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27. September 2016

'Schatten über Nicaragua' von Eddy Zack

Abenteuer in der Karibik - mit autobiografischen Farbtupfern.

Die kubanische Revolution hat Lateinamerika verändert. Fidel Castro und Che Guevara sind zu Volkshelden geworden. In ganz Mittel- und Südamerika kommt es zu kleineren und größeren Auseinandersetzungen, die Kuba zum Vorbild haben.

1961. Das Frachtschiff M/S Santa Cruz ist auf dem Weg nach Mittelamerika. Eric, Matrose, will in Nicaragua bleiben. Seit drei Jahren fährt er auf der Santa Cruz und ist regelmäßig in Corinto, einem Hafen an der Pazifikküste. In Corinto hat er Marta kennengelernt, eine Prostituierte aus dem Bordell Paraíso. Alle 2 – 3 Monate ist er für einige Tage bei Marta und beim letzten Treffen haben sie beschlossen, dass Eric in Nicaragua bleiben wird.

Als die Santa Cruz den Hafen von Corinto erreicht, ist gerade eine Revolution ausgebrochen. Eric und Marta geraten zwischen die Fronten.

Gleich lesen:
Für Kindle: Schatten über Nicaragua
Für Tolino: Buch bei Thalia

Leseprobe:
Die M/S Santa Cruz dümpelte im schwachen Wellengang. Der Wind stand günstig, hielt das Schiff vier bis fünf Meter von der Pier entfernt. Zusätzlich hatte die Decksmannschaft Fender ausgebracht, sollte der Wind unerwartet drehen. Normalerweise liegen Schiffe höchstens einen Meter von der Pier entfernt.
Es war gegen vier Uhr morgens, beinahe Vollmond. Die Nacht war heller, als ein verregneter Oktobertag in Deutschland.
»Scheiße! Gestern um diese Zeit war es bedeckt. Ausgerechnet heute muss es so hell sein. Ist auf unserem Pott was zu sehen?«
»Totenstille. Die liegen bestimmt hinter der Bordwand in Deckung.«
Eric sah zu Marta. Trotz der gefährlichen Situation musste er grinsen. Sie sah komisch aus in ihrem blauen Overall. Er war ihr viel zu groß und um die Hüften hatte sie einen dicken Strick gebunden. Ihre langen Haare hatte sie unter einer Baseball Mütze versteckt.
»Auf der Brücke kann ich dunkle Schatten erkennen«, murmelte Charly.
»Der Alte geht auf Nummer sicher. Sie haben nicht alle Leinen draußen.«
»Logisch«, sagte Jan. Logisch war sein Lieblingswort. Damit beschrieb er alles, auch unlogische Situationen. Eric hatte mal zu ihm gesagt – wenn du irgendwann in die feuchte Grube fährst, sagst du auch nur – logisch.
»Okay, wir müssen los. Ist beim Schuppen am Ende der Pier was zu sehen?«
»Nein, nichts.«
Das Schiff hatte ganz am Ende der Pier nur mit den Vorleinen festgemacht. Der Käpt’n rechnete offenbar damit, unter Beschuss zu geraten. Sie würden dann die Leinen über Bord werfen müssen. Der Wellblechschuppen am Ende der Pier war so groß wie eine Garage. Im normalen Hafenbetrieb verwahrten die Schauerleute darin Werkzeuge und ihren Schnaps. Seit Revoluzzer das Kommando übernommen hatten, war nichts mehr normal. Revolution war ein großes Wort für das, was sich gerade im westlichen Teil Nicaraguas, der Provinz Chinandega abspielte. Etwa 100 Revolutionäre mit mehr Schnaps als Munition im Gepäck, hatten die rund 500 Regierungssoldaten aus der Provinz vertrieben und eine neue Republik ausgerufen. Revolutionen dieser Art gab es in Nicaragua alle paar Monate. Nicht nur in Nicaragua, in so ziemlich allen Ländern Mittel- und Südamerikas. Oft war es nur eine unter dem Deckmäntelchen Revolution verborgene Plünderung der Zivilbevölkerung. Die kubanische Revolution war ansteckend. Fidel Castro und Che Guevara waren zu den Leitbildern Mittelamerikas aufgestiegen, gleichzeitig zum Albtraum der USA.
Eric legte schützend einen Arm um Martas Schultern. Sie sah ängstlich zu ihm auf und drängte sich an ihn. Sie hatte auch allen Grund zur Angst. Sie verließ das Land illegal und die Maskerade mit dem Overall war notwendig, damit sie wenigstens die ersten Stunden an Bord überstanden, bevor jemand dahinterkam, dass sie kein Mann, kein Besatzungsmitglied war, sondern eine Frau. Waren sie auf hoher See – nun ja, kommt Zeit kommt Rat, wie man so sagt. Was sollte der Alte groß machen. Etwa wieder zurück in das von Krisen geschüttelte Land in einen Hafen, wo geschossen wurde? Bestimmt nicht. Dazu kam der Zeitverlust. Das war eine einfache Rechnung. Angenommen drei Stunden nach dem Ablegen auf hoher See findet man einen blinden Passagier. Dann drei Stunden zurück, Theater mit den örtlichen Behörden, die es in Corinto nicht mehr gab, und dann drei Stunden wieder zurück bis zur alten Position. Den Zeitverlust konnte man in Mark und Pfennig ausdrücken und das machte kein Kapitän freiwillig. Natürlich würde er toben wie ein wild gewordener Stier. Man verhielt sich dann, wie bei Schlechtwetter – suchte sich ein trockenes Plätzchen und wartete ab.
»Los jetzt«, sagte Roberto, den alle nur Robbi nannten. »Schlagen wir hier keine Wurzeln. Der Alte wartet nicht ewig. Sie haben die Gangway auf halber Höhe hängen. Sie erwarten uns. Gib Lichtzeichen, Charly.«
Charly drückte auf seine Taschenlampe. Kurz – lang, kurz – lang. Das internationale Anrufzeichen. Eine Weile passierte nichts, dann blinkte es von der Brücke der Santa Cruz einmal kurz zurück.
»Let’s go.«
Langsam setzten sie sich in Bewegung, Eric und Marta nebeneinander. Charly vorne weg, Robbi und Jan bildeten die Nachhut. Jan schwieg wie üblich. Der große Schweiger, so nannten sie ihn. Robbi redete auch wenig. In gefährlichen Situationen, wenn es darauf ankam, sprachen sie Englisch mit ihm. Sein Deutsch war lückenhaft, er war Brasilianer. Charly war ein großes Quatschmaul. Wenn von irgendwelchen verlausten Puffs zwischen Rio de Janeiro und Schanghai die Rede war, geriet er schnell ins Schwärmen und bestritt die Unterhaltung alleine. Erzählte von seinen erotischen Abenteuern, beschrieb ausführlich Titten und Ärsche der Mädchen und ihre sexuellen Fertigkeiten.
Marta sagte nichts und das war gut. Sie sprach nur Spanisch und jeder hätte sie sofort als Einheimische erkannt. Die vier Männer waren so gekleidet, wie sie vor Wochen an Land gegangen waren. Kaki-Hosen, bunte Hemden. Inzwischen sahen sie ziemlich abgerissen und verdreckt aus. Jeder trug ein in Packpapier gewickeltes Päckchen unter dem Arm.
Sie traten aus dem Schatten der Uferböschung und gingen im hellen Licht der Sterne über die schmale Pier auf die M/S Santa Cruz zu.
»Verdammte Scheiße«, sagte Charly. »Ausgerechnet heute muss Vollmond sein. Man könnte Zeitung lesen.«
»Du kannst überhaupt nicht lesen«, sagte Robbi.
»Du hast es gut, Nigger«, sagte Charly. »Dich kann man nicht so gut sehen.«
Robbi war kohlschwarz. Die Bezeichnung Nigger war in ihrem bordinternen Sprachgebrauch kein Schimpfwort. Er revanchierte sich meistens mit: »Rotärschiger Gringo.«
Sie hatten sich oft genug gegenseitig den Hintern gerettet und jeder wusste, wie es gemeint war.

