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28. März 2017

'Eiskalter Schlummer - Band 2: Die Rache' von Lutz Kreutzer

Die Assistentin von Hauptkommissar Völz und Kommissar Kowalski bringt Schwung in die Ermittlungen. In einer eigenwilligen russischen Bar in München haben die drei Polizisten eine merkwürdige Begegnung. Und die Frau des Wirts weiß mehr als sie zugeben kann. Was hat der organisierte Geheimbund der 'Diebe im Gesetz' mit der Sache zu tun?

Unterdessen strebt die Suche nach dem verschwundenen Mädchen auf einen nervenaufreibenden Höhepunkt zu. Immer wieder tauchen geheimnisumwitterte schwarze Gestalten auf, die eine zentrale Rolle zu spielen scheinen. Wie hängt alles zusammen? Was hat der Tote am Baum mit den entführten Mädchen zu tun? Können Völz und Kowalski am Ende den Fall klären?

Band 2 des Thrillers 'Eiskalter Schlummer' um Menschenhandel, Rauschgift und das organisierte Verbrechen, mit einem Ende, das voller Überraschungen steckt. Ein Spannungsroman, der sich an wahren Begebenheiten orientiert.

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Leseprobe:
Die beste Aussicht
Ivana zitterte am ganzen Körper. Ihre Augen waren von einer schwarzen Augenbinde verdeckt. Sie saß neben Igor Köbel im Heck des BMW, der auf der Stadt-Autobahn durch den Richard-Strauss-Tunnel Richtung Süden raste.
Nachdem sie in Ivanas Hotelzimmer eingedrungen waren, hatte Ivana geschrien wie am Spieß. Miro hatte sie so sehr geschlagen, dass ihr Auge angeschwollen war, ihre Wange und ihre Nase hatten geblutet. Ihre Wunden waren von Igor versorgt worden, soweit er das konnte. Ihr Auge schmerzte immer noch.
Miro, der am Steuer saß, hatte russische Punkmusik eingelegt. Die Musik hämmerte so laut, dass Ivana sich die Ohren zuhielt. Neben ihm auf dem Beifahrersitz lag Igors Colt Python.
Igor schlug Miro auf die Schulter. »Hey, leiser, du Idiot!«, schrie er. »Das ist ja nicht zum Aushalten!« Er deutete auf den Colt. »Und pack das Ding weg!«, schrie er. Miro drehte die Musik leiser, nahm den Colt und legte ihn ins Handschuhfach.
»Und fahr nicht so schnell, du Irrer. Oder willst du, dass die Polizei uns bemerkt?«
Miro nahm den Fuß vom Gas. Jetzt fuhren sie sechzig wie überall angezeigt.
»Ich brauch Bonbons!«, sagte Ivana.
Igor packte eine Papiertüte aus und bot ihr Lakritze an. Gierig stecke Ivana drei in den Mund.
»Hey nicht so viele auf einmal!«, sagte Igor und zog die Tüte zurück.
»Was macht ihr mit mir?«, fragte Ivana leise weinend. »Was habt ihr vor?«
»Wir bringen dich in ein neues Haus«, sagte Igor besänftigend.
Miro bog in die Ottobrunner Straße ein Richtung Süden.
»Ihr wollt mich umbringen! So wie Elza und Evgeniya!«, schrie sie. »Und wie die Polizistin!«
»Deine Freundinnen sind tot, weil du so böse warst und weggelaufen bist. Das war deine Schuld. Du bist ein dummes Mädchen. Eigentlich müssten wir dich bestrafen. Weißt du«, fügte er schmallippig hinzu, »anderen Mädchen wurde dafür schon ein Finger abgeschnitten!«
Ivana schreckte zurück.
»Keine Angst, Ivana. Bei dir mache ich das nicht. Weil ich weiß, dass du erkennst, wie dumm du warst. Du machst das nicht wieder, oder?«
Ivana schüttelte den Kopf wie ein kleines Mädchen.
»Gut, Ivana. Du bekommst ein neues Heim. Viel schöner als das erste. Wenn du tust, was wir dir sagen.«
Ivana war kalt. Sie krümmte sich. Dann nickte sie.
Miro bog in den Schumacherring ein und hielt das Auto vor einem riesigen Mietshaus an. Sie stiegen aus. Ivana wehrte sich nicht, sie ging einfach mit. »Wo sind wir hier?«, fragte sie.
»Das brauchst du nicht zu wissen, Ivana. Wir zeigen Dir jetzt deine Wohnung.«
Das hier war so anders als das, was sie bisher von München gesehen hatte. Sie legte den Kopf in den Nacken, um die Höhe dieses Gebäudes zu erfassen. Hier stand ein Mietshaus neben dem anderen. Sie bildeten eine Front, die jeden Betrachter zu erschlagen drohte. Wie die Waben in einem riesigen Bienenstock klebte Wohnung an Wohnung, miteinander verzahnt und längst nicht mehr in dem Zustand, wie sie vor einigen Jahrzehnten einmal gebaut worden waren.
Sie betraten einen dieser großen Wohnkomplexe und stiegen in einen Aufzug. Igor drückte auf die vierzehn. Er packte einen Schlüssel aus. Als sie die Wohnungstür aufsperrten, schlug ihnen ein muffiger Geruch entgegen. Igor öffnete die Balkontür. Er trat hinaus und winkte Ivana zu sich. »Ausblick nach Süden. Die beste Aussicht von ganz München«, sagte er und rang sich ein dünnes Lächeln ab.
Ivana verschlug es für einen Moment die Sprache. Wie schön es hier war! Ihr Blick fiel auf eine Gebirgskette, deren Gipfel von einer weißen Haube überzuckert schienen. »Die Alpen», sagte Igor.
Der Himmel war stahlblau, und die Ebene, die vor ihr lag, war makellos grün. Ein kurzes Lächeln flammte in Ivana auf, und sie spürte einen Augenblick lang so etwas wie Glück.
Dann sah sie sich die Wohnung an. In einem Zimmer stand ein riesiges Bett. Viel zu groß für nur eine Person. Sie ahnte, wozu es dienen sollte.
»Es ist gestern geliefert worden. Fühl dich hier zuhause. Und wehe, du willst weglaufen. Wir finden dich. Immer und überall!«, drohte Igor. Dann lächelte er und streichelte sie. »Sei ein gutes Mädchen.«
Ivana sah ihm traurig in die Augen und nickte vorsichtig. Ihre Furcht riet ihr, sich nicht mehr zu wehren. Sie wollte das hier alles überstehen.
»Hier wirst du leben, Ivana. Zumindest für die nächste Zeit. Und hier wirst du deine Männer empfangen.«
Ivana sah zu Boden.
Igor ging Richtung Wohnungstür. »Ivana, den Schlüssel nehme ich an mich. Ab und zu werden wir vorbeisehen. Du hast genügend Lebensmittel hier. Wir werden dir irgendwann zeigen, wie das hier mit dem Einkaufen geht. Wenn du zahm geworden bist«, lächelte er. »Und versuch nicht, andere Leute auf dich aufmerksam zu machen. Die Wohnungen rechts und links und unter dir stehen leer. Hier hört dich niemand!«, sagte er mit einem hämischen Lachen. »Und selbst wenn dich jemand hört, die Leute, die hier leben, die helfen dir nicht, wenn du schreist. Sie sind Schreie gewöhnt.«

Im Kindle-Shop: Eiskalter Schlummer - Band 2: Die Rache

Mehr über und von Lutz Kreutzer auf seiner Website zum Buch.



25. März 2017

'Isolation: Der Anfang' von C.K. Reuter

Ascon Travennor lebt mit seiner Ehefrau Darjana und drei Kindern in der überfüllten Stadt Phérsír, die durch anhaltende Überflutungen dem Untergang geweiht ist. Im Glauben, etwas Sinnvolles für die Gesellschaft zu tun, arbeitet er als Wohnraumexperte für das Projekt Integration 1. Im Auftrag der Projektleitung kundschaftet er Familien aus und erstattet genauen Bericht über beengte Wohnsituationen. Dass sein Job in Wahrheit einem ganz anderen Zweck dient – und das Projekt einen ganz anderen Namen trägt –, ahnt er nicht.

