zu lesen.
Jetzt hätte sie sich den jungen Stadtführer an ihre Seite gewünscht, damit er ihr die ersten Fragen beantworten konnte. So langsam dämmerte ihr, dass die Stadtgeschichte wohl etwas komplexer war, als sie sich das vorgestellt hatte. Bei ihm hatte sie das Gefühl gehabt, dass alles so schlüssig und einleuchtend erschien. Aber Emily, du wirst doch jetzt nicht schon gleich wieder aufgeben, mahnte sie sich. Dennoch schien ihr das Projekt „Stadtführerin“ nun doch etwas größer als erwartet. Vielleicht sollte sie nochmal eben bei der Jobbörse in der Triplex-Mensa nach einem anderen Job schauen – nur übergangsmäßig, bis sie ihr Wissen über Heidelberg aufgebaut hätte?
Als sie die alte Kirchentür zur Seite öffnete, schlug ihr erneut der Lärm der Hauptstraße ins Gesicht. Während sie zur Mensa schlenderte, dachte Emily an ihre erste Begegnung mit Heidelberg im letzten Oktober zurück.

Sie sah sich wieder auf der alten Brücke stehen und die Nase hochziehen. Ihre Taschentücher waren nur noch nasse Fetzen. Sie war gestrandet. Sie hatte sich von den zwei Kerlen ihrer Mitfahrgelegenheit am Heidelberger Bahnhof absetzen lassen, weil sie deren Weibergeschichten und grässliche Musik einfach nicht länger ertragen konnte. Nie wieder Mitfahrzentrale! Sie hätte sich doch ein Zugticket gönnen sollen, dann wäre sie jetzt in München. Aber München oder Heidelberg, was spielte das schon für eine Rolle? Hauptsache, sie war möglichst weit weg von zuhause.
Ihre Fähigkeit, sinnvoll zu handeln, schien abhandengekommen zu sein. Innere Leere war in jede Zelle ihres Körpers gekrochen und hatte keinen Platz für vernünftige Entscheidungen übrig gelassen. Sie fühlte sich, als ob ein ferngesteuertes Programm sie überleben ließ und die wichtigsten Körpervorgänge regulierte, ohne dass sie als ganze Person daran beteiligt wurde.
Es hatte angefangen zu nieseln. Sie fror, obwohl es erst Anfang Oktober war und man hier im Süden doch einen warmen Altweibersommer erwarten sollte.
Sie hörte eine, dann zwei Kirchturmglocken schlagen, automatisch zählte sie mit. Nun war es also schon sieben Uhr. Sie schnappte ihre Reisetasche und begann sich auf die Suche zu machen nach einem Zimmer für die Nacht. Sie sah sich um, wer wohl ein Einheimischer sein könnte unter all den Touristen, die den Weg durch das Brückentor Richtung Altstadt nahmen, um dem beginnenden Regen zu entfliehen. Dort schloss ein weißhaariger Herr sein Fahrrad auf. Sie trat zu ihm und fragte, ob er wisse, wo sie vielleicht in der Altstadt günstig übernachten könnte: „Probiere Se‘s mol in der Pension vun der Fraa Bender in der Kanzleigass. Sie müsse do nuff, halte se sisch dann vorne an der Strohßelatern rechts und immer weida und dann kann ihne gar nix mehr passiere!“ Fast hätte sie gelacht, das war ja mal ein Dialekt… Aber irgendwie klangen die Worte tröstlich und bodenständig, als könne ihr wirklich nichts mehr passieren.
Sie beugte sich in dem altmodisch-gemütlichen Zimmer über die Bettdecke und schnupperte an ihr. Ja, hier konnte sie bleiben. Erschöpft ließ sie sich rücklings auf das Federbett fallen. Als sie die Augen schloss, sah sie Fred, wie er in der Badezimmertür stand und sie zum Lachen brachte, wenn sie sich schminkte, so dass sie den Lidstrich verwackelte und wieder von vorne anfangen konnte. Sie sah ihn mit seinem Kumpel Marco, die Füße auf dem Couchtisch und den Laptop auf den Oberschenkeln hingebungsvoll in CRISIS2, oder was auch immer sie so täglich spielten, vertieft. Oder sie erinnerte sich daran, wie er früher am Wochenende so gegen zwölf Uhr müffelnd aus seinem Zimmer geschlurft kam und sie ihm den Platz neben sich am Frühstückstisch freiräumte, worauf er sich ein müdes kleines Lächeln abrang.ngst bereute ich, zuerst in die Küche statt gleich in die Bibliothek gegangen zu sein. Abgesehen von der harten Arbeit konnte ich nun zwischen Strick und Galgen wählen – oder vielmehr entscheiden, ob ich lieber Lytana oder Garmal verärgerte. Auf eine Verspätung folgten tagelange Nörgeleien. Doch sollte ich Lytanas nur vordergründig als Bitte getarnten Befehl missachten, wäre der Hungertod die sichere Folge. Dem Gebot meines knurrenden Magens folgend, wandte ich mich zum Händlerhof, wo noch ein Wagen darauf wartete, entladen zu werden. Auf der Mittfeste residieren der Kaiser und sein riesiger Hof mit einem Heer von Bediensteten. Hungrigen Bediensteten, die darauf vertrauten, dass der Blumenkohl beizeiten in Lytanas Küche gelangte. Ich tröstete mich mit dem albernen Gedanken, sozusagen der Retter der Mittfeste zu sein, wenn ich nun zum Wohle aller den bösen Drachen in der Höhle des Wissens warten ließ.