Im Kindle-Shop: Schatten über Nicaragua
Für Tolino: Buch bei Thalia

Mehr über und von Eddy Zack auf seiner Website.



26. September 2016

'Politen, der Weltenwanderer' von Anna Musewald

Politen, ein junger Hermiten, wurde mit einem heiligen Zeichen in seiner Handfläche geboren. Er ist nicht wie alle anderen. Seine Bestimmung ist es, die Hermin zu bewachen. Als er von der Welt der Menschen hört, zieht sie ihn in ihren Bann. In ihm wächst der Wunsch, die Menschen zu sehen. Dieser Wunsch wird geheimnisvolle Abenteuer und unerwartete Gefahren mit sich bringen. Wird Politen seine Bestimmung erfüllen können?

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Leseprobe:
«Die Welt ist groß, mein Junge, und bietet für alle Wesen ein Zuhause», sagte der Professor Mardoken und sah den jungen Politen an, der ihm gegenübersaß.
«Haben Sie jemals einen Menschen gesehen, Professor? », fragte der Junge.
Sie befanden sich in der Arena. Der Unterricht war für diesen Tag zu Ende und es war Zeit für das gewöhnliche Gespräch. Politen blieb immer etwas länger, um ein Weilchen mit seinem Professor zu reden. Sein ruheloser Geist war nicht leicht zu befriedigen. Der Professor war immer bereit, mit ihm zu reden. Ohne sich zu beschweren widmete er ihm eine oder sogar zwei Stunden seiner Nachmittage.
«Ich möchte die Welt der Menschen besuchen. Ich möchte sie persönlich kennenlernen. »
Diese Aussage des Jungen überraschte Mardoken.
«Warum? », fragte der Lehrer und atmete gleichzeitig tief ein.
„Der Professor scheint heute nicht besonders gesprächig zu sein, dachte Politen, als er bemerkte, dass er den Professor mit seiner Aussage überrascht hatte.
In letzter Zeit war es seinen Schülern aufgefallen, dass man ihm sein Alter langsam ansah. Die Flügel an seinem Kopf und seinen Füßen bewegten sich nicht mehr so schnell wie einst und sein Vestris war während des Unterrichts manchmal inaktiv. Er sah sehr müde aus, sein vollkommen rundes Gesicht war voller Falten und schwarzer Mitesser.
Einstmals war er der Größte von allen. Doch in den letzten Jahren wurde er immer kleiner, sodass der lange Bart fast seinen gesamten Körper bedeckte. Er war der liebe und zuvorkommende alte Mann geworden; allwissend, eine „lebende Bibliothek, wie ihn seine Schüler hinter seinem Rücken nannten. Erst neulich hatte ihn Politen, als er am Markt vorbeilief, in einem Gespräch mit dem Stammesanführer -wahrscheinlich scherzend- sagen hören: „Wenn ich weiterhin im gleichen Tempo zusammenschrumpfe, dann sehe ich bald aus wie ein Menken.
Er mag vielleicht an Größe verloren haben, doch seinen Humor behielt er. Im Gegenteil wurde er im Laufe der Jahre immer pfiffiger, was auch sein Anführer bemerkte.
Politen flog weiterhin langsam um seinen Lehrer herum. Die Diskussion gelangte an ihrem schwierigsten Punkt. Er wusste, dass er darauf bestehen musste. Er musste ihn überreden, über das Thema zu sprechen, das ihn am meisten interessierte: die Menschen.
«Um ehrlich zu sein, Herr Professor, wurde ich von dieser Idee besessen, seit dem Tag, als ich erfuhr, dass wir von ihnen abstammen und unsere Vorfahren, wenn auch nur für kurze Zeit, einst mit ihnen zusammenlebten. Was ist eigentlich damals passiert, Professor? Warum leben wir jetzt getrennt? Warum wurden die Menschen zu unseren Feinden? »
Dem Professor Mardoken wurde sofort klar, dass der Junge einer der wenigen Hermiten war, die eines Tages versuchen würden, die Welt der Menschen zu betreten und dadurch die heiligen Gesetze verletzen würde.
«Du weißt, dass es verboten ist, über sie zu reden, Politen. Du weißt, dass die Menschen unsere Feinde sind. Normalerweise sollten wir zwei nicht darüber diskutieren. Vor allem du. Vergiss nicht, dass du einer der Auserwählten unseres Volkes bist. Vergiss nicht, dass du bald Hermin bewachen musst. Du bist ein WÄCHTER, Politen, und du solltest deine heilige Pflicht nicht aufgeben. Du wurdest mit dem heiligen Zeichen auf deiner Handfläche geboren, was bedeutet, dass du von den Göttern ausgewählt worden bist, um eines Tages Wächter zu werden. Du kannst es dir nicht aussuchen, ob du diesem heiligen Gebot gehorchen möchtest oder nicht.»
Der Professor könnte endlose Stunden über seine heilige Pflicht reden und Politen würde zuhören. Doch er war sich sicher, dass es nichts änderte. Der Junge würde erscheinen, um seine heilige Pflicht zu erfüllen, an dem Tag, den die Priester seines Stammes festgelegt hatten, jedoch nicht bevor er die Menschen persönlich kennengelernt hatte.
Die Zeit war vergangen und Politen wusste, dass er nach Hause musste. Seine Mutter würde sich heute Abend mehr Sorgen denn je machen. Doch sicherlich war die Diskussion mit seinem Professor noch nicht zu Ende. Und als er sich von ihm verabschiedete, kam er nicht umhin, es ihm zu sagen: «Professor Mardoken, wir müssen uns bald wieder über die Menschen unterhalten. Es sind so viele Dinge, über die ich mehr erfahren möchte. Aber jetzt muss ich gehen. Sie wissen ja, was heute Abend bei mir zuhause passieren wird?»
«Ich weiß, Politen, und ich wünsche dir viel Kraft. Ich werde von Anfang bis Ende an deiner Seite sein, aber leider bin ich nicht in der Lage, dir zu helfen. Ich bin mir aber sicher, dass du es schaffen wirst. Ich denke, du bist jetzt bereit.»
Der Junge sammelte hastig seine Sachen ein und flog nach Hause. Er lebte nicht weit vom Markt entfernt. „Es sind nur zwei Flatter entfernt, hatte ihm seine Mutter früher gesagt, wenn sie ihn auf den Markt zum Einkaufen schicken wollte.
Als er über den Markt flog, bemerkte er, dass er leer und verlassen war. Die Zeit war so schnell vergangen, ohne dass er es mitbekommen hatte. Die Geschäfte, die tagsüber in der Regel von Hermiten gefüllt waren, hatten bereits geschlossen. Der Markt war beleuchtet, da der für die Laternen des Platzes Zuständige sie alle erleuchtet hatte, obwohl es noch nicht dunkel war. Die Menken-Wächter hatten bereits ihre Plätze vor den hölzernen Türen der Geschäfte eingenommen. Sie würden die ganze Nacht dortbleiben, um die Geschäfte zu bewachen, bis zum nächsten Morgen, an dem ihre Besitzer kommen würden. Und sie würden nicht zögern, ihren Stachel zu benutzen, wenn es die Umstände erfordern würden. Kürzlich war über ihr Dorf eine Welle von Diebstählen gerollt. Daraufhin war der Stammesanführer gezwungen gewesen, Sofortmaßnahmen zu ergreifen und die Menken die ganze Nacht auf dem Markt patrouillieren zu lassen.
Sein zweistöckiges Haus erschien am Horizont und Politen landete vor seiner Tür. Er war dabei, sein Vestris zu aktivieren, um sie zu öffnen. Doch sie öffnete sich von allein. Das heißt, nicht ganz von allein. Sein Menken erwartete ihn.