Hat seine Arbeit etwas mit den vielen Frauen zu tun, die in letzter Zeit einfach verschwinden? Unter ihnen auch die schwangere Kaýleen Grewe, die von einer Vorsorgeuntersuchung bei ihrem Gynäkologen nicht zurückgekehrt ist.

Ascons Bruder lernt Kaýleens Schwester kennen und verliebt sich in sie. Gemeinsam machen sie sich auf die waghalsige Suche nach Kaýleen und stoßen dabei auf einen alten Bunker, der beängstigende Geheimnisse birgt.

Werden sie die Vermisste finden? Und welche Rolle spielen Ascons sensible Ehefrau und der perverse Bunkerwächter Peddenpol?

Gleich lesen: Isolation: Der Anfang (Band 1)

Leseprobe:
Hätte er gewusst, was ihm bevorstand, wäre er lieber im Knast geblieben.
Raphaele Mummbý zitterte vor Kälte, hatte blaue Lippen und entleerte seinen Mageninhalt auf verfaulte glitschige Obstschalen, Essensreste und Zigarettenkippen, die ihn umgaben. Sein Hinterteil fühlte sich eiskalt an, denn sein Hosenboden, auf dem er ständig hin und her rutschte, war binnen Kurzem völlig durchgeweicht. Geduckt saß er da und stellte fest, dass er stank wie der Abfall selbst.
Fünf Uhr morgens und stockdunkel in diesem Müllcontainer, der an zwei riesigen Ketten über der Ladefläche eines Lastwagens hing. Der verrostete Behälter pendelte beim Fahren in sämtliche Richtungen, manchmal so stark, dass Raphaele das Gleichgewicht verlor. Er versuchte sich an den Metallwänden abzustützen, aber vergeblich, seine glitschigen Hände fanden keinen Halt. Unentwegt schlitterte er durch den Müll und knallte schließlich mit dem Kopf an die Metallwand auf der anderen Seite.
Au! Verdammt!
Für einen Moment wurde ihm schwindlig und er befürchtete ohnmächtig zu werden.
Schließlich hielt der Lkw an und der Container bewegte sich langsam und quietschend nach unten. Hart und rumpelnd setzte er auf der Ladefläche auf. Kurz darauf erhob sich der riesige Kasten an der hinteren Seite und sein besonderer Inhalt, der blinde Passagier in dunkelblauer Knastuniform, geriet, beinahe kopfüber, in eine unbequeme und schmerzhafte Lage. Er versuchte sich umzudrehen, aber nirgendwo konnte er sich festhalten. Im Zeitlupentempo rutschte er auf die Öffnungsklappe zu.
Ja … egal … Hauptsache raus hier, mach schon, geh auf, dachte er. Sein Herz begann zu rasen, als die Klappe des Containers sich endlich quietschend öffnete.
Die ersten Kartoffel- und Bananenschalen mitsamt Orangenkompott, gemischt mit übel riechendem Fleisch und Tomatensuppe, rutschten hinaus. Die Abfälle ergossen sich über Jacke, Hose und sein Gesicht. Er spuckte angewidert aus, als ihm Salatsoße über die schmalen Lippen lief, die schon beim Mittagessen im Knast eher nach Arznei als nach Kräuterdressing geschmeckt hatte. Im nächsten Moment atmete er sonderbarerweise noch trockene Zigarettenasche ein, hustete und würgte, als er unkontrolliert zur Luke hin rutschte.
Dann fiel er …

„Hey Alter, aufwachen!“
Die Stimme klang nah und vertraut. Er spürte warmen Atem über seinem halb erfrorenen Gesicht.
„Hallo, Rapha, hörst du mich?“
Klatsch.
Die Backpfeife auf der eiskalten Haut fühlte sich an wie ein Messerstich, und nachdem sich das Schwindelgefühl gelegt hatte, öffnete Raphaele benommen die Augen. Er schaute in die Richtung, aus der die Worte gekommen waren und sah in der Dunkelheit zuerst verschwommen vier weiße Augäpfel. Er blinzelte einige Male, bis er begriff, dass er die Augen seines Freundes Saýosha infolge des Sturzes und der Erschütterungen doppelt gesehen hatte.
Saýosha hielt die Hand, sie steckte in einem schwarzen Handschuh, vor die Nase: „Mann, du stinkst ja schlimmer als vergammelter Fisch! Bin ich froh, dich zu sehen, ich warte hier schon ewig! Komm steh auf, wir müssen hier weg!“ Er holte eine kleine Taschenlampe aus seiner Hosentasche hervor und knipste sie an. Ihr Schein fiel unbeabsichtigt direkt in Raphaeles Gesicht. Der schielte ihn überrascht an und hielt schützend die Hände vor die schmerzenden Augen.
„Sorry“, entschuldigte sich Saýosha. Groß und breit stand er neben ihm wie eine alte Eiche, deren Äste abgesägt worden waren. Sein Körper steckte in einem schwarzen Müllsack, sodass Saýosha fast eins war mit der dunklen Nacht. Zudem hatte er seine Kappe tief ins Gesicht gezogen.
Angewidert wischte Raphaele seine klebrigen Hände am Hemd ab und fasste in sein Gesicht, nur um erleichtert seine Nase zu ertasten, die er vor Kälte nicht mehr spüren konnte. Dann entfernte er faulige Gemüsereste aus seinem Vollbart und den langen schwarzen Haaren, die im Nacken zusammengebunden waren.
Er richtete sich auf und versuchte aufzustehen. „Au! Verdammt!“
„Psssst …! Leise!“, zischte Saýosha und seine wasserblauen, von kleinen Fältchen umrandeten Augen funkelten, während er ihm die Hand reichte. „Der Fuß?“
„Ja, scheiße, ich versuch’s noch mal. Warte.“ Raphaele biss die Zähne zusammen, ergriff die Hand und ließ sich von seinem Freund hochziehen. „Es geht, glaub ich. Muss ihn mir beim Aufprall verknackst haben“, sagte er heftig atmend mit schmerzverzerrtem Gesicht.
Saýosha sah auf die Uhr und drängte. „Wird Zeit, oder willst du zurück in den Bau? Wir müssen schnellstens hier weg! Jaja, Kumpel, hier wird sogar der Abfall bewacht! Die sind doch echt schwachsinnig! Tagelang habe ich hier rumgehangen und alles beobachtet. In einer halben Stunde werden zwei bewaffnete Wachmänner über das Gelände patrouillieren und mit ihren Taschenlampen die Gegend ausleuchten. Wir stehen hier wie auf dem Präsentierteller! Also los, weg hier!“
Er stützte seinen Kumpel, der einen halben Kopf größer war als er, leuchtete mit der Taschenlampe die Grube aus, in der sie standen, und blickte besorgt nach oben. „Kannst du allein gehen? Wir müssen da hoch, durch den ganzen Mist durch. Sei vorsichtig, ich bin vorhin beim Abstieg ein paarmal ausgerutscht, hab mich dann aber einfach hingesetzt und bin in meinem fabelhaften Anzug wie auf Schmierseife hier runtergeglitten.“ Er grinste und zeigte auf den Müllsack und seine Schuhe, die in Plastiktüten steckten.
Als sie mit dem Aufstieg begannen, verflog sein Optimismus. Mit den übergezogenen provisorischen Galoschen hatte er auf dem glitschigen Untergrund keine Chance, also riss er das Plastik kurzerhand ab. Nun stand er mit seinen neuen weißen Turnschuhen inmitten von Unrat, den die Insassen des Gefängnisses Borlínth in der letzten Woche weggeworfen hatten. „Sauerei“, stieß er hervor. Raphaele nickte bestätigend. „Das kannst du laut sagen.“
Saýosha versuchte seinen ehemaligen Knastkumpel so gut es ging zu stützen. Gemeinsam wateten sie durch den Unrat und in wenigen Sekunden waren die Schuhe der beiden verdreckt und durchgeweicht. Bis zu den Knöcheln steckten sie im Müll. Bei Temperaturen nur knapp über dem Gefrierpunkt war der fünfundvierzigjährige Ausbrecher, der nichts als die dünnen Knastklamotten anhatte, in Windeseile völlig durchgefroren und klapperte mit den Zähnen. Er hatte starke Kopfschmerzen, sämtliche Knochen taten ihm weh und durch seinen Fuß schossen messerscharfe Stiche. Er schnaufte heftig. „Nicht so schnell, ich komme mir vor wie durch den Wolf gedreht!“

Im Kindle-Shop: Isolation: Der Anfang (Band 1)

Mehr über und von C.K. Reuter auf ihrer Facebook-Seite.