"Ein Jahr im Frühling" (Cappuccino-Romane) im Kindle-Shop

Mehr von und über Martina Nohl auf ihrer Website www.cappuccino-romane.de.

21. Januar 2013

'Geld blutet nicht' von Elna Utermöhle

Ein Kriminalroman. Roberto Madonia, gut aussehend und gebildet, hat alles, was seiner Meinung nach zu einem erfolgreichen Leben gehört - eine hübsche Frau, zwei niedliche Kinder, ein Ferienhaus in der Toskana, eine Yacht und eine Geliebte. Seine Investmentfirma zählt zu den renommierten Italiens. Eines Tages besucht ihn ein schlichter Mann und bittet ihn, sein Geld gewinnbringend zu investieren.

Bald geht es um immer größere Summen. Madonia jongliert weltweit mit Milliarden, doch der Kunde fordert bei ihren Treffen in Rom, in der Toskana, beim Formel-1-Rennen oder in einer Kandinsky-Ausstellung immer neue, waghalsige und nicht immer legale Abenteuer auf den Finanzmärkten.

Als Madonia realisiert, wessen Kapital er investiert, ist es zu spät. Er ist längst ein wichtiges Werkzeug im stillen Umbau der Cosa Nostra zur Cosa Internationale geworden. Mit seiner Hilfe wandelt sich die sizilianische Mafia vom lokalen Gangstersyndikat zum global operierenden Konzern. Mehr investieren, weniger schießen heißt die Devise. Gelenkt wird die Neuorientierung vom „Professore“, der seine Ideen und Befehle mit codierten Bibelsprüchen an ein Triumvirat weitergibt. Die drei Männer spiegeln den Umbruch der Cosa Nostra wieder – lokale und internationale Macht, archaische Traditionen und modernes Management, kriminelle Geschäfte und legale Investitionen, brutale Morde und weltläufiges Auftreten.