Im Kindle-Shop: Politen, der Weltenwanderer

Mehr über und von Anna Musewald auf ihrer Facebook-Seite.



23. September 2016

'Katzensitter' von Sandra Hausser

Als Hannah Bindhoffer und ihr Kollege Jens Hartmann zu einem Tatort mit weiblicher Leiche gerufen werden, deutet zunächst alles auf einen Selbstmord hin. Ein Abschiedsbrief, zeremonielle Beleuchtung und die passende Musik untermauern den Verdacht. Doch schon bald müssen die Kommissare feststellen, dass nichts ist, wie es der erste Eindruck vermittelt. Eine perfide Mordmethode und ein Täter, der keinem Muster zu folgen scheint und das Team Rhein-Main in Atem hält.

Gleich lesen: Katzensitter: Team Rhein-Main






Leseprobe:
23. August
Im Hochhaus am Stadteingang, in das Hannah Bindhoffer gerufen wurde, blieb sie zunächst orientierungslos vor den langen Reihen der Klingelknöpfe stehen. Sie versuchte, auf den Namen zu kommen, den der Kollege ihr mitgeteilt hatte. Nach kurzem Grübeln fiel es ihr ein, Reinheimer. Vermutlich ein Suizid, der wie alle Selbstmorde polizeilich bestätigt werden musste, hatte Schneider ihr gemeldet und gelangweilt geklungen. Sie verabscheute es, wenn jemand aus der Dienststelle sich anmaßte, Untersuchungen zu einem Freitod wie lästige Fliegen auf der Marmelade zu betrachten. Hannahs Empathieempfinden war so ausgeprägt, dass sie damit beruflich wie privat oft an Grenzen stieß. So mancher Scherz, gepaart mit Spott der Kollegen, zielte auf diesen Umstand. Doch sie weigerte sich, auch nur einen Schritt von ihrer Einstellung abzuweichen. Die Gefühle anderer Menschen außer Acht zu lassen, fand in ihrer Sichtweise zum Leben keinen Platz.
Die Herkunft einiger Familiennamen erahnte sie mühelos. Hannah stellte erneut fest, dass das alte HL-Hochhaus, wie es noch immer von etlichen Einwohnern der Nachbarstadt Raunheim genannt wurde, ein gutes Beispiel dafür war, wie viele unterschiedliche Nationen im Ort ein Zuhause fanden. Nachdem ihre Augen ein drittes Mal die immense Anzahl von Namen erfolglos überflogen hatten, drückte sie gegen die Eingangstür. Sie schnappte mit einem Klick auf und Hannah trat in den Flur. Auf dem Fußboden vor den Briefkästen lagen Stapel von Reklameblättchen, die ihren Weg in die Kästen nie gefunden hatten. Das ausgeblichene Farbbild und die Daten zu den Erscheinungswochen zeigten ihr, dass hier eine geraume Zeit nicht mehr aufgeräumt worden war.
Einige Postkästen quollen über und erweckten den Anschein, als seien die Besitzer seit Wochen verreist.
„Oder sie liegen tot in ihrer Wohnung und es bleibt einfach unbemerkt“, dachte sie niedergeschlagen. Keine Seltenheit, dass die Polizei von Nachbarn gerufen wurde, die einen unangenehmen Geruch meldeten. Wann sie ihren Mitbewohner das letzte Mal gesehen beziehungsweise gesprochen hatten, konnten sie häufig nicht beantworten.
„Verdammte Anonymisierung“, wisperte sie mit Blick auf die Briefkästen. Endlich fand sie den gesuchten Postkasten und las an den Gruppierungen ab, in welches der elf Stockwerke sie sich begeben musste. „Neunte Etage. Treppensteigen fällt aus, ich nehme den Lift!“
Als sie aus dem Fahrstuhl trat, schepperten laut die Bässe eines Heavy-Metal-Songs. Sie bog nach links in den schummrigen Hausflur und blieb an der letzten Tür der Reihe stehen.
Die Haustür der Familie Reinheimer war nur angelehnt. Die Kommissarin ging nach einem kurzen Klopfen, und ohne eine Antwort abzuwarten, hinein. Jens Hartmann stand mit einem Kollegen am Esstisch und diskutierte.
„He, Hannah, da bist du ja. Die Frau liegt im Badezimmer. Ist da vorne rechts“, erklärte er und drehte sich wieder weg.
„Moin, Hardy. Gibt es Erkenntnisse?“
„Schau sie dir erst einmal an, ich möchte wissen, was du denkst, bevor ich mich äußere.“
Er grinste. Jens Hartmann arbeitete bereits einige Monate mit Kommissarin Bindhoffer zusammen und zu Beginn von Ermittlungen vertraten sie oft unterschiedliche Meinungen. Der Kommissar liebte es, ihre Diskussionen lautstark vor den Kollegen auszutragen. Was in keinerlei Hinsicht etwas daran änderte, dass die Zusammenarbeit ausgezeichnet funktionierte. Dieser Umstand brachte Hartmann den Spitznamen Hardy ein, weil er beharrlich und hart seine Meinung vertrat. Hannahs andere Art, auf Dinge zu schauen und zu argumentieren, überzeugten ihn jedoch meist recht bald. Mit ihm als Partner zu ermitteln, empfand die Kommissarin als reine Wohltat, und es entsprach zudem ihrer Vorstellung von echtem Teamwork. Von Stefan Wagner, dem ihr früher zugeteilten Arbeitskollegen, konnte sie das nie behaupten. Er war unnahbar und arrogant in seiner Art und es gab keinen Zusammenhalt, sondern nur Intrigen und persönliche Ringkämpfe, die sie zermürbten. Hannah spielte zu jener Zeit monatelang mit, wartete auf eine Besserung und hoffte drauf, eines Tages als gleichwertig angesehen zu werden. Bis sie schließlich aufgab und die Versetzung nach Rüsselsheim beantragte.

Im Kindle-Shop: Katzensitter: Team Rhein-Main

Mehr über und von Sandra Hausser auf ihrer Website.



22. September 2016

'Die kleine Inselfinca' von Jana Fried

Chance ihres Lebens oder hastige Flucht? Diese Frage stellt sich Maike, als sie Deutschland von jetzt auf gleich verlässt.