24. März 2017

'Tod am Deich. Ostfrieslandkrimi' von Ulrike Busch

Kriminalhauptkommissar Tammo Anders von der Kripo Greetsiel wacht mit Magengrummeln auf: Ab heute wird ihm die Profilerin Fenna Stern an die Seite gestellt. Eine Frau in seinem Team – kann das gutgehen? Tammo bleibt nicht viel Zeit, darüber nachzudenken. Bei seiner morgendlichen Radtour fällt er einer Leiche förmlich in die Arme: Der Teehändler und Patriarch Folkert Petersen liegt tot am Deich. Ermordet.

Kurz darauf erscheint Enno Duwe im Ort. Vor rund 25 Jahren war er über Nacht verschwunden, gemeinsam mit Petersens Tochter Tina. Hat Duwe mit dem Mord zu tun? Bei ihren Recherchen geraten Tammo Anders und Fenna Stern in einen Sumpf aus familiären Intrigen, in denen es um viel Geld und geplatzte Träume geht. Und schon bald nach dem Fund der Leiche müssen die Ermittler erkennen, dass der Mörder keine Ruhe gibt.

Ein Krimi in lockerem Stil und mit der bewährten Mischung aus Spannung, Emotion und Humor.

„Tod am Deich“ ist der Auftakt zur Serie ‚Kripo Greetsiel ermittelt‘. Das Team um Kriminalhauptkommissar Tammo Anders und Profilerin Fenna Stern ist in dem historischen Fischerdorf an der ostfriesischen Küste angesiedelt. Der Ort wirkt so romantisch und weltentrückt – man mag kaum glauben, was dort alles passiert. Den nächsten Fall werden die Ermittler im Sommer 2017 zu lösen haben.

Gleich lesen:
Für Kindle: Tod am Deich. Ostfrieslandkrimi (Kripo Greetsiel ermittelt 1)
Für Tolino: Buch bei Thalia

Leseprobe:
Tammo blinzelte. Die heiße Sonne Afrikas blendete ihn. Am Steuer seines Jimco Trophy Trucks kämpfte er sich durch den Wüstensand, den anderen Teilnehmern immer ein Stück voraus. Ein einsamer Wolf auf der gefährlichsten Rallyestrecke der Welt.
Eben noch hatte er sich zwischen riesigen Sandbergen hindurchgeschlängelt, hatte im Vorbeifahren ein Beduinenzelt fast zum Einsturz gebracht und wäre beinahe mit einer Herde wilder Kamele kollidiert. Risiken lauerten überall, doch Aufgeben galt nicht.
Wenn nur die grelle Sonne nicht wäre. Und wieso spielte das Autoradio plattdeutsche Musik? Genervt nahm Tammo eine Hand vom Lenkrad, hielt sie über die Stirn und riss die Augen auf.
Seine gemütlich eingerichtete Dachkammer in Onkel Fridos altem Friesenhaus empfing ihn im Hier und Jetzt. In Schweiß gebadet blickte der Kriminalhauptkommissar um sich. Der Radiowecker zeigte sechs Uhr zweiunddreißig, und durch das Veluxfenster begrüßte ihn ein strahlend blauer Himmel.
Tammo setzte sich auf und schob die zerknüllten Kopfkissen dahin, wo sie hingehörten. Schlagartig fiel ihm ein, was ihn an diesem Tag hier, in Greetsiel, erwartete: ein zusätzlicher Kollege in seinem Team.
Der Neue in der Mannschaft war eine Frau.
Wenn das mal gut ging.
Tammo schlug die Decke zurück und setzte sich auf die Bettkante – das Zeichen für Buddy, dass er sich zum frühmorgendlichen Gassigehen fertig machte.
Der Rüde, eine Schnauzermischung mit pechschwarz glänzendem Fell, legte Tammo beide Pfoten auf die Knie. Mit feuchter Schnauze schnüffelte er an Herrchen herum, schnaufte ihm fragend in die Nase und setzte diesen unwiderstehlichen Blick auf, der ›Fütter mich‹ bedeutete, den Tammo jedoch gern als ›Ich mag dich‹ verstand.
»Ich mag dich auch«, grummelte der Kommissar. »Aber jetzt lass Herrchen erst mal wach werden.« Er schob Buddy sanft von sich weg und schlich sich ins Bad.
»Aller guten Dinge sind drei«, warnte ihn sein Spiegelbild, und Tammo fragte sich, welches Abenteuer außer der Rallye vorhin im Traum und der Kollegin nachher im Büro an diesem Tag wohl noch auf ihn lauerte.
Frisch rasiert und schlecht gelaunt stieg er die Treppen ins Erdgeschoss hinab.
Buddy tapste hinterher.
Im gestreiften Pyjama schlurfte Onkel Frido durch die Diele in die Küche, um das Teewasser aufzusetzen. »Oh, heute mal wieder über die Rasierklinge gerutscht?«, fragte er auf halbem Weg. »Hab ich was verpasst?«
Tammo nahm die Hundeleine vom Garderobenhaken. »Dir auch einen guten Morgen«, murmelte er.
Frido kehrte in die Diele zurück und stützte sich auf die Kommode. »Nu erzähl schon.« Er deutete mit dem Kopf auf das glatt rasierte Kinn seines Neffen. »Dienstjubiläum? Oder nein, doch nicht etwa ’n Mädel? Wird ja auch mal Zeit.«
»Das musst du gerade sagen«, konterte Tammo. »Wie lang ist es jetzt her, dass Tante Lisbeth dich verlassen hat?«
Frido machte eine wegwerfende Handbewegung. »Ich bin wenigstens geschieden. Du hast ja nicht mal ’ne Hochzeit geschafft. Und das mit bald fünfzig Jahren.«
»Achtundvierzigdreiviertel«, korrigierte Tammo ihn. Er klinkte die Leine an Buddys Halsband fest und kramte auf der Kommode nach dem Fahrradschlüssel, der zwischen Brieftaschen, Handschuhpaaren, einer Schale mit Münzen und einem schon ewig nicht mehr beachteten Zauberwürfel lag. Dann gab er seinem Onkel einen Klaps auf die Schulter und verließ mit Buddy das Haus.
Er schwang sich aufs Rad, ließ die Laufleine ausrollen und radelte durch die so früh am Morgen noch menschenleeren Straßen des historischen Ortskerns von Greetsiel, vorbei an den gepflegten Häusern aus naturbelassenen oder weiß gekälkten Backsteinen und an liebevoll dekorierten Sprossenfenstern. Eine Welt aus Puppenhäusern.
Ein frühlingsfrischer Nordwestwind wehte dem Kommissar entgegen, als er in die Sielstraße einbog, geradewegs auf den Hafen zu. Die Masten der Fischkutter reckten sich in den Himmel, und die Fischer liefen geschäftig auf dem Hafengelände herum. Auf der Rückfahrt würde er sich eine große Tüte Granat mitnehmen. Nichts ging über Rührei mit Krabben, dazu ein kräftiger Ostfriesentee.
Tammo lenkte sein Rad auf den Weg, der die Deichkrone entlangführte, und legte an Tempo zu. Putzmunter und topfit wollte er erscheinen, wenn die Neue nachher das Büro betrat. Für den ersten Eindruck gab es keine zweite Chance.
Wie das wohl laufen würde mit Fenna Stern? Fallanalytikerin nannte sie sich. Mit einem extrascharfen, spuckesprühenden F warf Tammo dem Wind das Wort entgegen. Fallanalytikerin. Auf Neudeutsch: eine Profilerin.
Als sie sich weit genug vom Ortskern entfernt hatten, löste Tammo die Leine von Buddys Halsband. Übermütig lief der Hund zu den Wiesen am Leyhörner Sieltief hinab und hechtete einer Möwe hinterher, während Herrchen auf dem Deich die Ruhe genoss. Weit und breit war kein Mensch zu sehen.
Bis auf den Jogger da vorn, der ihm entgegenlief.
Kopfhörer, Sonnenbrille und den Blick stur geradeaus. Das waren die Typen, die der Kommissar nicht leiden konnte. Auf dem schmalen, unebenen Pfad machte der Turnschuhträger sich breit wie ein Überseekoffer.
In Gedanken noch auf der Rallye im Wüstensand unterwegs, wich Tammo dem Sportler mit einem zu großen Schlenker aus. Er kam ins Trudeln, und plötzlich stand die Welt Kopf. Das Bike machte einen Salto über ihn hinweg und polterte hinab. Lenker und Vorderrad landeten im Entwässerungsgraben hinter dem Deich. Tammo rollte hinterher, fand jedoch vor dem Schilfgürtel am Ufer des Grabens Halt.
Nach einer Schrecksekunde blickte er hinauf. »Hey!«, rief er dem Jogger hinterher, doch der lief weiter wie ein Roboter.
Aufgeschreckt von Tammos Ruf erschien Buddy oben auf dem Deich. Seine hochgestellten Ohren, der schiefgelegte Kopf und die braunen Knopfaugen stellten eine Frage, auf die Herrchen jetzt nicht eingehen wollte.
Hoffentlich war das Rad nicht verbeult. Tammo raffte sich auf. Mit der einen Hand umfasste er das Oberrohr, mit der anderen den Sattel und versuchte, das Bike herauszuheben. Der linke Fuß schmerzte, der Drahtesel gab sich störrisch.
Ein zweiter Versuch. Vergeblich.
Was hielt das Rad im Wasser?
Tammo kniete sich hin und drückte das Schilf auseinander.
Da sah er die Hand.
Blutleer und schlaff hatte sie sich in den Speichen verfangen. Sie gehörte zu einer dunkel gekleideten Gestalt, die, das Gesicht nach unten gekehrt, im Wasser trieb.

