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25. August 2016

'Ein Filmstar für Luzia: Luzia und Rouven' von Britta Keller

Als Rouven Gardner, der angesagte Jungschauspieler aus Hollywood, in Kos Urlaub macht, stolpert Luzia eines Abends wortwörtlich in seine Arme. Er ist sofort fasziniert von der schönen, aber kratzbürstigen Schweizerin. Als sie sich näherkommen, muss Rouven wegen eines ungeplanten Pressetermins vorzeitig die Insel verlassen und verliert sie aus den Augen. Erst Wochen später treffen sich die beiden bei einer Filmpremiere in Bern wieder. Trotz seines machohaften Verhaltens gibt Luzia Rouven eine Chance, doch müssen die beiden feststellen, dass sie nicht nur auf unterschiedlichen Kontinenten, sondern in komplett verschiedenen Welten leben. Intrigante Starlets, Videos von Partyexzessen und eifersüchtige Fans stehen zwischen ihnen.

Gelingt es den beiden, diese Hindernisse zu bewältigen?

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Leseprobe:
Der Tag, an dem ich als Filmstar entdeckt werden sollte, begann wie jeder andere. Ich war mit meinen Eltern in Billings in Montana unterwegs. In Jeans, weißem T-Shirt und alten Chucks genoss ich die freie Zeit. Wir wohnten zwei Stunden von der Stadt entfernt auf einer Farm, die meine Eltern bewirtschafteten.
Die Arbeit auf der Farm, die Schule und der Einsatz als Wide Receiver in der Footballmannschaft ließen es nicht oft zu, in die Stadt zu fahren. Doch seit letzter Woche war das Schuljahr zu Ende und ich hatte endlich den Highschoolabschluss in der Tasche und somit mehr Freizeit. Meine Eltern hatten sich in ein Café gesetzt, nachdem ihnen mein Shoppen zu viel wurde. Unterdessen schlenderte ich in der hellen Mall durch sämtliche Sport- und Klamottenläden. Vor einer großen Auswahl an Sneakers blieb ich lange Zeit stehen. Ich nahm einige davon in die Hand und schaute sie genauer an. Ein weißer Lederschuh mit schwarzen Streifen hatte es mir besonders angetan.
Als ich mich gerade nach einer Verkäuferin umsah, tippte mir jemand auf die Schulter. Ich drehte mich um und musterte verblüfft mein Gegenüber. Der grauhaarige Typ in sportlich-eleganten Kleidern sah wie eine wichtige Person aus und war in Begleitung mehrerer Assistenten und Kameramänner unterwegs. „Peter Thorne mein Name. Das mag eine komische Frage sein, aber bist du an einer Filmrolle als Rodeoreiter interessiert? Wir suchen noch einen sportlichen Mann in deinem Alter. Ich habe schon einige Castings durch und noch niemanden gefunden, aber du würdest genau zu der Rolle passen.“
„Wirklich?“, fragte ich überrascht. Zuerst dachte ich an einen Trickbetrüger, doch die Kameramänner und sonstigen Mitarbeiter ließen meine Zweifel schwinden. „Worum geht es denn?“
„George, hast du noch ein Exemplar vom Drehbuch da?“, fragte der Mann vor mir und winkte einen seiner Assistenten heran.
„Hier!“ Er drückte mir das Skript in die Hand und bat: „Lies es durch und wenn es dich anspricht, meldest du dich bei dieser Telefonnummer.“ Er legte seine Visitenkarte dazu. „Wir bräuchten aber bis nächsten Freitag deine Antwort!“
Vor Verwunderung konnte ich nur knapp nicken. „Wenn du interessiert bist, drehen wir zunächst ein paar Probeszenen!“
Sie verabschiedeten sich und ich starrte fassungslos auf das Skript in meiner Hand.
Ich kaufte mir die Schuhe und traf mich danach mit meinen Eltern im Café. Das Drehbuch lag in der Tasche mit den Schuhen. Ich wollte mich zuerst von der Geschichte und meiner möglichen Rolle überzeugen, bevor ich mit meinen Eltern redete.
Die Geschichte handelte von Jackson, einem Rodeoreiter, der seine besten Zeiten schon hinter sich hatte und von mehreren Jünglingen herausgefordert wurde. Luke, einer der Herausforderer, besaß einen ungesunden Ehrgeiz und ignorierte die Gefahren des Sports, sodass er nach einem Unfall beinahe im Rollstuhl landete. Den Verunfallten plagten tiefe Depressionen. Erst die vielen, aufmunternden Gespräche mit dem Champion halfen ihm, wieder ins Leben zurückzukehren und erneut auf ein Pferd zu steigen. Der erfahrene Reiter begann ihn zu trainieren, und er ritt danach von Sieg zu Sieg. Der würdige Nachfolger war zwar immer noch ehrgeizig, doch respektierte er nun die Gefahren des Sports und zeigte mehr Respekt für die Tiere.
Die feinfühlige Art, wie der Autor die Geschichte darstellte, imponierte mir. Deshalb erzählte ich zwei Tage später meinen Eltern von dem Rollenangebot.
Wir saßen beim Abendbrot, als ich mit der Neuigkeit herausplatzte: „Eine bekannte Filmgesellschaft hat mir eine Filmrolle angeboten.“
„Wie bitte?“, fragte mein Vater ungläubig.
„Als ich im Sportgeschäft die neuen Schuhe anprobiert habe, kam ein Regisseur mit seinem Team auf mich zu und fragte, ob ich Interesse an einer Filmrolle als Rodeoreiter hätte. Die Geschichte klingt interessant. Ich würde da gerne mitmachen.“
Ich zeigte ihm Visitenkarte und Skript und wartete gespannt auf seine Antwort.
„Wann sollen denn die Dreharbeiten beginnen und wie lange würden die dauern?“, fragte er skeptisch.
„Das weiß ich noch nicht. Ich soll zuerst bei Probeaufnahmen mein Können zeigen. Nur wenn sie von mir überzeugt sind, erhalte ich die Rolle“, erklärte ich zurückhaltend. „Ich möchte aber diese Chance nutzen und mein Bestes geben.“
Mein Vater runzelte die Stirn und fragte mich ungläubig: „Rouven, wie willst du das alles schaffen, wenn du im Herbst dein Studium beginnst.“ Fragend sah er mich dabei an.
„Das kann ich doch um ein halbes Jahr verschieben. Die Aufnahmen dauern bestimmt nicht länger. Es wird ja nur eine Nebenrolle sein“, wandte ich stirnrunzelnd ein.
„Ich sehe zwar nicht ein, dass du deswegen das Studium verschiebst, aber du bist alt genug, selbst zu entscheiden. Wenn du es unbedingt willst, melde dich für die Probeaufnahmen. Solltest du die Rolle wirklich erhalten, müssen wir mit dem Regisseur das weitere Vorgehen abklären.“
Das wusste ich auch selber, was ich ihm mit einem empörten Blick zu verstehen gab. Das hielt ihn aber nicht ab, mir in einem bestimmten Ton zu befehlen: „Die Uni wirst du aber spätestens in einem Jahr beginnen“, mitzuteilen.

Im Kindle-Shop: Ein Filmstar für Luzia: Luzia und Rouven

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24. August 2016

'Der blaue, beinahe wolkenlose Himmel' von Eva-Maria Farohi

Nichts kann das Glück von Helen und Alexander trüben. Sie heiraten, bekommen eine kleine Tochter. Dann schlägt das Schicksal unbarmherzig zu. Die Ehe zerbricht, und Helen und Alexander verlieren den Kontakt zueinander.

Jahre später begegnen sie sich zufällig wieder – auf Mallorca, wo sie schon einmal so unendlich glücklich waren. Sie fühlen sich wie magisch zueinander hingezogen. Doch ist ihre Liebe stark genug, um die Vergangenheit zu überwinden?