Ihr Freund hat sie betrogen. Und das ausgerechnet mit ihrer besten Freundin. Deshalb nimmt sie kurzerhand die Erzieherstelle im Juniorclub eines mallorquinischen Hotels an und bucht einen Flug. Doch obwohl auf ihrer Trauminsel ständig die Sonne scheint, kommen trübe Gedanken auf. Glücklicherweise lernt sie Senora Gonzales kennen, eine alte Frau, die alleine und zufrieden auf ihrer Finca wohnt und dort den besten Ziegenkäse der Insel herstellt. Die herzliche, alte Dame zeigt ihr das wildromantische Lebensgefühl Mallorcas, abseits von Hotels und Tourismus. Bei ihr fühlt Maike sich wohl, und die Ratschläge der lebenserfahrenen Frau kann sie gut gebrauchen. Da gibt es den schönen Hoteldirektor, der Maike mit seinem spanischen Charme verführen will. Der reumütige Ex- Freund kämpft um ihre Liebe. Und da ist Jonas, ein verwitweter Schriftsteller, der mit seiner vierjährigen Tochter die Ferien im Hotel verbringt.

Schon bald bemerkt Maike, dass die Insel ihre neue Heimat werden könnte. Aber für ein dauerhaftes Glück braucht sie einen Plan, der über die Anstellung im Hotel hinausgeht.

Kurze Zeit für 2,99 erhältlich - später 3,99 Euro.

Gleich lesen:
Für Kindle: Die kleine Inselfinca: Liebesroman
Für Tolino: Buch bei Thalia

Leseprobe:
Heute pfiff ein strenger Wind über die Dünenbrücke und das Meer wirkte dunkler als sonst. Überall blitzten die weißen Schaumkronen brechender Wellen und am Himmel trieben Quellwolken vorüber.
»Das sieht nach Unwetter aus«, sagte Maike, die das Gefühl hatte, als läge der Geruch von Regen bereits im Wind.
»Kann auch ganz schnell vorbeiziehen«, sagte Jonas.
Lisa ging vorneweg, Jonas und Maike bildeten den Schluss der Gruppe. Es waren heute bloß neun Kinder, und da der Strand beinahe menschenleer war, würde es einigermaßen leicht sein, sie alle im Blick zu behalten. An einem Sommertag mit Gedränge hätte Maike es sich trotzdem nicht zugetraut, mit neun fremden Kindern an den Strand zu gehen. Wie schnell ein Kind auf die Idee kommen kann, die Umgebung auf eigene Faust zu erkunden, hatte sie in ihrem Job schon oft genug erlebt, und auch wenn es meist bloß ein paar Augenblicke waren, bis man das verlorene Schäfchen wieder gefunden hatte, hier am Wasser wollte sie diese Augenblicke nicht erleben. Aber Lisa hatte schon reichlich Erfahrung in dieser Umgebung. Mit einem Stock zeichnete sie ein großes Rechteck in den Sand, es war vielleicht zwanzig Meter breit und zehn Meter hoch, schätzte Maike. »Keiner verlässt diesen Raum«, sagte sie zu den Kindern. »Wenn einer von euch zur Toilette muss, oder wenn jemand Hunger hat, immer erst zu mir oder Maike gehen und Bescheid sagen. Niemand verlässt das Viereck, verstanden?« Einige Kinder nickten, bei anderen musste Lisa nochmal nachfragen, aber schließlich schien allen die Regel klar zu sein. Nach und nach bildeten sich Grüppchen. Ein paar Jungs fingen an ein Loch zu graben, während einige Mädchen Muscheln und Steine in ihren Eimern sammelten. Bloß Nora blieb, gemeinsam mit Professor Kunda, dicht bei Maike und ihrem Vater sitzen und sah nachdenklich aufs stürmische Meer hinaus.
»Du kannst ruhig mit den anderen spielen, Nora, ich gehe nicht weg, ohne mich zu verabschieden.«
Nora reagierte zuerst nicht, bloß die Nachdenkfalte zwischen ihren Augenbrauen wurde tiefer. Dann sah sie Maike direkt an und sagte: »Du sollst weg!«
»Ich soll weg?«
»Ja.«
»Aber wo soll ich denn hin, ich muss doch hier meine Arbeit machen und auf die Kinder aufpassen.«
»Du sollst nicht so mit meinem Papa hier sitzen.«
»Aber wir können doch hier sitzen und reden«, sagte Jonas und sah seine Tochter fragend an.
»Aber wenn die Mama das sieht, wird sie bestimmt ganz traurig«, sagte das Mädchen und ihre Mundwinkel bogen sich nach unten.
»Ach, mein Schatz. Nein, nein, nein, warum sollte die Mama was dagegen haben?«
»Weil sie bestimmt lieber neben dir sitzen will.«
Maike sah, wie Jonas versuchte, die Fassung zu wahren, aber sie konnte sich gut vorstellen, wie schwierig das sein musste, denn sie selbst spürte bei Noras Worten den Druck der Tränen hinter ihren Augen.
»Aber die Mama sitzt doch sowieso die ganze Zeit hier bei uns, das weißt du doch.«
Nora nickte, die Mundwinkel immer noch nach unten gebogen, kämpfte sie gegen die Tränen.
Maike spürte ihr Herz klopfen. Sie wollte nichts Falsches sagen, aber sie hatte den Drang, die Worte auszusprechen, die ihr auf der Zunge lagen. »Deine Mama wird immer deine Mama sein, ganz egal, mit wem dein Papa irgendwo sitzt, das ändert daran nichts, verstehst du?«
Nora sah sie bloß an.
»Und ich fand es wirklich toll, dass du einfach gesagt hast, was dir auf dem Herzen liegt. Das ist nämlich manchmal gar nicht so einfach, stimmt’s?«
Nora nickte.
»Aber es ist unheimlich wichtig, dass man sagt, was man fühlt. Sonst frisst man alles in sich hinein, bis man einen ganz dicken Klumpen im Bauch hat wie wenn man drei Packungen Kaugummi runterschluckt.«
Jetzt nickte Nora zaghaft und ein mildes Lächeln legte sich ihr Gesicht. »Und wenn man den Kaugummi ausspuckt, ist das besser«, sagte sie.
»Ganz genau«, sagte Maike, woraufhin Nora aufstand und zu den Muschelsammlerinnen watschelte.
Jonas sah Maike mit einem warmen Blick an.
»Das hast du schön gesagt.«
»Das mit dem Kaugummiklumpen?«
Er nickte. »Ziemlich literarisch.«

Im Kindle-Shop: Die kleine Inselfinca: Liebesroman
Für Tolino: Buch bei Thalia

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21. September 2016

'Momente des Glücks' von Jane Ross

Das Glück wartet überall, man muss es nur erkennen. Ob ein freundliches Wort, ein Sonnenstrahl an einem trüben Tag oder das lachen eines Kindes- dies sind kurze Augenblicke, die uns Magie verschenken.

Die Autorin Jane Ross läd ein, mit ihr die Momente des Glücks zu erspüren, um Anregungen für sich zu bekommen.

Gleich lesen: Momente des Glücks








Leseprobe:
Spiegel

Angefangen hat alles, als ich wieder von vorne anfing. Ein neuer Lebensabschnitt, neue Freunde, alles neu.

„Ich kenne mich. Die anderen kennen mich auch.“ Es ist gut so, wie es ist. Trotzdem weiß ich immer noch nicht, was Glück ist.