Im Kindle-Shop: Tod am Deich. Ostfrieslandkrimi (Kripo Greetsiel ermittelt 1)
Für Tolino: Buch bei Thalia

Mehr über und von Ulrike Busch auf ihrer Website.



23. März 2017

'Back to Love' von Kirsten Wendt

Zurück in die 80er! Eine romantische Zeitreise in die Ära der üppigen Dauerwellen, Schulterpolster und Mantas mit Fuchsschwanz.

Stell dir vor, du gehst ins Bett und wachst in deiner eigenen Vergangenheit wieder auf – im Jahr 1989.

Genau das passiert Sandra. Nach dem anfänglichen Schock kann sie ihr Glück kaum fassen: Sie ist wieder neunzehn, die Haut straff und der Kleiderschrank voller bunter Blazer. Auch Chris küsst so gut wie damals, und ihre geliebte Oma lebt noch. Doch je länger sie die Zukunft hinter sich lässt, desto größer wird die Angst, nie mehr zu ihrem kleinen Sohn Moritz zurückkehren zu können. Sandra muss sich entscheiden: Soll sie sich ganz auf Chris einlassen, oder wird er ihr womöglich erneut das Herz brechen?

Gleich lesen: Back to Love

Leseprobe:
Ich habe keine Ahnung, was ich zuerst tun soll. Ob ich mal rausgehe? Verfliegt dann womöglich der Zauber? Nein, ich bleibe lieber vorerst in der sicheren Wohnung und denke weiter nach … Das Telefon klingelt und reißt mich aus den Überlegungen. Ein dunkelgrünes Tastentelefon, das auf einem offenen Regal im Kieferschrank steht. Das sperrige Möbelteil nimmt nahezu den gesamten Platz im Zimmer ein. Mein Herz rast, als ich den Hörer abhebe.
„Sandra Brauer?“
„Sunny? Bist du’s?“, fragt eine junge Frau.
Verdammt, wer ist das? Ich kann mich nicht an die Stimme erinnern. Vielleicht ist es Tatjana, mit der ich ein oder zwei Jahre lang in der Berufsschule zusammensaß. Meine Gedanken spielen verrückt.
„Ja, klar, hallo! Wie geht’s denn?“ Erst mal Zeit mit sinnlosen Floskeln überbrücken.
„Äh, du hast dich eben mit Bauer oder so ähnlich gemeldet.“ Na klar, jetzt erkenne ich die Stimme, es ist Tatjana. Oh, wie schön! Die habe ich seit bestimmt zwanzig Jahren nicht mehr gesprochen. Ich muss mich unbedingt konzentrieren. Natürlich heiße ich noch nicht Brauer, sondern trage meinen Mädchennamen Thomsen. Ruhig Blut bewahren.
„Haha, echt? Vermutlich weil ich noch im Halbschlaf bin. Ich bin nur früh eingepennt.“
Das war noch nicht einmal gelogen. Mir fällt ein, dass ich sehr schlecht gelaunt war und mir mal wieder heimlich gewünscht hatte, ein anderes Leben zu führen. Irgendein Leben, das zu mir passt und in dem ich aktiv statt frustriert bin. Doch der harmlose Wunsch kann unmöglich der Grund dafür sein, mal spontan in der eigenen Vergangenheit zu landen.
Ich muss aufpassen, was Tatjana sagt, sonst verliere ich komplett den Überblick.
„Dann hab ich dich geweckt, das tut mir leid“, meint sie. „Aber nun bist du startklar, oder? Wollen wir noch zur Sternschanze? Übrigens hat Niklas keinen Ton von sich gegeben, das Arschloch, genau wie du es prophezeit hast. Ach ja, Sunny, denk dran, dass ich die Knarre zurück brauche, bevor mein Bruder was merkt!“
Hä? Ich verstehe nur Bahnhof. Wer ist Niklas? Und was für eine Knarre meint sie? Irgendwas war damals mit einer Pistole, mir fällt es gleich ein. Ich greife das Telefon, klemme mir den Hörer zwischen Schulter und Ohr und passe auf, nicht über das dicke Kabel zu stolpern. Trotzdem wundere ich mich, wie innerhalb kürzester Zeit all diese längst vergessenen Sachen wieder normal werden. Wer hätte 1989 gedacht, dass in wenigen Jahren kein Mensch mehr mit riesigen Apparaten an einer Schnur rumläuft?
„Sunny? Bist du noch da? Du bist so komisch heute. Ist wirklich alles okay mit dir? Wir können auch morgen losgehen, das ist kein Problem. Ich komme einfach bei dir rum, und wir quatschen ein bisschen. Hm?“
„Ach, sei mir nicht böse, aber ich bin tatsächlich etwas neben der Spur und würde gerne weiterschlafen. Ich gebe dir die, äh, Knarre Montag nach der Arbeit. Geht das?“
Meine Suchaktion war erfolgreich, ich habe die Pistole gefunden. Ehrfürchtig starre ich das klobige, schwarze Monstrum an, das unter einem Stapel Zeitschriften versteckt lag. Was für ein beeindruckender Haufen das ist. Kein Wunder, dass ich ständig pleite war, denn so viele Ausgaben der Brigitte, Freundin und Cosmopolitan würde ich mir mit sechsundvierzig nicht mal in einem ganzen Jahr leisten. Am anderen Ende der Leitung plappert Tatjana weiter, doch ich kann ihr kaum folgen, weil meine Gedanken zurückwandern. Plötzlich erinnere ich mich an jedes Detail. Mit der Gaspistole fing alles an. Und auf einmal weiß ich, was ich als Nächstes zu tun habe.
„Ich melde mich bald, Tatjana. Tschüss!“
Ich schmeiße den schweren Hörer auf die Gabel, gebe klebriges Haarwachs in die Dauerwelle und suche nach hohen Schuhen. Meine Schuhauswahl ist beschämend. Was sind das hier alles für Oma-Treter? Pumps mit höchstens vier Zentimeter Absatz in allen Farben: Weinrot, Schwarz, Blau, Beige und – igitt – Weiß. Offensichtlich hatte ich als junges Mädchen altmodischere Pumps als fast drei Jahrzehnte später. Ich entscheide mich für schwarze Westernboots von Buffalo, die haben immerhin über dreihundert Mark gekostet und mich gleich zu Beginn der Ausbildung in die Miesen gestürzt. Die wichtigen Sachen vergisst man nie.