Gleich lesen: Der blaue, beinahe wolkenlose Himmel






Leseprobe:
Er stieg aus dem weißen Reisebus mit der bunten Aufschrift an den Seiten und blieb kurz stehen.
Alles sah noch genauso aus, wie er es in Erinnerung hatte. Das war inzwischen über zehn Jahre her.
Alexander fuhr sich mit der Hand über die Stirn, wischte schnell über die Augen. Die Sonne blendete ihn. Doch er konnte nichts tun gegen die Macht seiner Gedanken. Damals war es Januar gewesen. Sie hatten nicht viel Geld gehabt, und im Winter gab es günstige Angebote. So waren sie in dem schönen Hotel abgestiegen, das sonst nicht in ihren Budgetrahmen gepasst hätte. Er bückte sich nach seinem Koffer, den ihm der freundliche Busfahrer zuschob, und ging langsam auf den Hoteleingang zu.
War es wirklich eine gute Idee gewesen, gerade heute hierherzukommen? Was wollte er hier?Nichts konnte den Schmerz in seinem Inneren mildern. Niemals würde er vergessen. Mechanisch setzte er einen Fuß vor den anderen.
Die Hotelhalle erschien ihm fremd. Sie wirkte seltsam verändert. Vielleicht hatte man sie renoviert. Vor dem Tresen der Rezeption stellte er sich in die Reihe der Wartenden – dann erhielt er seine Schlüsselkarte und warf einen Blick auf das Etui aus Papier. Nummer sechshundertdreiunddreißig. Warum nur hatte er darum gebeten, ausgerechnet dieses Zimmer zu erhalten?
Wieso tat er sich das an?
Je länger er auf die Nummer starrte, umso schwerer schien die Karte in seiner Hand zu liegen. Damals waren es noch Schlüssel gewesen, fiel ihm ein, während er zum Fahrstuhl ging. In der Mitte des Zimmers stand das Doppelbett. Alles wirkte so unverändert. Nur die Möbel waren neu.
Er öffnete die Balkontür.
Auf diesem Balkon hatten sie jeden Abend gesessen, eng nebeneinander als Schutz gegen die Kälte. Hatten die Sterne am Firmament gezählt, deren Zahl unendlich schien, und dazu dem Rauschen des Meeres gelauscht, ehe sie wieder in das Zimmer zurückgekehrt waren, um sich im Bett aufzuwärmen.
Diesmal war er allein.
Er legte den Koffer auf die Tagesdecke und begann mechanisch auszupacken.Viel hatte er nicht dabei. Den Schlafanzug legte er aufs Bett. Früher hatte er keinen getragen, sondern nackt geschlafen, dachte er. Es war warm im Zimmer. Wozu hatte er ausgerechnet einen Schlafanzug mitgenommen?
Er nahm ihn hoch und steckte ihn in den Koffer zurück.
Dann trat er auf den Balkon hinaus. Vor ihm lag das Meer. Endlos weit erstreckte es sich bis hin zum Horizont. Im Westen versperrte eine Landzunge die Sicht, auf deren Kuppe ein Gebäude stand.
Das Lokal dort fiel ihm wieder ein.
Sie waren mehr als einmal zusammen oben gewesen, hatten in der Sonne gesessen, etwas getrunken und zum Wasser hinabgeschaut, dessen tiefes Dunkelblau mit dem Goldton der Felsen kontrastierte. Es hatte nach Kräutern gerochen. Nach Thymian, nach Rosmarin – und nach Pferden. Die Sonne hatte die Luft angenehm aufgewärmt, und der Himmel über ihnen war blau und beinahe wolkenlos gewölbt. Als wären seither nur wenige Tage vergangen, so präzise erinnerte er sich daran.
Heute aber war der Strand voller Menschen. In langen Reihen standen die strohgedeckten Sonnenschirme, spendeten den zahllosen Liegen Schatten, auf denen es sich Hunderte von Urlaubern gemütlich machten.
Das Wasser war völlig ruhig und glitzerte.
Alexander steckte die Hände in die Taschen seiner Leinenhose, verharrte weiter reglos auf dem Balkon, versunken in die Betrachtung des Meeres.Tief atmete er ein. Registrierte den Geruch. Nach Salzwasser, nach Wärme, nach Strand. Er drehte sich um und ging ins Zimmer zurück. Ohne sich noch weiter aufzuhalten, trat er auf den Gang, fuhr in die Eingangshalle und verließ das Hotel.
Auf der Uferpromenade wehte ihm eine angenehme Brise entgegen, ließ ihn die Schwüle des Zimmers vergessen. Einen kurzen Augenblick nur sah er zu der Landzunge hinüber, ehe er sich in die andere Richtung drehte. Irgendwann während seiner langsamen Wanderung machte er halt, trank einen café con leche, um dann nochmals ein Stück weiterzugehen. Ruckartig blieb er stehen, starrte bewegungslos auf das Schild über der Boutique an der Promenade. Nur ein Namenszug stand über dem breiten Schaufenster: Julia.
Wie in Trance ging er darauf zu. Streckte die Hand nach dem Kleiderständer aus, der vor dem Eingang stand.
„Kann ich Ihnen helfen?“ Die Verkäuferin war jung, hatte braune Locken und ein strahlendes Lächeln. Kurz sah er sie an. Dann schüttelte er den Kopf. Alexander nahm eines der Shirts von der Stange. Es war aus weißer Baumwolle. Das Eidechsen-Motiv in Blau- und Grüntönen nahm beinahe die ganze Vorderseite ein. Silbrige Linien ließen es lebhaft schillern.
M stand auf dem Etikett.
Helen hatte immer Größe M getragen. Obwohl sie gertenschlank war. Aber sie mochte keine engen Shirts. Ohne auf den Preis zu achten, legte er das Shirt auf den Tresen, beobachtete, wie die Verkäuferin es zusammenlegte und in einer dunkelroten Tüte mit dem Aufdruck Boutique Julia verstaute.
Julia. Heute wäre ihr zehnter Geburtstag gewesen.
Ohne noch etwas von seiner Umgebung wahrzunehmen, ging er weiter. Merkte überrascht, dass er in dem kleinen Hafen am anderen Ende der Bucht angelangt war, und setzte sich auf eine der einladenden Bänke, die um eine Gruppe von knorrigen Tamarisken aufgestellt waren. Ob ihr dieses Shirt wohl gefallen hätte – oder wäre es zu groß gewesen? Wie würde sie darin aussehen? Was hätte sie selbst sich von ihm zum Geburtstag gewünscht?
Er saß auf der Bank und dachte an Helen. Seine Frau.
Zum Greifen nahe sah er plötzlich ihr Gesicht vor sich: das weizenblonde Haar, das ihre feinen Gesichtszüge umschmeichelte, die leuchtenden Augen, die ihn immer so anstrahlten, und ihr Lachen. Beinahe vermeinte er, die zarte Berührung ihrer Hände zu spüren, das Parfum zu riechen, während sie sich über ihn beugte. Ihr Parfum. Es war immer dasselbe gewesen – die ganzen Jahre hatte sie es nicht gewechselt. Wo sie jetzt gerade war? Ging es ihr gut? Lebte sie allein oder hatte sie sogar wieder geheiratet? Dachte sie manchmal noch an ihn?
Das Geräusch eines Motors unterbrach seine Gedanken.
Zwischen dem roten und dem grünen Hafenlicht tuckerte ein weißes Fischerboot die Einfahrt entlang.Er sah ihm nach, beobachtete, wie es in Richtung des Hafengebäudes steuerte, langsamer wurde, um schließlich an einem der zahlreichen Anlegeplätze festzumachen.
Helen. Wie sie wohl jetzt aussah?
Hatte sie ihm inzwischen ein wenig vergeben? Oder hasste sie ihn immer noch? Unruhig stand er auf. Er bemerkte, dass bereits einige der Stühle in den kleinen Speiselokalen besetzt waren, die rund um das Hafenbecken zum Essen einluden. Vermutlich gab es auch im Hotel schon Abendessen, dachte er und schlug automatisch den Weg zurück ein.
Alexander verspürte keinen Hunger.
Er wollte nur, dass dieser Tag irgendwie vorüberging. Und mit ihm der Schmerz, der die ganze Zeit schon in seinem Inneren tobte. Die Hotelhalle war mit unzähligen Menschen gefüllt – Stimmengewirr, lautes Lachen –, irgendwoher tönte Musik aus einem Lautsprecher. Ein Kellner mit einem Tablett voller Gläser lief an ihm vorbei. Er beschloss, doch noch in den Speisesaal zu gehen. Vielleicht sollte er zumindest eine Suppe essen.
In diesem Moment sah er sie. Sie sah aus wie immer. Völlig unverändert.
Noch während er sie beobachtete, beugte sie sich über den niedrigen Tisch und nahm einen Prospekt in die Hand. Dabei strich sie sich eine lose Strähne aus dem Gesicht. Die Geste war ihm so unendlich vertraut.
Er erstarrte.
Während sie las, drehte sie sich ein wenig in seine Richtung, so dass er ihr Gesicht genauer sehen konnte. Er machte kehrt und ging zur Rezeption. „Entschuldigen Sie, ich glaube, ich habe gerade eine unserer Kundinnen gesehen. Könnten Sie mir ausnahmsweise ein wenig weiterhelfen? Es wäre mir peinlich, wenn ich eine falsche Person anspreche“, bat er und setzte dabei ein freundliches Lächeln auf.
Die junge Frau betrachtete ihn einen Moment lang, bevor sie ebenfalls lächelte.
Gleich danach ging sie zum Computer. „Wonach soll ich suchen?“, fragte sie und sah ihm tief in die Augen. „Ich glaube, der Name war Wagner“, sagte er. „Helen Wagner.“ Das war ihr Mädchenname gewesen. Vorsichtig drehte er sich ein wenig in Richtung der Halle.
Sie war nicht mehr da.
„Helen Wagner“, sagte die Angestellte. Immer noch lächelte sie. „Ja, sie ist hier. Heute angereist. Sie bewohnt mit Herrn Becker zusammen Zimmer Nummer fünfhundertvierunddreißig. Aber Herr Becker hat noch nicht eingecheckt.“ Er nickte. Versuchte, sich zu beherrschen. Sie war es wirklich.
Er schob einen Schein über den Tresen. Lächelte ständig weiter. „Darf ich Sie auf etwas einladen?“ Die Frau griff nach dem Schein, zog ihn näher zu sich heran. „Gerne“, sagte sie. „Vielen Dank auch. Vielleicht trinken Sie ja einmal ein Glas mit.“
Mühsam bezwang er seine Unruhe. Nickte.
„Ich bin eben erst angekommen. An einem anderen Tag?“ „Sie wissen ja, wo ich bin“, sagte die Rezeptionistin, ehe sie sich einem anderen Gast zuwandte.