Gleich lesen: Geld blutet nicht: Kriminalroman

Leseprobe:
Drei Männer erschienen in der verbeulten Tür des Blechschuppens. Der Techniker, der sie erwartete, hob den rechten Daumen. „Alles okay. Keine Wanzen. Der Störsender ist aktiviert.“ Er wusste, dass ihm niemand antworten würde und verschwand grußlos. Die Männer rückten grüne Plastikstühle um einen schmuddelig-weißen Tisch, der auf grauem Estrich unter der nackten Glühbirne stand. Einer holte aus der Jackentasche eine kleine Bibel mit Goldschnitt, ein anderer aus seiner Brieftasche zwei handgeschriebene Zettel, die er sorgfältig glättete.
Dann fragte er: „Warum wurde das Kind getötet?“
„Das war nicht geplant“, Filippo Pirlo, Großhändler für Pferdefleisch, strich sich nervös über den Dreitagebart, „der Vater holt das Kind nie von der Schule ab...“
„Nie, kann ja wohl nicht stimmen“, fuhr Salvatore Grigio dazwischen.
„Nun habt euch nicht so“, brauste Pirlo auf und schob sein beiges Hütchen aus der schweißnassen Stirn, „noch mal: Sie konnten es nicht wissen.“
„Hätte ein dritter Mann den Vater vorher beschattet und realisiert, dass der nicht alleine ist, hätte man die Aktion verschieben können“, stellte Rosario Grande mit sanfter Stimme fest.
Pirlos pausbackiges Gesicht färbte sich rot. „Verdammt noch mal! Es war alles perfekt vorbereitet!“
Grande schüttelte bedauernd den Kopf. „Leider nicht. Dem Professore gefällt die Sache überhaupt nicht.“ Er schaute auf einen der beiden handgeschriebenen Zettel und las vor: „Und der Herr sprach zum Menschen: Siehe. die Furcht des Herrn, das ist Weisheit; und meiden das Böse ist Verstand.“
Durch seine schwarzumrandete Brille fixierte er Pirlo. „Ich glaube, bei der Botschaft gibt es nichts weiter zu interpretieren.“
„Diese idiotischen Zettel und die noch blöderen Bibelsprüche! Ich verstehe kein Wort. Professore hat sie doch nicht alle!“ Pirlo haute mit der Faust auf den Tisch. „Du kritisierst Professore?“ Grigio schüttelte ungläubig den Kopf.
„Nein, natürlich nicht“, versicherte Pirlo sofort, „ich mein’ ja nur, wenn er herkäme und klar sagen würde, was er will, gäbe es nicht diese Missverständnisse.“ „Du solltest lieber denken statt meinen“, spottete Grigio, „klar, er könnte zu den Meetings kommen, uns auf dem Handy anrufen, auf Empfängen erscheinen und ab und zu ein Interview geben ...“
„Quatsch. Ist ja schon gut“, Pirlo hustete nervös, gab sich aber nicht geschlagen, „auf dem Zettel für diesen Swimmingpool-Menschen stand: ,Denn der Herr, dein Gott, ist ein verzehrendes Feuer und ein eifriger Gott’!“
„Aber kein übereifriger!“ Salvatore Grigio, Bauunternehmer, schnippte die Asche seines Zigarillo auf den Boden, „die Schlagzeilen über das Kind sind einfach scheiße. Ohne Kind wären es höchstens fünf Zeilen in der Lokalzeitung gewesen.“
„’Und meiden das Böse ist Verstand’ schreibt Professore“, wiederholte Grande, „wenn du das nicht verstehst, erkläre ich es dir gerne: Er ist sauer, weil der kleine Paolo umgekommen ist. Er will keine Schlagzeilen.“
„Nicht so einfach zu kapieren“, widersprach Pirlo, „wann ein Mord gut ist und wann ein Mord schlecht ist.“
„Gut ist er, wenn er für die Leute...“, Grigio suchte nach Worten, „sagen wir, Routine ist. Wenn sie über ihn lesen wie über einen Verkehrsunfall.“ Er schaute ungeduldig auf die Uhr. „Können wir jetzt zu den wichtigen Themen kommen? Ich muss zurück nach Agrigento, und das Angebot für den Bau der neuen Müllverbrennungsanlage muss heute noch raus.“
Grande nickte zustimmend. „Bleiben wir kurz beim Pizzo. Ich glaube, da haben wir, nachdem Paolo und sein Vater so unglücklich ums Leben gekommen sind, vorerst kein Problem mehr.“
„Du redest schon wie Professore“, Grigio verzog spöttisch die Mundwinkel, „Tatsache ist: Der Idiot ist seiner Zahlungspflicht nicht nachgekommen. Und statt in seinem Kämmerchen zu zittern, geht er zur Polizei und zeigt uns an. Gibt sogar Interviews, dass er nie wieder Schutzgeld zahlen will. Also wirklich, wenn du das durchgehen lässt, dann zahlt bald keiner mehr.“
„Nichts anderes, nur mit kürzeren Worten, sagte ich“, erwiderte Grande leise, „doch Professore beklagt, dass zu oft solche Zahlungserinnerungen unsererseits nötig sind.“ Er schaute Pirlo an. „Du bist doch der Spezialist auf diesem Gebiet.“
Der schob sein Hütchen zurück in die Stirn. „Na komm. Das war das erste Mal in diesem Jahr, dass wir ernst machen mussten. Sonst hat niemand diese Pizzo-Spezialnummer bei der Polizei angerufen.“ Bedauernd fuhr er fort: „Wir arbeiten inzwischen doch geradezu wie Gutmenschen. Zahlt einer nicht, räumen wir ihm den Laden aus, aber ohne irgendetwas kaputtzumachen. Kommt er zur Vernunft und zahlt, bringen wir ihm die gesamte Ware zurück, kostenfrei.“ Er kicherte. „Wir haben gerade ein bisschen Ärger mit den Chinesen in der Bahnhofsgegend. Meine Leute haben sich da etwas Hübsches ausgedacht. Sie werden heute Nacht sämtliche Rollläden der Läden mit Kleister zuschmieren“, er kicherte wieder, „von denen öffnet morgen keiner.“