Im Kindle-Shop: Back to Love

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22. März 2017

'Eiskalter Schlummer - Band 1: Das Verlies' von Lutz Kreutzer

In der Isar bei München wird die Leiche eines Journalisten gefunden. Die Gesichtszüge des Mannes weisen auf eine asiatische Herkunft hin. Wie sich bald herausstellt, war der tote Journalist ein paar Finanzhaien auf die Spur, die den Wohnungsmarkt in München auf skrupellose Weise untergraben. Wenig später hängt ein Mann an einem Baum, der gefürchtete Personalchef einer Bank.

Drei Mädchen geraten an eine russische Schlepperbande. Die jungen Frauen suchen ihr Glück und vertrauen ein paar Männern, die ihnen ein leichtes Leben versprechen. Ihre Gutgläubigkeit wird ihnen zum Verhängnis, und sie landen in einem Verlies.

Hauptkommissar Benno Völz und sein Kollege Kowalski stehen vor einem Rätsel. Ihre neue Assistentin aber scheint ihre Ermittlungen jedoch zu beflügeln. Ein Fall, der die Polizisten menschlich an ihre Grenzen bringt.

Die Geschichte spielt in München und in Kalmückien, der tiefsten russischen Provinz. Ein Thriller um Menschenhandel, Rauschgift und organisiertes Verbrechen, der sich an wahren Begebenheiten orientiert.

Gleich lesen: Eiskalter Schlummer - Band 1: Das Verlies

Leseprobe:
Der blutleere Zwickauer

Elista, Kalmückien, Mai 2014
»Hallo Papa. Ich bin Igor. Schön, dich kennenzulernen«, sagte er, holte aus und knallte Sergej Kasikov die Faust ins Gesicht.
Sergej flog gegen die Reihe Mäntel, die an der Garderobe hingen. Verwundert musterte er Igor, schüttelte sich und stand auf. »Den Schlag hast du von mir«, schnarrte er in gebrochenem Deutsch und rieb sich Kinn und Nase, aus der das Blut in seine Hand lief.
Als Igor ihm ein Taschentuch reichte, lehnte Sergej ab. Stattdessen wischte er das Blut mit dem Ärmel seines Hemds kurz weg und ließ es einfach weitertropfen.
Igor roch deutlich seine Alkoholfahne.
»Igor. Igor heißt Du also«, sagte Sergej mit bohrendem Blick und nickte. »Und weiter?«
»Köbel. Igor Köbel!«
»Hat Deine Mutter also meinen Wunsch nach einem russischen Namen erfüllt, diese Hure!« Sergej grinste schief. Seine Augäpfel waren von roten Äderchen durchzogen.
Igor nahm ihn beim Hemd und hielt ihn hoch. »Nenn meine Mutter nie wieder Hure!«, schnauzte er und starrte seinem Vater drohend in die Augen.
»Warum nicht? Ist sie nicht?«, fragte Sergej, hob seine Arme und boxte Igor die Fäuste in die Seiten.
Igor grunzte und ließ ihn los.
»Igor ist guter Name. Aber… Ko-ebel. Viel zu deutsch für Russe!«, rief Sergej und spuckte in eine Ecke.
Igor trat über die Türschwelle und sah sich um. Dieses Heim war so schäbig und roch so beißend, dass er die Nase rümpfte.
»Hat sie dich gut behandelt, deine … Mutter?«, fragte Sergej und wartete geduldig auf eine Antwort. Doch die kam nicht. Dann lachte er laut auf. »Siehst du, ich habe es gewusst. Eine verdammte Hure.«
»Du kannst russisch reden, hab’s in der Schule gelernt«, sagte Igor zischend. »Ty buchoj, versoffenes Loch!«
»Was willst du hier?«
Erst jetzt erfasste Igor, wie klein sein Vater war. Das Foto, das seine Mutter ihm vor langem gegeben hatte, zeigte nur sein Gesicht. »Ich wollte wissen, welcher Widerling mir meinen großen Kopf und die tellergroßen Hände verpasst hat.«
Sergej betrachtete die Innenflächen seiner Hände, drehte sie dann hin und her und brummte: »Musst du von meinem Großvater haben. Man sagt, er war ein Riese!«
»Hast du ihn nicht gekannt?«, fragte Igor.
»Nein«, antwortete Sergej grimmig, »hat sich tot gesoffen, als meine Mutter noch ein Kind war.« Sergej fasste Igor bei den Armen und prüfte seine Muskeln. »Wie bist du hierhergekommen, Igor?«
»In Moskau bin ich in eine kleine Maschine umgestiegen, mit der bin ich hierher nach Elista geflogen.«
Sergej nickte. Er strich über sein blutig verschmiertes Hemd und maß Igor von oben bis unten. »Wie groß?«, fragte er, streckte die Brust raus und legte den Kopf nach hinten, so wie er es als sowjetischer Soldat für Militärparaden gelernt hatte.
»Zwei Meter drei.«
»Das ist verdammt groß«, sagte Sergej mit dem Blick väterlicher Ergriffenheit. »Lass uns feiern, mein Sohn!« Sergej zog Igor in die Wohnung. Dann schrie er etwas.
Drei Kameraden, unfrisiert, vom Alter gebeugt und ziemlich verwahrlost, kamen angewackelt. Der Erste trug einen Orden an der linken Seite, wo ein Arm fehlte, der Zweite humpelte auf zwei Krücken, weil ihm das linke Bein fehlte, und der Dritte trug eine schwarze Binde, weil ihm anscheinend das rechte Aue fehlte. Sergej stellte Igor als seinen Sohn vor. Sie freuten sich lauthals und reckten sich, um Igor auf die Schultern zu klopften.
»Was machst du hier in diesem gottverlassenen Ort?«, fragte Igor und drehte sich, um jedes noch so verkommene Detail dieser Behausung zu erfassen.
Sergej schniefte unappetitlich. »Hast Du eine Ahnung, wo du hier bist?«, fragte er leise.
»Das muss wohl der Arsch der Welt sein«, spottete Igor.
Sergej zog den Rotz hoch. »Kalmückien, das Dreckloch am Kaspischen Meer. Seit die Sowjets hier gewütet haben, gibt es hier nichts als Wüste, bis hinab zur Manytsch-Niederung. Da ist Europa tatsächlich zu Ende. Südlich davon, da bist du schon in Asien. Dort gibt es nur noch verarmte Darginer, heimatlose Turkmenen«, zählte er voller Verachtung auf, »streitsüchtige Osseten und amoklaufende Tschetschenen. Und dann, noch weiter unten, da ist schon der Kaukasus. Wenn du in diesem Scheißland hier verschwindest, fragt niemand nach dir.«
»Und warum finde ich dich ausgerechnet in diesem Loch? Ich dachte, du lebst in Saus und Braus?«
»Das ist lange her. Wir haben alles versoffen, verhurt und im Westen verbraten. Jetzt ist das Geld weg.«
»Und wieso Elista?«
»Elista!«, sagte Sergej und breitete die Arme aus. »Das hier ist nicht nur die Hauptstadt von Kalmückien, das ist gleichzeitig die Welthauptstadt des Schachspiels. Hier gibt es die besten Spieler auf dem Planeten. Und meine Freunde und ich hier, wir tun den ganzen Tag nichts anderes als Schach spielen.«
»… und Saufen!«, brummte Igor streng.
Sergej lachte laut.
»Schachspielen, das Einzige, was du am Hindukusch machen konntest, um nicht verrückt zu werden«, schnarrte der einbeinige Kerl, wackelte auf seinen Krücken gestützt unsicher zur Seite und grinste verächtlich.
»Meine Freunde … also die, die mir geblieben sind«, sagte Sergej und ließ seine Hand kreisen, um die drei Männer vorzustellen. »Wir waren lange zusammen in Afghanistan, seitdem muss ich für sie denken und die Wohnung putzen«, höhnte Sergej. »Danach waren wir kurz in Deutschland stationiert.«
»Deutschland war das Paradies!«, rief der Einäugige.
»In dem Zustand haben sie euch in Deutschland als Soldaten arbeiten lassen?«, höhnte Igor und zeigte auf die fehlenden Gliedmaßen und die Augenbinde.
»War billiger als uns eine Leibrente zu geben. Und nach dem Abzug haben die Deutschen dann alle Zahlungen übernommen, diese Idioten!«, lachte Sergej ausgelassen. Die anderen Drei fielen lauthals in sein Lachen ein.
»Wir haben viel Geld verdient«, sagte der Einarmige hämisch.
»Ja, Mama hat erzählt, dass ihr mit Stoff gehandelt habt«, sagte Igor bitter, »du hast sie süchtig gemacht mit dem Scheiß.« Erneut packte er Sergej beim Kragen. »Und mich dann allein mit ihr gelassen.«
Sergej machte ein betretenes Gesicht. »Jungchen, komm, sei nicht so böse mit mir. Deine Mamuschka hat das selbst gewollt. Ich hab ihr nie dazu geraten, ich hab das Zeug nur verkauft in ihrem Land. Und sie wollte es probieren. Da hab ich ihr halt was gegeben.« Er hob die Schultern und machte eine Miene der Unschuld. »Hier, frag meine Freunde, sie können das bezeugen«, sagte er und zeigte auf die Männer, die im Halbkreis um sie herum standen und heftig nickten.
»Und warum geht das jetzt nicht mehr mit dem Schmuggeln?«, fragte Igor und beäugte seinen Vater skeptisch.
Sergej lachte. »Das willst du alles wissen, mein Junge? Das ist viel zu viel für deinen jungen Kopf.«

Im Kindle-Shop: Eiskalter Schlummer - Band 1: Das Verlies

Mehr über und von Lutz Kreutzer auf seiner Website zum Buch.