A Die Zeit ist jetzt gekommen. Ich setze mich für ein paar Minuten hin, nehme meinen Notizblock und schreibe. Alles, was mich beschäftigt, wie ich mich fühle. Irgendwie komme ich nicht dazu zu schreiben, warum ich mich so fühle. Irgendwas in mir möchte ein Spiel mit mir spielen. Ob es ein Versteckspiel ist, oder etwas anderes, ist noch nicht klar. Es ist wie in einer Badewanne zu sitzen. Zwischen Schaum und Nebel, zwischen den Düften und Farben. Zwischen heute und morgen. Das Leben bewegt sich. Es ist wichtig dies zu verinnerlichen und zu wissen, wo man steht. Ob in einer Badewanne von Mitleid und Verstecken, oder draußen, angezogen und bereit sein Leben in die Hände zu nehmen.

Als was sehe ich mich im Spiegel, als ein Kätzchen oder einen Elefant?

Eine Person, müde vom Leben, oder eine glückliche Person?

Im Kindle-Shop: Momente des Glücks

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20. September 2016

'Mederia: Aufziehende Dunkelheit' von Sabine Schulter

Die Person, die das eigene Leben am meisten verändern wird, nennen die Dämonen von Mederia Schicksal. Jeder von ihnen besitzt eines und doch wird gerade Gray, dem Kronprinzen der Dämonen, prophezeit, dass sich um sein Schicksal herum sogar die ganze Welt verändern wird.

Die Gedanken an sie werden jedoch aus Grays Gedanken gelöscht, als der Hass zwischen dem Norden und Süden Mederias in einem allesverzehrenden Krieg gipfelt, der sein Volk fast vollständig vernichtet.

Voller Wut und dem Willen, diesen Krieg zu beenden, stürzt sich Gray in den Kampf und rettet eher aus Zufall der jungen Bardin Lana das Leben. Jener Frau, in deren Händen das Schicksal Mederias liegt.