Im Kindle-Shop: Der blaue, beinahe wolkenlose Himmel

Mehr über und von Eva-Maria Farohi auf ihrer Website.



23. August 2016

'Der Grenzgänger: Eddy Zett und der Mörder vom Sternberg' von Lutz Kreutzer

Seit Eddy Zett vor zwanzig Jahren an der italienischen Grenze einen Wilderer zur Strecke gebracht hat, gilt der Alpinpolizist aus dem Gailtal als Legende. Als sich einige Fälle von grässlichen Tierverstümmelungen in den Bergen häufen, befällt Eddy eine dunkle Ahnung: Der Täter geht genauso vor wie der Wilderer damals.

Dann stirbt die Käserin der Sternberg-Alm auf dieselbe Weise. Als sich die grausamen Taten bis in die Dolomiten ausweiten, werden Eddy und sein Kletterfreund Fredo von der italienischen Alpinpolizei als Sonderermittler auf den Fall angesetzt. Was geht in dem Mörder vor? Was steckt hinter den ritualisierten Tötungen? Und wie hängen die Ereignisse der Vergangenheit damit zusammen? Ein weltbekannter Kriminalpsychologe hilft Eddy auf die Sprünge. Doch was Eddy und seine Familie dann ereilt, stellt alles in den Schatten, was die Dolomitenregion an Kriminalfällen je erlebt hat. Eddy und Fredo stehen vor einem Fall, der all ihre Kräfte aufzuzehren droht – und Eddys Leben in den Grundfesten erschüttern wird.

Ein Gänsehaut-Kriminalroman für Bergsteiger und Bergliebhaber.

Gleich lesen:
Für Kindle: Der Grenzgänger: Eddy Zett und der Mörder vom Sternberg (Rother Bergkrimi)
Für Tolino: Buch bei Thalia

Leseprobe:
Als Eddy in seinem Dienstwagen saß, wurde ihm schlecht. Er nahm seine Mütze ab, legte sie auf den Beifahrersitz und rieb sich den Schweiß von der Stirn. Verdammt, dachte er. Es kribbelte, und er wusste, dass er aufpassen musste, dass er nicht wieder diese Scheißangst bekam. Langsam, mein Eddy, langsam, dachte er. Also: Erst mal überlegen!
Die Schafe vom Nosterer waren nicht das einzige Problem. Vor vier Wochen hatte ein italienischer Jagdgast eine aufgeschlitzte Gams gefunden. Ihr fehlte auch das linke Ohr. Sie hatte ebenfalls einen Zweig im Maul gehabt. Der Jagdaufseher des Waldbesitzers hatte mit Eddy darüber gesprochen, wollte aber keine Anzeige erstatten, da der Eigentümer keinen Skandal haben wollte. Eddy hatte sich darauf eingelassen. Eigentlich hätte er jetzt die Kriminalpolizei einschalten müssen, doch er wollte keine Unruhe im Tal haben. Und dann gab es noch eine aufgeschlitzte Hirschkuh im oberen Gailtal. Sie war ähnlich zugerichtet wie die Gams und die Schafe.
Doch ein anderer Gedanke quälte Eddy noch mehr. Das hatten wir schon mal, dachte Eddy, vor zwanzig Jahren, und die Erinnerung drehte ihm den Magen um. Eddys Hände wurden klamm, als er die Bilder jetzt wieder vor Augen hatte. Damals war es sehr ähnlich gewesen: tote Schafe, aufgeschlitzt, einfach liegen gelassen. Dann kamen ein paar Gämsen hinzu. Alles im Abstand von jeweils einigen Wochen. Mit einem Kleinkaliber angeschossen, aufgebrochen und nicht ausgeweidet. Allen fehlte ein Ohr, immer das linke. Und im Maul ein Zweig. Und dann hatte Eddy das Schwein erwischt. Im Obertilliacher Tal, unterhalb der Porzescharte.
Eddy war gerade drei Jahre bei der Alpinen Einsatzgruppe der Bundesgendarmerie gewesen. Revierinspektor und für Oberkärnten zuständig. Seit den Vorfällen war er oft auf Streifzug am Karnischen Hauptkamm gegangen, entlang der österreichisch-italienischen Grenze. Dabei war er auch im benachbarten Osttirol unterwegs. Gebirge machten vor Bundesländern keinen Halt, sagte er sich, und Wilderer auch nicht. Und seine Osttiroler Kollegen und er hatten einen guten Draht zueinander und informierten sich stets gegenseitig. Eddy war gerne in den Bergen, und das wussten die Kollegen und seine Vorgesetzten zu schätzen. Er tat das, um mit den Hüttenwirten zu reden, denn Eddy wollte ein Gefühl dafür bekommen, was in den Bergen los war.
An jenem Tag kehrte er bei der Porzehütte oberhalb von Obertilliach in Osttirol ein. Der Hüttenwirt, ein Aussteiger aus der Oststeiermark, der mit seiner Weltsicht nicht immer die Meinung und den Geschmack der Einheimischen traf, berichtete Eddy nach einem Fünfminutengespräch über Gott und die Welt von einem Vorfall: »Stell dir vor: I geh raus vor die Hütt’n und hinunter zum Gerätehaus, weil der Kompressor mal wieder ausgefallen war. Totenstill war’s draußen. Dann der Knall.«
»Was für ein Knall?«, fragte Eddy. »Ein Schuss, hell, nicht allzu laut, vielleicht ein Kleinkaliber. Nix Großes. Aber es war ein Schuss.«
»Wann war das?«
»Vorige Woche mal, abends, so gegen sechs auf d’Nacht.«
»Und was hast’ dann gemacht?«
»Nix. Hören tut ma ja alleweil irgendwas.«
»Hmm«, hatte Eddy gemurmelt. »Und woher kam der Schuss?«
»Von weiter oben, in der Nähe der Grenz.«
»Hast mit den Kollegen in Obertilliach oder Sillian gesprochen? Die sind dafür zuständig.«
»Geh komm, Eddy. Wenn i denen des erzähl, die machen doch nix. I bin a Steirer und sing englische Liadln, des ist so wie wenn du a Neger in Wien bist. Da bist so fremd wie nur irgendwie. Da in der Gegend gibt’s ja noch Wilderer. Und da kennt doch jeder jeden.«
Eddy verstand, was er meinte. »Hör zu, du gehst heut noch ins Tal und zeigst das den Kollegen an. Verstehst? Des war a Italiener!«
»Woher willst des wissen, Eddy?«, fragte der Wirt scharf.
»Weil die Wilderer aus Osttirol weiter drüben unterwegs sind, in Villgraten und so, aber net da, drei Meter von der italienischen Grenz weg!«
Der Hüttenwirt sah über seine runden Brillengläser und nickte zaghaft.
»Wenn du’s dir net verderben willst mit die Leut. Okay?«
Zwei Tage später rief der Kollege aus Obertilliach an und informierte Eddy über den Vorfall, von dem er nicht wusste, dass Eddy ihn schon kannte. Sie verabredeten gegenseitige Unterstützung.