21. März 2017

'XING für Unternehmerinnen: Einstellungen und Datenschutz' von Angela Fechner

Detaillierter Leitfaden für Datenschutz und Sicherheit im XING Netzwerk.

Meine bisherigen Erfahrungen zeigen, dass meistens Frauen skeptisch sind, wenn es um persönliche Daten im Internet und in sozialen Netzwerken geht. Der Leitfaden für Unternehmerinnen beschreibt detailliert und verständlich alle Einstellungen, die für Sicherheit und Datenschutz im XING Netzwerk sorgen.

Gleich lesen:
Für Kindle: XING für Unternehmerinnen: Einstellungen und Datenschutz - Sicherheit im XING Netzwerk
Für Tolino: Buch bei Thalia

Leseprobe:
Warum XING?
Mit über 10 Millionen Nutzern im deutschsprachigen Bereich D-A-CH, ist das Hamburger Unternehmen das berufliche Netzwerk Nummer 1. Wenn es darum geht berufliche Kontakte zu finden, zu pflegen und ein passendes Netzwerk aufzubauen, kommt man heute an XING nicht vorbei.
Angestellte nutzen XING als digitale Bewerbungsunterlage und zeigen ihre Erfahrungen, Ausbildungen und Qualifikationen. Im Portfolio setzen Arbeitsproben, Videos, Bilder und ausführliche Texte den Bewerber ins rechte Licht. Mit den entsprechenden Einstellungen werden Recruiter auf den Bewerber aufmerksam.
Selbständige und Unternehmer nutzen das Profil, um sich und ihre Dienstleistung oder ein Produkt gut sichtbar darzustellen. Nutzen und Einzigartigkeit sowie passende Schlüsselworte führen zu neuen Kontakten und Kunden. Mit der gezielten Suche bahnen sich Kooperationen und Geschäftsbeziehungen an. Gute Gründe um ein professionelles XING Profil aufzubauen.
Ich bin seit 2005 Mitglied auf XING. In meiner Zeit als Angestellte habe ich das Netzwerk Open BC, wie das Netzwerk früher hieß, genutzt, um mich mit Kollegen, Kunden und Dienstleistern zu verbinden. Es war recht einfach das Profil auszufüllen. Da ich noch keine bestimmte Wirkung erzielen wollte, kam es nicht auf die „richtigen“ Eingaben an. Das änderte sich schlagartig als ich mich 2010 selbständig machte. Nach und nach bemerkte ich, dass sich durch Veränderungen in den Rubriken mehr und mehr Profilbesucher auf mich aufmerksam wurden, nach meinen Dienstleistungen fragten und mich buchten. Mittlerweile erhalte ich einen Großteil meiner Aufträge über XING und aufgrund von Empfehlungen aus meinem XING Netzwerk.
Im Laufe der Jahre hat XING Funktionen hinzugefügt und Darstellungen einige Male verändert, teilweise recht drastisch und meines Erachtens immer positiv. Aus der „Über mich Seite“, die recht versteckt war, ist nun das Portfolio entstanden. Eine tolle Möglichkeit, sich und sein Angebot mit Texten, Bildern und Videos optisch ansprechend darzustellen. Das Portfolio kann nun sogar als Startseite des Profils fungieren, eine wirkliche Aufwertung der Darstellung. Um Bilder auf XING einzufügen musste man einst eine gesonderte „technische Ausbildung“ absolvieren. Heute werden Bilder und Videos einfach mit zwei Klicks hochgeladen.
XING ist im Laufe der Zeit mit seinen Angeboten und neuen Funktionen komplexer geworden. Wenn man sich nicht ständig auf der Plattform aufhält, entgehen einem häufig Veränderungen oder Funktionen.
Ich finde es wichtig, dass jede Unternehmerin und jeder Unternehmer auf XING vertreten ist – und wenn es „nur“ mit einer digitalen Visitenkarte ist. Mit einem professionellen Bild, den aktuellen Berufsangaben und passenden Begriffen unter Ich biete und Ich suche. Diese Chance auf mehr Sichtbarkeit sollte sich niemand entgehen lassen.
Und weil sich nun nicht jede Unternehmerin dauernd mit den Änderungen bei XING und den Auswirkungen auf ihre Sichtbarkeit beschäftigen kann, ist dieses E-Book entstanden. Es soll Ihnen in kurzer Zeit helfen, die für Sie richtigen Einstellungen zu finden.

Was Sie erwartet
Sichtbarkeit hat natürlich auch ihren Preis und in meinen Beratungen treffe ich immer wieder auf Unternehmerinnen, die sich schwer tun ihre Daten auf XING zu veröffentlichen. Einige haben Angst, ihre Daten könnten missbraucht werden. Und ich habe das eine oder andere Mal gehört: „Wenn ich mich zu einem Event auf XING anmelde, habe ich doch gleich die Einbrecher im Haus.“ Das kann ich verstehen, stelle ich doch immer wieder fest, dass Frauen anscheinend ein anderes Sicherheitsbedürfnis haben als Männer. Dem kann frau relativ einfach Rechnung tragen, denn es kommt immer darauf an, welche Einstellungen ich vornehme und welche Daten ich preisgebe.
Außerdem - Geht es um die Sicherheit, so schreiben die Verantwortlichen bei XING, dass sie sich regelmäßig Prüfungen von unabhängigen Institutionen unterziehen, dem deutschen Datenschutzrecht unterliegen und Kreditkartenangaben besonders gesichert werden. Die gesamte Infrastruktur der Hamburger Firma wird von einem eigenen Sicherheitsteam sowie externen Experten überprüft. (https://corporate.xing.com/de/unternehmen/sicherheit/). Das ist ja schon mal ganz beruhigend.
Jetzt wollen Sie sicher wissen, wie Sie sich als Nutzerin selber davor schützen können, dass Ihre Daten nicht in die falschen Hände geraten? Diese Checkliste für die richtigen Einstellungen sowie das Abschlusskapitel Datenschutz habe ich für Sie zusammengestellt. Viel Spaß beim Lesen und Anwenden.
Überprüfen Sie sämtliche Bereiche und entscheiden Sie, was für Sie wichtig ist. Ich erkläre an vielen Stellen, welche Einstellung ich gewählt habe und warum.

Im Kindle-Shop: XING für Unternehmerinnen: Einstellungen und Datenschutz - Sicherheit im XING Netzwerk
Für Tolino: Buch bei Thalia

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20. März 2017

'Petermanns Chaos' von Eva Joachimsen

Das Leben des pedantischen Buchhalters Wilhelm Petermann gerät aus den Fugen, als seine chaotische jüngere Schwester mit ihren drei kleinen Kindern, Hund und Katze in seiner Zwei-Zimmer-Wohnung auftaucht.

Lydia, das verwöhnte Nesthäkchen der Familie, ist vor Eheproblemen weggelaufen und bürdet Wilhelm ihren Nachwuchs auf, während sie sich auf die Suche nach einer neuen Bleibe macht. Natürlich leiden auch die Nachbarn unter dem Lärm und der Unruhe im Haus und reagieren verärgert.