Gleich lesen: Mederia: Band 1: Aufziehende Dunkelheit

Leseprobe:
Die gläserne Brücke erbebte unter einer gewaltigen Explosion und bis auf Gray und die Wächterin wurde alle Anwesenden von den Füßen gerissen.
„Was war das?“, fragte eine der Priesterinnen angstvoll, aber niemand konnte ihr antworten. Gray aber ahnte böses.
„Lana!“, flüsterte er und wirbelte herum.
Er ignorierte den Schmerz in der Brust sowie die Rufe der anderen und sprang aus dem Fenster. Er breitete seine Schwingen aus und fing so einen Aufwind ein, der ihn nach oben trug, ohne dass er groß seine angegriffenen Kräfte in Anspruch nehmen musste. Er ließ sich immer höher in den sturmgepeitschten Himmel tragen, selbst wenn noch weitere Blitze über den Himmel zuckten.
Die Winde nutzend stieg Gray über die Türme des Schlosses und schwebte auf die nahe Stadt zu. Schon von hier konnte er die klaffende Wunde im Antlitz der stolzen Mauer sehen. Brocken waren aus ihr herausgerissen und wie weißer Zucker in die Häuser der Stadt verstreut worden.
Gray stöhnte auf. Nicht wegen der Schmerzen, sondern weil ihm eine Erinnerung kam. Er kannte dieses Bild aus seinen Visionen. Doch selbst wenn er sich gewünscht hätte, dass sie nicht eingetreten wäre, nutzte er sie, um Lana zu finden, die er ohne sie wohl in all dem Chaos und der Zerstörung ewig hätte suchen müssen.
Schreiende Elben stürzten davon, in heller Panik über den Verlust ihrer unzerstörbaren Mauer und Soldaten drängten Befehle brüllend nach vorn, um den Riss und damit den Zugang zur Stadt zu verteidigen. Sein Schicksal saß für ihn viel zu nah am Ort des Geschehens auf dem nassen Pflaster, so wie viele andere ebenfalls, die von der Explosion paralysiert oder verletzt wurden.
Gray zog die Augenbrauen zusammen, als er die Verletzten und Toten sah. Auch wenn der Regen das viele Blut bereits wegschwemmte, war es ein kein schöner Anblick.
Lana kam ihm hingegen nur leicht verletzt vor, als er vor ihr landete. Sie war wohl von der Druckwelle erfasst und zurückgeschleudert worden, denn er erkannte Schürfwunden und kleinere als auch größere Kratzer von herumfliegenden Trümmern, aber keine größere Menge an Blut. Sie bemerkte ihn gar nicht, saß einfach auf dem Pflaster und verbarg das Gesicht in den Händen. Gray wusste bereits, dass sie weinte, noch bevor er vor ihr in die Knie ging und ein Schluchzen zwischen ihren Händen hervordrang. Umsichtig entfaltete er seine Schwingen und bot ihnen beiden Schutz vor dem Regen.
„Lana“, sagte er behutsam.
„Ich konnte es nicht verhindern“, schluchzte sie und nahm die Hände herunter. „Schon wieder nicht.“
Ihre Tränen verbanden sich mit dem Wasser, das aus ihren Haaren und über ihr Gesicht rann. Ihre Augen wirkten rot und sowohl die Haare als auch ihre Kleidung klebten an ihrer Haut. Sie sah aus wie ein einziges Häufchen Elend. Gray verstand sie nur zu gut.
„Vielleicht war es einfach nicht unsere Aufgabe, dies hier zu verhindern. Mehr konnten wir nicht tun“, versuchte er sie zu trösten.
„Aber wenn ich es rechtzeitig zu Gareth geschafft hätte“, begann sie, doch Gray unterbrach sie.
„Dann wäre vielleicht das Gleiche geschehen. Gib nicht dir die Schuld. Ich bezweifle, dass Gareth etwas gegen ein Wesen aus den versiegelten Hallen hätte unternehmen können.“
„Aber…“
„Lana, du hast getan, was du konntest.“
Unsicher ließ sie den Blick über den furchtbaren Anblick schweifen, um dann niedergeschlagen die Schultern hängen zu lassen. „Wozu sind wir dann hierhergekommen?“
Gray legte ihr eine Hand an die Wange, wodurch sie den Kopf hob. Ihre Augen blickten weit aufgerissen zu ihm und er entdeckte darin nicht nur Trauer, sondern auch Angst. „Wir haben Tesha gerettet und verhindert, dass ein Monster den Thron der Elben weiter zum Wanken bringt. Außerdem konnten wir eine Wächterin wecken, die nun auf unserer Seite steht und die Stadt der Elben ist noch nicht gefallen. In Tagen wie diesen ist das eine dankenswerte Anzahl an guten Dingen.“
Lana nickte, wenn auch immer noch betrübt. „Wahrscheinlich hast du recht“, flüsterte sie, so dass der Regen sie fast übertönte. Sie schloss die Augen und neigte sich ihm entgegen, damit sie die Stirn an seine Schulter legen konnte. „Danke, dass du da bist.“
Ihre leisen Worte freuten ihn trotz der furchtbaren Situation und statt ihr zu antworten, legte er ihr beruhigend eine Hand an den Hinterkopf. Eine ganze Weile saßen sie so da und ließen alles für kurze Zeit um sich herum vom Regen wegwaschen.
Lana hatte recht. Irgendwie hatten sie nicht das geschafft, was sie eigentlich erreichen wollten. Auch Gray war unzufrieden, vor allem wenn er den Blick über den Platz schweifen ließ.
Da versteifte sich Lana plötzlich und im selben Moment strichen ihre Finger vorsichtig über seine Brust. Wie Feuer brannte der Schmerz durch seine Adern und er zuckte vor ihren Fingern weg.
„Du bist verletzt!“, rief Lana vorwurfsvoll. „Wieso sagst du das nicht gleich? Stattdessen jammere ich dir die Ohren voll. Komm, wir müssen jemanden finden, der dir hilft.“
„Das kann warten“, meinte Gray, aber sie sprang bereits auf und hielt ihm eine Hand hin. Er ignorierte sie und stand ebenfalls auf. „Lana, hier gibt es andere Leute, die eher Hilfe brauchen als ich.“
„Aber“, begann sie und zupfte leicht an den Resten seines Hemdes, das bereits von Blut getränkt war. Sie sah deutlich die verbrannte und blutige Haut darunter.
Gray fing ihre Finger auf und drückte sie hinab, wohl weil es ihm Schmerzen bereitete, wenn sie ihn berührte. Trotzdem lächelte er sie beruhigend an. „Komm, lass uns Gareth suchen.“
Sie wollte ihn lieber schnell zu einem Heiler bringen, aber Gray blieb stur. „Wir haben schließlich noch eine Stadt zu retten.“
Er fasste ihre Hand und eilte mit ihr im Schlepptau an den Verletzten, den Helfern und Soldaten vorbei weiter auf die zerstörte Mauer zu. Immer mehr Glocken läuteten und zeigten damit, dass ein Angriff kurz bevorstand.
„Die Schatten!“, rief ein Soldat.
Das Wort wurde aufgenommen und immer weitergetragen. Jeder der noch eine Waffe halten konnte, griff sich eine und eilte zur Verteidigung der Stadt. Dadurch füllten sich die Straßen schnell und Lana hatte Mühe mit Gray mitzuhalten, obwohl er der Verletzte von ihnen beiden war.
Als die Verteidiger den weiteren Weg zu versperren begannen, packte Gray sie und sprang kurzerhand auf die Dächer, um dort weiter zu hetzen. Lana erkannte nur an dem kurzen Verengen seiner Augen, welche Schmerzen er leiden musste. Trotzdem rannten sie weiter.
Gigantisch türmte sich die Mauer vor ihnen auf, der Riss in dem weißen Stein wirkte wie eine Wunde und die Elben, die darauf zu eilten, schienen wie Blut, das bereit war, hinauszufließen. Lana wünschte, diesen Vergleich nie gemacht zu haben.
„Sieh!“, rief Gray über den Tumult und das Rauschen des Regens hinweg.
Lana folgte mit dem Blick seinem ausgestreckten Arm, darauf achtend, nicht über eine Unebenheit zu stolpern. Hinter der niedergerissenen Mauer brodelte das Land von lebender Dunkelheit, die mit geifernden Mäulern und rotglühenden Augen auf die Stadt zu schwappte.
„Es sind inzwischen viel zu viele. Die Elben werden sie nicht aufhalten können“, rief Lana. „Sie brauchen göttliche Magie.“
„Kannst du sie ihnen geben?“
„Ich weiß es nicht.“
Gray hielt abrupt an. „Wollen wir es ausprobieren?“
„Und wenn es nicht klappt?“, fragte sie angstvoll.
„Dann hole ich dich dort wieder heraus.“
Lana sah in dem roten Glühen seiner Augen den Willen, andere zu retten, wo er bei seinem eigenen Volk versagt hatte und auch Lana wusste, dass sie es zumindest versuchen wollte. Kurz blickte sie ihn noch an, dann griff sie sein Hand fester. „Versuchen wir es.“
Ohne Verzögerung hob Gray sie von den Füßen und sprang von dem Haus hinaus in den stürmischen Tag. Eine Böe ergriff sie, riss sie davon und brachte sie in Sekundenschnelle direkt an den Durchbruch. Die Elben, die bang aber fest auf die erste Welle der Angreifer warteten, zuckten überrascht zurück, als sie direkt zwischen ihnen landeten.
„Los, Lana“, rief Gray.
„Ja, einen kleinen Moment.“ Verzweifelt suchte sie die Quelle ihrer Macht, aber sie war so aufgeregt und ihr Herz schlug so schnell, dass sie es einfach nicht schaffte. Die Soldaten wollten sie schon zur Seite schieben, aber Gray schirmte sie ab, bot ihr so viel Ruhe, wie es die Situation zuließ. Und doch klappte es nicht. Die Schatten waren fast heran und Lana glaubte bereits, das Tappen der dunklen Pfoten hören zu können.
„Du schaffst das“, beschwor Gray sie.
Mit einem tiefen Atemzug schloss sie die Augen und tauchte tief in sich ein. Im letzten Moment erreichte sie ihr Ziel und ließ unkontrolliert das heraus, was in ihr verborgen lag. Ein Schrei drang aus ihrer Kehle und sie riss die Augen in dem Moment auf, als der erste Schatten die Klauen nach ihr ausstreckte.
Mit einer Handbewegung stieß sie ihn zurück und die Magie brach aus ihr heraus wie ein golden glühendes Schild, das sich auf ganzer Breite und Höhe der Mauer stabilisierte. Wie eine dunkle Flut brachen die Schatten daran und drängten sie allein durch ihre Masse zurück.
Grays starke Gestalt gab ihr Halt, beschützte mit ihr zusammen dieses Bollwerk gegen die Dunkelheit. Aber ihr Kraft schwand so schnell.
Die Schatten verloschen wie Rauch im Wind, aber jeder, der starb, entriss ihr ein wenig Magie und sie wusste nicht, ob sie genug davon haben würde. Sie keuchte und ihre Finger begannen zu zittern.
Da legte sich eine weitere Hand auf ihre Schulter und sogleich ließ der Druck auf sie nach. Neue Energie floss in sie hinein und überrascht wandte sie den Kopf. Neben Gray, der sie stützte, waren alle Elben zurückgetreten und bestaunten das goldene Schild. Doch nun war Gareth zusätzlich an ihrer Seite und nickte ihr unerschütterlich zu. Hinter ihm drängten sich Priester der verschiedenen Gottheiten durch die Verteidiger und durch jeden, der sich ihrem Verbund anschloss, wurde Lana kräftiger. Ihr Schild schwoll an und begann so intensiv zu leuchten, dass bald der Blick nach außen verwehrt blieb.
„Jetzt fehlt nur noch eine Kleinigkeit“, meinte Gareth, legte seine Hand auf Lanas ausgestreckte und machte… irgendwas.
Lana spürte einen Ruck an ihrer Magie und dann wie sie abbrach, weil sie nicht mehr benötigt wurde. Wie ein Stück Phantommauer fügte sich das goldene Schild in die Wunde und verschloss den Weg hinaus oder hinein in die Stadt.
„Meinen Glückwunsch, Lady Eleana, ihr habt mit unserer bescheidenen Hilfe gerade einen äußerst effektiven Segen auf diese Stadt gewirkt“, grinste Gareth und klopfte ihr auf die Schulter.
„Heißt das, sie können uns nichts mehr anhaben?“, fragte sie ein wenig mit der Situation überfordert.
„Vorerst nicht, nein. Die Mauer schützt uns und die Elben wissen ihre Stadt nun zu verteidigen“
Fast gingen seine Worte in dem Jubel der Elben unter, die verstanden hatten, dass sie der Dunkelheit entkommen waren. Wenn vielleicht auch nur für kurze Zeit.
Erschöpft blickt Lana zu Gray. „Wir haben es wirklich geschafft.“
Ihre Stimme erklang rau und so leise, dass sie sich selbst kaum verstand. Trotzdem hatte er sie verstanden und lächelte genauso erschöpft wie sie, aber mit einem stolzen Funkeln in den Augen. „Ja, das haben wir. Und nun beschwere ich mich nicht mehr, wenn du zu einem Arzt möchtest. Sollen andere sich um den Rest kümmern.“
Völlig entkräftet, aber erleichtert lehnte sie sich kurz an ihn, um sich dann einen Weg durch die Verteidiger zu bahnen.

