17. Dezember 2012

Frohes Fest

Das eBook-Sonar geht in die Weihnachtspause. Ich wünsche allen Besuchern dieser Seiten ein frohes und erholsames Fest. Genießt die Feiertage und startet beschwingt in gutes und erfolgreiches Neues Jahr. Wenn die Festtagsstimmung verklungen ist, geht es auch auch hier wieder weiter.

Lest fleißig weiter und legt ein gutes Buch mit auf den Gabentisch.



6. Dezember 2012

'Zweckel, Zwurzel und das Dingsda' von Roman Fessler

Ein Fantasy-Märchen für Kinder. Der kleine Wicht Zweckel findet ein Dingsda, das wunderbar zu seinem Zweckelmobil passen würde. Es fehlt nämlich noch ein letztes Teil, um das Gefährt fertigzustellen. Da kommt dieses Dingsda wie gerufen. Zweckel ist ein famoser Erfinder mit tollen Einfällen. Da er das Dingsda nicht kennt, ist es eben das Dingsda.

Mit seinem Freund Zwurzel macht sich Zweckel daran, Herkunft und Zweck von dem Dingsda auf den Grund zu gehen. Und schon beginnen die Abenteuer der beiden Freunde.

Gleich lesen: Zweckel, Zwurzel und das Dingsda: Aufregende Abenteuer der Wichte mit dem Zweilöcherrund (Fantasy 1)

Leseprobe:
Alles fing damit an, dass Zweckel eines Tages ein Dingsda gefunden hatte! Zu Anfang wusste er jedoch gar nicht, dass es ein Dingsda war. Für Zweckel war es der heiß ersehnte, letzte Gegenstand für seine neueste Erfindung, für sein Zweckelmobil, nach dem er schon so lange gesucht hatte.
Stolz betrachtete er seinen Fund! „Ach, wie fein! Ja, du wirst ein schönes viertes Rad abgeben. Nun kann ich mein Zweckelmobil endlich fertigstellen. Hach! Was werden die anderen für Augen machen!“ Vor Freude hüpfte Zweckel auf und ab. Stolz trug er seinen Fund heim.
Zweckel ist ein kleiner Wicht, mit feuerrotem Haar, das unter seiner kunterbunten Mütze wirr hervor lugt. Zwischen den einzelnen Haarsträhnen blitzen zwei meerblaue Augen hervor. Er wohnt in einem kleinen grünen Haus am Rande von Zwiebeltun und ist weit über die Grenzen seines Dorfes bekannt. Zweckel ist ein famoser Erfinder. Also zumindest in seinen Augen! Für seine Mitbewohner ist er ein Erfinder von famosem, unnützen Zeugs.
Früher hatte er inmitten des Dorfes gewohnt. Jedoch wurde es den anderen Bewohnern mit der Zeit doch etwas zu gefährlich. Jeden zweiten Tag musste die Feuerwehr ausrücken, oder aber es stank sooo fürchterlich, dass man nicht auf die Straße gehen konnte.
Und jetzt auch noch dieses, dieses Zweckelmobil, das nur stinkt und raucht, noch nicht einmal vier Räder hat und viel Lärm macht!
Es dämmerte schon, als Zweckel fröhlich vor sich hinpfeifend mit dem gefundenen Gegenstand die Dorfstraße hinauf kam. Triumphierend schaute er sich um, aber kein Wicht weit und breit war zu sehen. Hmmm, wo waren denn alle? Na, wenn man sie mal brauchte, war natürlich keiner auf der Straße zu sehen. Aber wehe, einer von Zweckels Erfindungen gab mal wieder ihren Geist auf, hah, dann war grundsätzlich auf den Straßen so viel los wie zum alljährlichen Jahrmarkt.
„Nun gut, pah, mir doch egal! Behalte ich meinen grandiosen Fund halt für mich!“ dachte Zweckel etwas beleidigt und ging weiter den Weg hinauf.
Da bog auf einmal Zwurzel um die Ecke und wäre beinahe mit Zweckel zusammengestoßen. „Huch! Ja Zweckel, du musst schon aufpassen!! Und überhaupt, was trägst du denn da bei dir?“ Neugierig guckte sich Zwurzel den Gegenstand an.
„Hah! Da staunst du nicht schlecht, was Zwurzel? Hier ist das fehlende Rad für mein Zweckelmobil. Nun kann es bald losgehen, und ihr alle werdet euch noch wundern! Jawohl!“
„Ich verstehe. Nur, verzeih mir die Frage, aber WAS ist das?“
Jetzt erst schaute Zweckel sich den Gegenstand einmal genauer an. Er drückte es Zwurzel in die Hand, ging ein paar Schritte zurück, betrachtete ihn aus der Ferne. Ging zurück zu seinem Freund, drehte den Gegenstand um, ging wieder ein paar Schritte zurück und schaute das Dingsda konzentriert an.
Hmmm, warum war ihm das vorher gar nicht aufgefallen? „Zwurzel, du hast recht! Was in drei Zwieblisbergen ist das?“
Zweckel hatte am Anfang nur sein Zweckelmobil im Kopf gehabt, und wie schön sich dieses Dingsda als viertes Rad machen würde. Jedoch, richtig betrachtet hatte er dieses eigentlich noch gar nicht.
„Hast du schon einmal so ein Dingsda gesehen?“ fragte er Zwurzel.
„Nein! Natürlich nicht!“ antwortete ihm dieser, „hätte ich dich sonst gefragt?“
„Na, da hast du wiederum recht. Wer könnte denn so etwas schon einmal gesehen haben?“ überlegte Zweckel laut. „Oh, ich weiß, wen wir fragen könnten! Ja, der alte Wicht könnte etwas darüber wissen. Zwickalum hat doch schon so viel gesehen und ist schon weit herumgekommen. Komm, wir fragen Zwickalum!“
Und schnurstracks ging er auf das Haus des alten Zwickalum zu, dicht gefolgt von seinem Freund Zwurzel, der jetzt auch neugierig geworden war.

"Zweckel, Zwurzel und das Dingsda" im Kindle-Shop

3. Dezember 2012

'Infinity' von Barbara Stifter

Eine Krimi-Persiflage für alle, die es gerne anders mögen. Tina orientiert sich beruflich um und wird Polizistin in der österreichischen Provinz. Eine Mordserie fordert sie von Anfang an, und das nicht nur aus beruflicher Sicht. Auch privat scheint sie in die Morde verwickelt zu sein, denn Zettel bei Toten weisen auf "infinity", den Namen ihres Chat-Profiles. Tina versucht das Rätsel zu lösen, koste es, was es wolle.

Gleich lesen: infinity

Leseprobe:
Als wir in der Dienststelle ankamen, hatte sich meine Stimmung noch nicht wesentlich gebessert. Das sollte sich aber bald ändern, denn als ich mich hinter den Computer setzte und mal reinschaute, ob uns in der Zwischenzeit irgendjemand von unseren Kollegen etwas in Bezug auf die Identität des Opfers mitgeteilt hatte, sah ich eine „dringende“ Mail von einer ungarischen Polizeistation, die ich natürlich sofort öffnen musste. Darin wurde uns mitgeteilt, dass sie eine Vermissten-Meldung aufliegen hatten, die einen 38-jährigen Mann namens Janos Fekete betraf. Er stammte aus Fertörakos und seine Mutter hatte ihn vor zwei Tagen als vermisst gemeldet.
Ich rief sofort bei unseren Kollegen an, um eventuell noch Näheres zu erfahren. Da sie dort fast alle Deutsch sprachen, war es kein Problem. Der ungarische Kollege, den ich erreichte, erzählte mir, dass der Vermisste laut Auskunft seiner Mutter in Österreich arbeitete und auch sehr gut Deutsch sprach.
Um Klarheit darüber zu bekommen, ob der Vermisste unser Toter war, musste die Mutter von unseren ungarischen Kollegen hierher nach Rust gebracht werden, damit sie ihn identifizieren konnte. Das sollte in circa einer Stunde geschehen.
Nach dem Telefonat erzählte ich unserem Chef und Karl alles, was ich inzwischen in Erfahrung bringen konnte.
Der Chef meinte, wir sollten einen vorläufigen Bericht über den Fall schreiben und dann rechtzeitig in die Leichenhalle fahren.
Er sprach auch noch irgendetwas von guter und schneller Arbeit und dass es den Anschein hätte, dass er mit mir keine schlechte Wahl getan hatte, aber vor lauter Aufregung bekam ich in diesen Minuten von seiner Rede nicht so wirklich viel mit. Ich hörte nur noch den Schluss seiner Worte so richtig, als er sagte, dass er es besonders schätze, wenn Beamte auch Eigeninitiative zeigten und sich nicht jeden Handgriff vorsagen ließen.
Das musste man mir sowieso nicht zweimal sagen!
Obwohl ich wusste, dass Chefs dir immer gerne Honig ums Maul schmieren, wenn sie noch mehr Einsatz wollen, hatte ich kein Problem damit, da ich von Natur aus an allem „sehr“ interessiert bin.
Zum ausgemachten Zeitpunkt erschienen Karl und ich in der Leichenhalle und bald darauf auch die Kollegen aus Ungarn mit Frau Fekete.
Wie wir alle erwartet und auch irgendwie befürchtet hatten, musste die arme Frau feststellen, dass es sich bei dem Toten um ihren Sohn handelte.
Sie brach zusammen und ich als einzige weitere Frau sah mich natürlich verpflichtet, sie zu trösten. Frau Fekete sprach nicht besonders gut Deutsch und ich kein Ungarisch, aber allein die Tatsache, dass ich mit ihr redete, war schon eine Hilfe für sie.
Sie wurde von unseren ungarischen Kollegen am Abend wieder nach Hause gebracht …
Für uns war der Tag aber noch lange nicht zu Ende, da wir versuchen mussten, mit der Firma, in der Janos Fekete gearbeitet hatte, Kontakt aufzunehmen.
Wir schafften dies auch telefonisch und konnten dort auch noch vorbeikommen.
Er arbeitete in einer Firma in Eisenstadt. Dahin war es nicht so weit und Karl und ich sprachen zuerst noch kurz mit unserem Chef über unser Vorhaben, bevor wir los fuhren.
Wir erfuhren von Janos Vorgesetztem, dass er ein zuverlässiger, fleißiger Mitarbeiter war, der zwar sehr ruhig, aber immer auf gute Kollegenschaft bedacht war. Es habe nie irgendwelche Schwierigkeiten gegeben.
Dasselbe teilten uns anschließend auch seine Kollegen mit. Da keiner von ihnen aber private Kontakte zu ihm pflegte, konnte uns niemand auch nur den geringsten Anhaltspunkt liefern, was Janos so unternommen hatte. So tappten wir nach wie vor mehr als im Dunkeln. Aber es war ja auch noch nicht mal ein Tag vergangen.
Wir mussten wahrscheinlich an einer ganz anderen Stelle zu suchen anfangen, das war uns jetzt schon klar.
Zurück in der Dienststelle machte ich mich wieder über den Computer her und sah nach, ob irgendwelche Nachrichten eingegangen waren. Leider nein! Null! Niente! Nichts!
Aber warum sollte es auch? Wir wussten ja schon, wer der Tote war. Die Zeitungen kamen erst morgen heraus und wie viele Leute wussten bis jetzt auch schon von der Angelegenheit?
Geduld und Nachdenken war angesagt. Kaum ein Mordfall klärt sich an Ort und Stelle von einem Moment zum anderen auf.
Ich fragte Karl, ob er eine Idee hätte, wo wir zu suchen beginnen konnten, aber ihm fiel außer der Sache mit dem Zettel nichts ein, wo wir nachforschen konnten. Die Idee hatte ich natürlich auch schon gehabt, aber irgendwie hatte ich Angst davor, der Sache in dieser Richtung auf den Grund zu gehen.
Nichts desto trotz befragten wir das Internet zu diesem Wort, aber so wirklich hilfreich in Bezug zu einem Mordfall war das natürlich auch nicht.
Ich fand, dass wir die Suche besser auf den nächsten Tag verlegen sollten, da wir momentan nichts rausfänden.
Da wir schon längst Dienstschluss hatten, verließen wir gemeinsam das Revier und da wir per Zufall in dieselbe Richtung fuhren, beschlossen wir, unterwegs noch kurz zu halten und einen Kaffee zu trinken. Das war nötig!
Gesagt, getan.
Als wir so bei unserem Kaffee saßen, fragte mich Karl: „Sag mal, wieso kamst du heute Nachmittag so gut damit klar, als Frau Fekete den Zusammenbruch hatte? In solche Situationen gerätst du ja sicherlich nicht täglich, oder?“
Ich antwortete: „Schau mal, es ist so, dass ich ein sehr, ja fast zu einfühlsamer Mensch bin. Das ist nicht gerade ein Vorteil für mich, aber meistens für diejenigen, die mit mir zu tun haben. Im Laufe meines Lebens sind schon sehr viele Dinge passiert, die mich dazu veranlasst haben, vielen Ereignissen von der Gefühlsebene her zu begegnen. Und jetzt muss ich dich aber auch mal was fragen, wenn ich darf?“
„Dann tu´s mal!“ meinte er mit neugierigem Blick.
„Also, ich würde eigentlich nur gern wissen, wieso ich das Gefühl habe, dass du Frauen in unserem Job nicht so gerne siehst?“ sagte ich.
Er wurde etwas ruhig und antwortete mir erst nach einer Weile: „Ich rede zwar nicht sehr gerne drüber, aber es stimmt, was dein Gefühl anbelangt. Meine Frau war auch Polizistin, sie arbeitete in Wien. Bei einem ihrer Einsätze wurde sie von einem Bankräuber angeschossen und sie starb kurze Zeit später im Krankenhaus. Ganz ehrlich, es ist zwar schon eine schöne Weile her, aber ich bin noch nicht drüber weg. Für einen Bullen zu viel Gefühl, was? Aber so ist es!“

"Infinity" im Kindle-Shop

Mehr über und von Barbara Stifter auf ihrer Facebook-Seite.