Gleich lesen: Petermanns Chaos

Leseprobe:
Geschockt ließ sich Wilhelm auf einen Küchenstuhl sinken. Typisch Lydia. Wie sollte er als Junggeselle seine Neffen beschäftigen? Er hatte weder Ahnung von Kindern, noch Spielzeug im Haus. Sonst sah er sie zu Weihnachten und den Geburtstagen. Da waren sie fast die ganze Zeit mit ihren Geschenken beschäftigt und halbwegs friedlich. Darüber war er immer recht froh, denn die übrige Zeit nervten sie mit Sonderwünschen oder Wutanfällen, wenn die Wünsche nicht sofort erfüllt wurden.
„Onkel, spielst du Fußball mit mir? Liest du vor?“ Und wenn der Onkel nicht auf der Stelle reagierte, schrien sie sich die Kehlen wund. Es kam auch vor, dass er Nico vorlas, während Sascha tobte, weil Wilhelm mit ihm eine Burg aus Holzbausteinen bauen sollte. Bei den Mahlzeiten konnten sich die Erwachsenen kaum unterhalten, da Lydia die Kinder ermunterte zu erzählen, ohne Rücksicht auf die übrigen Gäste bei Tisch. Und jetzt war er diesen Ungeheuern alleine ausgesetzt.
Sein Blick fiel auf den Staubsauger. Die Scherben! Er sprang hoch, holte die Splitter aus dem Badezimmer, wo er sie aus der Hand gelegt hatte, warf sie in den Mülleimer und saugte den Teppich gründlich. Hannibal verzog sich jaulend in die Küche. Cleo sprang vom Sofa über die Anrichte auf den Schrank und beobachtete ihn. Wilhelm hatte das Gefühl, gleich würde der Kater von oben angreifen, ihm wieder in den Nacken springen. Nachdem er den Ohrensessel und das Sofa gründlich von den Katzenhaaren befreit hatte, fiel sein Blick auf Sascha, der an den glänzenden Knöpfen der Stereoanlage drehte.
„Nein, Sascha, lass die Musikanlage in Ruhe“, sagte er so scharf, dass der Junge erschrocken aufhörte und unter den Tisch flüchtete.
„Onkel Wilhelm, ich habe Hunger“, jammerte Nico.
„Du hast doch gerade etwas gegessen.“ Wilhelm musterte den Neffen wie ein lästiges Insekt.
„Ich habe trotzdem Hunger“, schluchzte Nico.
„Na, komm, dann suchen wir etwas Essbares.“ Wilhelm nahm ihn an die Hand und marschierte in die Küche.
„Magst du ein Käsebrot?“
„Iiii, Käse.“ Nico schüttelte sich und weinte lauter.
„Magst du Schinken?“
Nico schüttelte den Kopf. „Ich will Leberwurst.“
„Die habe ich nicht. Aber wie wäre es mit Marmelade?“
Plötzlich versiegten die Tränen und Nico strahlte. „Ja, Marmeladenbrot.“
Schnell strich Wilhelm eine Scheibe und Nico langte zu. Er verschlang sie in kürzester Zeit und verlangte eine weitere. Sein Onkel staunte, wie eine kleine, zarte Gestalt solche Mengen verdrücken konnte.
Jetzt schrie Sascha. Wilhelm ließ Nico in der Küche und kniete sich vor den Couchtisch.
„Sascha, komm bitte raus“, lockte er.
Aber Sascha brüllte nur: „Mama, Mama.“
„Komm zu uns in die Küche.“ Der Junge brüllte weiter.
„Mama ist gleich wieder da. Nachher bauen wir euch ein schönes Bett. Soll ich vor dem Schlafen etwas vorlesen?“ Das Weinen wurde lauter.
Wilhelm versuchte es mit einem Kinderlied.
Sascha ließ sich einfach nicht beruhigen.
„Möchtest du ein Marmeladenbrot?“, probierte Wilhelm. Sascha weinte weiter. Jetzt fing auch noch Anna-Lena im Schlafzimmer an zu schreien.
Wilhelm holte sie aus dem Wagen und nahm sie auf den Arm. Aber ihr Brüllen verstärkte sich. Hannibal jagte aufgeregt bellend durch die Wohnung. Schließlich sprang er, weiter laut kläffend, an Wilhelm hoch. „Sch, sch, still“, wies Wilhelm den Hund zurecht. Vergeblich. Natürlich wusste er genau, dass Lydia den Hund nicht erzog. Hannibal hatte bisher nie pariert. Er schaukelte das Baby und lief im Schlafzimmer hin und her. Sein Gesicht verfärbte sich rot. Feine Schweißperlen bildeten sich auf Stirn und Nase. Wie konnte Lydia ihn bloß mit ihren Bälgern allein lassen? Er verstand jetzt, warum Eltern ihre Kinder zu den Großeltern oder Tagesmüttern abschoben. Dieses Geschrei hielt niemand aus.
Als etwas an seiner Hose zerrte, schaute er hinunter. Nico versuchte, seine Aufmerksamkeit zu wecken.
„Du Onkel, an der Wohnungstür ist jemand“, sagte er.
„Hast du einfach aufgemacht?“, fragte Wilhelm entsetzt.
Nico nickte. „Es hat ganz lange geklingelt, und du bist nicht hingegangen. Jetzt ist Hannibal weggelaufen“, erklärte Nico lapidar.
„Nicht auch noch“, stöhnte Wilhelm. Insgeheim hoffte er, dass der blöde Köter auf der Straße überfahren wurde, und er ein Problem weniger hatte.
„Herr Petermann, entschuldigen Sie, dass ich so einfach eindringe, aber vielleicht kann ich Ihnen helfen?“ Frau Beierlein, eine alte Dame mit grauen, dauergewellten Haaren und Kittelschürze, lugte vorsichtig durch die Schlafzimmertür. Bisher hatte Wilhelm die ruhige Frau Beierlein aus dem Erdgeschoss kaum beachtet. Trafen sie aufeinander, dann begrüßten sie sich und wechselte ein paar Worte über das Wetter. Zu mehr reichte Wilhelms Interesse an den Nachbarn nicht.
„Meine Schwester ist schnell einkaufen, aber jetzt schreien alle gleichzeitig. Und ich kann sie nicht beruhigen.“
„Na, geben Sie mir mal das Baby und versuchen Sie, den Hund einzufangen. Vielleicht schaffen wir es ja zu zweit.“ Frau Beierlein kommandierte freundlich, aber bestimmend. Sie nahm Wilhelm das Kind ab, ohne auf eine Antwort zu warten.
Anna-Lena hörte sofort auf zu schreien. Erleichtert, wenigstens diese Verantwortung abgeben zu können, flüchtete Wilhelm aus der Wohnung.

Im Kindle-Shop: Petermanns Chaos

Mehr über und von Eva Joachimsen auf ihrer Website.



18. März 2017

'Hetzjagd der Werwölfe' {ML} Band 1 und 2 von Jo Hess

Michael ist mit seinem Bruder auf dem Weg nach Italien. Ungeahnt kommen sie nachts vom richtigen Weg ab und werden in einen schrecklichen Unfall verwickelt. Auf der Suche nach Hilfe entdecken sie ein Dorf. Sie scheinen gerettet. Doch die Einwohner hüten ein dunkles Geheimnis. Und mit einem Schlag geht es für alle um Leben und Tod …

Nach einem schweren Schicksalsschlag ist Michael Lindqvist gezwungen, sein Leben zu ändern und fortan Jagd auf Monster zu machen. Neben klassischen Bestien wie Werwölfen, Vampiren und Dämonen, wird er es mit unterschiedlichen Gestalten aus alten Legenden zu tun bekommen.

Die ersten beiden Teile der Horror-Buchserie um MIchael Lindqvist in einem Band.