Im Kindle-Shop: Der Grenzgänger: Eddy Zett und der Mörder vom Sternberg (Rother Bergkrimi)
Für Tolino: Buch bei Thalia

Mehr über und von Lutz Kreutzer auf seiner Website zum Buch.



22. August 2016

'Ratte Prinz' von Annette Paul und Krisi Sz.-Pöhls

Ich bin eine goldfarbene Ratte aus königlichem Geschlecht. Einer alten Prophezeiung nach bin ich ein verwunschener Prinz. Weil ich mich langweile, mache ich mich auf die Suche nach der Prinzessin, die mich erlösen soll.

Dabei gerate ich in ein Unwetter und werde in einen Kanal gespült. Da ich an den glatten Wänden nicht hochklettern kann, bin ich kurz vor dem Ertrinken. Zum Glück kommt das kleine Mädchen Raja vorbei und rettet mich. Allerdings erst, nachdem ich ihr versprochen habe, sie zur Prinzessin zu machen. Seitdem lebe ich in dieser verrückten Großfamilie. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, alle zurechtzubiegen und erlöst zu werden.

Gleich lesen:
Für Kindle: Ratte Prinz
Für Tolino: Buch bei Thalia

Leseprobe:
Schnell husche ich über den Weg. Das Wasser reicht mir bis zum Bauch. Nicht so schlimm, ich schwimme wie ein Weltmeister. In der Mitte der Straße ragt nur mein Kopf heraus, also paddle ich gelassen weiter. Die Strömung wird immer stärker. Wahre Sturzbäche überschwemmen alles. Im Straßengraben reißt mich die starke Strömung fort. Ich finde keinen Grund unter den Füßen. In einer Affengeschwindigkeit werde ich mit Schlamm, Dreck und Treibgut weggespült. Obwohl ich mit aller Kraft arbeite, schaffe ich es nicht, aus der Strömung herauszukommen. Mir bleibt nichts weiter übrig, als den Kopf über Wasser zu halten und auf eine gute Gelegenheit zu warten. Doch die ergibt sich nicht.
Wie ein Korken schleudere ich in eine Röhre hinein und stürze anschließend in einem Wasserfall hinab. Als ich unten wieder auftauche, bin ich ganz benommen. Erst nach einer Weile bemerke ich, dass der Sog nachgelassen hat. Ich bin in einem Kanal gelandet. Ich schwimme an den Rand, doch der hat überall nur glatte Wände. Es gibt keine Stelle, an der meine Krallen Halt finden. Und so schwimme ich herum, ohne einen Ausweg zu entdecken. Ich tauche und suche unter Wasser einen Abfluss, aber auch den gibt es nicht. Ich bin gefangen. Nicht einmal ein Stückchen Holz entdecke ich, auf das ich hinaufklettern könnte.
Erst paddele ich noch ganz entspannt herum. So ausgiebig habe ich lange nicht mehr gebadet. Mit der Zeit aber werden meine Beine müde. Stundenlang schwimme ich herum. Ich friere und meine Muskeln schmerzen. Schließlich wird es dunkel. Meine Kraft lässt nach und ich verzweifle immer mehr.
Endlich höre ich Schritte näherkommen. Das muss ein kleiner Mensch sein, so leicht wie sie klingen. Tatsächlich bleibt ein Kind am Rand des Kanals stehen. Soll ich um Hilfe rufen? Wird es mir helfen? Mein Herz klopft. Da ich nichts zu verlieren habe, rufe ich ganz laut: „Hilfe, ich ertrinke.“
Das Kind bleibt stehen.
„Ich komme hier nicht allein heraus.“
Das Kind dreht sich suchend um, entdeckt mich aber nicht.
„Ich bin im Kanal gefangen.“
„Hallo! Ist hier jemand?“ Das Kind dreht sich um, dann läuft es ein Stückchen am Kanal entlang.
„Lege bitte einen Ast von der Kante ins Wasser, dann kann ich hochklettern“, schreie ich, schon ganz verzweifelt. Hoffentlich macht es das, was ich sage.
Jetzt kniet es sich am Rand hin und schaut ins Wasser.
„Genau, hier unten“, rufe ich.
Das Mädchen lacht. „Du kannst sprechen?“
„Hilfe! Rette mich! Ich bin ein verwunschener Prinz, zum Dank werde ich dich heiraten und zu meiner Königin machen.“
Endlich schaut sich das Kind suchend um. Kann es sich nicht beeilen? Sonst ertrinke ich, bevor es einen Ast hinunterwirft. Schließlich wickelt es seinen Schal ab und hält ihn zu mir hinunter.
Ich schwimme hin und klettere mit letzter Kraft hinauf. Erschöpft sitze ich mit klopfendem Herzen und atmet tief ein und aus, bis ich endlich wieder sprechen kann. „Danke!“ Eigentlich will ich weghuschen, doch die Kleine ist schneller. Sie schließt ihre Hand und hält mich gefangen.
„Hau nicht einfach ab.“
„Tu ich gar nicht“, verteidige ich mich. Wer weiß, was sie mit mir vorhat.
„Du hast mir versprochen, dass ich Königin werde, wenn ich dich rette. Jetzt musst du dein Versprechen einhalten.“
Ich seufze. Vielleicht hat mein Bruder doch recht, wenn er meint, ich würde immer zu viel erzählen.
„Versprochen ist versprochen!“
Ich nicke ergeben.
„Ich nehme dich mit. Du siehst hübsch aus. Gar nicht wie eine Ratte, die im Dreck lebt.“
Ich hebe empört meinen Kopf hoch. „Ich lebe nicht im Dreck, sondern im Schloss. Ich stamme aus der königlichen Familie.“
„Sag ich doch.“ Die Kleine stopft mich in ihre Tasche. Und da sie trocken und warm und ganz gemütlich ist, beschließe ich, erst einmal zu bleiben. Außerdem habe ich mein Wort gegeben. Vielleicht hat die kleine Retterin eine große Schwester, die mich erlöst und meine Königin wird.
Die Kleine setzt sich in Bewegung und hopst nach Hause. Am Anfang schlägt mir ihr Gehüpfe etwas auf den Magen. Nach einer Weile läuft sie zum Glück gleichmäßiger und ich werde regelrecht in den Schlaf gewiegt.

Im Kindle-Shop: Ratte Prinz
Für Tolino: Buch bei Thalia

Mehr über und von Annette Paul auf ihrem Blog.