29. November 2012

Das Sonar hat Geburtstag

Vor genau einem Jahr wurde dieser Blog vom Stapel gelassen, um in den stürmisch bewegten Markt der eBooks abzutauchen, Neuigkeiten aufzuspüren und kontinuierlich Veröffentlichungen von Indie-Autoren zu empfehlen. Zwölf Monate auf dieser Reise liegen hinter dem Projekt. Eine gute Gelegenheit, diesen ersten Geburtstag für eine kleine Bilanz zu nutzen.


Am 29. November 2011 gingen die ersten Beiträge online und wurde mit "Schatten" von Brigitte Tholen und "Alle Jahre wieder" von Elsa Rieger der Auftakt für die Leseempfehlungen gesetzt. Heute, wo sich der Jahreskreis schließt, gibt es im eBook-Sonar insgesamt 306 Beiträge. Es werden 195 eBooks von 195 Autoren vorgestellt - mit Kurzbeschreibung, Leseprobe und direktem Link zur Kindle-Ausgabe bei Amazon. Das alles würde jedoch wenig gelten, wenn es kein entsprechendes Echo bei den Besuchern gäbe. Für meinen Geschmack gibt es hier beachtliches zu vermelden: 48.000 Klicks verzeichnet die Blogstatistik. Das sind - überraschender Weise ergibt sich wirklich eine so runde Zahl - durchschnittlich 4.000 Besuche im Monat. Rein rechnerisch haben damit etwa 130 Nutzer täglich die aktuellsten Einträge besucht.

Natürlich hat diese Entwicklung viel bescheidener begonnen. Es wurde Frühling, ehe die Hürde der zweistelligen Klickraten regelmäßig übersprungen werden konnte. Die beste Zeit des eBook-Sonars war der Sommer, der Monat für Monat neue Besucherrekorde aufstellte. Im aktuell laufenden Monat November sind bisher 4.321 Blogaufrufe zu vermelden. Das sind doch mal eindrucksvolle Zahlen.

Der Grund für diesen Erfolg ist die Unterstützung vor allem vieler Autoren. Sie haben über Facebook, Twitter und Google+ die Links zu den Beiträgen weiter verbreitet und vielfältig auf das eBook-Sonar aufmerksam gemacht. Inzwischen ist es so etabliert, dass es sogar in Ratgebern Erwähnung findet. Dafür will ich laut Danke sagen, doch eigentlich ist es ein Dankeschön, das wir uns gegenseitig aussprechen können. Jede Werbung für das eBook-Sonar hat geholfen, auch die Bücher anderer Autoren bekannter zu machen. Und genau dies ist die ursprüngliche Intention, die bis heute gilt: Ein Netzwerk unabhängiger Autoren, in dem jeder kollegial für den anderen wirbt und gleichzeitig die entstehenden Synergien für sich nutzt. Das zurückliegende Jahr hat bewiesen, dass dies funktionieren kann.

Es liegt in der Natur der Sache, dass es nicht Jederzeit und von Jedem eine gleichbleibend hohe Aktivität geben kann. Das Erschließen des Marktes für eBooks ist von Experimenten gekennzeichnet, aus denen neue Ideen treiben, sich neue Gruppen und Schwerpunkte herausbilden. In den letzten Wochen ist spürbar geworden, dass das Interesse am Sonar spürbaren Schwankungen unterliegt. Ich hoffe jedoch, dass sich die Zahl der engagierten Unterstützer weiter stabilisiert und sich auch künftig genügend Helfer unter den Autoren finden, um auch die neu vorgestellten eBooks wirksam in vielen Netzwerken zu verbreiten. Jeder Beitrag enthält die dafür erforderlichen Funktionen, um ihn unmittelbar zu Facebook, Twitter oder Google+ zu posten - und nicht zuletzt hat sich die tägliche Online-Zeitung vom E-Book-Klub auf Facebook dafür bewährt, wo die neuesten Buchempfehlungen immer an prominenter Stelle erscheinen.

Das eBook-Sonar legt wieder ab und beginnt seine Entdeckungsreise durch das neue Jahr. Seid ihr mit an Bord?

28. November 2012

"Verurteilt als Kindsmörderin" von Aileen O´Grian

Acht mysteriöse Kurzgeschichten. Ob Rena eine alte Kate kauft, in der sie eine schreckliche Entdeckung macht? Wird Nele sich von den wunderschönen Blumen ihrer Nachbarn einen Ableger wünschen? Bekommt Inge ihre Wut auf therapeutische Weise in den Griff? Stets geschehen unheimliche, nicht erklärbare Dinge.

Gleich lesen: Verurteilt als Kindsmörderin










Leseprobe aus "Stina vom Fischerhaus":
Voller Freude blieb Rena vor dem alten reetgedeckten Fischerhaus stehen und betrachtete es. Seit Jahren war es unbewohnt gewesen, sie würde viel Arbeit haben, bevor sie darin wohnen könnte. Dafür war es ein Schnäppchen in Seenähe gewesen. Von der Haustür konnte sie den benachbarten großen Bauernhof und etwas weiter weg den Kirchturm des Dorfes sehen. Im Hintergrund rauschte der See. Im Garten wucherten Brennnesseln und verwilderte Büsche. In ein paar Jahren würde er wieder ein blühender Bauerngarten sein.
Rena schloss die Tür auf. Muffige Luft schlug ihr entgegen. Sie öffnete das Küchenfenster. Es klemmte. Prüfend fuhr sie mit den Fingern über den Rahmen. Das Holz war gut erhalten. Die Fenster konnte sie noch eine geraume Weile benutzen. Sie mussten nur geschliffen und neu lackiert werden.
Die Wände waren trocken. Nachher würde Holger kommen und sich alles anschauen. Er hatte versprochen, ihr bei den Ausbesserungen zu helfen. Für seine Tischlerei dürfte es kein Problem sein.
Der Holzfußboden gab unter ihr nach. Vorsichtig tastete sie ihn mit den Füßen ab, bevor sie einen Schritt setzte. Sie würde ihn herausreißen. So viel Arbeit würde es nicht sein. In der Küche sollte nur Kopfsteinpflaster hinein. Auch wenn Holger sie gewarnt hatte, dass es fußkalt wäre. Aber ihr Geld reichte nicht für umfassende Erneuerungen. Der alte Kohleherd würde schon für Wärme sorgen. In der ehemaligen Stube würde sie neue Dielen legen, dazu musste sie den Boden abgraben und ein Fundament errichten. Schon am nächsten Samstag wollten ihre Freunde anrücken und ihr dabei helfen. Auf den Beton kämen dann neue Dielen.
Später würde sie irgendwann im Dach ein Schlafzimmer und im Schweinestall ein Bad einrichten. Im ersten Jahr musste das Plumpsklo im Hof reichen.
Sie lief zu ihrem Transporter und zog sich alte Jeans, T-Shirt und Turnschuhe an. Dann nahm sie einen Kuhfuß und ging zur Stube zurück. Sie setzte ihn an einer breiten Dielenfuge an und brach ein großes Stück Holz heraus. Begeistert fuhr sie fort. Bald war sie nassgeschwitzt und staubbedeckt, aber die Hälfte des Fußbodens hatte sie schon herausgeholt. Die Dielen lagen auf Holzbalken, die direkt auf der Erde ruhten. Kein Wunder, dass alles morsch und feucht war.
Gegen Mittag hörte sie Motorengeräusche und ging ins Freie. Holgers Sprinter hielt vor dem Grundstück.
„Hallo Rena! Schon fleißig gewesen?“
Holger wollte sie umarmen, hielt aber in letzter Minute inne. „Du bist mir zu staubig.“
„Ist es nicht traumhaft?“
„Ziemlich viel Arbeit.“ Holger lief langsam um das Haus herum, klopfte an die Balken, besah sich die Fenster und Türen.
„Die Bausubstanz ist noch in Ordnung. Aber willst du hier mit einer Tranlampe sitzen?“
„Der Strom wird demnächst wieder angestellt, Wasser gibt es auch. Nur kein WC.“
Holger betrat das Haus und prüfte von innen Balken und Türen. „Du hast schon ganze Arbeit geleistet. Ich besorge einen Container für den Schutt.“ Er holte eine Schubkarre aus seinem Wagen und gemeinsam luden sie das vermoderte Holz hinein und häuften es in einer Gartenecke.
„Ich komme nachher noch einmal vorbei“, versprach Holger nach zwei Stunden und verschwand.
Rena holte einen Spaten und fing an, in der Stube die Erde auszuheben. An den Rändern ließ sie etwas stehen, damit die Wände nicht einstürzten. Sie kam so schnell voran, dass ihre Freunde am Wochenende schon die Mauern untergraben und das Fundament schütten konnten.
Plötzlich stieß sie auf etwas Helles. Vorsichtig kratzte sie herum. Knochen. Lange Röhrenknochen, wie Beine. Vor Schreck ließ sie den Spaten fallen. Zitternd stand sie da.

"Verurteilt als Kindsmörderin" im Kindle-Shop

27. November 2012

"Ausradiert - Nicht ohne meine Tochter" von Andreas Adlon

Ein Thriller. Mark Bornke möchte seine 16jährige Tochter nach ihrem Austauschjahr in Seattle abholen. Sie taucht jedoch nicht wie vereinbart am Flughafen auf. Die Gastfamilie will nie eine Austauschschülerin aus Deutschland aufgenommen haben und der Sheriff glaubt ihm nicht. Hat sich die ganze Welt gegen ihn verschworen oder ist er tatsächlich verrückt geworden?