Im Kindle-Shop: Mederia: Band 1: Aufziehende Dunkelheit

Mehr über und von Sabine Schulter auf ihrer Website.



19. September 2016

'Immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel' von Frank Didden

Tobias Renneisen, 35 Jahre alt und ein diplomierter Musterabsolvent des deutschen Bildungssystems, ist kürzlich nach Bremen gezogen, um dort nach längerer Arbeitslosigkeit endlich wieder einem nützlichen Erwerb für seinen Lebensunterhalt nachzugehen. Was als hoffnungsvoller Start in ein sinnvolleres und vor allen Dingen „geregelteres“ Leben beginnen soll, entpuppt sich sehr schnell zu einem Weg in die sinnlose Regelung des besonderen Chaos.

Klabautermann GmbH ist der Name seines neuen Arbeitgebers und unter dem selbstgefälligen und herrschsüchtigen Geschäftsführer F.S. Mester ist dies nicht nur Name, sondern auch Programm mit Weisungsbefugnis. Streng nach dem Motto: „Wenn´s nicht so traurig wär, könnt´ man drüber lachen“ schildert dieser Roman mit einem weinenden, aber bitte schön auch mit einem großen lachenden Auge, was so alles passieren kann, wenn der Klabautermann umgeht. Was so alles passieren kann, wenn innerbetriebliche, prozess-übergreifende Umstrukturierungsvorhaben und Gewinn-maximierungsmaßnahmen ihren allzu realistischen Schabernack treiben. Was so alles passieren kann, wenn irgendwann, und steht die Flut noch so hoch, keine Handbreit Wasser unterm Kiel zu finden ist.

Gleich lesen:
Für Kindle: Immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel: Die Klabautermann Ge-ähm-be-Ha
Für Tolino: Buch bei Thalia

Leseprobe:
Bremen sollte also nun das Ziel meiner weiteren Bemühungen sein, die bekanntlich im Falle eines Umzugs auf einen zukommen. Die relativ kurz gestaltete Wohnungssuche im Rahmen eines Kurzaufenthaltes in meiner neuen Heimat, brachte eine schnuckelige, kleine Wohnung hervor, direkt in einem angesagten Bremer Stadtteil nahe dem Stadion des genannten Fussballvereins. Teilweise eingerichtet, bot sie für mich die ideale Option auf möglichst schnellem Wege mit verhältnismäßig geringen Kosten den erforderlichen Stadtwechsel vorzunehmen.
Die Planung für den Umzug nahm daher auch sehr schnell Gestalt an. Meine nicht übermäßige Habe sollte auf, einem kleinen handelsüblichen Transporter geladen, von meinem Bruder in die Hansestadt gefahren werden, während ich selbst mit meinem eigenen Auto vorneweg fahren würde. Soweit war die Planung hieb- und stichfest. Pflichtbewusst kam mein Bruder dann auch am Vorabend des Umzugs, also am Freitag den 31. August, mit besagtem Transporter zu mir und wir luden meine Habseligkeiten ein. Mit gazellengleicher Agilität war dies auch in strammen drei Stunden erledigt. Der Transporter war beladen. Alles war gepackt. Alles, bis auf mein Fahrrad. Natürlich. Ein Teil hat man bekanntlich ja immer. Das letzte Teil wollte einfach nicht passen. Sowie das letzte Bier am darauffolgenden Tag grundsätzlich das Bier war, was schlecht war, stellte sich das Fahrrad als das Teil heraus, was allem Anschein nach nicht mit nach Bremen wollte. Überflüssig zu erwähnen, dass mein Bruder und ich die Angelegenheit wie echte Männer angingen. Bier auf, halben Transporter entladen, Fahrrad rein und den Rest wieder beladen. Drei Stunden später, war der Transporter voll und fertig für die Abreise.
Da es zu diesem Zeitpunkt bereits gegen 22 Uhr abends geschlagen hatte, sollten wir uns standesgemäß mit einem weiteren Bier zum Feierabend belohnen. Wahrscheinlich hätte das auch gut funktioniert, wenn nicht meine liebe Schwester noch angerufen hätte. Am Telefon gestaltete sich dieses Gespräch vergleichsweise kurz und verlief in etwa so:
„Hallo!“
„Und, alles für den Umzug gepackt?“
„Ja, gerade fertig geworden.“
„Okay. Sag mal, du weißt ja, dass morgen Werder spielt?“
„Öhm, nein. Wieso?“
„Naja, also wenn Werder spielt, dann ...“
Der weitere Verlauf des Gesprächs hatte dann ziemlich viel mit Verblüffung und Fassungslosigkeit, aber auch mit schierer Panik zu tun. Die knapp gehaltene Information meiner Schwester, dass die in Bremen zuständigen, örtlichen Behörden bei Heimspielen des Fußballvereins den Bereich um das Stadion sowie das Viertel meines zukünftigen Wohnortes für jeglichen Autoverkehr abriegeln, kam unerwartet. Ja, kam spät. Woher sollte ich das wissen! Selbst wenn ich gewusst hätte, dass der Verein an diesem Wochenende spielt, hätte ich im schlimmsten Fall mit erhöhtem Verkehrsaufkommen gerechnet. Dass der Verkehr seitens der Polizei an solchen Tagen aber gänzlich beseitigt wird, war eine Tragweite, auf die ich nicht vorbereitet war. Zwar gab mir meine Schwester auch zu verstehen, dass die besagte Sperrung ja auch wieder aufgehoben würde, aber bei einer genaueren zeitlichen Erfassung konnte sie mir leider nicht helfen. Da musste dann schon die zuständige Polizei selbst zu Informationszwecken herhalten.
Nachdem ich über Umwege eine Telefonnummer herausbekommen hatte, schließlich genossen alle meine internetfähigen Geräte mittlerweile ihren wohlverdienten Feierabend auf der Ladefläche eines Transporters, war es mir möglich, eine aussagekräftige Bremer Dienststelle anzurufen. Es wäre unnötig jegliche Details des Gesprächs zu wiederholen. Der Kern des Telefonats war dieser:
„Die Sperrung wird noch vor Ende des Spiels aufgehoben.“
„Und wieviel Uhr ist das?“
„Na, vor dem Ende halt.“
„So gegen vier?“
„Später.“
„So gegen fünf?“
„Später.“
„Aber, die spielen doch nur bis Viertel nach fünf!“
„Dann doch früher!“
Damit war der zeitliche Rahmen schon ziemlich genau eingegrenzt, weswegen ich im Anschluss versuchte, mir noch exaktere Informationen zu besorgen.
„Okay. Gibts noch eine andere Möglichkeit in das Viertel zu kommen?“
„Es gibt Bescheinigungen für Anwohner.“
„So eine habe ich noch nicht.“
„Dann gibts keine andere Möglichkeit.“
„Aber ich bin doch Anwohner!“
„Sie können auch Ihren Personalausweis zeigen. Da steht ja auch Ihre Adresse. Mit etwas Glück lassen die Kollegen Sie dann ausnahmsweise doch durch.“
„Aber ich ziehe morgen doch erst um. Ich kann mich erst am Montag ummelden, wenn ich in Bremen bin.“
„Ach so. Na, dann gibts keine andere Möglichkeit.“
„Aber der Umzug ist seit längerem geplant.“
„Die Bundesliga hat früher geplant.“
Die Polizei, dein Freund und Helfer, hatte gesprochen. Alle Probleme waren weiterhin ungelöst. Natürlich konnte ich auch nicht wirklich erwarten, dass die Bundesliga Rücksicht auf meine Umzugspläne nahm. Andererseits war die Planung der Bundesliga meinem zukünftigen Chef gleichfalls vollkommen egal. Was sollte es ihn scheren, dass meine Umzugsorganisation ins Wanken geraten war? Es konnte ihm schließlich gleich sein und das zurecht. Es konnte sein, wie es wollte, am kommenden Tag musste umgezogen werden.