19. August 2016

'Dreamcatcher: Die Macht der Träume' von Mackenzie Sturm

Seit einem Unfall leidet die 17-jährige Alli an einer Amnesie und schrecklichen Alpträumen, die sie Nacht für Nacht verfolgen.

Als sie schon glaubt endgültig den Verstand zu verlieren, taucht ein Mann auf, der behauptet sie zu beschützen.

Kann Alli dem ebenso gutaussehenden, wie unausstehlichen Iwaki vertrauen? Und was hat das alles mit einer alten Legende ihres Stammes zu tun?

Gleich lesen: Dreamcatcher: Die Macht der Träume






Leseprobe:
Ich blinzle. Etwas überrascht sehe mich um. Da wo bis eben mein Zimmer war, erstreckt sich nun dunkler Wald. Es riecht nach feuchter Erde, modrigen Blättern und Moos. Der Boden unter mir ist komplett damit bedeckt, bildet eine Symbiose mit herumliegenden Ästen und kleineren Felsen. Eine homogene Masse. Ich sehe kaum die Hand vor Augen, so düster ist es, aber ich erkenne was ich erkennen muss: Reihe um Reihe dicker alter Baumstämme, die um mich herum bis in den Himmel wachsen und scheinbar endlos in die Ferne reichen.
Langsam rapple ich mich auf. Die Feuchtigkeit hat sich sowohl in meinen Haaren als auch in meiner Kleidung festgesetzt, die mir bei jeder Bewegung unangenehm an der Haut klebt. Die Luft ist weder wirklich warm, noch kalt, trotzdem zittere ich am ganzen Leib.
Es ist nicht nur der Wald mit seinem urigen Erscheinungsbild, der mir unnatürlich vorkommt, es ist die Stille. Absolute anhaltende Stille, die jede Faser meines Körpers umhüllt. Sie ist wie eine Wand gegen die ich ankämpfen muss, während ich mich durch diesen unheimlichen Ort schleppe.
Ich laufe los, im plötzlichen Bestreben etwas zu suchen, auch wenn ich nicht den leisesten Schimmer habe, was es ist. Also jage ich durch den Wald und suche. Doch egal wo ich hinsehe, alles sieht gleich aus, als ginge ich im Kreis und dazu noch in einem sehr, sehr kleinen.
Im nächsten Moment stolpere ich über einen herabgestürzten Ast und falle mit den Knien voran zu Boden. Ich ringe nach Luft, denn sowohl der Aufprall als auch die Angst drücken mir schwer auf die Brust. Als ich mir meine blutenden Finger ansehe tropft Regen hinein.
Vereinzelte Tropfen trommeln dumpf durch das Blätterdach und klatschen auf meinen Kopf, meine Schultern und Hände, während ich mich wieder zurück auf die Füße stemme. Das und mein rasselnder Atem sind lange Zeit die einzigen Geräusche hier draußen.
Plötzlich höre ich ein leises Knacken und Rascheln hinter den Bäumen. Ganz so, als wäre der Wald auf einmal staubtrocken, obwohl es doch in Strömen regnet. Ein anderes Geräusch hallt zwischen den Bäumen hin und her, ehe es zu mir durchdringt: Ein lautes Heulen, dass mir eine Gänsehaut verpasst.
Außerdem werde ich beobachtet. Das vertraute Kribbeln auf meiner Haut, welches sich anfühlt wie ein Schwarm Ameisen, ist Beweis dafür. Vor ängstlicher Erwartung keuchend, stürze ich abermals auf die Knie.
Ein Schatten schiebt sich über mich, begleitet von einem markerschütternden Knurren. Zitternd sehe ich auf. Ein riesiger Wolf ragt über mir gen Himmel. Das dunkelbraune Fell zittert in der plötzlich aufkommenden Brise, während er mich mit seinen grünen Augen fixiert. Die Lefzen sind weit nach oben gezogen und legen große scharfe Zähne frei. Zwischen ihnen dringt das laute Knurren hervor, das wie Donner durch den Wald grollt. Ein frostiger Schauer läuft über meine Haut wie ein unheilvoller Vorbote.
Aus dem Augenwinkel bemerke ich eine Bewegung von der linken Seite. Weitere Wölfe beziehen Stellung zwischen den moosbewachsenen Bäumen. Auch sie starren mich an, bewegen sich jedoch kein Stück. Von der anderen Seite kommen noch mehr durch das allgegenwärtige Grün, kesseln mich ein.
Ich sitze in der Falle.
Sie stehen in einer V-Formation, wie Gänse auf den Weg in den Süden. Was würde ich dafür geben wenn es Geflügel wäre, das mich in meinen Träumen verfolgt!
Die Wölfe sehen nahezu identisch aus, bis auf den vor mir. Ich muss kein Experte sein um zu begreifen wer hier der Boss ist. Seine mächtige Brust hebt und senkt sich vibrierend und ein fürchterliches Grollen dringt aus seiner Kehle, als er mit gefletschten Zähnen näher kommt. Die lange Schnauze geduckt. Jeder erkennbare Muskel unter dem kurzen Fell ist bis zum Zerreißen gespannt. Er ist zum Angriff bereit.
Und ich bin bereit endlich aufzuwachen!
Ich lege die Hände über meine Ohren, doch auch durch sie hindurch höre ich das ohrenbetäubende Knurren. Es vibriert durch meinen Kopf und meinen Körper, sogar bis in den Boden. Mein Herz rast und pumpt mein Blut viel schnell durch meinen Körper. Heiß verteilt es sich in meinen Adern und rauscht an meinen Ohren vorbei. Die Lautstärke ist unerträglich. Ich krümme mich instinktiv zusammen um mich zu schützen. Aber ich weiß, ich kann mich nicht schützen.
Es funktioniert nie!
Ich blinzle hektisch die Tränen weg, die mir in die Augen treiben um die Bestie zu erkennen, aber eigentlich will ich sie gar nicht sehen.
Mein Blick wird erst wieder scharf, als der braune Wolf mit weit aufgerissenen Maul auf mich zustürzt.
Dann schreie ich ...

Im Kindle-Shop: Dreamcatcher: Die Macht der Träume

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18. August 2016

'Roter Ozean: Im Fahrwasser der Macht' von Ute Bareiss

Ein Feuerball erhellt das Tyrrhenische Meer. Aus den Trümmern der explodierten Motorjacht rettet der Meeresbiologe Alex einen Verletzten. Damit beginnt ein Kampf ums Überleben. Denn der Gerettete Sergio ist Journalist und besitzt brisantes Recherchematerial zu einem Mord in den höchsten Politkreisen Italiens. Alex gerät in einen Sumpf aus Macht und Intrigen – bis er selbst von Polizei und skrupellosen Verbrechern verfolgt wird. Es bleibt nur ein Ausweg:
Der Gejagte muss selbst zum Jäger werden.

»Ein extrem spannender Wettlauf um Leben und Tod.«
Kölner Rundschau.

»Fesselnd und spannend bis zum Schluss.«
Divemaster Magazin.