Gleich lesen: Ausradiert - Nicht ohne meine Tochter: Thriller









Leseprobe:
Selbst Anfang Juli stiegen die Temperaturen nicht weit über 20 Grad Celsius auf Vancouver Island. Aber die Sonne geizte nicht mit ihren Strahlen, bereits morgens kitzelte sie auf der Haut und verbreitete ein wohliges Gefühl. Gary fuhr mit dem gemieteten, knallroten Jeep den Waldweg hinauf zum Blockhaus.
»Honey, warum sagst du denn nichts, wenn du einkaufen fährst?«, rief ihm Jana entgegen, als er die Autotür öffnete.
Jacko forderte als Erstes sein Recht und sprang sein Herrchen an. Lässig grinsend stieg er aus, kraulte den aufgeregten Hund, ging auf sie zu und küsste sie zur Begrüßung zärtlich.
»Baby, du hast noch so süß geschlafen, da wollte ich dich nicht wecken.«
»Das ist lieb von dir, aber trotzdem wüsste ich gerne, wo du steckst und wann du ungefähr zurück bist.«
»Jetzt bin ich ja da. Schau, was ich eingekauft habe«, sagte Gary stolz und öffnete die Heckklappe.
»Ahh, dann grillen wir heute Abend wohl, wie?« Während Jana in den Besorgungen wühlte, nahm Gary eine langstielige rote Rose vom Beifahrersitz und hielt sie Jana vor die Nase.
»Für meinen Sonnenschein.«
»Du bist so süß, weißt du das, Gary Winslow?«
Gary hatte die High-School mit Bestnoten abgeschlossen und studierte nun Medizin an der University of Washington in Seattle. Das Lernen schien ihm leicht zu fallen, weil er genügend Zeit für sein liebstes Hobby hatte: Die Musik. Er gründete mit drei Freunden die Band ‚The Maniacs‘. Der große Durchbruch ließ noch auf sich warten, aber rein äußerlich verkörperte Gary so ziemlich jedes Klischee eines Rockstars. Ganz besonders vernarrt war Jana in das schwarz-rote Drachentattoo auf seiner linken Brust.
Als die beiden vergnügt die Einkäufe ins Haus trugen, fragte Jana: »Hast du irgendwo mein Ladekabel gesehen?«
»Das Ladekabel für dein Handy?«
»Ja, genau.«
»Ist es denn nicht in deinem Rucksack?«
»Eben nicht, habe schon alles durchgewühlt. Wahrscheinlich habe ich Schussel es doch vergessen. Gibst du mir mal bitte deins? Ich möchte meinem Vater eine SMS schreiben.«
»Klar, liegt im Auto, aber hier draußen haben wir eh keinen Empfang.«
»So ein Mist. Einen entlegeneren Ort hättest du dir wohl nicht aussuchen können, was?«, fragte Jana mit gespielt spöttischer Miene.
»Baby, dieses Blockhaus gehört meinem Großvater, das weißt du genau. Dein Vater kommt doch erst in zwei Wochen.«
»Ich sag ja schon gar nichts mehr. So haben wir doch noch Zeit für uns, ne?« Gary nahm sie in seine Arme.
»So mag ich dich, Baby.«
»Was stellen wir denn noch so an, bevor wir grillen, Honey?« fragte Jana mit laszivem Augenaufschlag.
»Wir könnten schwimmen gehen.«
»Boah, das ist mir viel zu kalt, aber ich schaue meinem Rockstar gerne zu.« Das ließ Gary sich nicht zweimal sagen. Er zog kurzerhand sein T-Shirt, seine Blue Jeans und seinen Slip aus, rannte über den wenige Meter langen Holzsteg und sprang kopfüber in den See.
Jana ging ihm nach, nachdem sie ein flauschiges weißes Handtuch aus der Hütte geholt hatte, und setzte sich auf den Holzsteg. Obwohl sie ihn nicht zum ersten Mal nackt sah, konnte sie sich gar nicht satt sehen an seiner makellosen Figur.
Ausgesprochen lässig benutzte Gary die Treppe, nahm das Handtuch entgegen und trocknete sich ab, als wollte er sich ihr präsentieren.
»Gefällt dir, was du siehst?«
»Frag nicht so blöd.« Gary legte sich das Handtuch um die Hüfte, setzte sich und legte den Arm um sie.
»Warum kann das nicht immer so sein?«
»Wünschst du dir das?«
»Ja, sehr.«
Gary grinste still und zufrieden vor sich hin.

***

Mark schaute auf eine weiße hässliche Tapete mit braunen Blumenmustern, ein buntes Bild hing an der Wand, auf dem er nicht erkennen konnte, was es eigentlich darstellen sollte. Es machte auch gar keinen Sinn, minutenlang auf diese Wand in seinem Hotelzimmer zu starren. Er knetete abwechselnd die Finger seiner linken Hand, dann die Finger seiner rechten Hand durch. Als ob die Finger etwas dafür konnten, dass er zum Nichtstun verdammt war.
Was konnte er denn noch tun, außer zur Polizei zu gehen? Die Krankenhäuser wurden ja laut Aussage des Dorfpolizisten automatisch abgefragt. Wenn er nicht bald etwas unternehmen könnte, würde er noch durchdrehen, das wusste Mark. Irgendjemand musste sie doch kennen. Die High School zum Beispiel. Er kannte noch nicht mal den Namen dieser Schule, wusste nur, dass Jana eine halbe Stunde mit dem Bus dorthin gebraucht hatte.
Außerdem hatten die jetzt Ferien. Das Schuljahr hatte am 23. Juni geendet. Das klingelnde Handy riss Mark aus seinen Gedanken.

"Ausradiert - Nicht ohne meine Tochter" im Kindle-Shop

26. November 2012

'Kleiner Held vom Fensterbrett' von Birgit Böckli

Zwei kurzweilige Bildergeschichten zum Lesen und Vorlesen, für Kinder von 5 bis 8 Jahren.
Die kleine Julia wünscht sich ein paar Zimmerpflanzen für ihre Fensterbank. Doch nach der ersten Begeisterung vergisst sie schon bald, ihre neuen Freunde zu gießen. Da beschließt der kleine Kugelkaktus, etwas zu unternehmen …

"Die Schönheit der Hyäne" ist eine Tiergeschichte aus der Savanne. Die Tiere wollen einen Schönheitswettbewerb veranstalten und stürzen sich mit Begeisterung in die Vorbereitungen. Als die hässliche Hyäne um Hilfe bittet, hat niemand Zeit für sie. Doch dann geschieht ein Unglück, mit dem niemand gerechnet hat …

Gleich lesen: Kleiner Held vom Fensterbrett

Leseprobe aus "Kleiner Held vom Fensterbrett":
Am Rande einer kleinen Stadt lebte ein Mädchen namens Julia.
Julia liebte die Natur. Im Sommer lief sie barfuß über die grünen Wiesen, im Herbst ging sie mit ihren Eltern im Wald spazieren. Doch am allermeisten liebte sie die vielen bunten Blumen, die in den Vorgärten und an den Wegrändern blühten. Deshalb wünschte sie sich zu ihrem Geburtstag ein paar eigene Pflanzen für ihr Zimmer.
Von Papa und Mama bekam sie ein Usambaraveilchen mit hübschen violetten Blüten, von Onkel Theodor eine prächtige Begonie, die viele leuchtend rote Blüten trug und von Oma vier Kakteen, drei kleine grüne Kugeln und einen langen Gesellen, der aussah wie eine dunkelgrüne Spargelstange. Julia stellte all ihre Pflanzen auf die Fensterbank und kümmerte sich sorgfältig um sie. Oma hatte ihr gezeigt, dass sie mit den Fingern fühlen musste, ob die Erde zu trocken wurde, denn auch zu viel Wasser konnte für die Pflanzen schädlich sein. So bekamen die Begonie und das Veilchen reichlich zu trinken, die Kakteen nur ein wenig, denn sie brauchten nicht so viel.
Irgendwann jedoch verlor Julia das Interesse an ihren Blumen. Es war Mai, die Tage wurden immer wärmer, und sie spielte meistens draußen mit ihren Freunden. Immer öfter vergaß Julia, ihre Pflanzen zu gießen, und als der Sommer kam, kümmerte sie sich fast gar nicht mehr um sie.
Da standen sie nun, alle in einer Reihe in ihren hübschen bunten Übertöpfen, und warteten Tag um Tag auf Wasser. Eines Tages regnete es sehr stark, das Wasser strömte in köstlichen Bächen über die Fensterscheibe, und die Begonie, die bis jetzt immer stumm gelitten hatte, hielt es nicht mehr aus.
„Ist es nicht eine Schande?“ klagte sie mit ihrer klaren volltönenden Stimme. „Das viele Wasser dort draußen, und wir bekommen wieder nichts. Ich bin so durstig, dass meine Blätter schon ganz welk sind. Und alle meine Blüten habe ich verloren. Seht ihr, der ganze Boden ist voll davon.“
„Ich bin auch durstig“, seufzte das Veilchen. „Ich habe ganz schlaffe Blätter bekommen. Warum gibt uns Julia denn nichts mehr zu trinken?“
Da meldete sich ein kleiner Kugelkaktus zu Wort.
„Ihr Armen“, piepste der Kaktus. „Unsere großen Verwandten leben ja in der Wüste, wo es sehr selten regnet. Deswegen brauchen wir nur wenig Wasser. Aber so langsam wird es mir auch mulmig zumute. Ich glaube, Julia hat uns vergessen.“

"Kleiner Held vom Fensterbrett" im Kindle-Shop

Mehr über und von Birgit Böckli auf ihrer Autoren-Website.

15. November 2012

'Heuchler' von Mark Franley

Ein Psychothriller. „Skrupellos“ wäre ein zu schwaches Wort, um IHN zu beschreiben und gerade als sich die beiden Kommissare am Ziel sehen, stellt ER sein tödliches Können unter Beweis. Nach dem katastrophalen Ausgang ihres Einsatzes, beschließt Kommissar Köstner, mit seiner Familie in der Idylle Finnlands abzuschalten. Doch ER ist längst zu ihrem Schatten geworden - einem Schatten der noch lange nicht hat, was er will.

Gleich lesen: Heuchler: Psychothriller

Leseprobe:
Es dämmerte bereits, als Mike das Auto vor seinem kleinen, aber fast bezahlten Einfamilienhaus, unter das Carport fuhr und ausstieg. Die Morgenluft war jetzt im Juni noch angenehm frisch, hatte aber keine Chance gegen die Geister in seinem Kopf. Noch eine Stunde bis Petra und die Kinder aufstehen würden. Eine Stunde Ruhe, die er dringend für sich brauchte!
Auch wenn alles in ihm nach einem Glas Bourbon schrie, tat er erst was er sich vorgenommen hatte. So leise wie möglich schloss er die Haustür auf, zog seine Schuhe aus und schlich hinauf in die erste Etage. Die Tür zu Felix Zimmer stand wie immer einen Spalt breit offen, doch er wollte zuerst zu Katja.
Es war das typische Zimmer einer Sechzehnjährigen! An den Wänden gab es kaum einen Quadratzentimeter, den nicht das Gesicht irgendeines Teeniestars zierte, und für einen kurzen Augenblick stieg Ärger in ihm hoch. Er hatte schon tausendmal darum gebeten, dass abends alle Geräte ausgeschaltet werden und wieder war der CD Player die ganze Nacht durchgelaufen. Doch dann kamen wieder die Geister und der Ärger wich dem dankbaren Gefühl, zwei gesunde Kinder zu haben. Leise schlich Mike zu dem Bett seiner Tochter und war kurz versucht, ihr über das verstrubbelte, blonde Haar zu streicheln.
Felix’ Zimmer stellte den totalen Kontrast zum Zimmer seiner Tochter dar. Der spärliche Wandschmuck beschränkte sich auf Szenen aus den Star Wars Filmen und der Teppich glich einem Minenfeld aus Autos, Lego-Spielzeug und undefinierbaren Dingen aus dem nahen Wald.
Irgendwie schaffte Mike es, bis zum Bett seines Sohnes zu gelangen, ohne auf irgendetwas zu treten. Felix’ Gesicht war ihm zugewandt und sah unendlich friedlich aus.
Das Bild des erschossenen Jungen blitzte in Mikes Kopf auf und für einen Augenblick war Felix’ Hinterkopf genauso explodiert. Fast hätte sich der Brechreiz durchgesetzt, aber Mike konnte ihn gerade noch rechtzeitig unterdrücken und den Raum verlassen.
Der Bourbon stand wie immer in der kleinen Schrankbar und es war Gott sei Dank auch noch genug in der Flasche, um Wirkung zu zeigen. Mike griff sich ein Glas und die Flasche, öffnete die Terrassentür und setzte sich hinaus in den Sonnenaufgang. Dann goss er sich großzügig ein und leerte das Glas schnell, aber mit Genuss. Nach zwei weiteren Gläsern stellte sich endlich etwas Wirkung ein und ohne darüber nachzudenken, griff Mike nach dem Päckchen Zigaretten seiner Frau, das noch vom Vorabend auf dem Tisch lag.
»Du rauchst wieder?«, Petras leise Stimme ließ ihn zusammenzucken. Dann blickte er über die Schulter zu ihr auf und versuchte ein Lächeln.
Petra kannte ihren Mann seit fast neunzehn Jahren und wusste, dass Mike hier nicht ohne Grund mit Schnaps und Zigarette saß. Und sie wusste auch, dass er nur reden würde, wenn er es wollte, daher fragte sie nur: »Gibst du mir auch eine Zigarette?«
Während sich Petra auf den Stuhl neben ihm setzte, schob er ihr das Päckchen hin und legte das Feuerzeug oben drauf. Dann wartete er, bis sich seine Frau ebenfalls eine Zigarette angezündet hatte, und begann kurz zu schildern, was sich ereignet hatte.
Petra betrachtete ihren Mann einige Sekunden lang, dann fragte sie voll Sorge in der Stimme: »Wie geht es dir jetzt?«
Mike suchte nach den richtigen Worten, fand keine, und schenkte sich stattdessen noch einmal nach. Diesmal nippte er aber nur etwas, zuckte mit den Schultern und antwortete knapp: »Die Bilder werden blasser werden!«, und nach einer etwas zu langen Pause fügte er hinzu: »Ich hoffe nur, Peter zerbricht nicht daran!« Dann blickte er mit leeren Augen in den Garten hinaus und stieß verbittert aus: »Gott verdammt, er hat ein Kind erschossen!«
Petra nahm seine Hand und drückte sie bewusst etwas zu fest. Es schien zu helfen! Mike sah sie traurig an, aber keiner von beiden musste noch etwas sagen. Jeder wusste, was der andere fühlte und das Gefühl von Liebe vertrieb die düsteren Gedanken ein wenig. Mike schaffte ein kleines Lächeln und beschloss: »Eine rauche ich noch mit dir, dann versuche ich ein wenig zu schlafen. Die Kinder müssen mich nicht unbedingt so sehen, es reicht schon wenn ich so oft nicht da bin.« Dann sah er Petra in die Augen und flüsterte ein einfaches. »Danke!«

"Heuchler" im Kindle-Shop

Mehr über und von Mark Franley auf seiner Autoren-Website und bei Facebook.