Gleich lesen:
Für Kindle: Michael Lindqvist: Band 1 & 2: Hetzjagd der Werwölfe
Für Tolino: Buch bei Thalia

Leseprobe:
Februar 2015
Die Beichte
„Im Namen des Vaters, und des Sohnes, und des Heiligen Geistes. Amen.“
Die sonore Stimme mit dem britischen Akzent und der Geruch des Weihrauchs gaben mir ein Gefühl von Geborgenheit, das den Knoten in meinem Magen wenigstens teilweise auflöste, den ich seit Wochen mit mir herumschleppte. Trotzdem zitterte meine Stimme, während ich versuchte, mir sorgfältig meine nächsten Worte zurechtzulegen.
„Meine letzte Beichte war vor vielen Jahren“, stammelte ich. In meinem Kopf sprangen die Gedanken zwischen all den grauenvollen Ereignissen hin und her, die mir in den letzten Monaten widerfahren waren.
„Bereust du deine Sünden?“
Nachdenklich betrachtete ich die Maserung der Holzdielen unter meinen Schuhen. Ohne Reue gab es keine Vergebung. Dabei war ich mir nicht einmal sicher, ob Vergebung überhaupt das war, wonach ich hier suchte.
„Bereust du deine Sünden?“, fragte der Priester noch einmal.
„Es war immer mein Bruder gewesen, der den zappelnden Fischen den Hammer auf den Kopf schlug“, sagte ich und der Priester schwieg. Er konnte mit dieser Antwort nicht viel anfangen, vermutete ich. Doch genau das war der Grund, warum ich jetzt hier saß und Angst davor hatte, in einer Anstalt für Geisteskranke zu landen. Weil ich nie besonders mutig gewesen war, und immer mein Bruder die Fische erschlagen hatte.
„Ich habe getötet“, sagte ich und zuckte zusammen. Natürlich rutschte mir genau der eine Satz heraus, den ich hatte vermeiden wollen.
„Keinen der Fische, nehme ich an?“, fragte der Priester sanft und ich nickte, obwohl er es nicht sehen konnte.
„Warst du gezwungen gewesen, das Leben zu nehmen?“
Überrascht blickte ich auf das hölzerne Gittergeflecht, hinter dem ich die schemenhaften Umrisse des Priesters wahrnahm. Auf diese Frage war ich nicht vorbereitet gewesen. Ich hatte befürchtet, er würde die Polizei oder die Männer mit den engen weißen Jacken rufen - Beichtgeheimnis hin oder her. Natürlich war ich gezwungen gewesen. Doch wie sollte ich ihm die Hintergründe erklären, ohne für verrückt gehalten zu werden? Mein linkes Augenlid zuckte, wie immer, wenn ich nervös war, und ich drückte meinen Daumen darauf, bis es sich beruhigt hatte.
„Es war nicht nur eines, Pater. Nicht nur ein Leben.“
„Möchtest du mir mehr darüber erzählen?“
Es schien, als würden die dunklen Wände des Beichtstuhls näher kommen. Als wollten sie mich erdrücken. Starr blickte ich auf den Boden. Es fiel mir schwer Luft zu holen.
„Entschuldigung, Pater, ich kann nicht.“
Schweiß lief mir in die Augen und ich wischte mir mit dem Ärmel meiner Jacke über das Gesicht. Obwohl mir heiß war, kauerte ich zitternd auf der kleinen Holzbank in der Beichtkammer.
„Es ist nicht leicht, einen so schweren Rucksack über den ohnehin schon oft beschwerlichen Pfad des Lebens zu tragen“, sagte der Priester.
Meine Schultern sackten nach unten und ich lehnte meine Stirn gegen die Trennwand. Ich spürte genau, wovon er sprach, und brach in Tränen aus. Auf wackeligen Beinen verließ ich den Beichtstuhl, um aus der Kirche zu fliehen, in der ich mein halbes Leben verbracht hatte.
„Michael, warte!“
Mit dem Gefühl, bei einem schlimmen Streich ertappt worden zu sein, fuhr ich herum. Der Priester sah kaum einen Tag älter aus als damals, während ich hier noch Messdiener gewesen war. Er war ein schlanker, sportlicher Mann. Seine rötlich-braunen Haare waren noch immer voll und zu einem ordentlichen Seitenscheitel gekämmt. Er war keine klassische Schönheit, jedoch fanden viele Leute ihn attraktiv. Zumindest hatte meine Mutter das in einem Gespräch mit ihrer Schwester erwähnt, das ich als Junge zufällig mit angehört hatte.
„Sie wissen noch wer ich bin, Pater?“
Er lächelte, als wäre das die dümmste Frage, die er je gehört hatte. Jahrelang war ich Messdiener an seiner Seite gewesen, bevor ich in meiner Jugend den Bezug zur Kirche verloren hatte.
„Du weißt, ich darf, und ich werde niemandem erzählen, was du mir gebeichtet hast. Ich habe dich heranwachsen sehen. Ich kenne dich und weiß, du bist kein Mörder, Michael. Und da frage ich mich, was dich dazu bewogen haben könnte, zu tun, was du getan hast.“
Wie ein alter Mann ließ ich mich auf eine der Bänke fallen.
„Ich weiß nicht, wie ich es Ihnen erklären soll.“
Der Priester setzte sich neben mich und fragte: „Wenn du nur eine Sache der letzten Monate ungeschehen machen könntest, was wäre das?“
„Ich würde dafür sorgen, dass wir niemals bei dieser Tankstelle anhalten“, schoss es aus mir heraus. Diese verfluchte Tankstelle, die mich jede Nacht in meinen Träumen verfolgte.
„Also hat alles bei dieser Tankstelle angefangen?“
„Nein, angefangen hat es mit meinem Bruder, und seiner dämlichen Idee, einen Ausflug zu machen. Bei der Tankstelle gingen nur die richtig schlimmen Dinge los. Eigentlich fing es mit dem Unfall an. Scheiße, ich weiß nicht, womit es anfing. Entschuldigung, Pater.“
Ich seufzte und sah nach vorn auf die brennenden Kerzen, die den Altar schmückten. Darüber hing ein schlichtes, mannshohes Holzkreuz, von dem aus Jesus Christus mich traurig ansah. In der Mitte stand ein kleines Holzpodest, auf dem ich die aufgeschlagene Bibel erkennen konnte. Seitdem ich als Messdiener zurückgetreten war, hatte ich keinen Gedanken mehr an diese Kirche verschwendet. Jetzt fühlte ich mich wie ein Scharlatan, der so tat, als sei er gläubig, nur um die Dienste des Priesters in Anspruch nehmen zu können. Bei diesem Gedanken zuckte ich unter dem Blick des leidenden Jesus zusammen. Aber ich brauchte den Priester. Außer einem Arzt und einem Anwalt kannte ich sonst niemanden, der an seine Schweigepflicht gebunden war. Ich war nicht krank, somit war der Arzt raus, und einen Anwalt konnte ich mir nicht leisten. Der Pater legte mir eine Hand auf die Schulter. Eine angenehme Wärme strahlte von seiner Handfläche aus.
„Sprich ruhig weiter. Und nenn mich Henry. Wir kennen uns lange genug.“
Ich nickte und sah wieder in das Kerzenlicht.
„Wissen Sie, Henry, ich war immer der Meinung gewesen, Abenteuer geschehen nur auf Kinoleinwänden und Tragödien ausschließlich in verstaubten Büchern längst verstorbener Dichter. Ich dachte immer, die meisten Menschen fristen ein langweiliges und vorherbestimmtes Dasein. Stehen morgens auf, trinken Kaffee, fahren zur Arbeit, fahren Nachhause, machen ihr Abendessen in der Mikrowelle warm, essen vor dem Fernsehgerät und gehen schlafen. Manche trinken Tee anstatt Kaffee, manche arbeiten Daheim oder gar nicht, andere kochen das Essen selbst oder bestellen beim Lieferservice. Alle gehen schlafen und am nächsten Tag wiederholt sich ihr Leben auf die ein oder andere Weise. Und da unser aller Dasein so berechenbar schien, habe ich mir nie Gedanken darüber gemacht, was ich tun würde, sollte sich etwas so undenkbares wie eine Apokalypse ereignen. Ganz im Gegensatz zu Nick, der ein regelrechter Zombie-Apokalypsen-Fan war. Ich dachte nicht über Dinge wie Raubüberfälle oder Schlägereien nach. In meinem Leben gab es so etwas nicht. Dachte ich. Und weil ich so dachte, hat mich das Schicksal geradewegs zwischen die Augen getroffen.“

Im Kindle-Shop: Michael Lindqvist: Band 1 & 2: Hetzjagd der Werwölfe
Für Tolino: Buch bei Thalia

Mehr über und von Jo Hess auf seiner Website.