»Sehr lebendig und spannungsreich.«
Cannstatter Zeitung

Gleich lesen: Roter Ozean: Im Fahrwasser der Macht (Ein Alex-Martin-Thriller 1)

Leseprobe:
Prolog
Etwas stimmte nicht.
Die Köchin richtete sich in ihren Kissen auf. Der Geruch nach verbranntem Fleisch hing in der Luft. Madre Mia! Die Reste des Saltimbocca alla Romana vom Vorabend standen abgedeckt auf dem Herd. Hatte sie etwa vergessen, das Gas abzuschalten? So etwas passierte ihr in letzter Zeit öfter.
Sie schüttelte den Kopf, strich sich die grauen Haarsträhnen aus dem Gesicht und stand auf. Ein Stechen fuhr durch ihre Glieder – die vermaledeite Arthritis. Zum Anziehen blieb keine Zeit, eine Wollstola musste ausreichen.
Der Flur lag ausgestorben da, nur in den Nischen lauerten schwarze Schatten.
Im Haus herrschte Stille.
Sie eilte in Richtung Küche, nur das Klappern ihrer Pantoffeln auf den Terrakotta-Fliesen übertönte das heftige Klopfen ihres Herzens. Ein ungutes Gefühl beschlich sie und verursachte ein Prickeln, das sich zwischen ihren Schulterblättern bis in den Nacken ausbreitete. Sie hielt inne. Mochte vieles nicht mehr so funktionieren wie früher, ihr Geruchs- und Geschmackssinn arbeiteten noch einwandfrei. Es roch eindeutig verbrannt.
In der Küche war kein Glimmen unter dem gusseisernen Topf auf dem Gasherd zu sehen, der wie eine Insel in Küchenmitte thronte. Was für ein Glück, sie hatte nichts vergessen!
Doch durch die Gardine fiel ein Flackern, das die Konturen beinahe gespenstisch erhellte. Sie hastete zum Fenster und spähte hinaus. Auf die Entfernung konnte sie nur vage tanzendes Licht ausmachen. Hatte etwa einer der Olivenbäume Feuer gefangen? Der Sommer war bislang viel zu trocken gewesen. Kleine Schweißperlen traten auf ihre Oberlippe. Sollte sie Hilfe rufen?
Warum brachte Daniele ausgerechnet heute die Signora mit den beiden Bambini für die Sommerferien zu den Großeltern nach Terracina? Schließlich war er für die Bäume zuständig. Sollte sie den Signore wecken? Nein, sie würde selbst nachsehen, bevor sie falschen Alarm schlug.
Beim Öffnen der Hintertür schlug ihr der penetrante Geruch mit voller Wucht entgegen. Sie drückte sich ein Ende der Wollstola vor die Nase und zog sie enger um ihre Schultern. Trotz der lauen Nachtluft fröstelte sie. Sie musste sich zwingen, einen Fuß vor den anderen über die unebene Wiese in Richtung des Lichtscheins zu setzen. Eine Windböe blies ihr warme Luft zu. Warme, nach verbranntem Fleisch riechende Luft. Beißender Qualm trieb ihr Tränen in die Augen. Sie blinzelte. Blinzelte nochmals.
Dio mio!
Sie schrie, laut und gellend. Als ihre Kehle den Ton versagte, schrie sie stumm weiter. Der Anblick des Menschenkörpers, der an einem Holzkreuz hing, eingehüllt in einen Mantel aus Flammen, die ihm das Fleisch von den Knochen leckten, brannte sich in ihr Gedächtnis.

1
Ein Schweißtropfen bahnte sich seinen Weg von der Schläfe über die Wange und tropfte auf den Neoprenanzug. Alex schloss widerwillig den Reißverschluss. Es wurde Zeit, ins Wasser zu kommen. Selbst für Anfang August war es noch ungewöhnlich warm. Kein Windhauch bewegte die blank polierte See des Golfe de Porto Vecchio, die Lichter der Häuser am Ufer spiegelten sich darin.
Alex gab Jean-Luc das Zeichen zum Abtauchen. Langsam ließen sie sich in die Tiefe sinken. Die Konturen der Pecorella schälten sich aus der Schwärze des Meeres. Ein angenehmes Kribbeln lief Alex den Rücken hinauf, als das gesunkene Schiff immer größer wurde, fast bedrohlich auf ihn zukam. Gespenstisch huschte der Strahl ihrer Tauchlampen über das Wrack, das aufrecht auf dem Grund stand. Wie Rubine leuchteten die Augen zweier Langusten auf dem Kabinendach auf, bevor sie rückwärts flüchteten.
Das Äußere des Wracks war mit leuchtend gelben Krustenanemonen übersät, die ihre Knospen in der Nacht allesamt zu eindrucksvollen Blütenkelchen geöffnet hatten, und das Steuerhaus wie ein sonnenblumenfarbiger Teppich überzogen, nur unterbrochen von Tupfen orange- und lilafarbener Schwämme.
Ein Barrakuda schoss aus dem Dunkel, um die vom Lampenschein angezogenen kleinen Fische und Krebse zu jagen. Alex erschrak und musste grinsen. Hatte er dem Fisch ein Abendessen spendiert? Der pfeilförmige Körper des Tieres funkelte wie mit Silberglitter überzogen, dennoch konnte dies nicht von den messerscharfen Zähnen ablenken, die hervorstachen, als der Barrakuda nach einer Sardine schnappte.
Durch Handzeichen verständigte sich Alex mit Jean-Luc, ins Wrackinnere zu tauchen. Ihre Atemgeräusche wirkten zugleich beruhigend und unheimlich in der Düsternis des engen Wracks. Vor ihnen teilte sich ein Schwarm Sardinen wie ein Vorhang, als sie hindurchtauchten. Alex’ Lampenstrahl huschte über den Grund, kreuzte sich manchmal mit dem von Jean-Luc. In der Ecke funkelte etwas. Er ließ sich absinken, es war ein herzförmiger Strass-Anhänger, wie sie oftmals an Badekleidung angenäht waren. Achtlos steckte er ihn in die Tasche seines Tauchjackets und deutete fragend zum Ausgang.
Jean-Luc bestätigte.
Die Laderaumluke wurde fast vollständig von einem Meeraal blockiert, der sie neugierig anstarrte. Seine bei Tag dunkelgrau erscheinende Haut schimmerte bläulich irisierend, als er sich davonschlängelte und ihnen den Weg freimachte.
Plötzlich hallte ein lauter Knall durch die Tiefe. Alex zuckte zusammen. Was war das?
Die Schallwellen drückten gegen seinen Brustkorb und pressten sich schmerzhaft auf sein Trommelfell. In Jean- Lucs weit aufgerissenen Augen spiegelte sich sein eigener Schreck wider. Gleichzeitig zeigten ihre Daumen zur Wasseroberfläche. So schnell es möglich war, schossen sie nach oben. Ein mächtiger Feuerball erleuchtete unweit nördlich von ihnen in der Cala Rossa den Horizont, Funken stoben in die klare, schwarze Luft.
„Sieht aus, als wäre ein Boot explodiert!“ Alex hustete.
„Merde! Lass uns bloß hoffen, dass es unbewohnt war“, sagte Jean-Luc und traf damit genau Alex’ Gedanken.

Im Kindle-Shop: Roter Ozean: Im Fahrwasser der Macht (Ein Alex-Martin-Thriller 1)

Mehr über und von Ute Bareiss auf ihrer Website.



17. August 2016

'Die Sonne über dem südlichen Wendekreis' von Georg Adamah

Georg, Akademiker, Mitte vierzig, verlässt Hals über Kopf seine Frau, um sich in eine verhängnisvolle Affäre mit Susanna zu stürzen. Im Lauf dieser Beziehung manövriert er sich selbst immer tiefer in eine obsessive Abhängigkeit hinein. Als Susanna fünf Jahre später die Beziehung beendet, steht Georg am Rand eines Zusammenbruchs. Hin- und hergerissen von der Kränkung über Susannas Zurückweisung und seinen Gefühlen für sie, ist er ihr ausgeliefert und hat ihrem kalkulierten Vorgehen zunächst wenig entgegenzusetzen.