14. November 2012

"Weihnachtsmann hat noch mehr Stress" von Annette Paul

Amüsante Kurzgeschichten, in denen der Weihnachtsmann mit alltäglichen Problemen kämpft. Schon im Sommer dreht sich für den Weihnachtsmann und seine Mitarbeiter alles um die Weihnachtsvorbereitungen. Bis zum Fest steigt die Belastung. Dabei muss er seine Mitarbeiter trotz schlechter Arbeitsbedingungen bei Laune halten und sehen, wie er die nötigen Mittel auftreibt.

Gleich lesen: > > > Auf dem Kindle

Leseprobe aus "Betriebsausflug":
„Ihr habt im letzten Jahr so gut gearbeitet und unsere Produktivität um dreißig Prozent übertroffen, deshalb möchte ich mit euch feiern. Wir machen im Juli, noch vor den Sommerferien einen Betriebsausflug“, eröffnete der Weihnachtsmann die Betriebsversammlung.
„Nicht schon wieder am See grillen“, murrte im Hintergrund ein Wichtel.
„Keine Wanderung“, stöhnte eine Wichtelin.
Der Weihnachtsmann überlegte blitzschnell, Fahrradtour, Paddeltour, Floßfahrt, Theater-, Zoo- und Zirkusbesuch hatten sie alles schon gehabt. Schließlich existierten sie schon sehr lange. Er hätte gerne eine Kreuzfahrt spendiert, doch das gab der Etat nicht her und sein oberster Boss hielt sowieso überhaupt nichts von diesen Betriebsausflügen.
„Nein, es gibt so viel Hunger auf der Welt, da ist ein Besuch von St. Pauli bei Nacht oder ein Ausflug nach Monaco mit anschließendem Casino-Besuch wirklich nicht nötig“, hatte er beim letzten mutigen Vorstoß des Weihnachtsmann abgewehrt.
Die Mitarbeiter wurden immer unruhiger. Nervös kaute der Weihnachtsmann auf seinem Bart herum. Seine Idee mit der Wanderung durch die Berge mit anschließendem Goldschürfen im Bach brauchte er bei dieser miesen Stimmung gar nicht erst vorschlagen. Dabei hätte er ein paar Nuggetfunde gut gebrauchen können. Seine Kasse war wieder einmal leer.
„Wir gehen einkaufen. Wir nehmen die Fahrzeuge und fahren bis zum Einkaufszentrum auf der grünen Wiese. Dann könnt ihr stöbern, soviel ihr wollt und euer Taschengeld auf den Kopf hauen.“
Eine Weile schwiegen sie, dann diskutierten sie miteinander. Ein gutes Zeichen fand er. Endlich meldete sich eine Wichtelin. „Können wir Ende Juni fahren? Dann ist Sommerschlussverkauf und wir bekommen mehr für unser Geld.“
Nachdem das ausführlich diskutiert worden war, stand es fest. Am 28. Juni ging es einkaufen.
Noch nie waren so viele Wichtel bei dem Firmenausflug mitgekommen. Alle Fahrzeuge wurden als Transportmittel gebraucht. Selbst der Weihnachtsmann quetschte in seinen roten Porsche nicht nur auf dem Beifahrersitz zwei Wichtel, sondern auch noch auf den Notsitz vier. Zum Glück brauchten sie nicht so lange fahren und erreichten kurz vor Öffnung der Läden ihr Ziel. Sie vereinbarten, sich eine halbe Stunde nach Ladenschluss vor dem Parkhaus zu treffen.
Der Weihnachtsmann setzte seine Passagiere an der Bushaltestelle ab, dann fuhr er weiter, einen Parkplatz zu suchen.
Er hätte sich einen ruhigeren Tag gewünscht. Das Parkhaus war überfüllt. Er irrte hin und her. Mehrmals durchquerte er die gleichen Gänge, die gleichen Etagen bis er schließlich eine enge Lücke fand, in die er sich mit viel Geduld und vielen Flüchen hineinrangierte.
Dann stürzte er sich in den Einkaufstrubel. Er war begeistert. Er hatte gar nicht gewusst, wie günstig er neue Anzüge, Socken, Unterhosen und selbst Haushaltsgegenstände besorgen konnte. Warum besorgte er nicht jedes Jahr hier die Weihnachtsbestellungen?
Am frühen Nachmittag bekam er Hunger und besorgte sich ein paar Hamburger. Dann arbeitete er sich weiter in den Geschäften vor. Er fand so viele nützliche Dinge für seine Mitarbeiter, bald wusste er nicht mehr, wie er alles tragen sollte. Dabei war er doch trainiert, viele Geschenke zu transportieren. Erst als die Läden schlossen und alle Kunden von müden, aber freundlichen Verkäufern hinauskomplimentiert wurden, fand er sich schwer bepackt auf der Straße wieder. Wo war bloß das Parkhaus? Nach einigem Suchen entdeckte es, dass es deren drei gab. Nur in welchem sein Porsche stand, wusste er nicht mehr. Also machte er sich mit seinen Wichteln auf die Suche. Rote Porsche gab es ziemlich oft. Immer wieder dachte er, er hätte sein Auto, dann war es doch wieder ein fremdes. Einen Porsche mit Anhängerkupplung gab es anscheinend nur einmal. Er wurde immer panischer. Rannte hierhin und dorthin.

Im Kindle-Shop: Weihnachtsmann hat noch mehr Stress

Mehr über und von Annette Paul auf ihrer Website.

9. November 2012

Anthologie "Traumnetze"

Ein Gemeinschaftswerk von Autoren eine Gruppe auf Facebook. Acht Kurzgeschichten zum Thema "Träumen" lassen den Leser Träume aus unterschiedlichsten Perspektiven erleben. Horror, Thriller und Fantasy finden sich genauso wie lustige und skurrile Geschichten. „Die Buchstabenjunkies“ entführen auf über 100 Seiten in Welten jenseits dessen, was bei Tageslicht vorstellbar ist.

Lesermeinung: "Jede einzelne Story hat ihre ganz eigene Stimmung. Dabei reicht die Palette von absolut wirr und bizarr über zum Schreien komisch oder traurig und verzweifelt bis hin zu unheimlich und blutig."

Die Anthologie enthält Erzählungen von:
Jeamy Lee
Niels Rudolph
Brigitte Tholen
Andreas Adlon
Lena Glück
Joerg Weber
Maari Skog
René Junge

"Traumnetze" ist auch als Taschenbuch erhältlich. Vorwort zum Buch:
Träume. Wir alle haben sie. Bewusst und unbewusst.
Sie leiten uns in unserem Handeln, wenn sie gezielt den Wünschen nach Erfüllung im Leben, im Beruf oder in der Partnerschaft entsprechen.
Anders sind da die Visionen, die das Unterbewusstsein uns im Schlaf schickt. Auch sie beschäftigen sich mit den täglichen Ängsten und Bedürfnissen, jedoch meist viel besser verpackt und weniger klar.
Diese kleine Anthologie hat genau diese Aufgabe an die Autoren gestellt, ihre Geschichten zu den Träumen zu schreiben und dabei ein sehr breites Spektrum an lustigen, nachdenklichen oder bitterbösen, doch stets unterhaltsamen Storys zusammengetragen. Aber machen Sie sich selbst ein Bild ...

"Traumnetze" im Kindle-Shop

8. November 2012

'einfach so' von Kerstin Michelsen

Roman über die Schwierigkeit des Überlebens nach einem schmerzlichen Verlust, erzählt aus der Sicht der heranwachsenden Melanie. Manchmal ist die Normalität nur einen Wimpernschlag entfernt von einer Katastrophe. Dies muss auch die zehnjährige Melanie, genannt Melli, erfahren. Eines Tages geschieht das Unfassbare: ihre Schwester Annika verunglückt tödlich. Für Melli und ihre Familie ist von einem Tag auf den anderen nichts mehr, wie es war.

Das Mädchen erlebt den Abschied am Totenbett, die Beerdigung und die schwere Rückkehr in den Alltag. Sie verbirgt ihre eigene Trauer, um die Mutter nicht noch zusätzlich zu belasten. Doch nach einem weiteren Todesfall bricht Mellis mühsam aufrecht erhaltene Fassade zusammen ...