Im Kindle-Shop: Immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel: Die Klabautermann Ge-ähm-be-Ha
Für Tolino: Buch bei Thalia

18. September 2016

'Sushi & Weißbier' von Veronika Lackerbauer

Wieder geht es auf kulinarische Reise in die bayerische Provinz. In drei Gängen serviert "Sushi & Weißbier" erneut Spannung, Überraschung, Witz und eine Prise deftige Heimatliebe.

Im zweiten Teil der Reihe "Kriminalgeschichten aus der bayerischen Provinz" gibt es ein Wiedersehen mit alten Bekannten aus "Hugo & Leberkäs", aber auch viel Neues zu entdecken. Die Mischung macht's: exotisch wie Sushi & traditionsbewusst wie Weißbier!

Gleich lesen:
Für Kindle: Sushi & Weißbier: Kriminalgeschichten aus der bayerischen Provinz - Band 2
Für Tolino: Buch bei Thalia




Leseprobe:
„Magst du noch ebs von der Guacamole?“, fragte Veitls Frau, statt auf seine Ausführungen einzugehen, und hielt ihm das Schälchen mit der bräunlich-grünen Paste hin.
Veitl verzog das Gesicht, fuhr dann aber doch mit der Messerspitze in die Glasschale und strich sich die Guacamole auf sein Vollkornbrot.
„Was is'n des eigentlich, a Gurkenmole?“, fragte er, obwohl er nicht sicher war, ob er die Antwort hören wollte. Die kulinarischen Experimente seiner Frau waren ihm ebenso suspekt wie Kollege Sonnbichler.
„Eine Gu-a-ca-mole ist eine spanische Spezialität. Des Rezept hat ma d'Berndorfer Resi gegebn, des hat die direkt aus Spanien! Der ihra Tochter is doch in Barcelona verheirat“, erklärte Margarete nicht ohne Stolz.
„Aus Spanien. Aha. Also so a spanischer Schinken oder sowas, des wär mir halt lieber ...“
Veitl traf ein strafender Blick.
Schnell beeilte er sich, von seinem Brot abzubeißen. Unter heftigem Kauen erklärte er: „Naa, aber schmeckt ja a gut. Doch ehrlich, Gretel. I hab's ja immer ned so mit deinen Öko-Sachen da. Aber des Gurkenzeug is ganz okay.“
„Da is aber keine Gurke drin, sondern Avocado“, konterte Margarete.
Das Telefon unterbrach die eheliche Kabbelei.
„Wer is'n jetzt des wieder? I hob heid frei!“, knurrte Veitl mit vollem Mund. „Glaubst, des hab i vielleicht dick, wenn ma ned amoi am Wochenende sei Ruha hod!? Und dann a no beim Essen, glaubst'as.“
Margarete erhob sich, um den Anruf entgegenzunehmen. „Des kann der ja nicht wissen, dass wir grad essen. Außerdem, wenn's nach dem gehn würdt, dann kannt bei uns nie jemand anrufn, weil du bist ja allerweil am Essen!“
„Veitl?“, meldete sie sich am Apparat. „Ja, an Moment bitte, wir essen grad. Ich hol ihn.“
Veitl beeilte sich runterzuschlucken und sah seine Frau triumphierend an, die ihm das schnurlose Telefon hinhielt und ihm scherzhaft die Zunge rausstreckte.
„Polizeiinspektion eins, Schöninger“, meldete sich Veitl, immer noch feixend.
„Sei du froh, dass'd bei uns heraußen bist und ned in München drin. I weiß scho, i stör scho wieder beim Essen, gell, Flori? Tut mir leid, aber ich brauch dich ganz dringend.“
Es war Veitls Vorgesetzter Hierl.
„Was is'n scho wieder? Passt was mit dem Protokoll ned?“, fragte Veitl hörbar genervt.
„Nein, nein, des passt scho. Es is wegen der Sache vom Sonnbichler ...“
Veitls Faust knallte auf die Tischplatte, sodass sein Teller einen klappernden Sprung machte. Margarete zuckte erschrocken zusammen.
„Kreizkruzefix noch amal. Kann der Depp ned einmal was allein machen? Was is denn jetz scho wieder mit dem?“
„Des musst du dir bitte selber anschauen. Und beruhig dich, wenn du des siehst, wirst versteh, wieso i den da ned allein damit lassen will. Bitte, Flori ...“
Veitl knurrte etwas Unverständliches, dann ließ er sich die Daten durchgeben.
Im Aufstehen sagte er zu seiner Frau: „I muss noch mal weg. I kann dir gar ned sagen, wie mir des stinkt. Jetzt hab i scho wieder de Arbeit vom Sonnbichler am Hals. Als ob i sonst nix zum tun hätt. Aber des eine sag i dir, wenn de nächste Beurteilung ansteht, dann werden de Herrschaften mi endlich berücksichtigen, sonst können's mich amal kennenlernen!“
Margarete stand ebenfalls vom Tisch auf und beeilte sich, ihrem Mann seine Brotzeit einzupacken. Man wusste ja bei diesen Einsätzen nie, wie lang sie gehen würden. Und weil er sich gar so aufregte und ärgerte, packte sie ihm noch eine Scheibe von dem Geräucherten ein, das er so mochte.

Veitl traf am Seeufer ein, wo bereits ein Schlauchboot der Wasserwacht startklar gemacht wurde. Zwei Berufstaucher in Neopren standen im seichten Wasser.
Am Ufer warteten ein Kollege der Spurensicherung, der Gerichtsmediziner Mohsani und der unvermeidbare Sonnbichler. Veitl gesellte sich zu den Kollegen.
„Und? Was hamma jetzt da?“, fragte er, ohne jemanden direkt anzusprechen.
„Wie's ausschaut hamma a Leich“, erklärte Mohsani sachlich.

Im Kindle-Shop: Sushi & Weißbier: Kriminalgeschichten aus der bayerischen Provinz - Band 2
Für Tolino: Buch bei Thalia

Mehr über und von Veronika Lackerbauer auf ihrer Website.