Im Kindle-Shop: Geld blutet nicht: Kriminalroman

18. Januar 2013

'Gut geknurrt ist halb gewonnen' von Marion Zerbst

Das Buch erzählt die Geschichte eines höchst eigenwilligen Collies, an dem alle Erziehungsversuche erfolglos abzuprallen scheinen. Er bellt nicht auf Befehl, sondern nur, wenn ihm danach zumute ist – vor Freude, aus Wut, manchmal sogar aus purer Bosheit mitten in der Nacht. Gib Laut? Nein, danke.

Medikamente einnehmen? Nur über seine Leiche. Er entdeckt die in mikroskopisch kleine Stücke geteilten Tabletten überall – in seiner Futterschüssel, in seiner Leberwurst, ja sogar als harten, bitteren Kern in seiner Lieblingsschokolade – und spuckt sie gnadenlos wieder aus.

Immer nur einfallslos im Schritttempo neben Herrchen hertrotten? Kein Thema – er ist schließlich nicht auf den Kopf gefallen. Um Abwechslung in den Morgenspaziergang zu bringen, bleibt er plötzlich stehen und stemmt sich ruckartig nach hinten – mit dem Erfolg, dass ihm das Halsband über den Kopf rutscht. Noch eine geschickte Bewegung und die lästige lederne Schnur schleift schlapp hinter seinem Herrn und Meister auf der Straße her.

Das Buch verrät viele Tricks und lustige Begebenheiten aus der Welt eines höchst eigenwilligen Vierbeiners. Es erzählt von seinem erbitterten Kampf gegen Herrchens Bierflasche, von seinen seltsamen (leider oft von Misserfolg gekrönten) Liebesabenteuern und von Herrchens Geburtstagsfeier beim Nobelitaliener, bei der durch höhere Gewalt und unkonventionelles Hundeverhalten gleich ein ganzer Tisch ins Wanken geriet. Und es berichtet natürlich auch vom Ende der Welt: Wenn Feuerwerkskörper die winternächtliche Stille zerreißen und sich der sonst so selbstbewusste Collie, mit hoch erhobener Rute und Stolz im Blick, sich in ein zitterndes Häufchen Elend verwandelt, das zähneklappernd vor der Toilettentür kauert und sich verständnislos fragt, was es an Silvester denn eigentlich zu feiern gibt. Schließlich müssten die Menschen doch längst aus Erfahrung wissen, dass das neue Jahr nicht besser wird als das alte ...