Gleich lesen: einfach so

Leseprobe:
“Nein, nicht Annika“, wollte ich rufen, aber ich bekam die Lippen nicht auseinander. Mein Mund war wie ausgedörrt. Da hörte ich einen Schrei; ich weiß noch, dass ich mich wunderte, wie er es durch meinen geschlossenen Mund nach draußen in die Welt geschafft hatte. Ich sah Mama an, erblickte ihren weit geöffneten Mund und begriff, dass sie es wohl war, die schrie, nicht ich.
„Nein. Nein. Nein. Nicht mein Kind!“
Danach hörte ich nichts mehr. Ich sah nur den Mund des Arztes auf und zu klappen. Zwei weitere Gestalten in weiß schwebten um uns herum. Ich starrte in das verzerrte Gesicht meiner Mutter. Hinter ihr stand mein Opa, der seine Hände auf ihre Schultern presste. Unter seinen randlosen Brillengläsern tropfte es nass heraus. Er suchte meinen Blick, während ich nur starrte und mein Mund sich anfühlte, als könnte ich ihn niemals wieder öffnen. Ich sah auch, wie sich die Lippen meines Großvaters bewegten, und er auf mich deutete. Das alles ist nun schon so viele Jahre her, fast mein halbes Leben, und trotzdem kann ich mich an bestimmte Dinge ganz genau erinnern. Anderes liegt im Dunkeln. Das ist vielleicht auch besser so. Mir reicht schon das, woran ich mich heute noch gut erinnern kann. Natürlich kann ich inzwischen auch an diesen Tag zurück denken, ohne in Tränen auszubrechen.
Vielleicht gewöhnt man sich mit der Zeit an jeden Schmerz der Welt, und natürlich wird er auch niemals wieder so überwältigend und unbegreiflich sein wie in diesen ersten Stunden. Die Heftigkeit des Schmerzes nimmt im Laufe der Zeit ab, das ist tatsächlich so; und es gibt eines Tages auch wieder Raum für andere Empfindungen, sogar für Pläne und glückliche Momente. Das ist ja auch gut so, denn sonst könnte man einfach nicht mehr damit leben. Trotzdem spüre ich, wenn ich an diesen schwarzen Dienstag zurück denke, immer noch das Entsetzen und diese Leere und das Gefühl, gelähmt in einen tiefen Abgrund gezogen zu werden. Ich spüre es wie ein Echo oder einen Nachgeschmack dessen, was mich damals erfasste. Meine Ohren nahmen keine Töne mehr auf, ich sah nur die Menschen um mich herum sich bewegen, sah offene Münder und Entsetzen. Heute glaube ich, dass mein zehnjähriger Verstand sich damals kurz ausgeschaltet hat. Ich weigerte mich zu begreifen, was für einen schrecklichen Moment in mein Bewusstsein eingesickert war. Nichts wollte ich mehr hören, wollte nicht hören, dass ich keine Schwester mehr hatte.
Viele Jahre später habe ich gelernt es anders zu sehen, dass ich immer noch eine Schwester habe, die für immer ein Teil unserer Familie und meines Lebens ist. Trotzdem sind mir auch heute noch Situationen ein Gräuel, in denen man mich nach meinen Geschwistern fragen könnte. Ich meine, von Menschen, die unsere Geschichte nicht kennen. Fremden gegenüber erwähne ich ungern, dass ich eine Schwester habe, weil sie dann fragen könnten, wie alt sie ist, was sie so macht, wo sie ist. Darauf zu antworten ist unmöglich. Aber in meinem Herzen ist sie für immer meine Schwester, und ich glaube nicht, dass ich je aufhören werde, sie zu vermissen.
An diesem Tag hämmerte es jedoch nur in meinem Kopf. Anni ist tot. Sie wird nicht wiederkommen. Wie kann das sein? Ich kann nicht sagen, wie lange wir dort in diesem Raum waren. Irgendwann fiel Mamas Blick auf mich; einen kurzen Moment starrte sie mich Tränen überströmt an. Dann sprang sie auf, zerrte mich aus dem Stuhl und riss mich endlich in ihre Arme. Ich hörte noch immer nichts, und auf eine eigenartige Weise war auch mein Sichtfeld begrenzt. Das war an sich nicht unangenehm, besser jedenfalls als hören und sehen zu müssen. Wenn nur diese Kälte und die Atemnot nicht gewesen wäre. Es kam mir vor, als bekäme ich pro Atemzug nur einen Teelöffel voll Luft – jedenfalls nicht genug. Ich spürte Mamas Arme ganz fest um mich herum, und das Zittern ihres Körpers. Schließlich löste sie sich von mir, ich fühlte nun Opas Hände auf meinen Schultern, der mich mit sanftem Druck in Richtung Tür lotste. Dann setzt meine Erinnerung erst wieder auf einem breiten, langen Krankenhausflur vor einer weiteren Tür ein. Der grauhaarige Arzt öffnete, und wir traten ein, ich immer noch dirigiert von meinem Großvater. Im Nachhinein bin ich natürlich schon sehr froh, dass wir dort waren, aber in diesem Moment spürte ich nur Entsetzen und eine Angst, die mich erzittern ließ. Die eiskalte und zugleich glühende Faust umklammerte mich immer noch. Wie konnte mein Herz so rasend pochen, und dabei nicht zerspringen?
Wir traten an ein Bett, in dem jemand lag. Für einen kurzen Moment spielte mir der scheinbar friedliche Anblick einen Streich: hier lag Anni, und schlief. Sie war blass und trug einen Verband um den Hals. Sonst war sie in Ordnung. Die hellblau gestreifte Decke war bis zu ihren Schultern hochgezogen, und ihr Kopf ruhte auf einem weichen Kissen, das dichte, dunkle Haar viel ordentlicher gebürstet, als man es sonst üblicherweise an ihr sah. Annis Hände lagen übereinander auf der Mitte der Bettdecke. Als würde sie beten. Nein, als würde sie schlafen - die Augen waren geschlossen, aber sonst sah sie so aus wie immer. Jedenfalls nicht blutig oder sonst wie grausig zugerichtet. Die Erleichterung durchfuhr mich wie ein heißer Schrecken, der Krampf in meinem Innern löste sich für einen gnädigen Moment auf, weil ich dachte, dass alles natürlich nur ein riesengroßer Irrtum gewesen war. Puh, meine Schwester war natürlich nicht tot, auch solche großen Krankenhäuser können sich mal irren, wahrscheinlich war alles nur eine irrsinnige Verwechslung. Gleich würde sie die Augen aufschlagen. Plötzlich konnte ich mich auch wieder von allein bewegen, und schritt auf das Bett zu.
„Anni“, flüsterte ich, „Anni, wir sind es. Wir sind gekommen, um Dich abzuholen.“

"einfach so" im Kindle-Shop

Mehr über und von Kerstin Michelsen auf ihrer Website.

6. November 2012

'Flying Moon' von Katrin Bongard

Ein modernes Liebesmärchen. Die 16-jährige Moon trifft auf einer Filmparty einen Jungen und verliebt sich sofort in ihn. Was Moon nicht weiß: Er ist ein Filmstar und sein Ruf als Verführer legendär. Nach einer stürmischen Annäherung werden beide unfreiwillig getrennt. Ein Jahr später treffen sie auf einem Filmset zufällig wieder aufeinander und sollen ein Liebespaar spielen ...

Eine Geschichte über ein rockiges Aschenputtel, einen traurigen Prinzen und eifersüchtige Ex-Freundinnen.

Gleich lesen: > > > Auf dem Kindle

Leseprobe:
Es war eigentlich Frühling, April, manchmal richtig warm, aber dann schneite es auf einmal wieder. Es war wie in meinem Leben, es ging einfach nicht richtig los. Konnte ich mich nicht verlieben oder sich wenigstens irgendjemand für mich interessieren?
Hallo?
Ich schob mein Fahrrad das letzte Stück, ich war sowieso gleich zuhause. Ich hatte mich ganz gut an die neue Stadt und das neue Leben gewöhnt, natürlich fehlte mein Vater und alles war sehr viel anstrengender als vorher, Geld immer knapp, aber dafür war die Schule entspannt und Potsdam eigentlich ganz nett. Meine Mutter hatte eine günstige Wohnung in einem etwas heruntergekommenen Haus gefunden. Ich stellte mein Fahrrad ab und suchte nach dem Schlüssel. Die Haustür klemmte ständig und wenn ich sie einmal ohne Probleme aufbekäme, würde ich niederknien und das Haus zum Wallfahrtsort erklären.
In der Küche verhandelte Lion mit meiner Mutter um Taschengeld. Sie ließ braunes Wasser aus der Leitung laufen, wartete, bis es klar wurde und füllte erst dann die Kaffeemaschine.
»Mom, ich brauch mein Taschengeld!«
»Lion, du weißt, unsere finanzielle Lage zurzeit ...«
Okay, diesen Spruch kannten wir.
»Ich habe schon seit drei Monaten kein Taschengeld mehr bekommen.«
Meine Mutter seufzte. »Wenn ich den Auftrag für das Bühnenbild kriege, dann reden wir noch mal darüber. Okay?«
Lion stöhnte. Er war der einzige Junge an der Schule, der mit einem Steinzeithandy herumlief und in der 9. Klasse war das so gut wie ein Todesurteil. Ich setzte mich zu ihm an den Tisch und lächelte aufmunternd. Er hatte immer noch lange, blonde Haare; meist hielten ihn die Leute für ein Mädchen, aber in letzter Zeit waren seine Gesichtszüge härter und seine Stimme tiefer geworden.
»Besteckkampf?«
Ich nahm mir eine Gabel, Lion schnappte sich ein Messer und wir fochten bis Lion verlor, da ich sein Messer einfach zwischen meinen Gabelzinken einklemmte.
»Schätze, du machst heute den Abwasch!«
»Kann ich mir nicht vorstellen.«
Ich grinste. »Das heißt nicht, dass es nicht passieren wird.«
Er nahm das Messer und führte es schnell an seiner Kehle vorbei.
»Auch der Tod wird dich nicht davor bewahren.«
»Ich meinte, ich töte dich.«
»Dann musst du erst recht abwaschen.«
Er lächelte. »Eines Tages wird jemand kommen und ...«
»Was?«
»... dich besiegen.«
»Nicht im Besteckkampf!«
Er wollte sauer sein, aber dann grinste er, schlenzte zum Kühlschrank und riss die Tür auf. Hallo Leere. Mom warf einen schuldbewussten Blick in die Fächer.
»Moon? Hast du eingekauft?«
»Ja. Spaghetti, T-Soße, Salat.« Ich zeigte auf eine Tüte an der Tür. Sie lächelte. »Schön, dann brauchen wir nur noch jemanden, der kocht.« »Ich habe diese Auktion auf eBay ...«
»Lion?«
»Okay.«
Mom atmete erleichtert auf. Lion war großartig, einfach zu gut für diese Welt.
Lions Zimmer war in dem üblichen Chaos. Kreuz und quer waren Seile gespannt, an denen alle möglichen Gegenstände hingen. Wenn Lion mit seiner Kunstinstallation fertig sein würde, sollte kein Gegenstand mehr auf dem Boden liegen. Das jedenfalls war der Plan. Ich kämpfte mich zu seinem Schreibtisch und dem einzigen Computer in der Wohnung durch. Die Lüftung schnarrte beim Hochfahren, er war alt, funktionierte aber tadellos. Schnell loggte ich mich bei eBay ein.
Als mein Vater auszog, hatte er mir seinen Plattenspieler zusammen mit seiner Plattensammlung vermacht. Es war mein wertvollster Besitz. Musik ist das Größte, sie rockt die Welt und wenn ich irgendwann einmal auf einer einsamen Insel ausgesetzt werde, dann werde ich nur um einen Plattenspieler und Platten bitten. Und erst die Platten-Cover! Acht Plattenhüllen hingen ständig über meinem Bett. Meine eigene Plattenwand. Nur die Mitte war frei. Für Janis. Ich suchte schon eine Weile nach der Platte. Janis Joplin in Concert von 1972. Auf dem Cover trägt sie die Haare offen und wild, hat bestimmt hundert Armbänder am Handgelenk und lächelt – vielleicht bekifft, aber auch stark und frei.
Ich ging bis zwanzig Euro mit. Viel Geld, dazu kamen noch die Portokosten. Eigentlich hatte ich keine zwanzig, zehn davon waren schon von Sophia geborgt. Vielleicht stiegen die drei Mitbieter einfach aus? Ich starrte auf den Bildschirm: drei, zwei, eins – nicht meins. Als ich zurück in die Küche kam, kochte das Wasser und Lion schmeckte die Soße ab.
»Und?«
»Zu spät.«
»Siehst du!«, sagte er befriedigt, »ich hab´s ja gesagt.«
»Da hat mich doch keiner besiegt, sondern einfach nur höher geboten.«
Ich setzte mich an den Tisch und sah ihm zu, wie er die Spaghetti ins Wasser tat und einen Salat vorbereitete. Vielleicht sollte er Koch werden? Ich stellte mir ständig Berufe für Lion vor, vielleicht weil er ziemlich verrückt und abgedreht war. Obwohl ich ihn gerade dafür liebte, machte ich mir manchmal Sorgen, wie er später zu Recht kommen sollte. Nicht im Besteckkampf, sondern in der normalen Welt.
Meine Mutter kam aus ihrem Zimmer und wir setzen uns. Sie schob mir einen Theaterflyer über den Tisch.

Im Kindle-Shop: Flying Moon (Film.Love.Story 1)

Mehr über und von Katrin Bongard auf ihrer Website.

5. November 2012

'Grenzorte' von Renate Hupfeld

Kurzgeschichten. Kraterabgründe, Felsgiganten und Strände. Der kleine Bahnhof am Grenzübergang, das Towerhotel am East River und ein ganz anderes Restaurant. Das sind die Schauplätze für nicht alltägliche Begegnungen, überraschend, bereichernd, klärend, dramatisch, mysteriös.

Sieben Short Storys, deren Protagonisten mit besonderen Herausforderungen konfrontiert sind, Auswege aus Sackgassen finden oder auch nicht.