Gleich lesen:
Für Kindle: Die Sonne über dem südlichen Wendekreis
Für Tolino: Buch bei Thalia




Leseprobe:
Im Schlafzimmer meiner Großmutter, mit dem Bett, in dem sie starb, dessen Matratze natürlich inzwischen ausgetauscht wurde, dessen Laken neu und frisch gewaschen ist, ebenso neu wie die Kissen und Decken, die frisch bezogen sind mit dieser Bettwäsche mit den riesigen Rosenblüten, die nach Waschmittel und Weichspüler riecht, mit dem Armsessel, über den sich gnädig eine rotbraune Wolldecke gebreitet hat, mit dem Kleiderschrank aus gebeiztem Buchenholz, dessen kolossale Wucht dem Raum den Atem nimmt, mit dem Frisiertisch aus gebeiztem Buchenholz, in dessen Spiegel bösartige Melanome wuchern, mit den Nachtschränkchen aus gebeiztem Buchenholz, in deren Schubladen vergessene Ausgaben von „Vom Winde verweht“, „Anna Karenina“ und der Bibel verwesen, und in dem der Lavendelduft von Mottenkugeln ungestört sein Unwesen treibt, warte ich, bis meine Mutter mich endlich allein lässt. Dann greife ich zum Handy. Konstanze! Konstanze wird wissen was zu tun ist. Sie ist eine gemeinsame Freundin. Immer wenn Susanna und ich uns zankten, hat Susanna bei Konstanze Rat gesucht. Ganz bestimmt hat Susanna schon mit ihr Kontakt aufgenommen. Ich wähle Konstanzes Nummer. Freizeichen. Es dauert. Endlich zwitschert Konstanze ins Telefon:
„Hi, Dschordsch! Wie geht’s? Alles klar? Was macht ihr?“
„Hallo Konstanze, naja, es geht so. Sag mal, hast du was von Susanna gehört?“
„Nee, wieso? Was ist denn los?“
Das kann nicht sein. Lügt sie mich an? Spielt sie mir etwas vor, um Susanna zu schützen? Oder weiß sie wirklich nichts? Das ist so untypisch. Und deswegen umso beunruhigender. Einen Augenblick lang herrscht Stille.
„Dschordsch? Ist alles in Ordnung?“
Ich berichte.
„Nein, sie hat sich bis jetzt nichts von sich hören lassen“, wiederholt Konstanze, „aber sei ganz beruhigt, wenn sie sich meldet, werde ich mit ihr reden.“
Danach rufe ich Helmut an, spreche mit Bernhard, telefoniere mit Peggy, und rechne dabei fest damit, dass sie mir erzählen,
Unter uns,
hoffe, dass sie mir flüsternd berichten,
Im Vertrauen,
bete, dass sie verschwörerisch gestehen,
Aber behalte es für dich,
Susanna hätte mit ihnen gesprochen und sie hätten eine Idee, wüssten, was zu tun wäre, um sie umzustimmen, würden ihr gut zureden. Aber keiner hat von ihr gehört.
Ist das möglich? Susanna hat mit keinem von ihnen Kontakt aufgenommen? Sich mit niemandem beraten? Niemandem ihr Herz ausgeschüttet? Oder lügt mich einer von ihnen an? Wer kann es sein? Helmut vielleicht? Er ist mein Freund, mein bester Freund, zumindest dachte ich das immer. Aber hat er nicht immer hemmungslos mit Susanna geflirtet? Ich kann sein lautes Lachen hören, dieses dröhnende Johlen, das er immer hervorbrachte, um seinen eigenen Witz zu unterstützen, wenn er in Susannas Gegenwart eine zweideutige, anzügliche Bemerkung gemacht hatte, sein Lachen, das sich zwischen Susannas schrilles meckerndes Gekicher schiebt wie ein Schwanz zwischen die Schamlippen. Wäre ihm Susanna wichtiger als unsere Freundschaft? Oder weiß Konstanze doch mehr als sie zugibt? Oder hat Peggy mit Susanna Kontakt? Peggy und ich kennen uns erst seit sie mit Helmut zusammen ist. Und sie versteht sich super mit Susanna.
Ich muss aufpassen, sonst werde ich noch paranoid, muss ruhig werden. Jetzt bloß kühlen Kopf bewahren. Vielleicht hat sie tatsächlich niemanden aus unserem Freundeskreis kontaktiert. Vielleicht hat sie sich an eine ihrer Freundinnen gewandt, vielleicht an Karin, die mich eh nicht leiden kann, die applaudieren würde, die Susanna anfeuern würde wie die Zuschauer die Läufer beim Marathon auf dem letzten Stück der Strecke, so wie Peggy sie anfeuern würde, „Wenn was durch ist, ist es durch“, hat sie mal ihre Beziehungsphilosophie erklärt, „Das bringt dann nichts mehr, zu versuchen, das nochmal aufzuwärmen.“ Bestimmt hat Susanna Peggy kontaktiert und vielleicht war Susanna sogar bei Peggy zuhause, vielleicht war Helmut auch da, also doch, also weiß er doch mehr als er zugibt, er hat mich angelogen.
Stopp! Ich muss aufpassen, sonst werde ich noch paranoid.
Ich liebe dich nicht mehr. Nichts funktioniert. Wohin ich mich auch wende, es ist unerträglich, denn die Wahrheit ist, dass ich die Gegenwart nicht ertragen kann. Denn meine Gegenwart impliziert eine Zukunft ohne Susanna. Als wir uns kennenlernten, hat Susanna mich mit Aufmerksamkeit geradezu überschüttet. Und nach 20 Jahren Ehe war die Aufmerksamkeit einer Frau etwas, das mir abhandengekommen war. Sie pumpte mich damit voll und ich war wie auf Drogen. Ich fühlte mich großartig. Wie ein Junkie wurde ich abhängig von Susannas Begeisterung, von ihrer Zuneigung, von ihrer Anerkennung, von ihrer Euphorie. Und wenngleich ich ahnte, dass diese enthusiastische, leidenschaftliche, berauschende Aufmerksamkeit in ihrer Intensität nicht von Dauer sein würde, niemals von Dauer sein konnte, ließ ich mich doch darauf ein, denn der Versuchung nachzugeben war viel zu verlockend. Susanna wurde zu meinem Lebensinhalt, zum Zentrum meines Kosmos. Und mit einem Mal ist dieses Zentrum verschwunden.
Ich bin traumatisiert. Mein Atem rast, mein Herz trommelt gegen die Gitterstäbe meines Brustkorbs, als gelte es, das ahnungslose Rabenstein vor dem drohenden Einmarsch der Schweden zu warnen. Die kalte Angst quillt mir aus allen Poren. Ich bin unfähig, mich zu konzentrieren. Ich kann nicht lesen, ich kann nicht fernsehen. Ich kann nicht schlafen.
Ich kann nicht mehr mit dir.
Ich lege mich morgens um 2 Uhr schlafen und höre zwei Stunden später wieder auf, bin zu wach, um weiter zu ruhen, halte es im eigenen Bett nicht aus, halte es im Schlafzimmer nicht aus, halte es im Haus nicht aus, laufe.
Noch jetzt, da ich dies alles aufschreibe, erinnere ich mich ...
Ich erinnere mich an Morgendämmerungen.
Das dunkle Blau eines sternenbedeckten nächtlichen Septemberhimmels, an den sich eine hauchdünne, blasse Mondsichel schmiegt wie ein Mädchen an die Brust des schlummernden Geliebten. Das dunkle Blau, das gegen den Horizont allmählich blasser wird und schließlich übergeht in eine purpurne Röte, die von der Ankunft des neuen Tages kündet. Es ist atemberaubend. Aber was für ein neuer Tag? Was für eine Gegenwart, die nicht unerträglich ist? Egal wie erhaben sie aussieht. Jede Minute ist unerträglich, jeder einzelne Augenblick. Ich blicke auf die Uhr und warte, dass die Zeit vergeht. Worauf warte ich? Es gibt nichts, was ich tun kann.

Im Kindle-Shop: Die Sonne über dem südlichen Wendekreis
Für Tolino: Buch bei Thalia

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16. August 2016

'Der Rosenfälscher' von Detlef Krischak

Das zweite Ich
Sein zweites Ich steht auf blonde Frauen mit blauen Augen. Es war auch für den Tod einer seit drei Monaten vermissten Frau verantwortlich. Weshalb legte er eine blaue Rose zu den Leichenteilen, die zufällig in einem todsicheren Versteck in Lingen gefunden werden? War es ein letzter Gruß oder verhöhnte er sein Opfer? Dennis Winkler steht vor einem Rätsel. Erst kurze Zeit ist er der Leiter der Tatortgruppe Lingen, schon führt ihn sein erster Mordfall auf die Spur eines Psychopathen. Während Winkler mit seinem Team im Umfeld eines Bestatters ermittelt, wird wenige Tage später eine junge Rechtsanwältin aus Hopsten vermisst. Sie ist blond und blauäugig …

Carsten Grewe vom Kriminalkommissariat 23 in Ibbenbüren begibt sich auf die Suche nach der vermissten Anwältin, deren Entführer er unter ihren ehemaligen Mandanten vermutet. Blaue Rosenblütenblätter führen Grewe und Winkler zusammen. Schnell wird ihnen klar, dass sie den gleichen Täter suchen. Sie begeben sich gemeinsam auf die Jagd nach einem Mann mit gespaltener Persönlichkeit, der weiße Rosen blau färbt.