Gleich lesen: Gut geknurrt ist halb gewonnen

Leseprobe:
Im ersten halben Jahr entscheidet sich die wichtige Frage: Wer erzieht denn nun eigentlich wen – das Herrchen den Hund oder der Hund das Herrchen?
Herrchen hat schon vor deiner Geburt zahlreiche Hundeerziehungs-Ratgeber gekauft und versucht nun erbittert, seine neu erworbenen Kenntnisse an dir auszuprobieren. Sein pädagogischer Eifer ist kaum zu bremsen, denn für ihn steht letzten Endes viel mehr auf dem Spiel als für dich. Du hast lediglich ein paar Annehmlichkeiten und Freiheiten zu verteidigen, auf die du nur ungern verzichten würdest. Für Herrchen aber geht es im Grunde um seinen Stolz und seine Selbstachtung – um die uralte Grönemeyersche Existenzfrage: „Wann ist der Mann ein Mann?“ (Doch bestimmt nicht, wenn ihm der eigene Hund auf dem Kopf herumtanzt.) Und nicht zuletzt will natürlich auch die hart erkämpfte Herrschaft des Menschen über die Natur immer wieder neu bestätigt und bewiesen sein. (Die Zweibeiner haben bei der Lektüre der Bibel wohl einiges falsch verstanden.)
Kurzum: Dir steht ein langer, schwieriger Kampf bevor. Aber aussichtslos ist deine Situation keineswegs, auch wenn es auf den ersten Blick vielleicht so aussehen mag, als seist du der Schwächere. Denn dafür hast du das größere Durchhaltevermögen und die besseren Nerven. Und wenn du dir zusätzlich auch noch ein paar subtile Strategien aneignest, wie man mit autoritätssüchtigen Herrchen und Frauchen umgeht, werden solche Lächerlichkeiten wie „Sitz“, „Gib Pfote“ und „Aber bitte nicht beißen!“ bald genauso elegant an dir abprallen wie dein alter Gummiball an Frauchens neuer Blumenvase.

Bei Fuß
Dieses Spiel hast du gar nicht so gern. Aber Herrchen spielt es mit wachsender Leidenschaft, denn natürlich ist er der Meinung, dass keiner ihm auch nur um eine Nasenlänge voraus sein sollte – schon gar nicht der eigene Hund.
„Bei Fuß“, sagt er genau in dem gelassenen, stereotypen Tonfall, in dem der Ratgeber für gewaltfreie Hundeerziehung es empfiehlt, und setzt angewidert hinzu: „Zieh doch nicht so.“
Und das alle fünf Meter.
Aber zum Glück lässt dieses Spielchen sich umkehren (schließlich leben wir im Zeitalter der Demokratie): Auch du kannst dein Herrchen durch plötzliches Stehenbleiben und ruckhaftes Nach-hinten-Stemmen zwingen, bei Fuß zu gehen, falls er zu sehr an der Leine ziehen sollte. Und manchmal hat das sogar noch einen ebenso unerwarteten wie beglückenden Nebeneffekt: Durch deinen plötzlichen Ruck nach hinten und Herrchens gleichzeitiges Ziehen nach vorn kann es passieren, dass das Halsband über deinen Kopf rutscht. Noch eine geschickte Bewegung, und die lästige lederne Schnur, die dich an deinen Besitzer fesselt, schleift schlapp hinter Herrchen auf der Straße her. Ehe er sich über den plötzlich fehlenden Widerstand wundert, bist du schon über alle Berge.
Die nun folgenden Stunden unerwarteter Freiheit solltest du mit Bedacht nutzen und in vollen Zügen genießen, denn sie werden so bald nicht wiederkehren. (Aber vergiss nicht, immer erst nach links und nach rechts zu schauen, ehe du die Straße überquerst!)