Gleich lesen: Grenzorte

Leseprobe aus "Grenzorte":
Tausendmal hatte er während all der schlaflosen Stunden von diesem Moment geträumt, Tag und Nacht das Liebeslied im Kopf: Milena, geliebte Milena. Auf der Fahrt von Prag hierher in diesen Ort an der Grenze bis zur letzten Sekunde die bange Frage. Wird es wahr werden? Wird der Zug aus Wien seine Liebste bringen? Er hatte sich schon vorgestellt, wie er unter den Aussteigenden zunächst diese kleine Frau im roten Seidenkleid, ihren lieblichen Lockenkopf und ihr unvergleichliches Lächeln entdecken würde, dann auf sie zueilen, ihr Gesicht in beide Hände nehmen, unentwegt in ihre Augen blicken, sie auf den Mund küssen, seinen Arm um sie legen, sie um das Bahnhofsgebäude herumführen, zusammen mit ihr die Gleise überqueren und Hand in Hand mit dieser geliebten Frau hinaus in das freie Feld gehen würde.
Nun lagen sie nebeneinander auf der Spätsommerwiese, hörten aus einiger Entfernung das schwere Stampfen einer Dampflokomotive und beobachteten von ihrem Platz auf der leichten Anhöhe, wie schwarzer Rauch sich langsam in der blauen Weite auflöste.
„Hattest du eine gute Reise, Milena?“
„Ich konnte es kaum erwarten, dich wieder zu sehen, Frank.“
„Was hast du deinem Mann gesagt?“
„Er war gar nicht zu Hause.“
“Mal wieder?“
“Ernst und die Frauen, ein Kapitel für sich. Du kennst ihn doch.“
„Armer kleiner Engel, warum tut man dir das an?“
„In deiner Nähe bin ich reich, Frank.“
„Du gehörst geliebt, Milena, geliebt und behütet.“
Sein Gesicht über ihrem Gesicht, so zauberhaft der Anblick. Könnte er doch in diesen Augen versinken wie ein Kieselstein im Wasser, bis ganz tief unten in den weichen Sand auf dem Meeresgrund. So musste es bei der Mutter gewesen sein. Doch er war kein kleiner Junge mehr und Milena nicht seine Mutter. Sie war anders. Ein loderndes Feuer war diese Frau. Ihre Lippen süß wie dunkelroter Wein. Er konnte nicht aufhören sie zu küssen. Ihr gebräunter Körper bebte, als er ihr zaghaft das Kleid von der Schulter zog. Ganz nah wollte er ihr sein, eins sein mit ihr, halb wahnsinnig vor Verlangen. Ihre Hand in seinem Haar, so sanft, so unnachgiebig zärtlich, ihr Bein sich unter seinen Körper windend, dann ihr Becken, begehrend. Eng umschlungen bewegten sich ihre Körper und rollten ein Stück weit die Anhöhe hinunter bis zum Ende der Wiese. Sie stöhnte, drängte, wollte alles, wollte ihn.
‚Ich kann nicht’, hämmerte es wild in seinen Schläfen. Abrupt löste er sich aus ihrer Umarmung, setzte sich auf und vergrub den Kopf in den Händen.
„Ich kann nicht.“ Er versuchte, den quälenden Hustenreiz zu unterdrücken.
Milena war aufgesprungen und rückte ihr Kleid zurecht.
„Frank, ich möchte schreien. Wie soll ich das verstehen?“
„Verzeih mir, Milena, es ist meine Schuld.“
„Was redest du für einen Unsinn? Kein Wunder, dass du husten musst.“
Sie setzte sich neben ihn und strich mit der Hand über seinen Rücken, bis er wieder ruhig atmen konnte.
„Wovor hast du Angst?“
Vom Wiesenrand knickte er eine Kleeblume ab und drehte den Stiel in der Hand.
„Warum hab ich dich hinuntergezogen in diese Hölle?“
“Wie meinst du das?“
„Ich bin anders, Milena, fremd, bin mir ja selbst fremd. Das macht mir Angst.“
„Nein und noch mal nein, Frank. Mir bist du nicht fremd. Du bist mir so nah wie sonst niemand auf der Welt.“
„Ich weiß“, sagte er leise. „Du bist ja auch anders. Ein Schatz bist du, unvergleichlich wertvoll. Doch ich hätte dich nicht drängen sollen, hierher zu kommen.“
„Habe ich nicht selbst entschieden, diese Reise zu machen? Ich fühlte mich keineswegs von dir gedrängt. Doch vielleicht ist es meine Schuld. Bedränge ich dich zu sehr? Macht meine Anwesenheit dich krank?“
„Milena, jetzt redest du aber Unsinn. Denk doch an unsere Wiener Tage, ein paar Wochen ist das erst her. War ich einen Moment lang krank in deiner Gegenwart?“
„Nein, dir ging es wunderbar. Tag und Nacht waren wir zusammen, sind stundenlang gelaufen. Berge, Wälder, Schatten und Sonnenschein. Wie schön das war. Kein einziges Mal hast du gehustet. Alles war so klar.“
„Ja, das war es, Milena, klar und schön.“
„Warum ist jetzt alles anders? Was ist passiert in den wenigen Wochen?“, fragte sie.

"Grenzorte" im Kindle-Shop

Mehr über und von Renate Hupfeld auf ihrer Autoren-Website.


31. Oktober 2012

'Das Herz der Wölfin' von Cathy McAllister

Ein historischer Liebesroman. Bei einem Wikingerangriff auf seine Burg fällt dem Franken Fulk ein junger Wikingerbursche in die Hände. Die ungewöhnlichen, blauen Augen des Jungen, üben eine beunruhigende Anziehungskraft auf ihn auf, bis er eine verblüffende Entdeckung macht. Unter dem präparierten Wolfskopf steckt kein Junge, sondern eine junge Frau.

Zwischen Fulk und seiner schönen Gefangenen Ylfa knistert es gewaltig, doch die stolze Kriegerin bekämpft Fulk mit allen Mitteln.

Gleich lesen: Das Herz der Wölfin

Leseprobe:
Auf dem Sammelplatz warteten die Knechte mit den Pferden und die zurückkehrenden Jäger feierten ihre Jagderfolge erst einmal mit einem kräftigen Rotwein aus den mitgebrachten Weinschläuchen. Insgesamt war der Jagdausflug sehr erfolgreich gewesen. Zwei Keiler, ein prächtiger kleiner Bock, elf Kaninchen und acht Rebhühner.
„Du bist heute der König der Jagd.“ Brice, Fulks bester Freund, schlug ihm anerkennend auf die Schulter. „Dagegen sieht mein Böckchen recht mickrig aus.“
„Dafür hast du doppelt so viel Kaninchen wie ich und die Hälfte der Rebhühner gehen auch auf dich. Mir scheint, wir werden die nächsten Tage reichlich zu schmausen haben.“
„Ja mein Freund. Ich hoffe, dein Weinkeller ist gut gefüllt“, stimmte Brice lachend zu und zwinkerte.
„Ich habe genug Wein, um dich ein ganzes Jahr lang abzufüllen. Ich hoffe nur, du singst nicht wieder gar so zotige Lieder. Meine liebe Schwester gerbt uns sonst das Fell!“
„Gisela kann meinem Charme genauso wenig widerstehen, wie alle Weiber. Ich werde ihr ein paar schöne Worte ins Ohr flüstern und schon schnurrt sie wie ein Kätzchen.“
„Ha! Wohl eher wie ein Raubkätzchen. Mag sein, dass Gisela eine Schwäche für dich hat, aber das heißt noch lange nicht, dass sie dir aus der Hand fressen wird.“
„Wir werden sehen Fulk mein Freund. Ich habe vor, um sie zu werben – mit deinem Einverständnis vorausgesetzt.“ Fulk schaute seinen Freund verwundert an.
„Du willst um meine Schwester freien?“
„Gewiss. Warum nicht?“
Fulk schluckte. „Sie ist erst sechzehn“, gab er zu bedenken.
„Was sich ja wohl in drei Tagen ändern wird, wenn ich mich nicht sehr irre. Mit siebzehn sind die meisten Mädchen schon lange verheiratet. Ich denke, dass ich mit meinen vierundzwanzig Jahren noch nicht zu alt für sie bin und ein schönes Heim habe ich ihr auch zu bieten. Ich werde sie immer anständig behandeln, wie es einer Dame zukommt.“
„Das weiß ich, mein Freund. Wenn ich irgendeinem Mann meine Schwester anvertrauen würde, dann dir. Trotzdem ist die Vorstellung für mich noch ungewohnt. Ich sehe immer noch das kleine Mädchen in ihr.“
Brice grinste seinen Freund an.
„Mir scheint, du hast sie in der letzten Zeit nicht sehr genau angesehen. Sie ist eine Frau geworden, eine wunderschöne noch dazu.“ „Wir reden ein anderes Mal über meine Schwester. Jetzt sollten wir aufbrechen, damit wir vor Einbruch der Dunkelheit zur Burg gelangen“, lenkte Fulk von dem für ihn unangenehmen Thema ab.
Er gab die erforderlichen Anweisungen und schon bald war die kleine Jagdgesellschaft auf dem Heimweg. Es war ein Weg von gut zwei Stunden, den sie zurückzulegen hatten. Die erfolgreichen Jäger waren guter Laune und freuten sich auf einen saftigen Braten und einen kräftigenden Trunk am warmen Feuer. Es war des Abends schon recht kühl und man konnte bereits den nahenden Winter spüren.
Fulk ritt schweigsam auf seinem feurigen Rappen. Das Gerede seines Freundes über die Brautwerbung hatte ihn daran erinnert, dass es auch für ihn langsam Zeit wurde, an eine Vermählung zu denken. Leider hatte er nicht die geringste Ahnung, welche Braut er ins Auge fassen könnte. Es gab viele geeignete Kandidatinnen, die aufgrund ihrer Stellung und Abstammung infrage kämen, doch keine von ihnen vermochte ihn zu reizen. Es waren wahre Schönheiten darunter, kein Zweifel, dennoch ließ keine von ihnen den Wunsch in ihm aufkommen, mehr als nur ein paar vergnügliche Nächte mit ihr zu verbringen. Er beneidete Brice, der offenbar die Liebe gefunden hatte.
Fulk wusste selbst nicht, was er eigentlich von einer Frau erwartete. Einige Väter hätten ihm gern ihre Tochter als Braut gegeben, doch die meisten Frauen fürchteten ihn. Sein Ruf war nicht der Beste, hatten sich doch viele Legenden um ihn herum gebildet. Es stimmte, dass er ein gnadenloser Krieger war, doch er beschränkte Gewalt für gewöhnlich auf den Krieg und nicht gegen unschuldige Frauen und Kinder. Sein finsteres Erscheinungsbild sprach auch nicht gerade für ihn. Seine langen, schwarzen Locken ließen ihn stets wild und ungezähmt erscheinen und die grünen Augen waren die eines lauernden Raubtieres. Seine linke Wange wurde von einer hässlichen, gezackten Narbe entstellt, die er sich auf der Wolfsjagd zugezogen hatte. Im Allgemeinen machte sich Fulk nicht so viel daraus, dass die bleichen Jungfern ihn nicht haben wollten. Die Frauen hatten ohnehin keinen Geist, hatten nicht einmal eine eigene Meinung. Gab es denn keine Frau, die einen eigenen, denkenden Kopf besaß, der nicht nur hübsch, sondern auch klug war? Und die mutig genug war, den Teufel von Rabenfeld zu lieben?
Seine Mutter war eine kluge und mutige Frau gewesen. Seine Eltern hatten sich auch nach langen Ehejahren noch ihre tiefe Liebe und Leidenschaft erhalten gehabt. Es war jetzt fünf Jahre her, dass seine Eltern und sein jüngerer Bruder an einer rätselhaften Krankheit gestorben waren. „Woran denkst du?“, riss Brice seinen schweigsamen Freund aus den Grübeleien.
Fulk fuhr herum und sah seinen Freund an, der seinen Schimmel neben ihn lenkte. Er gewahrte einen besorgten Ausdruck auf Brice Gesicht.

"Das Herz der Wölfin" im Kindle-Shop

30. Oktober 2012

'Blinde Vergeltung' von Bettina Büchel

Sie sind am Ziel Ihres persönlichen und beruflichen Erfolgs angelangt! Perfektes Aussehen, reichlich Geld auf dem Konto und Eigentümer eines florierenden Finanzunternehmens. Das Leben meint es gut mit Ihnen. Nichts und niemand kann Sie jetzt noch aufhalten. Doch von einem Tag auf den anderen gerät Ihr vermeintlich perfektes Leben völlig aus den Fugen. Eine unangemeldete Prüfung durch die Aufsichtsbehörde, Verdacht auf Veruntreuung von Kundengeldern zur persönlichen Bereicherung, und zu guter Letzt ein Toter, der in engem Kontakt zu Ihnen steht. Was glauben Sie, wem können Sie in dieser Situation jetzt noch trauen …

Eine großangelegte Intrige entwickelt sich um den erfolgreichen Investment-Banker Marc Binder. Ein spannender Thriller – und ganz nebenbei erfahren Sie einiges über die dunklen Ecken der Finanzwelt!