Dieser Roman ist der fünfte Band der Reihe Emsland-Krimi und wird im Verlauf der Handlung zu einem Tecklenburger-Land-Krimi.

Gleich lesen: Der Rosenfälscher: Das zweite Ich (Emsland-Krimi 5)

Leseprobe:
Sie trugen bis zu den Knien reichende schwarze Talare, die der Wind um ihre Beine flattern ließ. Darunter Anzüge in derselben Farbe. Altmodische Dreispitze in der klassischen Form auf ihren Köpfen konnten nur zur Zierde gedacht sein, vor der Kälte schützten sie nicht. Ihre weißen Paradehandschuhe waren ebenfalls nur Dekoration; später würden die Männer sie ins offene Grab auf den Sarg werfen. So war es Tradition. Die sechs Sargträger traten mit den Füßen auf der Stelle. Es war Ende Januar und kalt, sehr kalt. Die Männer froren und schwiegen.
Leichter Schneefall in der Nacht hatte dem Neuen Friedhof in Lingen ein noch friedlicheres Aussehen gegeben als sonst. Der kalte Ostwind wirbelte den Schnee durch die Luft, Eiskristalle glitzerten im Sonnenlicht. Den Männern wurde es zu kalt. Schutzsuchend gesellte sich ein Sargträger nach dem anderen zu den trauernden Angehörigen, die sich im Windschatten neben dem Gebude versammelt hatten. Auch sie froren und redeten nicht. Nur das Rauschen des Windes war zu hören.
Kurz nach zwlöf, mittags. Zwanzig Personen hatten sich versammelt. Ohne die Träger ein mickriger Haufen. In einer halben Stunde sollte die Andacht zum Tode von Hubert Schütte beginnen; direkt anschließend sollte er im Familiengrab neben seiner vor drei Jahren verstorbenen Hilde zur letzten Ruhe gebettet werden. Hubert Schütte war vor wenigen Tagen im Alter von neunundachtzig Jahren an einem Herzinfarkt gestorben und nur wenige Familienangehörige und Bekannte waren wegen des schlechten Wetters gekommen, um Abschied von ihm zu nehmen.
Hatte er das verdient? Nein, das hatte er nicht.
Ein Leben lang hatte Schütte sich für andere eingesetzt, nicht an sich gedacht, sich krumm gemacht für die Kinder, ihnen ein Heim gebaut, für ihre Ausbildung gesorgt, es ihnen leicht gemacht. Und für seine Frau war er da. Immer. Immer dann, wenn er nicht alleine in einer Kaserne hockte, Dienst schob und die Knochen für das Land hinhielt. Als Soldat.
Aber das war lange vorbei. Mit achtundfünfzig war Schluss. Das Vaterland, dem er treu zu dienen und es tapfer zu verteidigen geschworen hatte, brauchte ihn nicht mehr. Zum alten Eisen abgestempelt, genoss er einunddreiig Jahre lang seine Pension. Er lebte sehr sparsam und hatte in dieser Zeit ein kleines Vermgen angehäuft, das nun an seine beiden Kinder fiel.
Sein Sohn Helmut, ein im Ruhestand lebender Lehrer und Pfennigfuchser, hatte die Formalitäten der Beerdigung mit Josef Dengler besprochen und dabei natürlich versucht, den Preis zu drücken.
Dengler war der Inhaber des gleichnamigen Bestattungsinstitutes im Süden Lingens; er führte das Unternehmen mit seinem Sohn in der dritten Generation. Die Geschäfte des Einundsiebzigjhrigen liefen gut. Jede Woche hatte er im Schnitt drei Verstorbene unter die Erde zu bringen oder zum Krematorium nach Osnabrück zu fahren. Über die Kosten zu schachern, war nicht sein Ding. Dengler hatte einen guten Namen und war bekannt für gute Arbeit. Gute Arbeit für gutes Geld.
Der Bestatter stand mit seinem Sohn Martin vor dem Eingang zur Leichenhalle, die sich mit drei Kammern in einem Rundbau links neben der Friedhofskapelle befand. Die Trauerfeier sollte um ein Uhr beginnen. Er rieb sich die Hände und warf einen Blick auf seine Uhr: halb eins.
Josef Dengler wurde ungeduldig. "So langsam könnte die Frau hier eintrudeln." Er deutete mit dem Kopf zu den Trauergästen und den Sargträgern. "Den Leuten ist es bestimmt zu kalt hier draußen. Bitte sie doch in die Kapelle, sonst frieren sie sich noch einen Ast ab", sagte er und blies warmen Atem in seine nun gefalteten Hände.
Sein Sohn Martin nickte und ging zu den Wartenden, die sein Angebot, sich aufzuwärmen, dankend annahmen. Auch die Sargträger, rüstige Rentner, die sich nebenbei bei Dengler ein paar Euro dazuverdienten, traten aus dem Windschatten und stellten sich hinten in die Kapelle.
Rita Dreier, die Tochter des Verstorbenen, hatte vor einer halben Stunde bei Dengler angerufen und eine Bitte geäußert, die er nicht hatte ausschlagen können. Sie wollte noch einmal ihren verstorbenen Vater sehen. Ihr war es aus beruflichen Gründen nicht möglich gewesen, einen Tag vorher aus Köln anzureisen und Abschied von ihm zu nehmen.
"Das wird sich einrichten lassen, Frau Dreier. Kein Problem. Wir können den Beginn der Andacht ein paar Minuten hinausziehen", hatte Dengler ihr am Telefon geantwortet. Da hatte sie die Autobahn bei Lohne gerade verlassen und war in Richtung Lingen abgebogen.
Der Sarg mit der Leiche von Hubert Schütte stand auf einem Wagen in der ersten Kammer. Alles war vorbereitet. Sie mussten ihn nur noch in die Kapelle zwischen die Kerzenträger und Blumengestecke schieben. Martin Dengler hatte, kurz nachdem die Tochter des Verstorbenen den ungewöhnlichen Wunsch geuert hatte, die Schrauben auf Geheiß seines Vaters aus dem Sargdeckel entfernt. Auch das war erledigt.
"Das könnte sie sein." Martin stieß seinem Vater in die Seite. Mit schnellen Schritten näherte sich ihnen eine Frau in schwarzer Kleidung. Sie trug einen Strauß Gladiolen. Dengler senior nickte und blickte wieder auf seine Uhr. "Dann wollen wir mal."
Er ging ihr ein paar Schritte entgegen. "Sind Sie Frau Dreier?"
Sie war auer Atem und nickte. "Ja. Entschuldigung, dass ich mich etwas verspätet habe. Es war ziemlich glatt auf den Straßen."
Der Bestatter senkte seinen Kopf und reichte ihr die Hand. "Herzliches Beileid, Frau Dreier ... können wir?" Er wies Richtung Leichenhalle und ging langsam voraus.
"Wie sieht mein Vater aus?", fragte sie im Gehen. Fast hörte es sich so an, als erkundigte sie sich nach seinem Befinden. "Kann ich die Gladiolen in den Sarg legen? Er mochte sie zu Lebzeiten so gern."
"Er sieht aus, als wenn er schlafen würde. Machen Sie sich keine Sorgen. Die Blumen können Sie natrlich zu ihm legen", antwortete Dengler leise und betrat mit ihr den Flur, der zur Leichenkammer führte. Er wartete eine Weile und ließ sie zu Atem kommen. Die Zeit würde sie auch benötigen – das wusste der Bestatter –, sich zu sammeln und zu fassen.

Im Kindle-Shop: Der Rosenfälscher: Das zweite Ich (Emsland-Krimi 5)

Mehr über und von Detlef Krischak auf seiner Website.