Begrüßung per Handschlag – oder lieber doch nicht?
„Gib Pfote“, sagt Herrchen und streckt dir auffordernd seine breite, eheberingte Pranke hin.
Aber du hast leider gerade gar keine Lust dazu. Das ist heute schon das dritte Mal; Herrchen ist unendlich stolz, dass du dieses völlig überflüssige Kunststück endlich begriffen hast, und meint, das nun unbedingt allen Leuten vorführen zu müssen. Wenn die Menschen das Gefühl haben, sich zur Begrüßung um jeden Preis die Hände schütteln und dabei Millionen von Bakterien übertragen zu müssen – gibt es einen vernünftigen Grund, warum Hunde das deshalb auch tun sollten? Die Körpersprache des Hundes unterscheidet sich in vielen grundsätzlichen Dingen von der des Menschen. Aber das kannst du ihm nicht begreiflich machen, denn er versteht deine Körpersprache nicht.
Also weigerst du dich einfach und tust, als hättest du seine Aufforderung nicht gehört. Statt nun zu sagen: „Na schön, dann eben nicht – wir probieren es ein anderes Mal, wenn du besser drauf bist“, wie jeder vernünftige Mensch es tun würde (aber wo gibt es schon einen vernünftigen Menschen?), beharrt Herrchen auf seinem Ansinnen. Er macht einen Grundsatzkonflikt daraus. Für ihn geht es um Sein oder Nichtsein.
Du musst seinen Standpunkt verstehen – er denkt: Wenn ich mich nicht mal in so einer Bagatelle durchsetzen kann, wie soll ich es dann in wichtigeren, grundlegenden Dingen schaffen, ihm zu beweisen, wer der Herr ist? Er will sein Gesicht nicht verlieren – zumal auch noch der Nachbar zuschaut. (Dass auch du ein Gesicht zu verlieren hast, daran denkt er nicht.) Schon hebt er humorlos die Hand und droht mit einem Klaps auf den Hintern. Was nun?
Ich kannte mal einen Hund, der hat sich in solchen Situationen mit unnachahmlicher Würde und Eleganz aus der Affäre gezogen: Er streckte seinem Herrchen mit schlapper, lustloser Handbewegung die Rechte zum pflichtschuldigen Gruß hin – aber er drehte dabei den Kopf zur Seite und zog abfällig die Lefzen herunter, als wolle er sagen: „Na schön, wenn du darauf bestehst, dann muss ich ja wohl, denn du bist schließlich das Herrchen, und ich bin nur der Hund. Aber freiwillig tue ich das nicht.“
So kannst auch du es künftig machen, wenn du mal wieder gar keine Lust zum Pfotegeben hast. (Und insgeheim hämisch in dich hineingrinsen und an die Millionen von Bakterien denken, die du dabei auf Herrchen überträgst.)

Auf Befehl bellen? Nein danke
„Gib Laut“, sagt Herrchen in einem Ton, der keinen Zweifel daran lässt, dass er es ernst meint.
Aber da hat er sich getäuscht. Du bellst nicht auf Befehl. Du bellst, wenn dir danach ist – vor Freude, aus Wut, manchmal sogar aus purer Bosheit mitten in der Nacht. Aber die Schnauze aufzumachen und Töne von dir zu geben, bloß weil jemand sagt: „Gib Laut“ – das ist nun wirklich ein bisschen zu viel verlangt.
Genau das Gleiche gilt im Grunde genommen auch fürs Beißen. Beißen macht nämlich keinen Spaß, wenn man es nicht aus einer plötzlichen Eingebung heraus tut – da fehlt einfach die Spontaneität. Und die möchtest du dir auf jeden Fall bewahren, denn sie ist von all deinen Eigenschaften die liebenswerteste; sie ist das, was den Vierbeiner vom Zweibeiner unterscheidet (außer dem guten Gebiss, natürlich).
In blindem Gehorsam zuschnappen, bloß weil irgendjemand versehentlich Herrchens Brieftasche an sich genommen hat und deinem Herrn und Meister nun nichts Besseres einfällt, als mit hysterisch überkippender Stimme „Fass“ zu schreien? Nein. Du stellst deine Zähne nicht in den Dienst von Herrchens kleinlichen Rachefeldzügen. Und außerdem: Neulich hat die Nachbarshündin dir deinen Knochen weggenommen, und Herrchen hat keinen Finger gerührt, um dafür zu sorgen, dass du ihn wiederbekamst. Wenn das seine Solidarität ist, dann reagierst du auch nicht auf seine albernen „Fass“-Befehle.

"Gut geknurrt ist halb gewonnen" im Kindle-Shop