Gleich lesen: > > > Auf dem Kindle

Leseprobe:
Hongkong war eine aufregende Stadt. Auf engstem Raum lebten Millionen von Menschen unterschiedlichster Rassen miteinander. Ein ungewöhnlicher Mix aus Reichtum und Armut. Im Kern der Stadt ragten die modernen Glastürme sämtlicher internationaler Banken und Investmentunternehmen in unermessliche Höhen. Hier wimmelte es während des Tages nur so an Geschäftsleuten in ihren schwarzen Business-Outfits und noblen Kostümen. Es gab kaum eine andere Stadt, in der man eine so immense Geschäftigkeit und Hektik erleben konnte. Nur wenig außerhalb sah man im Kontrast dazu die halb verfallenen Wohnhäuser der einheimischen Bevölkerung, deren Fassaden immer mehr abbröckelten und langsam aufgrund der hohen Luftfeuchtigkeit zu verschimmeln drohten.
In den heißen Monaten von Juni bis Oktober lag der Smog so unbarmherzig über der Stadt, dass man das Meer kaum noch erkennen konnte. Eine wahre Dunstglocke legte sich über die Innenstadt. Aber das störte Daniel nicht, er liebte diese rastlose Geschäftigkeit und den Lebensstil der Menschen, die hier seit Langem lebten. Sogar an die teilweise sehr intensiven Gerüche hatte er sich gewöhnt, die davon rührten, dass die hiesigen Metzgereien es mit dem Ausstellen der geschlachteten Hühner und Truthähne in den Schaufenstern nicht so genau nahmen.
Aber vor allem das Nachtleben sagte ihm zu, denn diese Stadt schlief niemals. Natürlich waren viele Bars und Clubs sehr touristisch ausgelegt, denn an Touristen mangelte es hier zu keiner Jahreszeit. Trotzdem hielt er sich gerade dort gerne auf, um sich zwischendurch wieder mit westlichen Charakteren austauschen zu können. Er musste sich jedoch auch eingestehen, dass ihn vor allem die asiatischen Mädchen, die sich in diesen Pubs aufhielten, um sich einen westlichen Mann zu angeln, reizten. Im Gegensatz zu den etwas üppig gebauten Antiguanerinnen waren hier die Mädchen sehr zierlich gebaut. Vielleicht etwas zu zierlich, aber dafür von einer Liebenswürdigkeit, von der die Männer in anderen Ländern nur träumen konnten. Er ließ keine Gelegenheit aus, sich von der Hingabe der Asiatinnen immer wieder verwöhnen zu lassen.

Die Firmengründung war nahezu ein Kinderspiel. Nur die Suche nach geeigneten Büroräumlichkeiten entpuppte sich schwerer als erwartet, da das Immobiliengeschäft in Hongkong extrem boomte. Außerdem suchte er von Beginn an nach einem repräsentativen Geschäftsumfeld direkt im Zentrum, um bei wichtigen Partnern den gewünschten Eindruck zu hinterlassen. Kleine Brötchen zu backen war er nicht gewohnt und wollte dies auch in Zukunft nicht.
Hartnäckig verfolgte er sein Ziel, bis ihm ein für seinen Zweck ausgezeichnetes Objekt inmitten des Finanzdistrikts von Hongkong angeboten wurde. Nicht billig, aber auch nicht unverschämt. 500 qm im 22igsten Stockwerk eines bekannten Hongkonger Bürogebäudes war durchaus ein guter Start. Jetzt war es an der Zeit, auch die richtigen Mitarbeiter für sein Vorhaben zu finden. Er brauchte junge, attraktive Menschen, die mit vollem Elan und Enthusiasmus für ihn arbeiteten. Den Israeli, den er vor Kurzem in einer der hippen Bars im Central kennengelernt hatte, konnte er schon fast davon überzeugen, bei ihm einzusteigen. Er war Jude und somit, was das Gespür für gute Geschäfte anging, sicherlich ein Volltreffer. Zudem war er sehr wortgewandt. Er konnte derart überzeugend seine Meinung äußern, dass man gar nicht anders konnte, als ihm zuzustimmen.
Normalerweise war das doch seine Spezialität, dachte er.

Im Kindle-Shop: Blinde Vergeltung: Ein Hedgefonds-Manager unter Verdacht

Mehr über und von Bettina Büchel auf Ihrer Website.

29. Oktober 2012

'Lutetia Stubbs - Herz aus Stein' von Matthias Czarnetzki

Ein weiterer sarkastisch humorvoller Krimi um Lutetia Stubbs aus Schottland, die vieles ist, nur kein Menschenfreund. Lesermeinung: "Die Story steckt voller schwarzem Humor; der Schreibstil ist geschliffen."

Lutetia Stubbs sucht nicht nach Leichen - sie werden ihr gebracht; meist in praktische Plastiktüten verpackt und fertig zum Einäschern. Bedauerlicherweise kommen die Kunden in letzter Zeit mehr oder weniger ausgeschlachtet ins Bestattungsinstitut. Für Polizeichef Murdok McDuff die ideale Gelegenheit, seine Lieblingsfeindin samt Familie wegen illegalen Organhandels ins Gefängnis zu bringen. Mittlerweile hat Harold in Las Vegas die Familienburg an einen Mafiaboss verspielt. Der steht kurz darauf vor dem Burgtor - mit Schuldschein und Panzerfaust und ohne das Bewusstsein, dass seine Lebenserwartung soeben drastisch gesunken ist.

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Leseprobe:
Der nächste Vormittag begann für Kate Knightsbridge ganz normal. Das heißt, mit nicht mehr als dem üblichen Chaos. Kate war genetisch von ihrem Elternhaus mit einer ordentlichen Figur, wenig Verstand und der Unfähigkeit zum Nein-Sagen ausgestattet worden - was ihr sechs Kinder von neun verschiedenen Männern eingebracht hatte. Niemand wusste, wie das funktioniert haben sollte, aber diverse eheliche Treuegelöbnisse auf Seiten der Männer schützten Kate vor unangenehmen Nachfragen. Kate, die ihre Brut mit so viel Nachlässigkeit erzog, dass es an Ignoranz grenzte, war auf dem Weg zur Bank, um die monatlichen Alimentenzahlungen zu kontrollieren, als Lutetia ihr begegnete. Die lärmende Kinderschar wurde schlagartig still. Es gab Gerüchte, die jedes Kind in Borough kannte1. Außerdem hatte sie den großen Herd in der Burgküche reparieren lassen und es nicht versäumt, die Handwerker darauf hinzuweisen, dass der groß genug wäre, ein Kind darin zu braten.
Kate bekam davon nichts mit. Sie las die aktuelle Vanity Fair, Quell all ihrer Träume und Hoffnungen. Nichts in ihrem Leben hatte sie veranlasst, ihre Kleinmädchenfantasien aufzugeben. Sie träumte noch immer von rauschenden Festen in rauschenden Kleidern, die in einer rauschenden Matratze endeten und am nächsten Morgen nur die Erinnerung an einen Rausch hinterließen. Der Lärm der Realität erinnerte sie daran, dass meist etwas mehr als die Erinnerung zurückblieb.
"Ruhe ihr Bälger! Du da, nimm deine Schwester an die Hand! In Zweierreihen hintereinander!"
Sie zerrte den Kinderwagen in eine neue Richtung. Nummer Sechs konnte noch nicht laufen, aber das würde sich schnell ändern - spätestens wenn Sieben den Platz im Kinderwagen beanspruchte; was in zwei Monaten der Fall sein dürfte. Kate sah nicht ein, zwei Wagen zu schieben, wenn einer reichte. Sie wollte nicht einmal einen schieben und stieß den Kinderwagen an damit er allein rollte und widmete sich einem Artikel über irgendwelche Filmfestspiele. Es ging ihr nicht um Kunst oder Filmkritiken, sondern die Roben der Stars und Sternchen auf dem roten Teppich. Sie stieß den Wagen wieder vorwärts. Kate betrachtete die Fotos in der tiefen Überzeugung, dass sie auf jeden Fall eine viel bessere Figur darin gemacht hätte. Sie inspizierte ein Dior-Kleid, das an Cate Blanchett herumschlackerte wie an einer Vogelscheuche und an Stellen herunterhing, die Kate optimal ausgefüllt hätte. Automatisch schubste sie den Kinderwagen wieder ein paar Meter vorwärts. Sie fragte sich, warum einige es zu Berühmtheit, Ansehen und Geld brachten, und sie nicht - eine der großen Ungerechtigkeiten des Lebens. Mit der Rechten stieß sie den Kinderwa... Da war kein Kinderwagen. Kate sah nach vorn. Die Straße war an dieser Stelle leicht abschüssig und das Gefährt hatte bereits Fahrt aufgenommen und holperte auf die Main Road zu. Aus den Geschäften auf beiden Seiten der Straße - dem Flanierzentrum Boroughs - sahen Kunden amüsiert dem verselbständigten Baby nach, aber keiner dachte daran, es aufzuhalten. Kate sah die Kreuzung, auf die der Kinderwagen zurollte, über die ungebremst Autos und Laster donnerten und kalkulierte blitzschnell. Für Baby Sechs - Klein-Harry - kassierte sie Alimente von drei potenziellen Vätern. Kate begann zu schreien.
Der Schrei gellte durch die Geräusche des vormittäglichen Einkaufgetümmels. Lutetia wirbelte herum und erfasste die Situation mit einem Blick. Sie rannte los. Aber sie wusste, selbst mit Höchstgeschwindigkeit wäre der Lieferant von Marcs & Spencers schneller - leider saß der in einem Vierzigtonner und war zu sehr mit dem Mobiltelefon beschäftigt, um den wildgewordenen Kinderwagen zu bemerken. Die Menschen registrierte sie als zu Salzsäulen erstarrte Gaffer. Die meisten hatten nicht begriffen, was los war, andere Gesichter glühten mit Vorfreude auf etwas Spannendes - die Erwartung von etwas Entsetzlichem, das jemand anderem zustoßen würde. Ein Blitzlicht flammte auf. Ein Mann löste sich aus der Menge. Sie konnte ihn nicht erkennen, denn er sprintete schnell und zielstrebig wie ein Gepard auf der Jagd auf das Kind zu. Der Mann musste ein Sprinter sein. Neben ihm schien es, als bewegten sich alle anderen in einer Atmosphäre aus Gelee. Er wäre eindeutig vor ihr und dem Vierzigtonner bei dem Kind. Sofort blieb Lutetia stehen - alles andere wäre Energieverschwendung gewesen. Der Kinderwagen war auf dem tiefsten Punkt seiner Fahrt stehengeblieben - mitten auf der Fahrspur. Klein-Harry schaute erwartungsvoll auf das große Auto, das sich ihm näherte. Ein kleines Babylächeln erschien auf seinem Gesicht, als Harry überlegte, wie er mit dem Ding spielen würde. Erst jetzt richtete der Fahrer den Blick wieder auf die Straße - und verlor schlagartig jede Farbe im Gesicht. Die Bremse kreischte, als er mit aller Kraft auf die Pedale stieg. Der Anhänger brach aus und fegte alles aus dem Weg. Noch zwei Meter.
Der Mann lief nicht mehr aufrecht. Er hatte, um dem Wind weniger Angriffsfläche zu geben, den Kopf vorgestreckt und den Oberkörper immer weiter nach unten geneigt bis er einer Rakete im Zielanflug glich. An der Bordsteinkante sprang er, katapultierte sich nach vorn, zielte mit der Schulter auf den Kinderwagen, um ihn aus der Gefahrenzone zu stoßen wie ein Quaterback seine Gegner. Die Stoßstange war einen halben Meter entfernt, als es so weit war.
Klein-Harrys Babylächeln war in die Breite gewachsen, als der Kinderwagen eine unerwartete Beschleunigung erfuhr. Mit unglaublicher Wucht wurde das Gefährt zur Seite gedrückt und ohne den Sicherheitsgurt, mit dem Kate ihre Grundversorgung absicherte, wäre Harry des Trägheitsgesetzes wegen an Ort und Stelle geblieben.
Der Mann musste seinen Sprung entweder exzellent vorherberechnet oder keine sonderliche Angst vor dem Tod haben. Als Harry außer Gefahr war, fehlten noch fünf Zentimeter zum Aufprall. Aber er hatte einen Fehler gemacht. Lutetias Wahrnehmung lieferte Zeitlupenaufnahmen. Er musste ziemlich groß sein, einen Meter neunzig vielleicht. Zu lang, um das Baby und sich selbst außer Gefahr zu bringen. Lutetia konnte sehen, wie die Füße des in der Luft schwebenden Mannes weggedrückt wurden, wie sein ganzer Körper den gradlinigen Kurs änderte und einen Bogen beschrieb, der zu einem Kreis, einer Spirale und dann einem Schleudertrauma würde.

Im Kindle-Shop: Lutetia Stubbs: Herz aus Stein

Mehr über und von Matthias Czarnetzki auf seinem Autoren-Blog.

25. Oktober 2012

'Gott würfelt doch - Abgrund' von Lutz Kreutzer

Thriller über ein schier unglaubliches Leben. Das Leben des Walter Landes ist von Bildung und Wohlstand geprägt. Ein Ereignis stellt alles auf den Kopf: Walters Freundin Anna verschwindet spurlos, und plötzlich taucht ein Doppelgänger auf. Mit ihm begibt sich Walter auf eine erschreckende Irrfahrt in die Vergangenheit. Dann wird Walter angeklagt, sich selbst heimtückisch ermordet zu haben.

Während seiner Odyssee von Deutschland bis in die Nazi-Fluchtburg Eldorado erkennt Walter schließlich, dass in seinem Leben nichts mehr gilt: Wahrheiten entpuppen sich als Lügen, Sicherheiten als Trugschluss. Walter muss sich einem mächtigen Gegner stellen, um dessen perfiden Plan zu vereiteln.

Gleich lesen: Gott würfelt doch - Abgrund: (Band 1)

Leseprobe:
Vor sieben Tagen noch verwandelte das Weiß der Wand jeden Gedanken in meinem Kopf zu Schmerz. Nachdem sie mich endgültig eingesperrt hatten, schrie ich die Mauer sechseinhalb Stunden lang an, bis meine Stimme erstarb. Danach schlug ich meine Stirn dreimal dagegen, dorthin, von wo mich jetzt der Blutfleck erbleicht und fahl anstarrt. Nun stiere ich auf das Papier, das vor mir liegt, und ich habe beschlossen, es gleichgültig zu finden, ob ich in dieser Zelle stecke oder irgendwo anders dahinvegetiere. Ich habe inzwischen den Richterspruch akzeptiert, denn selbst wenn ich frei wäre, könnte ich all das, was geschehen ist, nicht mehr ungeschehen machen.

Sie haben mich verurteilt, weil ich, Walter Landes, am 16. Juli 1988, siebenundzwanzigjährig, angeblich mich, Walter Landes, heimtückisch getötet habe. Mein Urteil lautet: lebenslänglich. Sie haben sich - aus meiner Sicht - der Unfähigkeit preisgegeben, denn ich bin der einzige Mensch, der genau weiß, was vorgefallen ist. Menschen besitzen unterschiedliche Wahrheiten, und die meisten begreifen die große Wahrheit niemals; doch es reicht aus, wenn in diesem Fall nur ich der einen Wahrheit gerecht werde, denn sie wird nicht wahrer dadurch, dass mehr Menschen sie kennen; niemand will mir glauben, und ich bin keinem anderen mehr Rechenschaft schuldig.

Jetzt sitze ich auf einem zerkratzten Holzstuhl, an einem kleinen, schäbigen Resopaltisch, einen Bleistift in der Hand, den ich an seinem Ende zerkaut habe, verurteilt als Mörder; ein klares Fehlurteil! Denn wäre dem rechtens, so wäre ich der erste Selbstmörder, der verurteilt wurde.

Ich werde mir nicht die Qual bereiten, das Fehlurteil aufzuklären. Mein Fall scheint so glasklar, dass selbst meine Eltern erwägen, ich wäre mein Mörder. Und ich kann sie alle verstehen, dass sie das glauben. Im Grunde bin ich dankbar dafür, dass jetzt alles zu Ende gegangen ist, denn das Versteckspiel der letzten Jahre hat mich aufgefressen, und meine Seele ist dabei allmählich verbrannt.

Den Platz der Verzweiflung erkämpft sich mehr und mehr die Gleichgültigkeit in meinem Kopf. Ich werde aufschreiben, wie alles geschehen ist, nicht etwa um Recht zu erfahren. Nein, die Justiz interessiert mich nicht mehr, die Justiz ist - faktisch betrachtet - meiner nicht mehr würdig, denn ich habe ein Urteil provoziert, das es gar nicht geben kann und sie daher in die Absurdität geführt. Ich hause in dieser Zelle, vom Staatsanwalt angeprangert, von den Richtern verdammt, von den Menschen verteufelt, von den Medien ausgeweidet und von der Welt durch den Sumpf der Verachtung gezogen. Es ist im Grunde ein Segen für mich, gefangen gehalten zu werden, denn wenn ich wieder nach draußen käme, würde ich die Schmach, die über mich hereinbräche, nicht ertragen können. Und ich schreibe das alles nur deshalb auf, weil ich mir selbst ein Bild malen möchte; ein Bild - so schön, so grausam und so schmerzlich - wie es sich in dem Moment abzuzeichnen begann, als ich ihm zum ersten Mal begegnete.

Im Kindle-Shop: Gott würfelt doch - Abgrund: (Band 1)

Mehr über und von Lutz Kreutzer auf seiner Autoren-Website.

24. Oktober 2012

'Sustainable Impact' von Marc F. Bloom

Ein Thriller, dessen englischer Titel mit eine Doppeldeutigkeit des Begriffes Impact aufgreift, die es im Deutschen so nicht gibt. Der junge Doktorand Richard Hirlinger trifft für einen Forschungsaufenthalt auf dem Cerro Paranal, dem weltweit leistungsfähigsten optischen Observatorium, in Chile ein. Kurz darauf entgeht er nur knapp einem Unfall, bei dem der führende Experte der Exoplaneten-Forschung unter ungeklärten Umständen ums Leben kommt ...

Bei seinen Nachforschungen macht Richard eine erschreckende Entdeckung, die ihn selbst zum Gejagten macht. Langsam ahnt er, dass er sich mitten in einer weitreichenden Verschwörungen befindet, die eine unerwartete Wendung nimmt.

Gleich lesen: Sustainable Impact - Ein globales Endspiel: Thriller

Leseprobe:
Eine leichte Brise blies die salzige Luft vom Atlantik landeinwärts. Die Sonne stand hoch am Himmel. Nur wenige Wolken durchquerten das perfekte Blau. Ein idealer Tag. Seltene Wasservögel und Amphibien bevölkerten die Küsten und Sümpfe des Merritt Island National Wildlife Refuge, eine Insel zwischen Indian und Banana River an der Ostküste Floridas. Der Jetty Park an der Nordost-Spitze einer langgezogenen Insel südöstlich von Merrit Island bildete die perfekte Kulisse für diesen sonnigen Spätsommermorgen. Im Park hatten sich bereits einige hundert Menschen versammelt. Allerdings waren es an diesem Morgen deutlich weniger als üblicherweise den Start des Space Shuttle verfolgten. Die meisten Besucher hatten sich auf Campingstühlen oder anderen Sitzgelegenheiten niedergelassen. Einige Familien hatten wasserabweisende Decken ausgebreitet und ein Picknick mitgebracht. In der vordersten Reihe hatten professionelle Beobachter Fernrohre mit Stativen aufgebaut. Sie alle warteten auf den Start der Rakete. Die Startrampe des Kennedy Space Center auf Cape Canaveral war in mehreren Kilometer Entfernung nur zu erahnen. Das Kennedy Space Center auf dem nördlichen Teil der vorgelagerten Inseln an der Ostküste Floridas umfasst ein gewaltiges Areal und ist aufgrund seiner Äquatornähe besonders geeignet für Raketenstarts.
Auch Edward Russel, Ingenieur und Leiter einer lokalen Telefongesellschaft, war an diesem Tag mit seiner Frau und den beiden Kindern gekommen, um den Start der Delta IV Rakete vom Jetty Park aus zu verfolgen. Bereits um sechs Uhr morgens waren sie in Tampa aufgebrochen und hatten die zweieinhalbstündige Fahrt ohne die erwarteten Staus hinter sich gebracht. Schon seit längerem hatte Edward Russel seinen beiden Kindern einen Besuch im Kennedy Space Center versprochen. Von der Gelegenheit, diesen Besuch mit der Beobachtung eines Raketenstarts zu verbinden, hatte er erst vor wenigen Tagen von einem ehemaligen Arbeitskollegen erfahren, der seit kurzem bei der NASA arbeitete.
Der Start der Rakete war für 10:23 Uhr angekündigt. Das war zumindest die Information, die sich unter den Wartenden herumgesprochen hatte. Edward Russel hatte zu seiner Verwunderung nichts über den geplanten Start im Internet oder in der Lokalpresse gefunden. Normalerweise berichtete die Presse immer von solchen Ereignissen, die sich dann regelmäßig zu einem Besuchermagnet entwickelten. Umso mehr freute er sich über den Geheimtipp und dass er den Tag mit seiner Frau und den Kindern hier verbringen konnte. Wahrscheinlich ein geheimer Militär- oder Spionage-Satellit, den sie hochschießen. Der kostet uns Steuerzahler wieder eine knappe Milliarde Dollar. Und die Zeitungen werden in einem Zweizeiler vom erfolgreichen Start eines Nachrichtensatelliten berichten. Wahrscheinlich ist das der Preis für die Sicherung unserer Freiheit.
Mit näher rücken der angekündigten Startzeit wurden die Besucher im Park unruhiger und drängten näher an die Küstenlinie heran. Wenige hundert Meter nördlich lag die Cape Canaveral Airforce Station mit ihren unzähligen Startrampen, die sich entlang der Küste nach Norden erstrecken. Edward Russel und seine Familie saßen noch immer bei den anderen Besuchern im Park und verzehrten mitgebrachte Bagels und heißen Kaffee aus der Thermoskanne. Die Kinder fragten ihrem Vater Löcher in den Bauch. Über Raumfahrt, den Weltraum und die Sterne. Edward Russel beantwortete schon seit der Autofahrt geduldig die Fragen. Als der Zeiger an Edward Russels Armbanduhr auf 23 Minuten nach zehn sprang kündigte eine leuchtende Wolke von Gas und Wasser, das zur Dämpfung der zerstörerischen Schallwellen beim Start auf die Unterseite der Rakete gesprüht wurde, das Zünden der Triebwerke an. Die mehr als 1.000 Tonnen schwere Delta IV Heavy Rakete mit insgesamt sieben gebündelten Zusatztriebwerken erhob sich wie in Zeitlupe von ihrer Startrampe. Als eine der stärksten derzeit verfügbaren Raketen kann sie eine Nutzlast von mehr als vier Tonnen in einen geostationären Orbit bringen.
Wenige Sekunden nach dem Zünden der Triebwerke hatte sich die Delta IV bereits über den Turm der Startrampe mit der Bezeichnung 37B, von der aus auch der erste Start eines unbemannten Apollo-Mondlandemoduls erfolgt war, erhoben.
Was für ein Start.
Die Kinder jubelten und sprangen vor Begeisterung in die Luft. Das aus der Ferne herüberdringende tiefe Grollen der Triebwerke war im gut acht Kilometer entfernten Jetty Park als ein dumpfes Grummeln zu hören. Langsam schwoll das Dröhnen weiter an. Die Rakete stieg immer höher in den Himmel. Der Feuerschweif, den die Booster-Triebwerke von der Verbrennung des Wasserstoffs hinter sich herzogen, war gleißender als das Licht der Sonne. Der Weg der Rakete durch die Atmosphäre wurde dabei von einer hellweißen Wolke aus dem Kondensat der Triebwerke nachgezeichnet.
Nach einigen Minuten – von der Rakete war nur noch das Triebwerk als Feuerpunkt an der Spitze des Kondenskegels zu erkennen – bemerkte Edward Russel, dass das Feuer der Triebwerke ins Stocken geriet.

"Sustainable Impact" im Kindle-Shop

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